An Goethe

[106] Zur achtzigsten Feier seines Geburtstags.


28. August 1829.


Melodie: Mich ergreift ich weiß nicht wie usw.


Drei Gefühle wünschen wir

Dir am heut'gen Tage,

Hoher Greis, auf daß du dich

Freuest ohne Klage,

Daß dich aus der Gegenwart

Dichterfittig trage,

Zukunft wie Vergangenheit

Um dich Flammen schlage:


Fasse dich das Hochgefühl

Deiner ersten Lieder,

Komme jener Frühlingsgeist

Wehend auf dich nieder,[106]

Leucht' aus Wang' und Stirn' und Blick

Dir noch einmal wieder,

Und zum Himmel hebe dich

Nachtigallgefieder!


Fühle dann, was du empfandst,

Als die Herzen brannten,

Tausend Lippen dich zuerst

Deutschlands Dichter nannten,

Als die besten Geister dich

Immer mehr erkannten,

Und die Scheelsucht und den Haß

In die Tiefe bannten.


Endlich ahne, was man fühlt,

Wenn man einst dich schauet,

Wenn dein Ruhm am Horizont

Fern, doch mächtig, blauet;

Wenn der Thurm von Babel stürzt,

Dran man jetzo bauet,

Und vor deinem frischen Werk

Junges steht ergrauet.


Alles das, beglückter Greis,

Fühl' es heut, o fühle,

Dann laß lind umhauchen dich

Lebensabendkühle.

Ob auch Lethe's stille Flut

Nah und näher spüle,

Rauben kann sie dir doch nicht

Diese drei Gefühle!

Quelle:
Gustav Schwab: Gedichte. Leipzig [um 1880], S. 106-107.
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Gedichte, Erster Band