Die Pest

[97] Eine Phantasie


Gräßlich preisen Gottes Kraft

Pestilenzen, würgende Seuchen,

Die mit der grausen Brüderschaft

Durchs öde Tal der Grabnacht schleichen.


Bang ergreifts das klopfende Herz,

Gichtrisch zuckt die starre Sehne,

Gräßlich lacht der Wahnsinn in das Angstgestöhne,

In heulende Triller ergeußt sich der Schmerz.


Raserei wälzt tobend sich im Bette –

Giftger Nebel wallt um ausgestorbne Städte,

Menschen – hager – hohl und bleich –

Wimmeln in das finstre Reich.


Brütend liegt der Tod auf dumpfen Lüften,

Häuft sich Schätze in gestopften Grüften –

Pestilenz sein Jubelfest.

Leichenschweigen – Kirchhofstille

Wechseln mit dem Lustgebrülle,

Schröcklich preiset Gott die Pest.


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 1, München 31962, S. 97.
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