Neunzehnter Auftritt

[166] Königin. Prinzessin von Eboli.


EBOLI atemlos, bleich und entstellt, vor der Königin niedergesunken.

Königin! Zu Hülfe!

Er ist gefangen.

KÖNIGIN.

Wer?

EBOLI.

Der Marquis Posa

Nahm auf Befehl des Königs ihn gefangen.

KÖNIGIN.

Wen aber? Wen?

EBOLI.

Den Prinzen.

[167] KÖNIGIN.

Rasest du?

EBOLI.

Soeben führen sie ihn fort.

KÖNIGIN.

Und wer

Nahm ihn gefangen?

EBOLI.

Marquis Posa.

KÖNIGIN.

Nun!

Gott sei gelobt, daß es der Marquis war,

Der ihn gefangennahm!

EBOLI.

Das sagen Sie

So ruhig, Königin? so kalt? – O Gott!

Sie ahnden nicht – Sie wissen nicht –

KÖNIGIN.

Warum er

Gefangen worden? – Eines Fehltritts wegen,

Vermut ich, der dem heftigen Charakter

Des Jünglings sehr natürlich war.

EBOLI.

Nein, nein!

Ich weiß es besser – Nein – O Königin!

Verruchte, teufelische Tat! – Für ihn

Ist keine Rettung mehr! Er stirbt!

KÖNIGIN.

Er stirbt?

EBOLI.

Und seine Mörderin bin ich!

KÖNIGIN.

Er stirbt!

Wahnsinnige, bedenkst du?

EBOLI.

Und warum –

Warum er stirbt! – O, hätt ich wissen können,

Daß es bis dahin kommen würde!

KÖNIGIN nimmt sie gütig bei der Hand.

Fürstin!

Noch sind Sie außer Fassung. Sammeln Sie

Erst Ihre Geister, daß Sie ruhiger,

Nicht in so grauenvollen Bildern, die

Mein Innerstes durchschauern, mir erzählen.

Was wissen Sie? Was ist geschehen?

EBOLI.

O!

Nicht diese himmlische Herablassung,

Nicht diese Güte, Königin! Wie Flammen

Der Hölle schlägt sie brennend mein Gewissen.

[168] Ich bin nicht würdig, den entweihten Blick

Zu Ihrer Glorie emporzurichten.

Zertreten Sie die Elende, die sich,

Zerknirscht von Reue, Scham und Selbstverachtung,

Zu Ihren Füßen krümmt.

KÖNIGIN.

Unglückliche!

Was haben Sie mir zu gestehen?

EBOLI.

Engel

Des Lichtes! Große Heilige! Noch kennen,

Noch ahnden Sie den Teufel nicht, dem Sie

So liebevoll gelächelt – Lernen Sie

Ihn heute kennen. Ich – ich war der Dieb,

Der Sie bestohlen.

KÖNIGIN.

Sie?

EBOLI.

Und jene Briefe

Dem König ausgeliefert.

KÖNIGIN.

Sie?

EBOLI.

Der sich

Erdreistet hat, Sie anzuklagen –

KÖNIGIN.

Sie,

Sie konnten –

EBOLI.

Rache – Liebe – Raserei –

Ich haßte Sie und liebte den Infanten –

KÖNIGIN.

Weil Sie ihn liebten –?

EBOLI.

Weil ichs ihm gestanden

Und keine Gegenliebe fand.

KÖNIGIN nach einem Stillschweigen.

O, jetzt

Enträtselt sich mir alles! – Stehn Sie auf.

Sie liebten ihn – ich habe schon vergeben.

Es ist nun schon vergessen – Stehn Sie auf.


Sie reicht ihr den Arm.


EBOLI.

Nein! Nein!

Ein schreckliches Geständnis ist noch übrig.

Nicht eher, große Königin –

KÖNIGIN aufmerksam.

Was werd ich

[169] Noch hören müssen? Reden Sie –

EBOLI.

Der König –

Verführung – O, Sie blicken weg – ich lese

In Ihrem Angesicht Verwerfung – Das

Verbrechen, dessen ich Sie zeihte – ich

Beging es selbst.


Sie drückt ihr glühendes Gesicht aus den Boden. Die Königin geht ab. Große Pause. Die Herzogin von Olivarez kommt nach einigen Minuten aus dem Kabinett, in welches die Königin gegangen war, und findet die Fürstin noch in der vorigen Stellung liegen. Sie nähert sich ihr still schweigend; auf das Geräusch richtet sich die letztere auf und fährt wie eine Rasende in die Höhe, da sie die Königin nicht mehr gewahr wird.


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 2, München 31962, S. 166-169.
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