Einundzwanzigster Auftritt


[170] Die Königin. Marquis von Posa.


KÖNIGIN.

Ach endlich, Marquis! Glücklich, daß Sie kommen!

MARQUIS bleich, mit zerstörtem Gesicht, bebender Stimme und durch diesen ganzen Auftritt in feierlicher, tiefer Bewegung.

Sind Ihre Majestät allein? Kann niemand

In diesen nächsten Zimmern uns behorchen?

KÖNIGIN.

Kein Mensch – Warum? Was bringen Sie?


Indem sie ihn genauer ansieht und erschrocken zurücktritt.


Und wie

So ganz verändert! Was ist das? Sie machen

Mich zittern, Marquis – alle Ihre Züge

Wie eines Sterbenden entstellt –

MARQUIS.

Sie wissen

Vermutlich schon –

KÖNIGIN.

Daß Karl gefangen worden,

Und zwar durch Sie, setzt man hinzu – So ist

Es dennoch wahr? Ich wollt es keinem Menschen

Als Ihnen glauben.

MARQUIS.

Es ist wahr.

KÖNIGIN.

Durch Sie?

MARQUIS.

Durch mich.

KÖNIGIN sieht ihn einige Augenblicke zweifelhaft an.

Ich ehre Ihre Handlungen,

Auch wenn ich sie nicht fasse – Diesmal aber

Verzeihen Sie dem bangen Weib. Ich fürchte,

Sie spielen ein gewagtes Spiel.[170]

MARQUIS.

Ich hab es

Verloren.

KÖNIGIN.

Gott im Himmel!

MARQUIS.

Seien Sie

Ganz ruhig, meine Königin! Für ihn

Ist schon gesorgt. Ich hab es mir verloren.

KÖNIGIN.

Was werd ich hören! Gott!

MARQUIS.

Denn wer,

Wer hieß auf einen zweifelhaften Wurf

Mich alles setzen? Alles? So verwegen,

So zuversichtlich mit dem Himmel spielen?

Wer ist der Mensch, der sich vermessen will,

Des Zufalls schweres Steuer zu regieren

Und doch nicht der Allwissende zu sein?

O, es ist billig! – Doch warum denn jetzt

Von mir? Der Augenblick ist kostbar, wie

Das Leben eines Menschen! Und wer weiß,

Ob aus des Richters karger Hand nicht schon

Die letzten Tropfen für mich fallen?

KÖNIGIN.

Aus

Des Richters Hand? – Welch feierlicher Ton!

Ich fasse nicht, was diese Reden meinen,

Doch sie entsetzen mich –

MARQUIS.

Er ist gerettet!

Um welchen Preis ers ist, gleichviel! Doch nur

Für heute. Wenig Augenblicke sind

Noch sein. Er spare sie. Noch diese Nacht

Muß er Madrid verlassen.

KÖNIGIN.

Diese Nacht noch?

MARQUIS.

Anstalten sind getroffen. In demselben

Kartäuserkloster, das schon lange Zeit

Die Zuflucht unsrer Freundschaft war gewesen,

Erwartet ihn die Post. Hier ist in Wechseln,

Was mir das Glück auf dieser Welt gegeben.

Was mangelt, legen Sie noch bei. Zwar hätt ich

An meinen Karl noch manches auf dem Herzen,[171]

Noch manches, das er wissen muß; doch leicht

Könnt es an Muße mir gebrechen, alles

Persönlich mit ihm abzutun – Sie sprechen

Ihn diesen Abend, darum wend ich mich

An Sie –

KÖNIGIN.

Um meiner Ruhe willen, Marquis,

Erklären Sie sich deutlicher – nicht in

So fürchterlichen Rätseln reden Sie

Mit mir – Was ist geschehn?

MARQUIS.

Ich habe noch

Ein wichtiges Bekenntnis abzulegen;

In Ihre Hände leg ichs ab. Mir ward

Ein Glück, wie es nur wenigen geworden:

Ich liebte einen Fürstensohn – Mein Herz,

Nur einem einzigen geweiht, umschloß

Die ganze Welt! – In meines Carlos Seele

Schuf ich ein Paradies für Millionen.

O, meine Träume waren schön – Doch es

Gefiel der Vorsehung, mich vor der Zeit

Von meiner schönen Pflanzung abzurufen.

