Fünfter Auftritt


[111] Der König allein.


KÖNIG.

Jetzt gib mir einen Menschen, gute Vorsicht –

Du hast mir viel gegeben. Schenke mir

Jetzt einen Menschen. Du – du bist allein,

Denn deine Augen prüfen das Verborgne,

Ich bitte dich um einen Freund; denn ich

Bin nicht wie du allwissend. Die Gehülfen,

Die du mir zugeordnet hast, was sie

Mir sind, weißt du. Was sie verdienen, haben

Sie mir gegolten. Ihre zahmen Laster,

Beherrscht vom Zaume, dienen meinen Zwecken,

Wie deine Wetter reinigen die Welt.

Ich brauche Wahrheit – Ihre stille Quelle

Im dunkeln Schutt des Irrtums aufzugraben,

Ist nicht das Los der Könige. Gib mir

Den seltnen Mann mit reinem, offnem Herzen,

Mit hellem Geist und unbefangnen Augen,

Der mir sie finden helfen kann – ich schütte

Die Lose auf; laß unter Tausenden,

Die um der Hoheit Sonnenscheibe flattern,

Den einzigen mich finden.


Er öffnet eine Schatulle und nimmt eine Schreibtafel

heraus. Nachdem er eine Zeitlang darin geblättert.


Bloße Namen –[111]

Nur Namen stehen hier, und nicht einmal

Erwähnung des Verdiensts, dem sie den Platz

Auf dieser Tafel danken – und was ist

Vergeßlicher als Dankbarkeit? Doch hier

Auf dieser andern Tafel les ich jede

Vergehung pünktlich beigeschrieben. Wie?

Das ist nicht gut. Braucht etwa das Gedächtnis

Der Rache dieser Hülfe noch?


Liest weiter.


Graf Egmont?

Was will der hier? – Der Sieg bei Saint Quentin

War längst verwirkt. Ich werf ihn zu den Toten.


Er löscht diesen Namen aus und schreibt ihn auf die andre Tafel. Nachdem er weitergelesen.


Marquis von Posa? – Posa? – Posa? Kann

Ich dieses Menschen mich doch kaum besinnen!

Und zweifach angestrichen – ein Beweis,

Daß ich zu großen Zwecken ihn bestimmte!

Und, war es möglich? dieser Mensch entzog

Sich meiner Gegenwart bis jetzt? vermied

Die Augen seines königlichen Schuldners?

Bei Gott, im ganzen Umkreis meiner Staaten

Der einzge Mensch, der meiner nicht bedarf!

Besäß er Habsucht oder Ehrbegierde,

Er wäre längst vor meinem Thron erschienen.

Wag ichs mit diesem Sonderling? Wer mich

Entbehren kann, wird Wahrheit für mich haben.


Er geht ab.


Der Audienzsaal.


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 2, München 31962, S. 111-112.
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