Vierte Szene

[509] Frankreich. Vor Orleans.


Der Büchsenmeister und sein Sohn treten auf den Mauern auf.


BÜCHSENMEISTER.

Du weißt, Bursch, wie man Orleans belagert,

Und wie die Englischen die Vorstadt haben.

SOHN.

Ich weiß es, Vater, und schoß oft nach ihnen,

Unglücklich nur verfehlt' ich stets mein Ziel.[509]

BÜCHSENMEISTER.

Nun sollst du's nicht: laß du von mir dich lenken!

Haupt-Büchsenmeister bin ich dieser Stadt!

Ich muß was tun, um Gunst mir zu erwerben.

Kundschafter von dem Prinzen melden mir,

Wie, in der Vorstadt fest verschanzt, der Feind

Durch ein geheimes Eisengitter pflegt

Auf jenem Turm die Stadt zu überschaun

Und dort erspäht, wie mit dem meisten Vorteil

Sie uns mit Sturm und Schießen drängen können

Um abzustellen nun dies Ungemach,

Hab' ich ein Stück Geschütz darauf gerichtet,

Und seit drei Tagen hab' ich aufgepaßt,

Ob ich sie könnte sehn.

Nun paß du auf, ich kann nicht länger bleiben;

Erspähst du wen, so lauf' und meld' es mir,

Du wirst mich bei dem Festungshauptmann finden.


Ab.


SOHN.

Vater, ich steh' dafür, habt keine Sorge;

Ich will Euch nicht bemühn, späh' ich sie aus.


Auf dem obern Stock eines Turmes erscheinen Salisbury und Talbot, Sir William Glansdale, Sir Thomas Gargrave und andre.


SALISBURY.

Talbot, mein Heil, mein Leben wieder da?

Wie hat man dich behandelt als Gefangnen?

Und wie erlangtest du die Auslösung?

Laß uns auf dieses Turmes Zinne reden.

TALBOT.

Der Herzog Bedford hatte wen gefangen,

Der hieß der tapfre Ponton von Santrailles:

Für den bin ich getauscht und ausgelöst.

Doch wollten sie mich einst zum Hohn verhandeln

Um einen Mann, weit schlechter in den Waffen;

Ich, stolz, verschmähte das und heischte Tod,

Eh' ich so spottgering mich schätzen ließ.

Zuletzt ward ich gelöst, wie ich begehrte.

Doch oh! Der falsche Fastolfe kränkt mein Herz.

Mit bloßen Fäusten könnt' ich ihn ermorden,

Wenn ich in meine Macht ihn jetzt bekäm'.

SALISBURY.

Noch sagst du nicht, wie du gehalten wurdest.[510]

TALBOT.

Mit Spott und Schimpf und schmählichem Verhöhnen.

Auf offnen Märkten führten sie mich vor,

Zum allgemeinen Schauspiel für die Menge.

Dies, sagten sie, ist der Franzosen Schrecken,

Die Vogelscheu, wovor den Kindern graut.

Dann riß ich mich von meinen Wächtern los,

Grub mit den Nägeln Steine aus dem Boden,

Auf meiner Schmach Zuschauer sie zu werfen.

Mein gräßlich Aussehn machte andre fliehn,

Des schleun'gen Todes Furcht ließ keinen nahn.

In Eisenmauern hielt man mich nicht sicher;

So sehr war meines Namens Furcht verbreitet,

Daß sie geglaubt, ich bräche Stangen Stahl

Und sprengt' in Stücke diamantne Pfosten.

Drum hatt' ich eine Wacht, die, scharf geladen,

In jeglicher Minute mich umging,

Und wenn ich nur aus meinem Bett mich rührte.

War sie bereit, mir in das Herz zu schießen.

SALISBURY.

Mit Schmerz hör' ich, was du erlitten hast,

Doch uns genugsam rächen wollen wir.

Jetzt ist in Orleans Abendessens-Zeit:

Hier, durch dies Gitter zähl' ich jeden Mann

Und seh', wie die Franzosen sich verschanzen.

Sieh mit herein, es wird dich sehr ergötzen.

Sir Thomas Gargrave und Sir William Glansdale,

Laßt eure Meinung mich ausdrücklich hören:

Wo nun am besten zu beschießen wär'?

GARGRAVE.

Ich denk', am Nordertor, da steht der Adel.

GLANSDALE.

Und ich hier an dem Bollwerk bei der Brücke.

TALBOT.

So viel ich sehn kann, muß man diese Stadt

Aushungern und mit leichten Treffen schwächen.


Ein Schuß von der Stadt. Salisbury und Gargrave fallen.


SALISBURY.

O Herr! Sei gnädig uns elenden Sündern!

GARGRAVE.

O Herr! Sei gnädig mir bedrängtem Mann!

TALBOT.

Was kreuzt uns für ein Zufall plötzlich hier?

Sprich, Salisbury, wofern du reden kannst:[511]

Wie geht's dir, Spiegel aller wackern Krieger?

Ein Aug' und halb die Wange weggeschmettert!

Verfluchter Turm! Verfluchte Unglücks-Hand,

Die dieses leid'ge Trauerspiel vollführt!

In dreizehn Schlachten siegte Salisbury,

Heinrich den Fünften zog er auf zum Krieg,

Solang' Trompete blies und Trommel schlug,

Ließ nie sein Schwert im Feld zu schlagen ab. –

Du lebst noch, Salisbury? Fehlt dir schon die Rede,

Du hast ein Aug', um Gnad' emporzublicken,

Die Sonne schaut mit einem Aug' die Welt. –

Himmel, sei keinem gnädig, der da lebt,

Wenn Salisbury bei dir Erbarmen mißt! –

Tragt fort die Leiche, ich will helfen sie begraben. –

Sir Thomas Gargrave, hast du irgend Leben?

Sprich mit dem Talbot, schau doch auf zu ihm,

Erfrisch' dich, Salisbury, mit diesem Trost:

Du stirbst mir nicht, derweil –

Er winkt mit seiner Hand und lächelt mir,

Als sagt' er: »Wenn ich tot bin und dahin,

Gedenke mich zu rächen an den Franken.«

Plantagenet, ich will's; und gleich dir, Nero,

Die Laute spielend, Städte brennen sehn.


Man hört es donnern, hierauf ein Getümmel.


Was rührt sich? Was für ein Tumult im Himmel?

Woher kommt dies Getümmel und der Lärm?


Ein Bote tritt auf.

BOTE.

Herr, Herr, die Franken bieten uns die Stirn;

Vereint mit einer Jeanne la Pucelle,

Der neu erstandnen heiligen Prophetin,

Führt große Macht der Dauphin zum Entsatz.


Salisbury ächzt.


TALBOT.

Hört, hört, wie Salisbury noch sterbend ächzt!

Es nagt sein Herz, daß Rach' ihm ist versagt. –

Ich werd' ein Salisbury für euch, Franzosen! –

Pucelle oder Buhle, Delphin oder Meerhund,[512]

Die Herzen stampf' ich mit des Pferdes Hufen

Euch aus und eu'r vermischtes Hirn zu Kot. –

Schafft mir den Salisbury in sein Gezelt,

Dann sehn wir, was die feigen Franken wagen.


Sie gehen ab und tragen die Leichen mit fort.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 509-513.
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