Vierter Auftritt


[53] Don Carlos kommt im Gespräche mit einem Pagen durch die Mitteltüre. Die Hofleute, welche sich im Vorsaal befinden, zerstreuen sich bei seiner Ankunft in den angrenzenden Zimmern.


CARLOS.

Ein Brief an mich? – Wozu denn dieser Schlüssel?

Und beides mir so heimlich überliefert?

Komm näher. – Wo empfingst du das?

PAGE geheimnisvoll.

Wie mich

Die Dame merken lassen, will sie lieber

Erraten als beschrieben sein –

CARLOS zurückfahrend.

Die Dame?


Indem er den Pagen genauer betrachtet.


Was? – Wie? – Wer bist du denn?

PAGE.

Ein Edelknabe

Von Ihrer Majestät der Königin –

CARLOS erschrocken auf ihn zugehend und ihm die Hand auf den Mund drückend.

Du bist des Todes. Halt! Ich weiß genug.


Er reißt hastig das Siegel auf und triff an das äußerste Ende des Saals, den Brief zu lesen. Unterdessen kommt der Herzog von Alba und geht, ohne von dem Prinzen bemerkt zu werden, an ihm vorbei in der Königin Zimmer. Carlos fängt an, heftig zu zittern und wechselsweise zu erblassen und zu erröten. Nachdem er gelesen hat, steht er lange sprachlos, die Augen starr auf den Brief geheftet. – Endlich wendet er sich zu dem Pagen.


Sie gab dir selbst den Brief?

PAGE.

Mit eignen Händen.[53]

CARLOS.

Sie gab dir selbst den Brief? – O, spotte nicht!

Noch hab ich nichts von ihrer Hand gelesen,

Ich muß dir glauben, wenn du schwören kannst.

Wenns Lüge war, gesteh mirs offenherzig,

Und treibe keinen Spott mit mir.

PAGE.

Mit wem?

CARLOS sieht wieder in den Brief und betrachtet den Pagen mit zweifelhafter, forschender Miene. Nachdem er einen Gang durch den Saal gemacht hat.

Du hast noch Eltern? Ja? Dein Vater dient

Dem Könige und ist ein Kind des Landes?

PAGE.

Er fiel bei Saint Quentin, ein Oberster

Der Reiterei des Herzogs von Savoyen,

Und hieß Alonzo Graf von Henarez.

CARLOS indem er ihn bei der Hand nimmt und die Augen bedeutend auf ihn heftet.

Den Brief gab dir der König?

PAGE empfindlich.

Gnädger Prinz,

Verdien ich diesen Argwohn?

CARLOS liest den Brief.

»Dieser Schlüssel öffnet

Die hintern Zimmer im Pavillon

Der Königin. Das äußerste von allen

Stößt seitwärts an ein Kabinett, wohin

Noch keines Horchers Fußtritt sich verloren.

Hier darf die Liebe frei und laut gestehn,

Was sie so lange Winken nur vertraute.

Erhörung wartet auf den Furchtsamen

Und schöner Lohn auf den bescheidnen Dulder.«


Wie aus einer Betäubung erwachend.


Ich träume nicht – ich rase nicht – das ist

Mein rechter Arm – das ist mein Schwert – das sind

Geschriebne Silben. Es ist wahr und wirklich,

Ich bin geliebt – ich bin es – ja, ich bin,

Ich bin geliebt!


Außer Fassung durchs Zimmer stürzend und die Arme zum Himmel emporgeworfen.


PAGE.

So kommen Sie, mein Prinz, ich führe Sie.

CARLOS.

Erst laß mich zu mir selber kommen. – Zittern[54]

Nicht alle Schrecken dieses Glücks noch in mir?

Hab ich so stolz gehofft? Hab ich das je

Zu träumen mir getraut? Wo ist der Mensch,

Der sich so schnell gewöhnte, Gott zu sein? –

Wer war ich, und wer bin ich nun? Das ist

Ein andrer Himmel, eine andre Sonne,

Als vorhin dagewesen war – Sie liebt mich!

PAGE will ihn fortführen.

Prinz, Prinz, hier ist der Ort nicht – Sie vergessen –

CARLOS von einer plötzlichen Erstarrung ergriffen.

Den König, meinen Vater!


Er läßt die Arme sinken, blickt scheu umher und fängt an, sich zu sammeln.


Das ist schrecklich –

Ja, ganz recht, Freund. Ich danke dir, ich war

Soeben nicht ganz bei mir. – Daß ich das

Verschweigen soll, der Seligkeit soviel

In diese Brust vermauern soll, ist schrecklich.


Den Pagen bei der Hand fassend und beiseite führend.


Was du gesehn – hörst du? – und nicht gesehen,

Sei wie ein Sarg in deiner Brust versunken.

Jetzt geh. Ich will mich finden. Geh. Man darf

Uns hier nicht treffen. Geh –

PAGE will fort.


CARLOS.

Doch halt! doch höre! –


Der Page kommt zurück. Carlos legt ihm eine Hand auf die Schulter und sieht ihm ernst und feierlich ins Gesicht.


Du nimmst ein schreckliches Geheimnis mit,

Das, jenen starken Giften gleich, die Schale,

Worin es aufgefangen wird, zersprengt. –

Beherrsche deine Mienen gut. Dein Kopf

Erfahre niemals, was dein Busen hütet.

Sei wie das tote Sprachrohr, das den Schall

Empfängt und wiedergibt und selbst nicht höret.

Du bist ein Knabe – sei es immerhin

Und fahre fort, den Fröhlichen zu spielen –

Wie gut verstands die kluge Schreiberin,[55]

Der Liebe einen Boten auszulesen!

Hier sucht der König seine Nattern nicht.

PAGE.

Und ich, mein Prinz, ich werde stolz drauf sein,

Um ein Geheimnis reicher mich zu wissen

Als selbst der König –

CARLOS.

Eitler junger Tor,

Das ists, wovor du zittern mußt. – Geschiehts,

Daß wir uns öffentlich begegnen, schüchtern,

Mit Unterwerfung nahst du mir. Laß nie

Die Eitelkeit zu Winken dich verführen,

Wie gnädig der Infant dir sei! Du kannst

Nicht schwerer sündigen, mein Sohn, als wenn

Du mir gefällst. – Was du mir künftig magst

Zu hinterbringen haben, sprich es nie

Mit Silben aus, vertrau es nie den Lippen;

Den allgemeinen Fahrweg der Gedanken

Betrete deine Zeitung nicht. Du sprichst

Mit deinen Wimpern, deinem Zeigefinger;

Ich höre dir mit Blicken zu. Die Luft,

Das Licht um uns ist Philipps Kreatur,

Die tauben Wände stehn in seinem Solde –

Man kommt –


Das Zimmer der Königin öffnet sich, und der Herzog von Alba tritt heraus.


Hinweg! Auf Wiedersehen!

PAGE.

Prinz,

Daß Sie das rechte Zimmer nur nicht fehlen!


Ab.


CARLOS.

Es ist der Herzog. – Nein doch, nein! Schon gut!

Ich finde mich.


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 2, München 31962, S. 53-56.
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