Fünfte Szene

[527] Ebendaselbst. Ein Zimmer im Turm.


Mortimer wird von zwei Gefangenwärtern in einem Armstuhl hereingetragen


MORTIMER.

Sorgsame Wärter meines schwachen Alters,

Laßt sterbend ausruhn hier den Mortimer.

So wie ein Mann, der Folter erst entrissen,

Fühl' ich die Länge der Gefangenschaft

In meinen Gliedern; diese grauen Locken,

Des Todes Boten, Nestor-gleich bejahrt

In Jahren voller Sorgen, zeigen an,

Es ende nun mit Edmund Mortimer.

Die Augen, Lampen, die ihr Öl verspendet,

Verdunkeln sich, zum Ausgang schon gewendet.

Die Schultern schwach, erdrückt von Grames Last,

Die Arme marklos, wie verdorrte Reben,

Saftlose Ranken auf den Boden senkend. –[527]

Doch diese Füße von kraftlosem Stand,

Unfähig, diesen Erdenkloß zu stützen,

Sind leicht beschwingt vom Wunsch nach einem Grabe,

Wohl wissend, daß ich andern Trost nicht habe. –

Doch sagt mir, Wärter, will mein Neffe kommen?

ERSTER GEFANGENWÄRTER.

Richard Plantagenet will kommen, Herr;

Zu seinem Zimmer sandten wir im Tempel,

Und Antwort ward erteilt, er wolle kommen.

MORTIMER.

Genug! So wird noch mein Gemüt befriedigt.

Der arme Mann! Er ist gekränkt wie ich.

Seit Heinrich Monmouth erst begann zu herrschen,

Vor dessen Ruhm ich groß in Waffen war,

Lebt' ich in ekler Eingeschlossenheit;

Und auch seitdem ward Richard weggedrängt,

Beraubt der Ehr' und Erbschaft; aber nun,

Da mich, der jegliche Verzweiflung schlichtet,

Der Tod, der milde Schiedsmann alles Elends,

Mit süßer Freilassung von hinnen läßt,

Wollt' ich, auch seine Drangsal wär' vorbei,

Und das Verlorne würd' ihm hergestellt.


Richard Plantagenet tritt auf.


ERSTER GEFANGENWÄRTER.

Herr, Euer lieber Neff' ist nun gekommen.

MORTIMER.

Richard Plantagenet, mein Freund? Ist er da?

PLANTAGENET.

Ja, edler Oheim, schmählich so behandelt,

Eu'r Neffe kommt, der jüngst entehrte Richard.

MORTIMER.

Führt meine Arme, daß ich ihn umhalse,

Den letzten Hauch in seinen Busen keuche;

O sagt mir, wann mein Mund die Wang' ihm rührt,

Daß ich ihn grüße mit ohnmächt'gem Kuß.

Nun, süßer Sprößling von Yorks großem Stamm,

Erklär', warum du »jüngst entehrt« dich nanntest.

PLANTAGENET.

Erst lehn' auf meinen Arm den alten Rücken,

Und, so erleichtert, höre die Beschwer.

Heut, bei dem Streiten über einen Fall,

Kams' zwischen mir und Somerset zu Worten,[528]

Wobei er ohne Maß die Zunge brauchte

Und rückte meines Vaters Tod mir vor.

Der Vorwurf stieß mir Riegel vor die Zunge,

Sonst hätt' ich's ihm auf gleiche Art vergolten.

Drum, bester Ohm, um meines Vaters willen,

Bei deiner Ehr' als ein Plantagenet

Und Bundes halb erklär' den Grund, warum

Mein Vater, Graf von Cambridge, ward enthauptet.

MORTIMER.

Der Grund, der mich verhaftet, holder Neffe,

Und all die blüh'nde Jugend fest mich hielt

In einem eklen Kerker, da zu schmachten,

War das verfluchte Werkzeug seines Todes.

PLANTAGENET.

Entdecke näher, welch ein Grund das war,

Denn ich bin unbelehrt und rat' es nicht.

