Neunter Auftritt


[205] König zu den Vorigen.

Alle erschrecken über seinen Anblick, weichen zurück und lassen ihn ehrerbietig mitten durch. Er kommt in einem wachen Traume, wie eines Nachtwandlers. – Sein Anzug und seine Gestalt zeigen noch die Unordnung, worein ihn die gehabte Ohnmacht versetzt hat. Mit langsamen Schritten geht er an den anwesenden Granden vorbei, sieht jeden starr an, ohne einen einzigen wahrzunehmen. Endlich bleibt er gedankenvoll stehen, die Augen zur Erde gesenkt, bis seine Gemütsbewegung nach und nach laut wird.


KÖNIG.

Gib diesen Toten mir heraus. Ich muß

Ihn wiederhaben.

DOMINGO leise zum Herzog von Alba.

Reden Sie ihn an.

KÖNIG wie oben.

Er dachte klein von mir und starb. Ich muß

Ihn wiederhaben. Er muß anders von

Mir denken.

ALBA nähert sich mit Furcht.

Sire –

KÖNIG.

Wer redet hier?


Er sieht lange im Kreis herum.


Hat man

Vergessen, wer ich bin? Warum nicht auf

Den Knien vor mir, Kreatur? Noch bin

Ich König. Unterwerfung will ich sehen.

Setzt alles mich hintan, weil einer mich

Verachtet hat?

ALBA.

Nichts mehr von ihm, mein König!

Ein neuer Feind, bedeutender als dieser,

Steht auf im Herzen Ihres Reichs. –

FERIA.

Prinz Carlos –

KÖNIG.

Er hatte einen Freund, der in den Tod

Gegangen ist für ihn – für ihn! Mit mir[205]

Hätt er ein Königreich geteilt! – Wie er

Auf mich heruntersah! So stolz sieht man

Von Thronen nicht herunter. Wars nicht sichtbar,

Wieviel er sich mit der Erobrung wußte?

Was er verlor, gestand sein Schmerz. So wird

Um nichts Vergängliches geweint – Daß er noch lebte!

Ich gäb ein Indien dafür. Trostlose Allmacht,

Die nicht einmal in Gräber ihren Arm

Verlängern, eine kleine Übereilung

Mit Menschenleben nicht verbessern kann!

Die Toten stehen nicht mehr auf Wer darf

Mir sagen, daß ich glücklich bin? Im Grabe

Wohnt einer, der mir Achtung vorenthalten.

Was gehn die Lebenden mich an? Ein Geist,

Ein freier Mann stand auf in diesem ganzen

Jahrhundert – Einer – Er verachtet mich

Und stirbt.

ALBA.

So lebten wir umsonst! – Laßt uns

Zu Grabe gehen, Spanier. Auch noch

Im Tode raubt uns dieser Mensch das Herz

Des Königs!

KÖNIG er setzt sich nieder, den Kopf auf den Arm gestützt.

Wär er mir also gestorben!

Ich hab ihn liebgehabt, sehr lieb. Er war

Mir teuer wie ein Sohn. In diesem Jüngling

Ging mir ein neuer, schönrer Morgen auf.

Wer weiß, was ich ihm aufbehalten! Er

War meine erste Liebe. Ganz Europa

Verfluche mich! Europa mag mir fluchen.

Von diesem hab ich Dank verdient.

DOMINGO.

Durch welche

Bezauberung –

KÖNIG.

Und wem bracht er dies Opfer?

Dem Knaben, meinem Sohne? Nimmermehr.

Ich glaub es nicht. Für einen Knaben stirbt

Ein Posa nicht. Der Freundschaft arme Flamme[206]

Füllt eines Posa Herz Dicht aus. Das schlug

Der ganzen Menschheit. Seine Neigung war

Die Welt mit allen kommenden Geschlechtern.

Sie zu vergnügen fand er einen Thron –

Und geht vorüber? Diesen Hochverrat

An seiner Menschheit sollte Posa sich

Vergeben? Nein. Ich kenn ihn besser. Nicht

Den Philipp opfert er dem Carlos, nur

Den alten Mann dem Jüngling, seinem Schüler.

Des Vaters untergehnde Sonne lohnt

Das neue Tagwerk nicht mehr. Das verspart man

Dem nahen Aufgang seines Sohns – O, es ist klar!

Auf meinen Hintritt wird gewartet.

ALBA.

Lesen Sie

In diesen Briefen die Bekräftigung.

KÖNIG steht auf.

Er könnte sich verrechnet haben. Noch,

Noch bin ich. Habe Dank, Natur. Ich fühle

In meinen Sehnen Jünglingskraft. Ich will

Ihn zum Gelächter machen. Seine Tugend

Sei eines Träumers Hirngespinst gewesen.

Er sei gestorben als ein Tor. Sein Sturz

Erdrücke seinen Freund und sein Jahrhundert!

Laß sehen, wie man mich entbehrt. Die Welt

Ist noch auf einen Abend mein. Ich will

Ihn nützen, diesen Abend, daß nach mir

Kein Pflanzer mehr in zehen Menschenaltern

Auf dieser Brandstatt ernten soll. Er brachte

Der Menschheit, seinem Götzen, mich zum Opfer;

Die Menschheit büße mir für ihn! – Und jetzt –

Mit seiner Puppe fang ich an.


Zum Herzog von Alba.


Was wars

Mit dem Infanten? Wiederholt es mir. Was lehren

Mich diese Briefe?

ALBA.

Diese Briefe, Sire,

Enthalten die Verlassenschaft des Marquis

Von Posa an Prinz Karl.[207]

KÖNIG durchläuft die Papiere, wobei er von allen Umstehenden scharf beobachtet wird. Nachdem er eine Zeitlang gelesen, legt er sie weg und geht stillschweigend durch das Zimmer.

Man rufe mir

Den Inquisitor Kardinal. Ich laß

Ihn bitten, eine Stunde mir zu schenken.


Einer von den Granden geht hinaus. Der König nimmt die Papiere wieder, liest fort und legt sie abermals weg.


In dieser Nacht also?

TAXIS.

Schlag zwei Uhr soll

Die Post vor dem Kartäuserkloster halten.

ALBA.

Und Leute, die ich ausgesendet, sahen

Verschiednes Reis'geräte, an dem Wappen

Der Krone kenntlich, nach dem Kloster tragen.

FERIA.

Auch sollen große Summen auf den Namen

Der Königin bei maurischen Agenten

Betrieben worden sein, in Brüssel zu

Erheben.

KÖNIG.

Wo verließ man den Infanten?

ALBA.

Beim Leichnam des Maltesers.

KÖNIG.

Ist noch Licht im Zimmer

Der Königin?

ALBA.

Dort ist alles still. Auch hat

Sie ihre Kammerfrauen zeitiger,

Als sonsten zu geschehen pflegt, entlassen.

Die Herzogin von Arkos, die zuletzt

Aus ihrem Zimmer ging, verließ sie schon

In tiefem Schlafe.


Ein Offizier von der Leibwache tritt herein, zieht den Herzog von Feria auf die Seite und spricht leise mit ihm. Dieser wendet sich betreten zum Herzog von Alba, andre drängen sich hinzu, und es entsteht ein Gemurmel.


FERIA, TAXIS, DOMINGO zugleich.

Sonderbar!

KÖNIG.

Was gibt es?

FERIA.

Eine Nachricht, Sire, die kaum[208]

Zu glauben ist –

DOMINGO.

Zween Schweizer, die soeben

Von ihrem Posten kommen, melden – es

Ist lächerlich, es nachzusagen.

KÖNIG.

Nun?

ALBA.

Daß in dem linken Flügel des Palasts

Der Geist des Kaisers sich erblicken lassen

Und mit beherztem, feierlichem Schritt an ihnen

Vorbeigegangen. Eben diese Nachricht

Bekräftgen alle Wachen, die durch diesen

Pavillon verbreitet stehn, und setzen

Hinzu, daß die Erscheinung in den Zimmern

Der Königin verschwunden.

KÖNIG.

Und in welcher

Gestalt erschien er?

OFFIZIER.

In dem nämlichen

Gewand, das er zum letztenmal in Justi

Als Hieronymitermönch getragen.

KÖNIG.

Als Mönch? Und also haben ihn die Wachen

Im Leben noch gekannt? Denn woher wußten

Sie sonst, daß es der Kaiser war?

OFFIZIER.

Daß es

Der Kaiser müsse sein, bewies das Zepter,

Das er in Händen trug.

DOMINGO.

Auch will man ihn

Schon öfters, wie die Sage geht, in dieser

Gestalt gesehen haben.

KÖNIG.

Angeredet hat

Ihn niemand?

OFFIZIER.

Niemand unterstand sich.

Die Wachen sprachen ihr Gebet und ließen

Ihn ehrerbietig mitten durch.

KÖNIG.

Und in den Zimmern

Der Königin verlor sich die Erscheinung?

OFFIZIER.

Im Vorgemach der Königin.


Allgemeines Stillschweigen.[209]


KÖNIG wendet sich schnell um.

Wie sagt ihr?

ALBA.

Sire, wir sind stumm.

KÖNIG nach einigem Besinnen zu dem Offizier.

Laßt meine Garden unter

Die Waffen treten und jedweden Zugang

Zu diesem Flügel sperren. Ich bin lüstern,

Ein Wort mit diesem Geist zu reden.


Der Offizier geht ab. Gleich darauf ein Page.


PAGE.

Sire!

Der Inquisitor Kardinal.

KÖNIG zu den Anwesenden.

Verlaßt uns.


Der Kardinal Großinquisitor, ein Greis von neunzig Jahren und blind, auf einen Stab gestützt und von zwei Dominikanern geführt. Wie er durch ihre Reihen geht, werfen sich alle Granden vor ihm nieder und berühren den Saum seines Kleides. Er erteilt ihnen den Segen. Alle entfernen sich.


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 2, München 31962, S. 205-210.
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