Erste Szene

[339] Ein Wald in Yorkshire.


Der Erzbischof von York, Mowbray, Hastings und andere treten auf.


ERZBISCHOF.

Wie heißt hier dieser Wald?

HASTINGS.

's ist Gualtree-Wald, mit Eurer Gnaden Gunst.

ERZBISCHOF.

Hier haltet, Lords, und sendet Späher aus.

Die Anzahl unsrer Feinde zu erfahren!

HASTINGS.

Wir sandten schon sie aus.

ERZBISCHOF.

's ist wohl getan.

Ihr Freund' und Brüder bei dem großen Werk,

Ich muß euch melden, daß ich frische Briefe

Empfangen habe von Northumberland;

Ihr kalter Sinn und Inhalt lautet so:

Er wünschet sich, hier in Person zu sein

Mit einer Macht, die seinem Rang gemäß;

Die konnt' er nicht versammeln, zog hierauf,

Sein wachsend Glück zu reifen, sich zurück

Nach Schottland; und er schließt, Gott herzlich bittend,

Daß euer Anschlag die Gefahr bestehe

Und furchtbar Stoßen auf den Gegenteil.

MOWBRAY.

So fällt, was wir von ihm gehofft, zu Boden

Und schmettert sich in Stücke.


Ein Bote kommt.


HASTINGS.

Nun, was gibt's?

BOTE.

Westlich vom Wald, kaum eine Meile weit,

Rückt in geschloßnem Zug der Feind heran,

Und nach dem Boden, den er einnimmt, schätz' ich

Ihn dreißigtausend oder nah daran.[339]

MOWBRAY.

Genau die Anzahl, wie wir sie vermutet:

Ziehn wir denn fort und treffen sie ihm Feld!


Westmoreland tritt auf.


ERZBISCHOF.

Welch wohlbewehrter Führer naht sich da?

MOWBRAY.

Ich denk', es ist der Lord von Westmoreland.

WESTMORELAND.

Habt Heil und Gruß von unserm General,

Dem Prinz Johann, Herzog von Lancaster!

ERZBISCHOF.

Sprecht friedlich weiter, Lord von Westmoreland,

Worauf zielt Euer Kommen?

WESTMORELAND.

Wohl, Mylord,

So wend' ich ganz den Inhalt meiner Rede

An Euer Gnaden. Käme Rebellion

Sich selber gleich, in niedern, schnöden Haufen,

Mit Wut verbrämt, geführt von blut'ger Jugend,

Von Bettelei und Buben unterstützt:

Ich sag', erschien verdammter Aufruhr so

In angeborner, eigenster Gestalt,

So wäret Ihr nicht hier, ehrwürd'ger Vater,

Noch diese edlen Lords, die ekle Bildung

Der blutigen Empörung zu bekleiden

Mit Euren Ehren. Ihr, Herr Erzbischof,

Des Stuhl durch Bürgerfrieden wird beschützt,

Des Bart des Friedens Silberhand berührt,

Des Wissen und Gelahrtheit Fried' erzogen,

Des weiße Kleidungen auf Unschuld deuten,

Des Friedens Taub' und echten Segensgeist:

Was übersetzt Ihr selber Euch so übel

Aus dieser Friedenssprache voller Huld

In die geräusch'ge, rauhe Zung' des Kriegs?

Verkehrt in Beinharnische Eure Bücher,

Die Tint' in Blut, in Lanzen Eure Federn,

Und Eurer Zunge geistliche Belehrung

In schmetternde Trompet' und Kriegsgetön?

ERZBISCHOF.

Weswegen ich dies tu'? – So steht die Frage.

Zu diesem Ende: – wir sind alle krank,

Und unser schwelgendes und wüstes Leben

Hat in ein hitzig Fieber uns gebracht,[340]

Wofür wir bluten müssen; an dem Übel

Starb unser König Richard, angesteckt.

Allein, mein edler Lord von Westmoreland,

Ich gebe hier für keinen Arzt mich aus,

Noch schar' ich wie ein Feind des Friedens mich

In das Gedränge kriegerischer Männer:

Vielmehr erschein' ich wie der droh'nde Krieg

Auf eine Zeitlang, üppige Gemüter

Zu heilen, die an eignem Glücke kranken,

Zu rein'gen die Verstopfung, welche schon

Die Lebensadern hemmt. Hört mich bestimmter;

Ich hab' in gleicher Waage recht gewogen,

Was unser Krieg für Übel stiften kann,

Was wir für Übel dulden: und ich finde

Die Klagen schwerer als die Übertretung.

