Achter Auftritt


[64] Die Prinzessin und bald nachher Don Carlos.

Prinzessin hat sich in eine Ottomane geworfen und spielt.


CARLOS stürzt herein. Er erkennt die Prinzessin und steht da, wie vom Donner gerührt.

Gott!

Wo bin ich?

PRINZESSIN läßt die Laute fallen. Ihm entgegen.

Ah, Prinz Carlos? Ja wahrhaftig!

CARLOS.

Wo bin ich? Rasender Betrug – ich habe

Das rechte Kabinett verfehlt.

PRINZESSIN.

Wie gut

Versteht es Karl, die Zimmer sich zu merken,

Wo Damen ohne Zeugen sind.

CARLOS.

Prinzessin

Verzeihen Sie, Prinzessin – ich – ich fand

Den Vorsaal offen.

PRINZESSIN.

Kann das möglich sein?

Mich deucht ja doch, daß ich ihn selbst verschloß.

CARLOS.

Das deucht Sie nur, das deucht Sie – doch versichert!

Sie irren sich. Verschließen wollen, ja,

Das geb ich zu, das glaub ich – doch verschlossen?

Verschlossen nicht, wahrhaftig nicht! Ich höre

Auf einer – Laute jemand spielen – wars

Nicht eine Laute?


Indem er sich zweifelhaft umsieht.


Recht! dort liegt sie noch –[64]

Und Laute – das weiß Gott im Himmel! – Laute,

Die lieb ich bis zur Raserei. Ich bin

Ganz Ohr, ich weiß nichts von mir selber, stürze

Ins Kabinett, der süßen Künstlerin,

Die mich so himmlisch rührte, mich so mächtig

Bezauberte, ins schöne Aug zu sehen.

PRINZESSIN.

Ein liebenswürdger Vorwitz, den Sie doch

Sehr bald gestillt, wie ich beweisen könnte.


Nach einigem Stillschweigen mit Bedeutung.


O, schätzen muß ich den bescheidnen Mann,

Der, einem Weib Beschämung zu ersparen,

In solchen Lügen sich verstrickt.

CARLOS treuherzig.

Prinzessin,

Ich fühle selber, daß ich nur verschlimmre,

Wo ich verbessern will. Erlassen Sie

Mir eine Rolle, die ich durchzuführen

So ganz und gar verdorben bin. Sie suchten

Auf diesem Zimmer Zuflucht vor der Welt.

Hier wollten Sie, von Menschen unbehorcht,

Den stillen Wünschen Ihres Herzens leben.

Ich, Sohn des Unglücks, zeige mich; sogleich

Ist dieser schöne Traum gestört. – Dafür

Soll mich die schleunigste Entfernung –


Er will gehen.


PRINZESSIN überrascht und betroffen, doch sogleich wieder gefaßt.

Prinz –

O, das war boshaft.

CARLOS.

Fürstin – ich verstehe,

Was dieser Blick in diesem Kabinett

Bedeuten soll, und diese tugendhafte

Verlegenheit verehr ich. Weh dem Manne,

Den weibliches Erröten mutig macht!

Ich bin verzagt, wenn Weiber vor mir zittern.

PRINZESSIN.

Ists möglich? – Ein Gewissen ohne Beispiel

Für einen jungen Mann und Königssohn!

Ja, Prinz – jetzt vollends müssen Sie mir bleiben,[65]

Jetzt bitt ich selbst darum: bei so viel Tugend

Erholt sich jedes Mädchens Angst. Doch wissen Sie,

Daß Ihre plötzliche Erscheinung mich

Bei meiner liebsten Arie erschreckte?


Sie führt ihn zum Sofa und nimmt ihre Laute wieder.


Die Arie, Prinz Carlos, werd ich wohl

Noch einmal spielen müssen; Ihre Strafe

Soll sein, mir zuzuhören.

CARLOS Er setzt sich, nicht ganz ohne Zwang, neben die Fürstin.

Eine Strafe,

So wünschenswert als mein Vergehn – und, wahrlich!

Der Inhalt war mir so willkommen, war

So göttlich schön, daß ich zum – drittenmal

Sie hören könnte.

PRINZESSIN.

Was? Sie haben alles

Gehört? Das ist abscheulich, Prinz. – Es war,

Ich glaube gar, die Rede von der Liebe?

CARLOS.

Und, irr ich nicht, von einer glücklichen –

Der schönste Text in diesem schönen Munde;

Doch freilich nicht so wahr gesagt als schön.

PRINZESSIN.

Nicht? nicht so wahr? – Und also zweifeln Sie? –

CARLOS ernsthaft.

Ich zweifle fast, ob Carlos und die Fürstin

Von Eboli sich je verstehen können,

Wenn Liebe abgehandelt wird.


Die Prinzessin stutzt; er bemerkt es und fährt mit einer leichten Galanterie fort.


Denn wer,

Wer wird es diesen Rosenwangen glauben,

Daß Leidenschaft in dieser Brust gewühlt?

Läuft eine Fürstin Eboli Gefahr,

Umsonst und unerhört zu seufzen? Liebe

Kennt der allein, der ohne Hoffnung liebt.

PRINZESSIN mit ihrer ganzen vorigen Munterkeit.

O, still! Das klingt ja fürchterlich. – Und freilich

Scheint dieses Schicksal Sie vor allen andern,

Und vollends heute – heute zu verfolgen.


Ihn bei der Hand fassend, mit einschmeichelndem Interesse.[66]


Sie sind nicht fröhlich, guter Prinz. – Sie leiden –

Bei Gott, Sie leiden ja wohl gar. Ists möglich?

Und warum leiden, Prinz? bei diesem lauten

Berufe zum Genuß der Welt, bei allen

Geschenken der verschwendrischen Natur

Und allem Anspruch auf des Lebens Freuden?

Sie – eines großen Königs Sohn, und mehr,

Weit mehr als das, schon in der Fürstenwiege

Mit Gaben ausgestattet, die sogar

Auch Ihres Ranges Sonnenglanz verdunkeln?

Sie – der im ganzen strengen Rat der Weiber

Bestochne Richter sitzen hat, der Weiber,

Die über Männerwelt und Männerruhm

Ausschließend ohne Widerspruch entscheiden?

Der, wo er nur bemerkte, schon erobert,

Entzündet, wo er kalt geblieben, wo

Er glühen will, mit Paradiesen spielen

Und Götterglück verschenken muß – der Mann,

Den die Natur zum Glück von Tausenden

Und wenigen mit gleichen Gaben schmückte,

Er selber sollte elend sein? – O Himmel!

Der du ihm alles, alles gabst, warum,

Warum denn nur die Augen ihm versagen,

Womit er seine Siege sieht?

CARLOS der die ganze Zeit in die tiefste Zerstreuung versunken war, wird durch das Stillschweigen der Prinzessin plötzlich zu sich selbst gebracht und fährt in die Höhe.

Vortrefflich!

Ganz unvergleichlich, Fürstin! Singen Sie

Mir diese Stelle doch noch einmal.

PRINZESSIN sieht ihn erstaunt an.

Carlos,

Wo waren Sie indessen?

CARLOS springt auf.

Ja, bei Gott!

Sie mahnen mich zur rechten Zeit. – Ich muß,

Muß fort – muß eilends fort.

PRINZESSIN hält ihn zurück.

Wohin?

CARLOS in schrecklicher Beängstigung.

Hinunter[67]

Ins Freie. – Lassen Sie mich los – Prinzessin,

Mir wird, als rauchte hinter mir die Welt

In Flammen auf –

PRINZESSIN hält ihn mit Gewalt zurück.

Was haben Sie? Woher

Dies fremde, unnatürliche Betragen?


Carlos bleibt stehen und wird nachdenkend. Sie ergreift diesen Augenblick, ihn zu sich auf den Sofa zu ziehen.


Sie brauchen Ruhe, lieber Karl – Ihr Blut

Ist jetzt in Aufruhr – setzen Sie sich zu mir –

Weg mit den schwarzen Fieberphantasien!

Wenn Sie sich selber offenherzig fragen,

Weiß dieser Kopf, was dieses Herz beschwert?

Und wenn ers nun auch wüßte – sollte denn

Von allen Rittern dieses Hofs nicht einer,

Von allen Damen keine – Sie zu heilen,

Sie zu verstehen, wollt ich sagen – keine

Von allen würdig sein?

CARLOS flüchtig, gedankenlos.

Vielleicht die Fürstin

Von Eboli?

PRINZESSIN freudig rasch.

Wahrhaftig?

CARLOS.

Geben Sie

Mir eine Bittschrift – ein Empfehlungsschreiben

An meinen Vater. Geben Sie! Man spricht,

Sie gelten viel.

PRINZESSIN.

Wer spricht das? (Ha, so war es

Der Argwohn, der dich stumm gemacht!)

CARLOS.

Wahrscheinlich

Ist die Geschichte schon herum. Ich habe

Den schnellen Einfall, nach Brabant zu gehn,

Um – bloß um meine Sporen zu verdienen.

Das will mein Vater nicht. – Der gute Vater

Besorgt, wenn ich Armeen kommandierte –

Mein Singen könnte drunter leiden.[68]

PRINZESSIN.

Carlos!

Sie spielen falsch. Gestehen Sie, Sie wollen

In dieser Schlangenwindung mir entgehn.

Hieher gesehen, Heuchler! Aug in Auge!

Wer nur von Rittertaten träumt – wird der,

Gestehen Sie – wird der auch wohl so tief

Herab sich lassen, Bänder, die den Damen

Entfallen sind, begierig wegzustehlen

Und – Sie verzeihn –


Indem sie mit einer leichten Fingerbewegung seine Hemdkrause wegschnellt und eine Bandschleife, die da verborgen war, wegnimmt.


so kostbar zu verwahren?

CARLOS mit Befremdung zurücktretend.

Prinzessin! – Nein, das geht zu weit. – Ich bin

Verraten. Sie betrügt man nicht. – Sie sind

Mit Geistern, mit Dämonen einverstanden.

PRINZESSIN.

Darüber scheinen Sie erstaunt? Darüber?

Was soll die Wette gelten, Prinz, ich rufe

Geschichten in Ihr Herz zurück, Geschichten –

Versuchen Sie es, fragen Sie mich aus.

Wenn selbst der Laune Gaukelein, ein Laut,

Verstümmelt in die Luft gehaucht, ein Lächeln,

Von schnellem Ernste wieder ausgelöscht,

Wenn selber schon Erscheinungen, Gebärden,

Wo Ihre Seele ferne war, mir nicht

Entgangen sind, urteilen Sie, ob ich

Verstand, wo Sie verstanden werden wollten?

CARLOS.

Nun, das ist wahrlich viel gewagt. – Die Wette

Soll gelten, Fürstin. Sie versprechen mir

Entdeckungen in meinem eignen Herzen,

Um die ich selber nie gewußt.

PRINZESSIN etwas empfindlich und ernsthaft.

Nie, Prinz?

Besinnen Sie sich besser. Sehn Sie um sich. –

Dies Kabinett ist keines von den Zimmern

Der Königin, wo man das bißchen Maske

Noch allenfalls zu loben fand. – Sie stutzen?[69]

Sie werden plötzlich lauter Glut? – O freilich,

Wer sollte wohl so scharfklug, so vermessen,

So müßig sein, den Carlos zu belauschen,

Wenn Carlos unbelauscht sich glaubt? – Wer sahs,

Wie er beim letzten Hofball seine Dame,

Die Königin, im Tanze stehenließ

Und mit Gewalt ins nächste Paar sich drängte,

Statt seiner königlichen Tänzerin

Der Fürstin Eboli die Hand zu reichen?

Ein Irrtum, Prinz, den der Monarch sogar,

Der eben jetzt erschienen war, bemerkte!

CARLOS mit ironischem Lächeln.

Auch sogar der? Ja freilich, gute Fürstin,

Für den besonders war das nicht.

PRINZESSIN.

So wenig

Als jener Auftritt in der Schloßkapelle,

Worauf sich wohl Prinz Carlos selbst nicht mehr

Besinnen wird. Sie lagen zu den Füßen

Der heilgen Jungfrau in Gebet ergossen,

Als plötzlich – konnten Sie dafür? – die Kleider

Gewisser Damen hinter Ihnen rauschten.

