Zweiter Auftritt


[13] Carlos. Marquis von Posa.


CARLOS.

Wer kommt? – Was seh ich? O ihr guten Geister!

Mein Roderich!

MARQUIS.

Mein Carlos!

CARLOS.

Ist es möglich?

Ists wahr? Ists wirklich? Bist dus? – O, du bists!

Ich drück an meine Seele dich, ich fühle

Die deinige allmächtig an mir schlagen.

O, jetzt ist alles wieder gut. In dieser

Umarmung heilt mein krankes Herz. Ich liege

Am Halse meines Roderich.

MARQUIS.

Ihr krankes,

Ihr krankes Herz? Und was ist wieder gut?

Was ists, das wieder gut zu werden brauchte?

Sie hören, was mich stutzen macht.

CARLOS.

Und was

Bringt dich so unverhofft aus Brüssel wieder?

Wem dank ich diese Überraschung? Wem?

Ich frage noch? Verzeih dem Freudetrunknen,

Erhabne Vorsicht, diese Lästerung![13]

Wem sonst als dir, Allgütigste? Du wußtest,

Daß Carlos ohne Engel war, du sandtest

Mir diesen, und ich frage noch?

MARQUIS.

Vergebung,

Mein teurer Prinz, wenn ich dies stürmische

Entzücken mit Bestürzung nur erwidre.

So war es nicht, wie ich Don Philipps Sohn

Erwartete. Ein unnatürlich Rot

Entzündet sich auf Ihren blassen Wangen,

Und Ihre Lippen zittern fieberhaft.

Was muß ich glauben, teurer Prinz? – Das ist

Der löwenkühne Jüngling nicht, zu dem

Ein unterdrücktes Heldenvolk mich sendet –

Denn jetzt steh ich als Roderich nicht hier,

Nicht als des Knaben Carlos Spielgeselle –

Ein Abgeordneter der ganzen Menschheit

Umarm ich Sie – es sind die flandrischen

Provinzen, die an Ihrem Halse weinen,

Und feierlich um Rettung Sie bestürmen,

Getan ists um Ihr teures Land, wenn Alba,

Des Fanatismus rauher Henkersknecht,

Vor Brüssel rückt mit spanischen Gesetzen.

Auf Kaiser Karls glorwürdgem Enkel ruht

Die letzte Hoffnung dieser edeln Lande.

Sie stürzt dahin, wenn sein erhabnes Herz

Vergessen hat, für Menschlichkeit zu schlagen.

CARLOS.

Sie stürzt dahin.

MARQUIS.

Weh mir! Was muß ich hören!

CARLOS.

Du sprichst von Zeiten, die vergangen sind.

Auch mir hat einst von einem Karl geträumt,

Dems feurig durch die Wangen lief, wenn man

Von Freiheit sprach – doch der ist lang begraben.

Den du hier siehst, das ist der Karl nicht mehr,

Der in Alkala von dir Abschied nahm,

Der sich vermaß in süßer Trunkenheit,

Der Schöpfer eines neuen goldnen Alters[14]

In Spanien zu werden – O, der Einfall

War kindisch, aber göttlich schön! Vorbei

Sind diese Träume. –

MARQUIS.

Träume, Prinz? – So wären

Es Träume nur gewesen?

CARLOS.

Laß mich weinen,

An deinem Herzen heiße Tränen weinen,

Du einzger Freund. Ich habe niemand – niemand –

Auf dieser großen, weiten Erde niemand.

So weit das Zepter meines Vaters reicht,

So weit die Schiffahrt unsre Flaggen sendet,

Ist keine Stelle – keine – keine, wo

Ich meiner Tränen mich entlasten darf,

Als diese. O, bei allem, Roderich,

Was du und ich dereinst im Himmel hoffen,

Verjage mich von dieser Stelle nicht.


Marquis neigt sich über ihn in sprachloser Rührung.


CARLOS.

Berede dich, ich wär ein Waisenkind,

Das du am Thron mitleidig aufgelesen.

