Ruhe

[68] Ruhe jeder Leidenschaft

Tränkt das Herz mit Götterkraft;

Ruhe stählet Sehn' und Mark,

Macht zu jeder Bürde stark.


Ruhe führt des Sehers Sinn

Höher durch die Welten hin,

Wo er Orionen mißt

Und der Erde Sand vergißt.


Ruhe senkt des Weisen Blick

Tiefer zu der Brüder Glück;

Ruhe mißt am Lebensstab

Richtig Zweck und Mittel ab.[69]


Ruhe zückt des Kriegers Schwert

Blitzender für Haus und Herd;

Ruhe biethet der Gefahr

Fester Stirn und Busen dar.


Ruhe scheucht wie Sonnenblick

Nebel von dem Pfad zurück;

Ruhe lehrt, was gut und schön,

In dem hellsten Lichte sehn,


Ruhe reihet jedes Ding

In der Kette rechten Ring;

Ruhe bleibet, immer rein,

Jeder Freude Probestein.


Ruhe zieht aus Gottes Luft

Süßer seines Lenzes Duft;

Ruhe schmeckt der Traube Blut

Geistiger zu hohem Muth.


Ruhe trinkt zum zweyten Mahl

Aus der Freude Festpokal;

Ruhe trägt die Freuden heim,

Wie die Biene Honigseim.[70]


Ruhe hat bey schwarzem Brot

Götterkost im Abendroth;

Ruhe schöpft zum Nectartrank

Wasser von der Rasenbank.


Ruhe trotzt dem nahen Sturm

Wie die Wach' im Felsenthurm;

Ruhe sieht ins offne Grab

Ohne Herzensangst hinab.


Ruhe nicht, die ohne Sinn,

Ohne Schaden und Gewinn,

Wie die Schlafsucht um sich gähnt,

Aber kaum die Glieder dehnt;


Ruhe nicht, die matt und stumpf

Bey dem Menschenelend dumpf,

Ohne Herz und Regung sitzt,

Und den Schweiß der Dummheit schwitzt;


Ruhe nicht, die auf die Qual,

Auf die Leiden ohne Zahl

Ihrer Mitgeschöpfe schielt,

Aber nichts mit ihnen fühlt.[71]


Ruhe, welche über Welt

Kopf und Herz in Eintracht hält;

Ruh der Tugend und ihr Lohn,

In der Hütt' und um den Thron.


Ruhe, die mit süßem Hang

Tröstung reicht und Labetrank;

Ruhe, die den letzten Deut

Einem ärmern Bruder beut.


Ruhe, welche Säcke Gold

Wie die Kieselwacken rollt;

Ruhe, die am Hochgericht

Wie bey Bechern Wahrheit spricht.


Ruhe, wie Elysium

In der Seele Heiligthum,

Die mit stiller Majestät

Durch die große Schranke geht.


Diese Ruhe hält noch fest,

Wenn uns Welt und Sinn verläßt,

Drückt uns sanft die Augen zu;

Himmel, gib mir diese Ruh!

Quelle:
Johann Gottfried Seume: Gedichte. Wien und Prag 31810, S. 68-72.
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