Ein lehrreicher Traum von Amor.

[35] Der Liebesgott, geschmückt mit allen Reitzen,

Erschien mir heut im leichten Morgentraum,

An seiner Hand ein loses braunes Mädchen;

»Da, sprach er, nimm die blühende Brunette

Küß sie, und drück sie fest in deine Arme.«

Ich that es, und wir sanken auf den Sopha:[35]

Wie schalkhaft lächelte der kleine Amor

Als er, gleich Wolken, die die Sonne decken

Den Vorhang von dem Sitz der Wollust hob.

»Sieh her, dies ist der freudenreiche Becher

In den einst Bachus bey Ariadnen

Den Nektar goß, und einen Rausch sich trank:

Betrachte dieses lockigte Gewebe,

Der Venus Gürtel ist von solchen Fäden,

Betracht des Laubwerks Kunst um diesen Becher,

Und athme seine Balsamsdüfte ein.

So groß ist nicht die Kunst der heilgen Schale

In welcher Hebe dort und Ganymed[36]

Uns Göttern des Olymps den Nektar reichen.

Füll den Pokal, den Grazien einst schufen

Zu dem sie Rosen mit Granaten mischten,

Und den die Neuheit doppelt kostbar macht.

Füll ihn wie Zeus ihn Danaen einst füllte

Als er im goldnen Regen auf sie fiel,

Und sey dabey entzückt wie Jupiter.

Dies ist, hier wieß er seinen kleinen Scepter,

Der Heber der die wundertäthgen Säfte

Wollüstig eintrinkt, und dann aus sich spritzt;

Leg ihn nur an den Rand der Nektarschale

Er wird sich bald mit ihr vertraut vereinigen,[37]

Und weißer Schaum wird ihn und sie umziehn.

Füll lang, beglückter Jüngling, Chloens Becher,

Er öfne sich wenn du dich dürstig näherst,

Wie Rosen wenn sich West und Sonne nah'n,

Und wenn du gnung aus diesem Kelch getrunken,

Dann küß zur Stärkung Chloens vollen Busen,

Und trinke Wein aus ihrer hohlen Hand.
[38]

Quelle:
[Johann Georg Scheffner]: Gedichte im Geschmack des Grecourt, Frankfurt; Leipzig 1771, S. 35-39.
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