Siebente Szene

[562] Ein andrer Teil des Schlachtfeldes.


Getümmel, Angriffe. Talbot wird, verwundet, von einem Diener geführt.


TALBOT.

Wo ist mein andres Leben? Meines floh. –

Oh, wo ist John, mein tapfrer Talbot, wo?

Dich, Tod, stolzierend mit Gefangenschaft,

Mußt' ich belächeln bei des Sohnes Kraft.

Als er mich sah, wie knieend ich erlegen,

Schwang über mir er seinen blut'gen Degen,

Und, wie ein Löw' im Hunger, hub er an,

Was wilde Wut und Ingrimm je getan.

Doch als allein mein zorn'ger Wächter stand

Und niemand nahte, der ihn angerannt,

Riß hoher Grimm und augenroll'nde Wut

Von meiner Seit' ihn plötzlich in die Flut

Gedrängter Franken, wo er sich versenkte,[562]

Wo in dem See von Blut mein Sohn ertränkte

Den allzukühn geflognen Geist und starb,

Mein Ikarus, so blühend rosenfarb.


Soldaten kommen mit der Leiche John Talbots.


DIENER.

O bester Herr, da bringt man Euren Sohn!

TALBOT.

Du Schalksnarr, Tod, belachst uns hier zum Hohn;

Doch bald, vereint in ew'gen Banden, frei

Von deiner übermüt'gen Tyrannei,

Entschwingen sich durch Himmelsräume weit

Zwei Talbots, dir zum Trotz, der Sterblichkeit. –

O du, des Wunden lieblich stehn bei Toten,

Sprich mit dem Vater vor dem letzten Odem!

Beut sprechend Trotz dem Tod, wie er's auch meint,

Acht' ihn als einen Franken, deinen Feind.

Der arme Knab' scheint lächelnd noch zu sagen:

Wär' Tod ein Frank', ich hätt' ihn heut erschlagen.

Kommt, kommt und legt ihn in des Vaters Arm,

Mein Geist erträgt nicht länger diesen Harm.

Lebt, Krieger, wohl! Ich habe meine Habe:

Mein alter Arm wird zu John Talbots Grabe.


Stirbt.


Getümmel.


Die Soldaten ab, indem sie die beiden Leichen zurücklassen.


Hierauf kommen Karl, Alençon, Burgund, der Bastard, die Pucelle und Truppen.

KARL.

Wär' York und Somerset zu Hülf' geeilt,

Dies wär' ein blut'ger Tag für uns geworden.

BASTARD.

Wie Talbots junger Leu in wilder Wut

Sein winzig Schwert getränkt mit Frankenblut!

PUCELLE.

Ich hab' ihn einst getroffen und gesagt:

»Du Jüngling, sei besiegt von einer Magd!«

Allein mit stolzem majetäst'schen Hohn

Erwidert' er: »Des großen Talbots Sohn

Soll nicht die Beute frecher Dirnen sein.«

Und, stürzend in der Franken dichte Reih'n,

Verließ er mich, als keines Kampfes wert.

BURGUND.

Er hätt' als Ritter sich gewiß bewährt:[563]

Seht, wie er daliegt, eingesargt im Arm

Des blut'gen Pflegers von all seinem Harm!

BASTARD.

Haut sie in Stücken, reißt entzwei dies Paar,

Das Englands Stolz und Galliens Wunder war!

KARL.

Nein, haltet ein! Was lebend Flucht gebot,

Das laßt uns nun nicht schänden, da es tot.


Sir William Lucy tritt auf mit Gefolge, ein französischer Herold geht vor ihm her.


LUCY.

Herold,

Führ' mich zum Zelt des Dauphin, um zu wissen,

Wer dieses Tages Preis davon getragen.

KARL.

Mit welcher unterwürf'gen Botschaft kommst du?

LUCY.

Was? Unterwerfung ist ein fränkisch Wort,

Die englischen Soldaten kennen's nicht.

Ich will nur wissen, wen du nahmst gefangen,

Und dann die Zahl der Toten überschaun.

KARL.

Gefangne willst du? Sie bewahrt die Hölle.

Doch sag mir, wen du suchst?

LUCY.

Wo ist des Feldes mächtiger Alcides,

Der tapfre Talbot, Graf von Shrewsbury?

Ernannt für seine seltnen Waffentaten

Zum Graf von Wexford, Waterford und Valence,

Lord Talbot von Goodrig und Urchinfield,

Lord Strange von Blackmere, Lord Verdun von Alton,

Lord Cromwell von Wingfield, Lord Furnival von Sheffield,

Der höchst sieghafte Lord von Falconbridge,

Ritter vom edlen Orden Sankt Georgs,

Des Goldnen Vlieses und Sankt Michaels wert;

Heinrich des Sechsten Oberfeldhauptmann

Für alle seine Krieg' im Frankenreich?

PUCELLE.

Das ist ein albern prächt'ger Stil, fürwahr!

Der Türk', der zweiundfünfzig Reiche hat,

Schreibt keinen so verdrießlich langen Stil.

Er, den du ausstaffierst mit all den Titeln,

Liegt stinkend und verwesend dir zu Füßen.

LUCY.

Ist Talbot tot, der Franken einz'ge Geißel,

Schreck eures Lands und schwarze Nemesis?

O würden meine Augen Büchsenkugeln,[564]

Daß ich sie wütend euch ins Antlitz schösse!

O könnt' ich nur erwecken diese Toten,

Es wär' genug, der Franken Reich zu schrecken;

Blieb' unter euch sein Bildnis übrig nur,

Den Stolzesten von euch würd' es verwirren.

Gebt mir die Leichen, daß ich hinweg sie trage

Und sie bestatte, wie ihr Wert es heischt.

PUCELLE.

Der aufgeschoßne Fremdling, denk' ich, ist

Des alten Talbots Geist; wie spräch' er sonst

Mit so gebieterischem stolzen Sinn?

Um Gottes willen, gebt sie! Hier behalten,

Vergiften sie die Luft nur mit Gestank.

KARL.

Geht, bringt die Leichen fort!

LUCY.

Fort trag' ich sie;

Allein aus ihrer Asche wird erweckt

Ein Phönix, welcher einst ganz Frankreich schreckt.

KARL.

Sind wir nur ihrer los, macht, was Ihr wollt, damit.

Nun nach Paris, von Siegeslust getragen:

Nichts widersteht, da Talbot ist erschlagen.


Alle ab.[565]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 562-566.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Angelus Silesius

Cherubinischer Wandersmann

Cherubinischer Wandersmann

Nach dem Vorbild von Abraham von Franckenberg und Daniel Czepko schreibt Angelus Silesius seine berühmten Epigramme, die er unter dem Titel »Cherubinischer Wandersmann« zusammenfasst und 1657 veröffentlicht. Das Unsagbare, den mystischen Weg zu Gott, in Worte zu fassen, ist das Anliegen seiner antithetisch pointierten Alexandriner Dichtung. »Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein. Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.«

242 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon