Dritte Szene

[757] Eduards Lager in der Nähe von Warwick.


Schildwachen vor des Königs Zelt treten auf.


ERSTE SCHILDWACHE.

Kommt, Leute, nehme jeder seinen Stand,

Der König hat sich schon zum Schlaf gesetzt.

ZWEITE SCHILDWACHE.

Was? Will er nicht zu Bett?[757]

ERSTE SCHILDWACHE.

Nein, er hat einen hohen Schwur getan,

Niemals zu liegen noch der Ruh' zu pflegen,

Bis Warwick oder er ganz unterlegen.

ZWEITE SCHILDWACHE.

Vermutlich wird das morgen sein am Tag,

Wenn Warwick schon so nah ist, wie es heißt.

DRITTE SCHILDWACHE.

Doch bitte, sagt, wer ist der Edelmann,

Der bei dem König hier im Zelte ruht?

ERSTE SCHILDWACHE.

Lord Hastings ist's, des Königs größter Freund.

DRITTE SCHILDWACHE.

O wirklich? Doch warum befiehlt der König,

Daß all sein Anhang rings in Städten herbergt,

Indes er selbst im kalten Felde bleibt?

ZWEITE SCHILDWACHE.

Es ist mehr Ehre, weil's gefährlicher.

DRITTE SCHILDWACHE.

Ja, aber gebt mir Achtbarkeit und Ruh',

Das lieb' ich mehr als Ehre mit Gefahr.

Wenn Warwick wüßt', in welcher Lag' er ist.

's ist zu befürchten, daß er wohl ihn weckte.

ERSTE SCHILDWACHE.

Wenn's unsre Hellebarden nicht ihm wehren.

ZWEITE SCHILDWACHE.

Ja, wozu sonst bewachen wir sein Zelt,

Als ihn vor nächt'gem Anlauf zu beschützen?


Warwick, Clarence, Oxford und Somerset treten auf mit Truppen.


WARWICK.

Dies ist sein Zelt, seht seine Wachen stehn.

Auf, Leute! Mut! Nun oder nimmer Ehre!

Folgt mir, und Eduard soll unser sein.

ERSTE SCHILDWACHE.

Wer da?

ZWEITE SCHILDWACHE.

Steh, oder du bist des Todes.


Warwick und alle übrigen rufen: »Warwick! Warwick!« und greifen die Wachen an, welche fliehen und schrein: »Zu den Waffen! Zu den Waffen!« während ihnen Warwick und die andern nachsetzen.


Unter Trommeln und Trompeten kommen Warwick und die übrigen zurück und bringen den König im Schlafrock, in einem Lehnstuhl sitzend, heraus. Gloster und Hastings fliehn über die Bühne.[758]


SOMERSET.

Wer sind sie, die da flohn?

WARWICK.

Richard und Hastings; laßt sie, hier ist der Herzog.

KÖNIG EDUARD.

Herzog! Wie, Warwick? Da wir schieden, nanntest

Du König mich.

WARWICK.

Ja, doch der Fall ist anders.

Als Ihr bei der Gesandtschaft mich beschimpft,

Da hab' ich Euch der Königswürd' entsetzt,

Und nun ernenn' ich Euch zum Herzog York.

Wie solltet Ihr ein Königreich regieren,

Der Ihr nicht wißt, Gesandte zu behandeln,

Nicht wißt, mit einem Weib Euch zu begnügen,

Nicht wißt, an Brüdern brüderlich zu handeln,

Nicht wißt, auf Eures Volkes Wohl zu sinnen,

Nicht wißt, vor Euren Feinden Euch zu bergen?

KÖNIG EDUARD.

Ei, Bruder Clarence, bist du auch dabei?

Dann seh' ich wohl, daß Eduard sinken muß. –

Ja, Warwick, allem Mißgeschick zum Trotz,

Dir selbst und allen Helfern deiner Tat,

Wird Eduard stets als König sich betragen:

Stürzt gleich des Glückes Bosheit meine Größe,

Mein Sinn geht über seines Rades Kreis.

WARWICK nimmt ihm die Krone ab.

Sei Eduard Englands König dann im Sinn,

Doch Heinrich soll nun Englands Krone tragen

Und wahrer König sein: du nur der Schatte. –

Mylord von Somerset, auf mein Begehren

Sorgt, daß man gleich den Herzog Eduard schaffe

Zu meinem Bruder, Erzbischof von York.

Wann ich gekämpft mit Pembroke und den Seinen,

So folg' ich Euch und melde, was für Antwort

Ihm Ludwig und das Fräulein Bona senden.

Leb wohl indessen, guter Herzog York!

KÖNIG EDUARD.

Was Schicksal auflegt, muß der Mensch ertragen,

Es hilft nicht, gegen Wind und Flut sich schlagen.


König Eduard wird abgeführt, Somerset begleitet ihn.[759]


OXFORD.

Was bleibt für uns, Mylords, nun noch zu tun,

Als daß wir mit dem Heer nach London ziehn?

WARWICK.

Ja wohl, das müssen wir zuvörderst tun:

Um König Heinrich vom Verhaft zu lösen

Und auf den Königsthron ihn zu erhöhn.


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 757-760.
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