Wir sehn, wohin der Lauf der Zeiten geht,

Und werden aus der stillen Ruh' gerissen

Von der Gelegenheit gewalt'gem Strom;

Auch setzten wir all unsre Klagen auf,

Zu rechter Zeit Artikel vorzuweisen,

Die wir schon längst dem König dargeboten,

Allein durch kein Gesuch Gehör erlangt;

Geschieht zu nah uns, und wir wollen klagen,

So weigern die den Zutritt uns zu ihm,

Die selbst am meisten uns zu nah getan.

Teils die Gefahren erst vergangner Tage,

Die ihr Gedächtnis mit noch sichtbar'm Blut

Der Erde eingeschrieben, – dann die Fälle

Die jegliche Minute jetzt noch liefert:

Sie haben diese übelsteh'nden Waffen

Uns angelegt, nicht zu des Friedens Bruch

Noch des Geringsten, was dazu gehört, –

Nein, einen Frieden wirklich hier zu stiften,

Der es der Art nach wie dem Namen sei.

WESTMORELAND.

Wann ward Euch jemals schon Gehör versagt?

Worin seid Ihr vom König wohl gekränkt?

Was für ein Pair ward wider Euch verhetzt.[341]

Daß Ihr auf dies gesetzlos blut'ge Buch

Der Rebellion ein göttlich Siegel drückt

Und heiliget des Aufruhrs scharfe Schneide?

ERZBISCHOF.

Den allgemeinen Bruder, unsern Staat,

Macht häuslich Unrecht am gebornen Bruder

Zu meinem Zwist noch insbesondre mir.

WESTMORELAND.

Es braucht hier keiner solchen Herstellung,

Und wär' es auch, so kommt sie Euch nicht zu.

MOWBRAY.

Warum nicht ihm zum Teil, und sämtlich uns,

Die wir die Schäden vor'ger Tage fühlen

Und leiden, daß der Zustand dieser Zeiten

Mit einer schweren und ungleichen Hand

Auf unsre Ehre drückt?

WESTMORELAND.

O mein Lord Mowbray,

Nach ihrer Notdurft legt die Zeiten aus,

Und sagen werdet Ihr, es sei die Zeit

Und nicht der König, der Euch Unrecht tut.

Allein, was Euch betrifft, so scheint mir's nicht,

Daß Ihr ein Zoll breit eines Grundes hättet,

Um Klagen drauf zu baun: seid Ihr nicht hergestellt

In alle Herrlichkeiten Eures Vaters,

Herzogs von Norfolk edlen Angedenkens?

MOWBRAY.

Was büßt' an Ehre dann mein Vater ein,

Das neu in mir belebt zu werden brauchte?

Der König liebt' ihn, doch so stand der Staat,

Daß er gezwungen ward, ihn zu verbannen;

Und da, als Heinrich Bolingbroke und er –

Im Sattel beide festgezwungen nun,

Ihr wiehernd Streitroß reizend mit dem Sporn,

Die Stangen eingelegt, Visiere nieder,

Die Augen sprühend durch des Stahles Gitter,

Und die Trompete sie zusammen blasend; –

Da, da, als nichts vermochte, meinen Vater

Vom Busen Bolingbrokes zurück zu halten,

Oh, als der König seinen Stab herabwarf,

Da hing sein eignes Leben an dem Stab;

Da warf er sich herab und aller Leben,[342]

Die durch Verklagung und Gewalt des Schwerts

Seitdem verunglückt unter Bolingbroke.

WESTMORELAND.

Ihr sprecht, Lord Mowbray, nun, Ihr wißt nicht was;

Der Graf von Hereford galt zu jener Zeit

In England für den bravsten Edelmann:

Wer weiß, wem da das Glück gelächelt hätte?

Doch wär' Eu'r Vater Sieger dort gewesen,

Nie hätt' er's fortgebracht aus Coventry.

Denn wie mit einer Stimme schrie das Land

Haß wider ihn; all ihr Gebet und Liebe

Wandt' auf den Hereford sich: der ward vergöttert,

Gesegnet und geehrt mehr als der König.

Doch dies ist Abschweifung von meinem Zweck.

Ich komme hier vom Prinzen, unserm Feldherrn,

Zu hören, was Ihr klagt, und Euch zu melden,

Daß er Gehör Euch leihn will, und worin

Sich Eure Foderungen billig zeigen,

Sollt Ihr Euch ihrer freuen; ganz beseitigt,

Was irgend nur als Feind' Euch achten läßt!

MOWBRAY.

Er zwang uns, dies Erbieten abzudringen,

Und Politik, nicht Liebe gab es ein.

WESTMORELAND.

Mowbray, Ihr blendet Euch, wenn Ihr's so nehmt,

Von Gnade, nicht von Furcht kommt dies Erbieten;

Denn seht! Im Angesicht liegt unser Heer,

Auf meine Ehre, zu voll Zuversicht,

Von Furcht nur den Gedanken zuzulassen.