Da fing Don Philipps heldenmütger Sohn,

Gleich einem Ketzer vor dem heilgen Amte,

Zu zittern an; auf seinen bleichen Lippen

Starb das vergiftete Gebet – im Taumel

Der Leidenschaft – es war ein Possenspiel

Zum Rühren, Prinz – ergreifen Sie die Hand,

Der Mutter Gottes heilge, kalte Hand,

Und Feuerküsse regnen auf den Marmor.

CARLOS.

Sie tun mir unrecht, Fürstin. Das war Andacht.

PRINZESSIN.

Ja, dann ists etwas andres, Prinz – dann freilich

Wars damals auch nur Furcht vor dem Verluste,

Als Carlos mit der Königin und mir

Beim Spielen saß und mit bewunderswerter

Geschicklichkeit mir diesen Handschuh stahl –


Carlos springt bestürzt auf.[70]


Den er zwar gleich nachher so artig war

Statt einer Karte wieder auszuspielen.

CARLOS.

O Gott – Gott – Gott! Was hab ich da gemacht?

PRINZESSIN.

Nichts, was Sie widerrufen werden, hoff ich.

Wie froh erschrak ich, als mir unvermutet

Ein Briefchen in die Finger kam, das Sie

In diesen Handschuh zu verstecken wußten.

Es war die rührendste Romanze, Prinz,

Die –

CARLOS ihr rasch ins Wort fallend.

Poesie! – Nichts weiter. – Mein Gehirn

Treibt öfters wunderbare Blasen auf,

Die schnell, wie sie entstanden sind, zerspringen.

Das war es alles. Schweigen wir davon.

PRINZESSIN vor Erstaunen von ihm weggehend und ihn eine Zeitlang aus der Entfernung beobachtend.

Ich bin erschöpft – all meine Proben gleiten

Von diesem schlangenglatten Sonderling.


Sie schweigt einige Augenblicke.


Doch wie? – Wärs ungeheurer Männerstolz,

Der nur, sich desto süßer zu ergetzen,

Die Blödigkeit als Larve brauchte? – Ja?


Sie nähert sich dem Prinzen wieder und betrachtet ihn zweifelhaft.


Belehren Sie mich endlich, Prinz – Ich stehe

Vor einem zauberisch verschloßnen Schrank,

Wo alle meine Schlüssel mich betrügen.

CARLOS.

Wie ich vor Ihnen.

PRINZESSIN sie verläßt ihn schnell, geht einigemal stillschweigend im Kabinett auf und nieder und scheint über etwas Wichtiges nachzudenken. Endlich nach einer großen Pause ernsthaft und feierlich.

Endlich sei es denn –

Ich muß einmal zu reden mich entschließen.

Zu meinem Richter wähl ich Sie. Sie sind

Ein edler Mensch – ein Mann, sind Fürst und Ritter.

An Ihren Busen werf ich mich. Sie werden

Mich retten, Prinz, und, wo ich ohne Rettung[71]

Verloren bin, teilnehmend um mich weinen.


Der Prinz rückt näher, mit erwartungsvollem, teilnehmendem Erstaunen.


Ein frecher Günstling des Monarchen buhlt

Um meine Hand – Ruy Gomez, Graf von Silva –

Der König will, schon ist man handelseinig,

Ich bin der Kreatur verkauft.

CARLOS heftig ergriffen.

Verkauft?

Und wiederum verkauft? und wiederum

Von dem berühmten Handelsmann in Süden?

PRINZESSIN.

Nein, hören Sie erst alles. Nicht genug,

Daß man der Politik mich hingeopfert,

Auch meiner Unschuld stellt man nach – Da, hier!

Dies Blatt kann diesen Heiligen entlarven.


Carlos nimmt das Papier und hängt voll Ungeduld an ihrer Erzählung, ohne sich Zeit zu nehmen, es zu lesen.


Wo soll ich Rettung finden, Prinz? Bis jetzt

War es mein Stolz, der meine Tugend schützte;

Doch endlich –

CARLOS.

Endlich fielen Sie? Sie fielen?

Nein, nein! um Gottes willen, nein!

PRINZESSIN stolz und edel.

Durch wen?

Armselige Vernünftelei! Wie schwach

Von diesen starken Geistern! Weibergunst,

Der Liebe Glück der Ware gleich zu achten,

Worauf geboten werden kann! Sie ist

Das einzige auf diesem Rund der Erde,

Was keinen Käufer leidet als sich selbst.