Ich weiß ja nicht, was Vater heißt – ich bin

Ein Königssohn – O, wenn es eintrifft, was

Mein Herz mir sagt, wenn du aus Millionen

Herausgefunden bist, mich zu verstehn,

Wenns wahr ist, daß die schaffende Natur

Den Roderich im Carlos wiederholte,

Und unsrer Seelen zartes Saitenspiel

Am Morgen unsres Lebens gleich bezog,

Wenn eine Träne, die mir Lindrung gibt,

Dir teurer ist als meines Vaters Gnade –

MARQUIS.

O teurer als die ganze Welt.

CARLOS.

So tief

Bin ich gefallen – bin so arm geworden,

Daß ich an unsre frühen Kinderjahre

Dich mahnen muß – daß ich dich bitten muß,

Die lang vergeßnen Schulden abzutragen,

Die du noch im Matrosenkleide machtest –[15]

Als du und ich, zween Knaben wilder Art,

So brüderlich zusammen aufgewachsen,

Kein Schmerz mich drückte, als von deinem Geiste

So sehr verdunkelt mich zu sehn – ich endlich

Mich kühn entschloß, dich grenzenlos zu lieben,

Weil mich der Mut verließ, dir gleich zu sein.

Da fing ich an, mit tausend Zärtlichkeiten

Und treuer Bruderliebe dich zu quälen;

Du stolzes Herz gabst sie mir kalt zurück.

Oft stand ich da, und – doch das sahst du nie!

und heiße, schwere Tränentropfen hingen

In meinem Aug, wenn du, mich überhüpfend,

Geringre Kinder in die Arme drücktest.

Warum nur diese? rief ich trauernd aus:

Bin ich dir nicht auch herzlich gut? – Du aber,

Du knietest kalt und ernsthaft vor mir nieder:

Das, sagtest du, gebührt dem Königssohn.

MARQUIS.

O stille, Prinz, von diesen kindischen

Geschichten, die mich jetzt noch schamrot machen.

CARLOS.

Ich hatt es nicht um dich verdient. Verschmähen,

Zerreißen konntest du mein Herz, doch nie

Von dir entfernen. Dreimal wiesest du

Den Fürsten von dir, dreimal kam er wieder

Als Bittender, um Liebe dich zu flehn

Und dir gewaltsam Liebe aufzudringen.

Ein Zufall tat, was Carlos nie gekonnt.

Einmal geschahs bei unsern Spielen, daß

Der Königin von Böhmen, meiner Tante,

Dein Federball ins Auge flog. Sie glaubte,

Daß es mit Vorbedacht geschehn, und klagt' es

Dem Könige mit tränendem Gesicht.

Die ganze Jugend des Palastes muß

Erscheinen, ihm den Schuldigen zu nennen.

Der König schwört, die hinterlistge Tat,

Und wär es auch an seinem eignen Kinde,

Aufs schrecklichste zu ahnden. – Damals sah ich[16]

Dich zitternd in der Ferne stehn, und jetzt,

Jetzt trat ich vor und warf mich zu den Füßen

Des Königs. Ich, ich tat es, rief ich aus:

An deinem Sohn erfülle deine Rache.

MARQUIS.

Ach, woran mahnen Sie mich, Prinz!

CARLOS.

Sie wards!

Im Angesicht des ganzen Hofgesindes,

Das mitleidsvoll im Kreise stand, ward sie

Auf Sklavenart an deinem Karl vollzogen.

Ich sah auf dich und weinte nicht. Der Schmerz

Schlug meine Zähne knirschend aneinander;

Ich weinte nicht. Mein königliches Blut

Floß schändlich unter unbarmherzgen Streichen;

Ich sah auf dich und weinte nicht – Du kamst;

Laut weinend sankst du mir zu Füßen. Ja,

Ja, riefst du aus, mein Stolz ist überwunden.

Ich will bezahlen, wenn du König bist.

MARQUIS reicht ihm die Hand.

Ich will es, Karl. Das kindische Gelübde

Erneur ich jetzt als Mann. Ich will bezahlen.

Auch meine Stunde schlägt vielleicht.

CARLOS.

Jetzt, jetzt –

O, zögre nicht – jetzt hat sie ja geschlagen.

Die Zeit ist da, wo du es lösen kannst.

