Dritter Auftritt


[187] Carlos und Marquis von Posa.


CARLOS nachdem der Herzog hinaus ist, voll Erwartung und Erstaunen zum Marquis.

Was ist aber das?

Erkläre mirs. Bist du denn nicht Minister?

MARQUIS.

Ich bins gewesen, wie du siehst.


Auf ihn zugehend, mit großer Bewegung.


O Karl,

Es hat gewirkt. Es hat. Es ist gelungen.

Jetzt ists getan. Gepriesen sei die Allmacht,

Die es gelingen ließ.

CARLOS.

Gelingen? Was?

Ich fasse deine Worte nicht.

MARQUIS ergreift seine Hand.

Du bist

Gerettet, Karl – bist frei – und ich –


Er hält inne.


CARLOS.

Und du?[187]

MARQUIS.

Und ich – ich drücke dich an meine Brust

Zum erstenmal mit vollem, ganzem Rechte;

Ich hab es ja mit allem, allem, was

Mir teuer ist, erkauft – O Karl, wie süß,

Wie groß ist dieser Augenblick! Ich bin

Mit mir zufrieden.

CARLOS.

Welche plötzliche

Veränderung in deinen Zügen? So

Hab ich dich nie gesehen. Stolzer hebt

Sich deine Brust, und deine Blicke leuchten.

MARQUIS.

Wir müssen Abschied nehmen, Karl. Erschrick nicht.

O sei ein Mann. Was du auch hören wirst,

Versprich mir, Karl, nicht durch unbändgen Schmerz,

Unwürdig großer Seelen, diese Trennung

Mir zu erschweren – Du verlierst mich, Karl –

Auf viele Jahre – Toren nennen es

Auf ewig.


Carlos zieht seine Hand zurück, sieht ihn starr an und antwortet nichts.


Sei ein Mann. Ich habe sehr

Auf dich gerechnet, hab es nicht vermieden,

Die bange Stunde mit dir auszuhalten,

Die man die letzte schrecklich nennt – Ja, soll

Ich dirs gestehen, Karl? ich habe mich

Darauf gefreut – Komm, laß uns niedersitzen –

Ich fühle mich erschöpft und matt.


Er rückt nahe an Carlos, der noch immer in einer toten Erstarrung ist und sich unwillkürlich von ihm niederziehen läßt.


Wo bist du?

Du gibst mir keine Antwort? – Ich will kurz sein.

Den Tag nachher, als wir zum letztenmal

Bei den Kartäusern uns gesehn, ließ mich

Der König zu sich fordern. Den Erfolg

Weißt du, weiß ganz Madrid. Das weißt du nicht,

Daß dein Geheimnis ihm verraten worden,

Daß Briefe, in der Königin Schatulle

Gefunden, wider dich gezeugt, daß ich[188]

Aus seinem eignen Munde dies erfahren

Und daß – ich sein Vertrauter war.


Er hält inne, Carlos' Antwort zu erfahren; dieser verharrt in seinem Stillschweigen.


Ja, Karl!

Mit meinen Lippen brach ich meine Treue.

Ich selbst regierte das Komplott, das dir

Den Untergang bereitete. Zu laut

Sprach schon die Tat. Dich freizusprechen, war

Zu Spät. Mich seiner Rache zu versichern,

War alles, was mir übrigblieb – und so

Ward ich dein Feind, dir kräftiger zu dienen.

– Du hörst mich nicht?

CARLOS.

Ich höre. Weiter. Weiter.

MARQUIS.

Bis hieher bin ich ohne Schuld. Doch bald

Verraten mich die ungewohnten Strahlen

Der neuen königlichen Gunst. Der Ruf

Dringt bis zu dir, wie ich vorhergesehn.

Doch ich, von falscher Zärtlichkeit bestochen,

Von stolzem Wahn geblendet, ohne dich

Das Wagestück zu enden, unterschlage

Der Freundschaft mein gefährliches Geheimnis.

Das war die große Übereilung! Schwer

Hab ich gefehlt. Ich weiß es. Raserei

War meine Zuversicht. Verzeih – sie war

Auf deiner Freundschaft Ewigkeit gegründet.


Hier schweigt er. Carlos geht aus seiner Versteinerung in lebhafte Bewegungen über.


Was ich befürchtete, geschieht. Man läßt

Dich zittern vor erdichteten Gefahren.

Die Königin in ihrem Blut – das Schrecken

Des widerhallenden Palastes – Lermas

Unglückliche Dienstfertigkeit – zuletzt

Mein unbegreifliches Verstummen, alles

Bestürmt dein überraschtes Herz – Du wankst –

Gibst mich verloren – Doch, zu edel selbst,

An deines Freundes Redlichkeit zu zweifeln,[189]

Schmückst du mit Größe seinen Abfall aus,

Nun erst wagst du, ihn treulos zu behaupten,

Weil du noch treulos ihn verehren darfst.

Verlassen von dem Einzigen, wirfst du

Der Fürstin Eboli dich in die Arme –

Unglücklicher! in eines Teufels Arme;

Denn diese wars, die dich verriet.


Carlos steht auf.


Ich sehe

Dich dahin eilen. Eine schlimme Ahndung

Fliegt durch mein Herz. Ich folge dir. Zu spät.

Du liegst zu ihren Füßen. Das Geständnis

Floh über deine Lippen schon. Für dich

Ist keine Rettung mehr –

CARLOS.