Mehr Namen sind in unsrer Schlachtordnung,

Geübter unsre Männer in den Waffen,

Gleich stark die Rüstung, unsre Sache besser:

Drum heißt Vernunft auch gleich beherzt uns sein.

Nennt das Erbieten denn nicht abgedrungen!

MOWBRAY.

Gut, geht's nach mir, so gilt kein Unterhandeln.

WESTMORELAND.

Damit beweist Ihr nur des Fehltritts Schande:

Ein fauler Schade leidet kein Betasten.[343]

HASTINGS.

Hat denn der Prinz Johann vollständ'gen Auftrag

Aus seines Vaters Machtvollkommenheit,

Um anzuhören, schließlich zu entscheiden,

Was für Bedingungen man uns verspricht?

WESTMORELAND.

Das liegt ja in des Feldherrn Namen schon:

Ich wundre mich, daß Ihr so eitel fragt.

ERZBISCHOF.

Dann, Lord von Westmoreland, nehmt diesen Zettel,

Denn er enthält die sämtlichen Beschwerden.

Wenn jeder Punkt hierin verbessert ist,

All unsre Mitgenossen, hier und sonst,

Die dieser Handlung Sehnen angespannt,

Nach echter, gült'ger Weise losgesprochen

Und schnelle Ausführung von unserm Willen

Uns zugesichert ist und unserm Zweck,

So treten wir in unsrer Demut Schranken

Und fesseln unsre Macht im Arm des Friedens.

WESTMORELAND.

Ich will's dem Feldherrn zeigen. Laßt uns, Lords,

Im Angesicht der beiden Heer' uns treffen,

Daß wir's in Frieden enden, wie Gott gebe!

Wo nicht, zum Ort des Streits die Schwerter rufen,

Die es entscheiden müssen.

ERZBISCHOF.

Ja, Mylord


Westmoreland ab.


MOWBRAY.

In meiner Brust lebt etwas, was mir sagt,

Daß kein Vertrag des Friedens kann bestehn.

HASTINGS.

Das fürchtet nicht: wenn wir ihn schließen können

Auf so entschieden ausgedehnte Rechte,

Wie unsern Foderungen es gemäß,

So wird der Friede stehn wie Felsenberge.

MOWBRAY.

Ja, doch wir werden so geachtet werden,

Daß jede leichte, falsch gewandte Ursach',

Ja, jeder eitle und spitzfind'ge Grund

Dem König schmecken wird nach dieser Tat;

Daß, würd' auch unsre Treu' zur Märterin,[344]

Man wird uns worfeln mit so rauhem Wind,

Daß unser Korn so leicht wie Spreu erscheint

Und Gut und Böses keine Scheidung findet.

ERZBISCHOF.

Nein, nein, Mylord: bedenkt, der König ist

So ekler, läppischer Beschwerden satt.

Er fand, durch Tod den einen Zweifel enden,

Das weckt zwei größre in des Lebens Erben.

Und darum wird er rein die Tafel wischen

Und keinen Klätscher dem Gedächtnis halten,

Der den Verlust zu stetiger Erinn'rung

Ihm wiederhole: denn er weiß gar wohl,

Daß er sein Land nicht so genau kann gäten,

Als ihm sein Argwohn immer Anlaß gibt.

So eng verwachsen sind ihm Freund und Feind,

Daß, wenn er reißt, den Gegner zu entwurzeln,

Er einen Freund auch los' und wankend macht;

So daß dies Land ganz wie ein trotzend Weib,

Das ihn erzürnt, mit Streichen ihr zu drohn,

Wie er nun schlägt, sein Kind entgegen hält

Und schweben macht entschloßne Züchtigung

Im Arm, der schon zur Ausführung erhoben.

HASTINGS.

Auch hat der König alle seine Ruten

An vor'gen Übertretern aufgebraucht,

Ihm fehlen nun Werkzeuge selbst zum Strafen,

Daß seine Macht, ein klauenloser Löwe,

Drohn, doch nicht fassen kann.

ERZBISCHOF.

Das ist sehr wahr,

Und darum glaubt nur, wertester Lord Marschall,

Wird jetzt die Aussöhnung zu stand gebracht,

So wird, wie ein geheiltes Bein, der Friede

Nur stärker durch den Bruch.

MOWBRAY.

Es mag dann sein.

Da kommt der Lord von Westmoreland zurück.


Westmoreland kommt zurück.


WESTMORELAND.

Der Prinz ist in der Näh'; gefällt's Eu'r Edlen,

In gleichem Abstand zwischen unsern Heeren

Den gnäd'gen Herrn zu treffen?[345]

MOWBRAY.

Eu'r Hochwürden

Von York, so brecht in Gottes Namen auf!

ERZBISCHOF.

Bringt unsern Gruß zuvor: Mylord, wir kommen.


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 339-346.
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