Ich brauche Liebe. – Ein entsetzliches

Geheimnis brennt auf meiner Brust. Es soll,

Es soll heraus. In deinen blassen Mienen

Will ich das Urteil meines Todes lesen.

Hör an – erstarre – doch erwidre nichts –

Ich liebe meine Mutter.

MARQUIS.

O mein Gott!

CARLOS.

Nein! Diese Schonung will ich nicht. Sprichs aus,

Sprich, daß auf diesem großen Rund der Erde

Kein Elend an das meine grenze – sprich –

Was du mir sagen kannst, errat ich schon.

Der Sohn liebt seine Mutter. Weltgebräuche,[17]

Die Ordnung der Natur und Roms Gesetze

Verdammen diese Leidenschaft. Mein Anspruch

Stößt fürchterlich auf meines Vaters Rechte.

Ich fühls, und dennoch lieb ich. Dieser Weg

Führt nur zum Wahnsinn oder Blutgerüste.

Ich liebe ohne Hoffnung – lasterhaft –

Mit Todesangst und mit Gefahr des Lebens –

Das seh ich ja, und dennoch lieb ich.

MARQUIS.

Weiß

Die Königin um diese Neigung?

CARLOS.

Konnt ich

Mich ihr entdecken? Sie ist Philipps Frau

Und Königin, und das ist span'scher Boden.

Von meines Vaters Eifersucht bewacht,

Von Etikette ringsum eingeschlossen,

Wie konnt ich ohne Zeugen mich ihr nahn?

Acht höllenbange Monde sind es schon,

Daß von der hohen Schule mich der König

Zurückberief, daß ich sie täglich anzuschauen

Verurteilt bin und, wie das Grab, zu schweigen.

Acht höllenbange Monde, Roderich,

Daß dieses Feur in meinem Busen wütet,

Daß tausendmal sich das entsetzliche

Geständnis schon auf meinen Lippen meldet,

Doch scheu und feig zurück zum Herzen kriecht.

O Roderich – nur wen'ge Augenblicke

Allein mit ihr –

MARQUIS.

Ach! Und Ihr Vater, Prinz –

CARLOS.

Unglücklicher! Warum an den mich mahnen?

Sprich mir von allen Schrecken des Gewissens,

Von meinem Vater sprich mir nicht.

MARQUIS.

Sie hassen Ihren Vater?

CARLOS.

Nein! Ach, nein!

Ich hasse meinen Vater nicht – doch Schauer

Und Missetäters Bangigkeit ergreifen

Bei diesem fürchterlichen Namen mich.[18]

Kann ich dafür, wenn eine knechtische

Erziehung schon in meinem jungen Herzen

Der Liebe zarten Keim zertrat? Sechs Jahre

Hatt ich gelebt, als mir zum erstenmal

Der Fürchterliche, der, wie sie mir sagten,

Mein Vater war, vor Augen kam. Es war

An einem Morgen, wo er stehnden Fußes

Vier Bluturteile unterschrieb. Nach diesem

Sah ich ihn nur, wenn mir für ein Vergehn

Bestrafung angekündigt ward. – O Gott!

Hier fühl ich, daß ich bitter werde – Weg –

Weg, weg von dieser Stelle!

MARQUIS.

Nein, Sie sollen,

Jetzt sollen Sie sich öffnen, Prinz. In Worten

Erleichtert sich der schwer beladne Busen.

CARLOS.

Oft hab ich mit mir selbst gerungen, oft

Um Mitternacht, wenn meine Wachen schliefen,

Mit heißen Tränengüssen vor das Bild

Der Hochgebenedeiten mich geworfen,

Sie um ein kindlich Herz gefleht – doch ohne

Erhörung stand ich auf. Ach, Roderich!

Enthülle du dies wunderbare Rätsel

Der Vorsicht mir – Warum von tausend Vätern

Just eben diesen Vater mir? Und ihm

Just diesen Sohn von tausend bessern Söhnen?

Zwei unverträglichere Gegenteile

Fand die Natur in ihrem Umkreis nicht.

