§. 9. Riesen und Zwerge der Erde.

[28] Riesen und Zwerge des Erdelements sind in der oberpfälzischen Sage reichlich vertreten und weisen neue Beziehungen auf. Beyde gelten theils als mythische Wesen, personificirte Naturkräfte, theils als Urbewohner des Landes. So stehen sie nicht in der Klasse der Geisterwesen, weil sie zu viel des Menschlichen an sich tragen, rechnen aber auch nicht ganz zu den Menschen, [29] weil sie mit höhern, übermenschlichen Gaben des Leibes oder Geistes bedacht sind, beyderseits auch den Raum in weit höherm Maße beherrschen.

Zwischen beyden steht der Mensch, d.h. der Germane als Mittelglied, gleich dem Riesen, auf der Erde, aber in den Thälern und Ebenen, während jener hoch auf den Bergen seinen Sitz aufschlägt.

Gering an Zahl steht den Riesen gewaltige Kraft zur Seite, welche oft feindlich, zerstörend wirkt. Ihre Thätigkeit zeigt sich aussen an der Erde, an den Bergen; es sind die gewaltigen Kräfte der Elemente, welche von aussen her auf die Oberfläche der Erde einwirken. Die Zwerge hingegen, klein und schwach, ersetzen diesen Mangel durch die grosse Zahl, in der sie sich verbreiten, und wirken geheimnißvoll im dunkeln Innern der Erde; es sind die geheimen Kräfte, welche innerhalb der Erde thätig sind, wie sie z.B. Erze erzeugen. Daher wollen sie ungesehen bleiben.

Die Riesen sind verschwunden aus den germanischen Ländern, die Zwerge geblieben. Von diesen geht daher ein reicher Strom der Sage. Beyden ist gemein, daß sie Heiden sind; daher fliehen sie den Ton geweihter Glocken.

Quelle:
Franz Schönwerth: Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen 1–3, Band 2, Augsburg 1857/58/59, S. 28-29.
Lizenz:
Kategorien:
Bookmarks
delicious wong linkarena google