Ein Vater an seinen Sohn

[78] Wie die Himmelslüfte mit den Rosen

An den Frühlingsmorgen zärtlich kosen,

Kind, so schmeichelt dir

Itzt das äußre Glück in deinen Jugendtagen.

Tränen sahst du nur, noch rangen keine Klagen

Sich aus deiner Brust herfür.


Aber sieh! der Hain, der kaum entzücket,

Neigt sich, plötzlich rast der Sturm, zerknicket

Liegt die Rosenblum!

O so ist es, Sohn, mit unsern Sinnesfreuden,

Unserm Golde, unsern lichten Herrlichkeiten,

So mit unserm Flitterruhm.


Nur des Höchsten Abglanz, der Gerechte,

Welcher in dem schröcklichen Gefechte

Zwischen Lust und Pflicht

Jener sich entringt, der höhern Weisheit Stimme

Folget, trotz der Selbstsucht heißem Grimme,

Die sein Herz mit Schwertern sticht –


Dessen Wollust trägt von hier die Bahre

Nicht, es löscht sie nicht der Strom der Jahre,

Nicht die Ewigkeit:

Angeleuchtet könnt er in den letzten Blitzen

Und vom Weltenumsturz angeschwungen sitzen

Ohne Menschenbangigkeit.


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 1, München 31962, S. 77-78.
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