Die Liebe ist der Liebe Preis. Sie ist

Der unschätzbare Diamant, den ich

Verschenken oder, ewig ungenossen,

Verscharren muß – dem großen Kaufmann gleich,

Der, ungerührt von des Rialto Gold,

Und Königen zum Schimpfe, seine Perle

Dem reichen Meere wiedergab, zu stolz,

Sie unter ihrem Werte loszuschlagen.

CARLOS.

(Beim wunderbaren Gott! – Das Weib ist schön!)[72]

PRINZESSIN.

Man nenn es Grille – Eitelkeit: gleichviel.

Ich teile meine Freuden nicht. Dem Mann,

Dem einzigen, den ich mir auserlesen,

Geb ich für alles alles hin. Ich schenke

Nur einmal, aber ewig. Einen nur

Wird meine Liebe glücklich machen – einen –

Doch diesen einzigen zum Gott. Der Seelen

Entzückender Zusammenklang – ein Kuß –

Der Schäferstunde schwelgerische Freuden –

Der Schönheit hohe, himmlische Magie

Sind eines Strahles schwesterliche Farben,

Sind einer Blume Blätter nur. Ich sollte,

Ich Rasende! ein abgerißnes Blatt

Aus dieser Blume schönem Kelch verschenken?

Ich selbst des Weibes hohe Majestät,

Der Gottheit großes Meisterstück, vestümmeln,

Den Abend eines Prassers zu versüßen?

CARLOS.

(Unglaublich! Wie? ein solches Mädchen hatte

Madrid, und ich – und ich erfahr es heute

Zum erstenmal?)

PRINZESSIN.

Längst hätt ich diesen Hof

Verlassen, diese Welt verlassen, hätte

In heilgen Mauern mich begraben; doch

Ein einzig Band ist noch zurück, ein Band,

Das mich an diese Welt allmächtig bindet.

Ach, ein Phantom vielleicht! doch mir so wert!

Ich liebe und bin – nicht geliebt.

CARLOS voll Feuer auf sie zugehend.

Sie sinds!

So wahr ein Gott im Himmel wohnt. Ich schwör es.

Sie sinds, und unaussprechlich.

PRINZESSIN.

Sie? Sie schwörens?

O, das war meines Engels Stimme! Ja,

Wenn freilich Sie es schwören, Karl, dann glaub ichs,

Dann bin ichs.

CARLOS der sie voll Zärtlichkeit in die Arme schließt.

Süßes, seelenvolles Mädchen![73]

Anbetungswürdiges Geschöpf! – Ich stehe

Ganz Ohr – ganz Auge – ganz Entzücken – ganz

Bewunderung. – Wer hätte dich gesehn,

Wer unter diesem Himmel dich gesehn

Und rühmte sich – er habe nie geliebt? –

Doch hier an König Philipps Hof? Was hier?

Was, schöner Engel, willst du hier? bei Pfaffen

Und Pfaffenzucht? Das ist kein Himmelsstrich

Für solche Blumen. – Möchten sie sie brechen?

Sie möchten – o, ich glaub es gern. – Doch nein!

So wahr ich Leben atme, nein! – Ich schlinge

Den Arm um dich, auf meinen Armen trag ich

Durch eine teufelvolle Hölle dich!

Ja – laß mich deinen Engel sein. –

PRINZESSIN mit dem vollen Blicke der Liebe.

O Carlos!

Wie wenig hab ich Sie gekannt! Wie reich

Und grenzenlos belohnt Ihr schönes Herz

Die schwere Müh, es zu begreifen!


Sie nimmt seine Hand und will sie küssen.


CARLOS der sie zurückzieht.

Fürstin,

Wo sind Sie jetzt?

PRINZESSIN mit Feinheit und Grazie, indem sie starr in seine Hand sieht.

Wie schön ist diese Hand!

Wie reich ist sie! – Prinz, diese Hand hat noch

Zwei kostbare Geschenke zu vergeben –

Ein Diadem und Carlos' Herz – und beides

Vielleicht an eine Sterbliche? – An eine?

