Sechster Auftritt


[199] Carlos bleibt allein bei dem Leichnam zurück. Nach einigen Augenblicken erscheint Ludwig Merkado, sieht sich schüchtern um und steht eine Zeitlang stillschweigend hinter dem Prinzen, der ihn nicht bemerkt.


MERKADO.

Ich komme

Von Ihrer Majestät der Königin.


Carlos sieht wieder weg und gibt ihm keine Antwort.


Mein Name ist Merkado – Ich bin Leibarzt

Bei Ihrer Majestät – und hier ist meine

Beglaubigung.


Er zeigt dem Prinzen einen Siegelring – dieser verharrt in seinem Stillschweigen.


Die Königin wünscht sehr,

Sie heute noch zu sprechen – wichtige

Geschäfte –

CARLOS.

Wichtig ist mir nichts mehr

Auf dieser Welt.[199]

MERKADO.

Ein Auftrag, sagte sie,

Den Marquis Posa hinterlassen –

CARLOS steht schnell auf.

Was?

Sogleich.


Er will mit ihm gehen.


MERKADO.

Nein! Jetzt nicht, gnädger Prinz. Sie müssen

Die Nacht erwarten. Jeder Zugang ist

Besetzt und alle Wachen dort verdoppelt.

Unmöglich ist es, diesen Flügel des

Palastes ungesehen zu betreten.

Sie würden alles wagen –

CARLOS.

Aber –

MERKADO.

Nur

Ein Mittel, Prinz, ist höchstens noch vorhanden –

Die Königin hat es erdacht. Sie legt

Es Ihnen vor – Doch es ist kühn und seltsam

Und abenteuerlich.

CARLOS.

Das ist?

MERKADO.

Schon längst

Geht eine Sage, wie Sie wissen, daß

Um Mitternacht in den gewölbten Gängen

Der königlichen Burg, in Mönchsgestalt,

Der abgeschiedne Geist des Kaisers wandle.

Der Pöbel glaubt an dies Gerücht, die Wachen

Beziehen nur mit Schauer diesen Posten.

Wenn Sie entschlossen sind, sich dieser

Verkleidung zu bedienen, können Sie

Durch alle Wachen frei und unversehrt

Bis zum Gemach der Königin gelangen,

Das dieser Schlüssel öffnen wird. Vor jedem Angriff

Schützt Sie die heilige Gestalt. Doch auf

Der Stelle, Prinz, muß Ihr Entschluß gefaßt sein.

Das nötge Kleid, die Maske finden Sie

In Ihrem Zimmer. Ich muß eilen, Ihrer Majestät

Antwort zu bringen.

CARLOS.

Und die Zeit?[200]

MERKADO.

Die Zeit

Ist zwölf Uhr.

CARLOS.

Sagen Sie ihr, daß sie mich

Erwarten könne.


Merkado geht ab.


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 2, München 31962, S. 199-201.
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