Bald hat er seinen Roderich nicht mehr,

Der Freund hört auf in der Geliebten. Hier,

Hier – hier – auf diesem heiligen Altare,

Im Herzen seiner Königin leg ich

Mein letztes kostbares Vermächtnis nieder,

Hier find ers, wenn ich nicht mehr bin –


Er wendet sich ab, Tränen ersticken seine Stimme.


KÖNIGIN.

Das ist

Die Sprache eines Sterbenden. Noch hoff ich,

Es ist nur Wirkung Ihres Blutes – oder

Liegt Sinn in diesen Reden?

MARQUIS hat sich zu sammeln gesucht und fährt mit festerem Tone fort.

Sagen Sie

Dem Prinzen, daß er denken soll des Eides,

Den wir in jenen schwärmerischen Tagen

Auf die geteilte Hostie geschworen.[172]

Den meinigen hab ich gehalten, bin

Ihm treugeblieben bis zum Tod – jetzt ists

An ihm, den seinigen –

KÖNIGIN.

Zum Tod?

MARQUIS.

Er mache –

O, sagen Sie es ihm! das Traumbild wahr,

Das kühne Traumbild eines neuen Staates,

Der Freundschaft göttliche Geburt. Er lege

Die erste Hand an diesen rohen Stein.

Ob er vollende oder unterliege –

Ihm einerlei! Er lege Hand an. Wenn

Jahrhunderte dahingeflohen, wird

Die Vorsicht einen Fürstensohn, wie er,

Auf einem Thron, wie seiner, wiederholen

Und ihren neuen Liebling mit derselben

Begeisterung entzünden. Sagen Sie

Ihm, daß er für die Träume seiner Jugend

Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird,

Nicht öffnen soll dem tötenden Insekte

Gerühmter besserer Vernunft das Herz

Der zarten Götterblume – daß er nicht

Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit

Begeisterung, die Himmelstochter, lästert.

Ich hab es ihm zuvor gesagt –

KÖNIGIN.

Wie, Marquis?

Und wozu führt –

MARQUIS.

Und sagen Sie ihm, daß

Ich Menschenglück auf seine Seele lege,

Daß ich es sterbend von ihm fordre – fordre!

Und sehr dazu berechtigt war. Es hätte

Bei mir gestanden, einen neuen Morgen

Heraufzuführen über diese Reiche.

Der König schenkte mir sein Herz. Er nannte

Mich seinen Sohn – Ich führe seine Siegel,

Und seine Alba sind nicht mehr.


Er hält inne und sieht einige Augenblicke stillschweigend auf die Königin.[173]


Sie weinen –

O, diese Tränen kenn ich, schöne Seele,

Die Freude macht sie fließen. Doch vorbei,

Es ist vorbei. Karl oder ich. Die Wahl

War schnell und schrecklich. Einer war verloren,

Und ich will dieser eine sein – ich lieber –

Verlangen Sie nicht mehr zu wissen.

KÖNIGIN.

Jetzt,

Jetzt endlich fang ich an, Sie zu begreifen –

Unglücklicher, was haben Sie getan?

MARQUIS.

Zwo kurze Abendstunden hingegeben,

Um einen hellen Sommertag zu retten.

Den König geb ich auf. Was kann ich auch

Dem König sein? – In diesem starren Boden

Blüht keine meiner Rosen mehr – Europas

Verhängnis reift in meinem großen Freunde!

Auf ihn verweis ich Spanien – Es blute

Bis dahin unter Philipps Hand! – Doch weh!

Weh mir und ihm, wenn ich bereuen sollte,

Vielleicht das Schlimmere gewählt! – Nein! Nein!

Ich kenne meinen Carlos – das wird nie

Geschehn – und meine Bürgin, Königin,

Sind Sie!


Nach einigem Stillschweigen.


Ich sah sie keimen, diese Liebe, sah

Der Leidenschaften unglückseligste

In seinem Herzen Wurzel fassen – Damals

Stand es in meiner Macht, sie zu bekämpfen.

Ich tat es nicht. Ich nährte diese Liebe,

Die mir nicht unglückselig war. Die Welt

Kann anders richten. Ich bereue nicht.

Mein Herz klagt mich nicht an. Ich sahe Leben,

Wo sie nur Tod – in dieser hoffnungslosen Flamme

Erkannt ich früh der Hoffnung goldnen Strahl.

