Vierter Auftritt


[106] Der König. Domingo.

König geht einigemal auf und ab, sich zusammeln.


DOMINGO tritt einige Minuten nach dem Herzog herein, nähert sich dem König, den er eine Zeitlang mit feierlicher Stille betrachtet.

Wie froh erstaun ich, Eure Majestät

So ruhig, so gefaßt zu sehn.

KÖNIG.

Erstaunt Ihr –

DOMINGO.

Der Vorsicht seis gedankt, daß meine Furcht

Doch also nicht gegründet war! Nun darf

Ich um so eher hoffen.

KÖNIG.

Eure Furcht?

Was war zu fürchten?

DOMINGO.

Ihre Majestät,

Ich darf nicht bergen, daß ich allbereits

Um ein Geheimnis weiß –

KÖNIG finster.

Hab ich denn schon[106]

Den Wunsch geäußert, es mit Euch zu teilen?

Wer kam so unberufen mir zuvor?

Sehr kühn, bei meiner Ehre!

DOMINGO.

Mein Monarch,

Der Ort, der Anlaß, wo ich es erfahren,

Das Siegel, unter dem ich es erfahren,

Spricht wenigstens von dieser Schuld mich frei.

Am Beichtstuhl ward es mir vertraut – vertraut

Als Missetat, die das empfindliche

Gewissen der Entdeckerin belastet,

Und Gnade bei dem Himmel sucht. Zu spät

Beweint die Fürstin eine Tat, von der

Sie Ursach hat, die fürchterlichsten Folgen

Für ihre Königin zu ahnden.

KÖNIG.

Wirklich?

Das gute Herz – Ihr habt ganz recht vermutet,

Weswegen ich Euch rufen ließ. Ihr sollt

Aus diesem dunkeln Labyrinth mich führen,

Worein ein blinder Eifer mich geworfen.

Von Euch erwart ich Wahrheit. Redet offen

Mit mir. Was soll ich glauben, was beschließen?

Von Eurem Amte fodr ich Wahrheit.

DOMINGO.

Sire,

Wenn meines Standes Mildigkeit mir auch

Der Schonung süße Pflicht nicht auferlegte,

Doch würd ich Eure Majestät beschwören,

Um Ihrer Ruhe willen Sie beschwören,

Bei dem Entdeckten stillzustehn – das Forschen

In ein Geheimnis ewig aufzugeben,

Das niemals freudig sich entwickeln kann.

Was jetzt bekannt ist, kann vergeben werden.

Ein Wort des Königs – und die Königin

Hat nie gefehlt. Der Wille des Monarchen

Verleiht die Tugend wie das Glück – und nur

Die immer gleiche Ruhe meines Königs

Kann die Gerüchte mächtig niederschlagen,[107]

Die sich die Lästerung erlaubt.

KÖNIG.

Gerüchte?

Von mir? und unter meinem Volke?

DOMINGO.

Lügen!

Verdammenswerte Lügen! Ich beschwör es.

Doch freilich gibt es Fälle, wo der Glaube

Des Volks, und wär er noch so unerwiesen,

Bedeutend wie die Wahrheit wird.

KÖNIG.

Bei Gott!

Und hier gerade wär es –

DOMINGO.

Guter Name

Ist das kostbare, einzge Gut, um welches

Die Königin mit einem Bürgerweibe

Wetteifern muß –

KÖNIG.

Für den doch, will ich hoffen,

Hier nicht gezittert werden soll?


Er ruht mit ungewissem Blick auf Domingo. Nach einigem Stillschweigen.


Kaplan,

Ich soll noch etwas Schlimmes von Euch hören.

Verschiebt es nicht. Schon lange les ich es

In diesem unglückbringenden Gesichte.

Heraus damit! Seis, was es wolle! Laßt

Nicht länger mich auf dieser Folter beben!

Was glaubt das Volk?

DOMINGO.

Noch einmal, Sire, das Volk

Kann irren – und es irrt gewiß. Was es

Behauptet, darf den König nicht erschüttern –

Nur – daß es so weit schon sich wagen durfte,

Dergleichen zu behaupten –

KÖNIG.

Was? Muß ich

So lang um einen Tropfen Gift Euch bitten?

DOMINGO.

Das Volk denkt an den Monat noch zurücke,

Der Eure Königliche Majestät

Dem Tode nahe brachte – dreißig Wochen

Nach diesem liest es von der glücklichen

Entbindung –


[108] Der König steht auf und zieht die Glocke. Herzog von Alba tritt herein. Domingo betroffen.