Ein großes, göttliches Geschenk! – Beinahe

Für eine Sterbliche zu groß! – Wie, Prinz?

Wenn Sie zu einer Teilung sich entschlössen?

Die Königinnen lieben schlecht – ein Weib,

Das lieben kann, versteht sich schlecht auf Kronen:

Drum besser, Prinz, Sie teilen, und gleich jetzt,

Gleich jetzt – Wie? Oder hätten Sie wohl schon?

Sie hätten wirklich? O, dann um so besser![74]

Und kenn ich diese Glückliche?

CARLOS.

Du sollst.

Dir, Mädchen, dir entdeck ich mich – der Unschuld,

Der lautern, unentheiligten Natur

Entdeck ich mich. An diesem Hof bist du

Die Würdigste, die Einzige, die Erste,

Die meine Seele ganz versteht. – Ja denn!

Ich leugn es nicht – ich liebe!

PRINZESSIN.

Böser Mensch!

So schwer ist das Geständnis dir geworden?

Beweinenswürdig mußt ich sein, wenn du

Mich liebenswürdig finden solltest?

CARLOS stutzt.

Was?

Was ist das?

PRINZESSIN.

Solches Spiel mit mir zu treiben!

O wahrlich, Prinz, es war nicht schön. Sogar

Den Schlüssel zu verleugnen!

CARLOS.

Schlüssel! Schlüssel!


Nach einem dumpfen Besinnen.


Ja so – so wars. – Nun merk ich – – O mein Gott!


Seine Knie wanken, er hält sich an einen Stuhl und verhüllt das Gesicht.


PRINZESSIN eine lange Stille von beiden Seiten. Die Fürstin schreit laut und fällt.

Abscheulich! Was hab ich getan?

CARLOS sich aufrichtend, im Ausbruch des heftigsten Schmerzes.

So tief

Herabgestürzt von allen meinen Himmeln! –

O das ist schrecklich!

PRINZESSIN das Gesicht in das Kissen verbergend.

Was entdeck ich? Gott!

CARLOS vor ihr niedergeworfen.

Ich bin nicht schuldig, Fürstin – Leidenschaft –

Ein unglückselger Mißverstand – Bei Gott!

Ich bin nicht schuldig.

PRINZESSIN stößt ihn von sich.

Weg aus meinen Augen,[75]

Um Gottes willen –

CARLOS.

Nimmermehr! In dieser

Entsetzlichen Erschüttrung Sie verlassen?

PRINZESSIN ihn mit Gewalt wegdrängend.

Aus Großmut, aus Barmherzigkeit, hinaus

Von meinen Augen! – Wollen Sie mich morden?

Ich hasse Ihren Anblick!


Carlos will gehen.


Meinen Brief

Und meinen Schlüssel geben Sie mir wieder.

Wo haben Sie den andern Brief?

CARLOS.

Den andern?

Was denn für einen andern?

PRINZESSIN.

Den vom König.

CARLOS zusammenschreckend.

Von wem?

PRINZESSIN.

Den Sie vorhin von mir bekamen.

CARLOS.

Vom König? und an wen? an Sie?

PRINZESSIN.

O Himmel!

Wie schrecklich hab ich mich verstrickt! Den Brief!

Heraus damit! ich muß ihn wiederhaben.

CARLOS.

Vom König Briefe, und an Sie?

PRINZESSIN.

Den Brief!

Im Namen aller Heiligen!

CARLOS.

Der einen

Gewissen mir entlarven sollte – diesen?

PRINZESSIN.

Ich bin des Todes! – Geben Sie!

CARLOS.

Der Brief –

PRINZESSIN in Verzweiflung die Hände ringend.

Was hab ich Unbesonnene gewagt?

CARLOS.

Der Brief – der kam vom König? – Ja, Prinzessin,

Das ändert freilich alles schnell. – Das ist


Den Brief frohlockend emporhaltend.


Ein unschätzbarer – schwerer – teurer Brief,

Den alle Kronen Philipps einzulösen

Zu leicht, zu nichtsbedeutend sind. – Den Brief[76]

Behalt ich.


Er geht.


PRINZESSIN wirft sich ihm in den Weg.

Großer Gott, ich bin verloren!


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 2, München 31962, S. 64-77.
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