Nein! Nein! Sie war

Gerührt. Du irrest dich. Gewiß war sie

Gerührt.

MARQUIS.

Da wird es Nacht vor meinen Sinnen!

Nichts – nichts – kein Ausweg – keine Hülfe – keine

Im ganzen Umkreis der Natur! Verzweiflung

Macht mich zur Furie, zum Tier – ich setze

Den Dolch auf eines Weibes Brust – Doch jetzt –

Jetzt fällt ein Sonnenstrahl in meine Seele.

»Wenn ich den König irrte? Wenn es mir

Gelänge, selbst der Schuldige zu scheinen?

Wahrscheinlich oder nicht! – Für ihn genug,

Scheinbar genug für König Philipp, weil

Es übel ist! Es sei! Ich will es wagen.

Vielleicht ein Donner, der so unverhofft

Ihn trifft, macht den Tyrannen stutzen – und

Was will ich mehr? Er überlegt, und Karl

Hat Zeit gewonnen, nach Brabant zu flüchten.«

CARLOS.

Und das – das hättest du getan?

MARQUIS.

Ich schreibe

An Wilhelm von Oranien, daß ich

Die Königin geliebt, daß mirs gelungen,

In dem Verdacht, der fälschlich dich gedrückt,[190]

Des Königs Argwohn zu entgehn – daß ich

Durch den Monarchen selbst den Weg gefunden,

Der Königin mich frei zu nahn. Ich setze

Hinzu, daß ich entdeckt zu sein besorge,

Daß du, von meiner Leidenschaft belehrt,

Zur Fürstin Eboli geeilt, vielleicht

Durch ihre Hand die Königin zu warnen –

Daß ich dich hier gefangennahm und nun,

Weil alles doch verloren, willens sei,

Nach Brüssel mich zu werfen. – Diesen Brief –

CARLOS fällt ihm erschrocken ins Wort.

Hast du der Post doch nicht vertraut? Du weißt,

Daß alle Briefe nach Brabant und Flandern –

MARQUIS.

Dem König ausgeliefert werden – Wie

Die Sachen stehn, hat Taxis seine Pflicht

Bereits getan.

CARLOS.

Gott! So bin ich verloren!

MARQUIS.

Du? Warum du?

CARLOS.

Unglücklicher, und du

Bist mit verloren. Diesen ungeheuern

Betrug kann dir mein Vater nicht vergeben.

Nein! Den vergibt er nimmermehr!

MARQUIS.

Betrug?

Du bist zerstreut. Besinne dich. Wer sagt ihm,

Daß es Betrug gewesen?

CARLOS sieht ihm starr ins Gesicht.

Wer, fragst du?

Ich selbst.


Er will fort.


MARQUIS.

Du rasest. Bleib zurück.

CARLOS.

Weg! Weg!

Um Gottes willen. Halte mich nicht auf

Indem ich hier verweile, dingt er schon

Die Mörder.

MARQUIS.

Desto edler ist die Zeit.

Wir haben uns noch viel zu sagen.[191]

CARLOS.

Was?

Eh er noch alles –


Er will wieder fort. Der Marquis nimmt ihn beim Arme und sieht ihn bedeutend an.


MARQUIS.

Höre, Carlos – War

Ich auch so eilig, so gewissenhaft,

Da du für mich geblutet hast – ein Knabe?

CARLOS bleibt gerührt und voll Bewunderung vor ihm stehen.

O gute Vorsicht!

MARQUIS.

Rette dich für Flandern!

Das Königreich ist dein Beruf. Für dich

Zu sterben war der meinige.

CARLOS geht auf ihn zu und nimmt ihn bei der Hand, voll der innigsten Empfindung.

Nein! Nein!

Er wird – er kann nicht widerstehn! So vieler

Erhabenheit nicht widerstehn! – Ich will

Dich zu ihm führen. Arm in Arme wollen

Wir zu ihm gehen. Vater, will ich sagen,

Das hat ein Freund für seinen Freund getan.

Es wird ihn rühren. Glaube mir, er ist

Nicht ohne Menschlichkeit, mein Vater. Ja!

Gewiß, es wird ihn rühren. Seine Augen werden

Von warmen Tränen übergehn, und dir

Und mir wird er verzeihen –


Es geschieht ein Schuß durch die Gittertüre. Carlos springt auf.


Ha! Wem galt das?

MARQUIS.

Ich glaube – mir.


Er sinkt nieder.


CARLOS fällt mit einem Schrei des Schmerzes neben ihm zu Boden.

O himmlische

Barmherzigkeit!

MARQUIS mit brechender Stimme.

Er ist geschwind – der König –

Ich hoffte – länger – Denk auf deine Rettung –

Hörst du? – auf deine Rettung – Deine Mutter

Weiß alles – ich kann nicht mehr –


[192] Carlos bleibt wie tot bei dem Leichnam liegen. Nach einiger Zeit tritt der König herein, von vielen Granden begleitet, und fährt bei diesem Anblick betreten zurück. Eine allgemeine und tiefe Pause. Die Granden stellen sich in einen halben Kreis um diese beiden und sehen wechselsweise auf den König und seinen Sohn. Dieser liegt noch ohne alle Zeichen des Lebens. – Der König betrachtet ihn mit nachdenkender Stille.


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 2, München 31962, S. 187-193.
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