Ich erstaune, Sire!

KÖNIG dem Herzog Alba entgegengehend.

Toledo!

Ihr seid ein Mann. Schützt mich vor diesem Priester.

DOMINGO er und Herzog Alba geben sich verlegene Blicke. Nach einer Pause.

Wenn wir voraus es hätten wissen können,

Daß diese Nachricht an dem Überbringer

Geahndet werden sollte –

KÖNIG.

Bastard sagt Ihr?

Ich war, sagt Ihr, vom Tode kaum erstanden,

Als sie sich Mutter fühlte? – Wie? Das war

Ja damals, wenn ich anders mich nicht irre,

Als Ihr den heiligen Dominikus

In allen Kirchen für das hohe Wunder lobtet,

Das er an mir gewirkt? – Was damals Wunder

Gewesen, ist es jetzt nicht mehr? So habt

Ihr damals oder heute mir gelogen.

An was verlangt Ihr, daß ich glauben soll?

O, ich durchschau Euch. Wäre das Komplott

Schon damals reif gewesen – ja, dann war

Der Heilige um seinen Ruhm.

ALBA.

Komplott!

KÖNIG.

Ihr solltet

Mit dieser beispiellosen Harmonie

Jetzt in derselben Meinung Euch begegnen

Und doch nicht einverstanden sein? Mich wollt

Ihr das bereden? Mich? Ich soll vielleicht

Nicht wahrgenommen haben, wie erpicht

Und gierig Ihr auf Euren Raub euch stürztet?

Mit welcher Wollust Ihr an meinem Schmerz,

An meines Zornes Wallung Euch geweidet?

Nicht merken soll ich, wie voll Eifer dort

Der Herzog brennt, der Gunst zuvorzueilen,

Die meinem Sohn beschieden war? Wie gerne

Der fromme Mann hier seinen kleinen Groll

Mit meines Zornes Riesenarm bewehrte?[109]

Ich bin der Bogen, bildet Ihr Euch ein,

Den man nur spannen dürfe nach Gefallen? –

Noch hab ich meinen Willen auch – und wenn

Ich zweifeln soll, so laßt mich wenigstens

Bei Euch den Anfang machen.

ALBA.

Diese Deutung

Hat unsre Treue nicht erwartet.

KÖNIG.

Treue!

Die Treue warnt vor drohenden Verbrechen,

Die Rachgier spricht von den begangenen.

Laßt hören! Was gewann ich denn durch Eure

Dienstfertigkeit? – Ist, was Ihr vorgebt, wahr,

Was bleibt mir übrig als der Trennung Wunde?

Der Rache trauriger Triumph? – Doch nein,

Ihr fürchtet nur, Ihr gebt mir schwankende

Vermutungen – am Absturz einer Hölle

Laßt Ihr mich stehen und entflieht.

DOMINGO.

Sind andre

Beweise möglich, wo das Auge selbst

Nicht überwiesen werden kann?

KÖNIG nach einer großen Pause, ernst und feierlich zu Domingo sich wendend.

Ich will

Die Großen meines Königreichs versammeln

Und selber zu Gerichte sitzen. Tretet

Heraus vor allen – habt Ihr Mut – und klaget

Als eine Buhlerin sie an! – Sie soll

Des Todes sterben – ohne Rettung – sie

Und der Infant soll sterben – aber – merkt Euch!

Kann sie sich reinigen – Ihr selbst! Wollt Ihr

Die Wahrheit durch ein solches Opfer ehren?

Entschließet Euch. Ihr wollt nicht, Ihr verstummt?

Ihr wollt nicht? – Das ist eines Lügners Eifer.

ALBA der stillschweigend in der Ferne gestanden, kalt und ruhig.

Ich will es.

KÖNIG dreht sich erstaunt um und sieht den Herzog eine Zeitlang starr an.

Das ist kühn! Doch mir fällt ein,[110]

Daß Ihr in scharfen Schlachten Euer Leben

An etwas weit Geringeres gewagt –

Mit eines Würfelspielers Leichtsinn für

Des Ruhmes Unding es gewagt – Und was

Ist Euch das Leben? – Königliches Blut

Geb ich dem Rasenden nicht preis, der nichts

Zu hoffen hat, als ein geringes Dasein

Erhaben aufzugeben – Euer Opfer

Verwerf ich. Geht – geht, und im Audienzsaal

Erwartet meine weiteren Befehle.


Beide gehen ab.


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 2, München 31962, S. 106-111.
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