Ich wollt ihn führen zum Vortrefflichen,

Zur höchsten Schönheit wollt ich ihn erheben:[174]

Die Sterblichkeit versagte mir ein Bild,

Die Sprache Worte – da verwies ich ihn

Auf dieses – meine ganze Leitung war,

Ihm seine Liebe zu erklären.

KÖNIGIN.

Marquis,

Ihr Freund erfüllte Sie so ganz, daß Sie

Mich über ihm vergaßen. Glaubten Sie

Im Ernst mich aller Weiblichkeit entbunden,

Da Sie zu seinem Engel mich gemacht,

Zu seinen Waffen Tugend ihm gegeben?

Das überlegten Sie wohl nicht, wieviel

Für unser Herz zu wagen ist, wenn wir

Mit solchen Namen Leidenschaft veredeln.

MARQUIS.

Für alle Weiber, nur für eines nicht.

Auf eines schwör ich – Oder sollten Sie,

Sie der Begierden edelster sich schämen,

Der Heldentugend Schöpferin zu sein?

Was geht es König Philipp an, wenn seine

Verklärung in Eskurial den Maler,

Der vor ihr steht, mit Ewigkeit entzündet?

Gehört die süße Harmonie, die in

Dem Saitenspiele schlummert, seinem Käufer,

Der es mit taubem Ohr bewacht? Er hat

Das Recht erkauft, in Trümmern es zu schlagen,

Doch nicht die Kunst, dem Silberton zu rufen

Und in des Liedes Wonne zu zerschmelzen.

Die Wahrheit ist vorhanden für den Weisen,

Die Schönheit für ein fühlend Herz. Sie beide

Gehören füreinander. Diesen Glauben

Soll mir kein feiges Vorurteil zerstören.

Versprechen Sie mir, ewig ihn zu lieben,

Von Menschenfurcht, von falschem Heldenmut

Zu nichtiger Verleugnung nie versucht,

Unwandelbar und ewig ihn zu lieben,

Versprechen Sie mir dieses? – Königin –

Versprechen Sies in meine Hand?[175]

KÖNIGIN.

Mein Herz,

Versprech ich Ihnen, soll allein und ewig

Der Richter meiner Liebe sein.

MARQUIS zieht seine Hand zurück.

Jetzt sterb ich

Beruhigt – Meine Arbeit ist getan.


Er neigt sich gegen die Königin und will gehen.


KÖNIGIN begleitet ihn schweigend mit den Augen.

Sie gehen, Marquis – ohne mir zu sagen,

Wann wir – wie bald – uns wiedersehn?

MARQUIS kommt noch einmal zurück, das Gesicht abgewendet.

Gewiß!

Wir sehn uns wieder.

KÖNIGIN.

Ich verstand Sie, Posa –

Verstand Sie recht gut. – Warum haben Sie

Mir das getan?

MARQUIS.

Er oder ich.

KÖNIGIN.

Nein! Nein!

Sie stürzten sich in diese Tat, die Sie

Erhaben nennen. Leugnen Sie nur nicht.

Ich kenne Sie, Sie haben längst darnach

Gedürstet – Mögen tausend Herzen brechen,

Was kümmert Sies, wenn sich Ihr Stolz nur weidet.

O, jetzt – jetzt lern ich Sie verstehn! Sie haben

Nur um Bewunderung gebuhlt.

MARQUIS betroffen, vor sich.

Nein! Darauf

War ich nicht vorbereitet –

KÖNIGIN nach einem Stillschweigen.

Marquis!

Ist keine Rettung möglich?

MARQUIS.

Keine.

KÖNIGIN.

Keine?

Besinnen Sie sich wohl. Ist keine möglich?

Auch nicht durch mich?

MARQUIS.

Auch nicht durch Sie.

KÖNIGIN.

Sie kennen mich

Zur Hälfte nur – ich habe Mut.[176]

MARQUIS.

Ich weiß es.

KÖNIGIN.

Und keine Rettung?

MARQUIS.

Keine.

KÖNIGIN verläßt ihn und verhüllt das Gesicht.

Gehen Sie!

Ich schätze keinen Mann mehr.

MARQUIS in der heftigsten Bewegung vor ihr niedergeworfen.

Königin!

– O Gott! das Leben ist doch schön.


Er springt auf und geht schnell fort. Die Königin in ihr Kabinett.


Vorzimmer des Königs.


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 2, München 31962, S. 170-177.
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