Wie mochte sie die beiden letzten Enden

Des menschlichen Geschlechtes – mich und ihn –

Durch ein so heilig Band zusammenzwingen?

Furchtbares Los! Warum mußt es geschehn?

Warum zwei Menschen, die sich ewig meiden,

In einem Wunsche schrecklich sich begegnen?

Hier, Roderich, siehst du zwei feindliche

Gestirne, die im ganzen Lauf der Zeiten

Ein einzig Mal in scheitelrechter Bahn[19]

Zerschmetternd sich berühren, dann auf immer

Und ewig auseinanderfliehn.

MARQUIS.

Mir ahndet

Ein unglücksvoller Augenblick.

CARLOS.

Mir selbst.

Wie Furien des Abgrunds folgen mir

Die schauerlichsten Träume. Zweifelnd ringt

Mein guter Geist mit gräßlichen Entwürfen;

Durch labyrinthische Sophismen kriecht

Mein unglückselger Scharfsinn, bis er endlich

Vor eines Abgrunds gähem Rande stutzt –

O Roderich, wenn ich den Vater je

In ihm verlernte – Roderich – ich sehe,

Dein totenblasser Blick hat mich verstanden –

Wenn ich den Vater je in ihm verlernte,

Was würde mir der König sein?

MARQUIS nach einigem Stillschweigen.

Darf ich

An meinen Carlos eine Bitte wagen?

Was Sie auch willens sind zu tun, versprechen Sie,

Nichts ohne Ihren Freund zu unternehmen.

Versprechen Sie mir dieses?

CARLOS.

Alles, alles,

Was deine Liebe mir gebeut. Ich werfe

Mich ganz in deine Arme.

MARQUIS.

Wie man sagt,

Will der Monarch zur Stadt zurückekehren.

Die Zeit ist kurz. Wenn Sie die Königin

Geheim zu sprechen wünschen, kann es nirgends

Als in Aranjuez geschehn. Die Stille

Des Orts – des Landes ungezwungne Sitte

Begünstigen –

CARLOS.

Das war auch meine Hoffnung.

Doch, ach, sie war vergebens!

MARQUIS.

Nicht so ganz.

Ich gehe, mich sogleich ihr vorzustellen.

Ist sie in Spanien dieselbe noch,[20]

Die sie vordem an Heinrichs Hof gewesen,

So find ich Offenherzigkeit. Kann ich

In ihren Blicken Carlos' Hoffnung lesen,

Find ich zu dieser Unterredung sie

Gestimmt – sind ihre Damen zu entfernen –

CARLOS.

Die meisten sind mir zugetan. – Besonders

Die Mondekar hab ich durch ihren Sohn,

Der mir als Page dient, gewonnen. –

MARQUIS.

Desto besser.

So sind Sie in der Nähe, Prinz, sogleich

Auf mein gegebnes Zeichen zu erscheinen.

CARLOS.

Das will ich – will ich – also eile nur.

MARQUIS.

Ich will nun keinen Augenblick verlieren.

Dort also, Prinz, auf Wiedersehn!


Beide gehen ab zu verschiedenen Seiten.


Die Hofhaltung der Königin in Aranjuez.

Eine einfache ländliche Gegend, von einer Allee durchschnitten, vom Landhause der Königin begrenzt.


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 2, München 31962, S. 13-21.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Don Carlos, Infant von Spanien
Schillers sämtliche Werke: Band III. Metrische Übersetzungen. Don Carlos, Infant von Spanien
Don Carlos. Infant von Spanien: Textausgabe mit Materialien
Don Carlos, Infant von Spanien. (Mit Erläuterungen)
Don Carlos, Infant von Spanien
Schillers Don Carlos, Infant von Spanien : ein dramatisches Gedicht

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Die Sängerin Marie Ladenbauer erblindet nach einer Krankheit. Ihr Freund Karl Breiteneder scheitert mit dem Versuch einer Wiederannäherung nach ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit der Erblindung. »Das neue Lied« und vier weitere Erzählungen aus den Jahren 1905 bis 1911. »Geschichte eines Genies«, »Der Tod des Junggesellen«, »Der tote Gabriel«, und »Das Tagebuch der Redegonda«.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon