An einen Moralisten

[70] Fragment


Betagter Renegat der lächelnden Dione!

Du lehrst, daß Lieben Tändeln sei,

Blickst von des Alters Winterwolkenthrone

Und schmälest auf den goldnen Mai.
[70]

Erkennt Natur auch Schreibepultgesetze?

Für eine warme Welt – taugt ein erfrorner Sinn?

Die Armut ist, nach dem Aesop, der Schätze

Verdächtige Verächterin.


Einst, als du noch das Nymphenvolk bekriegtest,

Ein Fürst des Karnevals den teutschen Wirbel flogst,

Ein Himmelreich in beiden Armen wiegtest,

Und Nektarduft von Mädchenlippen zogst?


Ha Seladon! wenn damals aus den Achsen

Gewichen wär so Erd- als Sonnenball,

In Wirbelschwung mit Julien verwachsen,

Du hättest überhört den Fall,


Und wenn nach manchen fehlgesprengten Minen

Ihr eignes Blut, von wilder Lust geglüht,

Die stolze Tugend deiner Schönen

Zuletzt an deine Brust verriet?


Wie? oder wenn romantisch im Gehölze

Ein leiser Laut zu deinen Ohren drang,

Und in der Wellen silbernem Gewälze

Ein Mädchen Sammetglieder schwang?


Wie schlug dein Herz! wie stürmete! wie kochte

Aufrührerisch das scharfgejagte Blut!

Zuckt jede Senn – und jeder Muskel pochte

Wollüstig in die Flut!


Wenn dann gewahr des Diebs, der sie belauschte,

Purpurisch angehaucht von jüngferlicher Scham,

Ins blaue Bett die Schöne niederrauschte,

Und hintennach mein strenger Zeno – schwamm,


Ja hintennach – und seis auch nur zu baden!

Mit Rock und Kamisol und Strumpf –

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
[71]

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Leis flöteten die lüsternen Najaden

Der Grazien Triumph!


O denk zurück nach deinen Rosentagen

Und lerne, die Philosophie

Schlägt um, wie unsre Pulse anders schlagen,

Zu Göttern schaffst du Menschen nie.


Wohl! wenn ins Eis des klügelnden Verstandes

Das warme Blut ein bißchen muntrer springt!

Laß den Bewohnern eines bessern Landes,

Was ewig nie dem Erdensohn gelingt.


Zwingt doch der tierische Gefährte

Den gottgebornen Geist in Sklavenmauren ein –

Er wehrt mir, daß ich Engel werde,

Ich will ihm folgen, Mensch zu sein.


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 1, München 31962, S. 70-72.
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