MORTIMER.

Das will ich, wenn der Odem mir nicht schwindet

Und mich der Tod läßt enden den Bericht.

Heinrich der Vierte, Großvater dieses Königs,

Entsetzte seinen Neffen Richard, Eduards Sohn,

Des Erstgebornen und rechtmäß'gen Erben

Von König Eduard, drittem jener Reih'.

Zu seiner Herrschaft Zeit bestrebten sich

Die Percys aus dem Norden, als sie fanden,

Höchst ungerecht sei seine Anmaßung,

Statt seiner mich zu fördern auf den Thron.

Was diese kriegerischen Lords bewog,

War, daß nach Wegräumung des jungen Richard

[Der keinen Erben ließ, von ihm erzeugt]

Ich von Geburt und Sippschaft war der nächste,

Denn mütterlicher Seite stamm' ich ab

Von Lionel von Clarence, drittem Sohn

König Eduard des Dritten; mittlerweil'

Er von Johann von Gaunt den Stammbaum leitet,

Dem vierten nur in jenem Heldenhaus.

Doch merkt: als sie mit hochgemutem Anschlag

Den rechten Erben einzusetzen rangen,

Verlor die Freiheit ich, und sie das Leben.

Viel später, als Heinrich der Fünfte herrschte[529]

Nach seinem Vater Bolingbroke, geschah's,

Daß, mitleidsvoll mit meiner harten Trübsal,

Dein Vater, Graf von Cambridge, abgestammt

Vom großen Edmund Langley, Herzog York,

Vermählt mit meiner Schwester, deiner Mutter,

Nochmals ein Heer warb, wähnend, mich zu lösen

Und zu bekleiden mit dem Diadem;

Doch wie die andern fiel der edle Graf

Und ward enthauptet. So sind die Mortimers,

Worauf der Anspruch ruhte, unterdrückt.

PLANTAGENET.

Und deren letzter, edler Lord, seid Ihr.

MORTIMER.

Ja, und du siehst, ich habe kein Geschlecht,

Und meine matten Worte melden Tod.

Du bist mein Erbe; rate selbst das andre,

Doch übe Vorsicht bei der fleiß'gen Sorge.

PLANTAGENET.

Die ernste Warnung präget sich mir ein;

Doch dünkt mich meines Vaters Hinrichtung

Geringres nicht als blut'ge Tyrannei.

MORTIMER.

Mit Schweigen, Neffe, treibe Politik:

Das Haus der Lancaster ist fest gegründet

Und, einem Felsen gleich, nicht wegzurücken.

Nun aber rückt dein Oheim weg von hier,

Wie Prinzen ihren Hof verlegen, müde

Des langen Weilens am bestimmten Platz.

PLANTAGENET.

Oh, kauft' ein Teil von meinen jungen Jahren

Die Laufbahn Eures Alters doch zurück!

MORTIMER.

Du tätest mir zu nah, dem Mörder gleich,

Der viele Wunden gibt, wo eine tötet;

Wo nicht mein Wohl dir leid ist, traure nicht,

Nur ordne du mir die Bestattung an.

Und so fahr' wohl: dir lache jede Hoffnung,

Dein Leben sei beglückt in Fried' und Krieg!


Stirbt.


PLANTAGENET.

Fried' und nicht Krieg mit deiner flieh'nden Seele!

Im Kerker schlossest du die Pilgerschaft,

Als Klausner überlebend deine Tage. –

Wohl, seinen Rat verschließ' ich in der Brust,

Und was ich sinne, sei nur mir bewußt. –[530]

Wärter, tragt ihn hinweg! Ich sorge selbst,

Ihn besser zu bestatten, als er lebte.


Die Gefangenwärter tragen Mortimer hinaus.


Hier lischt die trübe Fackel Mortimers,

Gedämpft vom Ehrgeiz derer unter ihm;

Und für das Unrecht, für die bittre Kränkung,

Die meinem Hause Somerset getan,

Bau' ich auf ehrenvolle Herstellung.

Und deshalb eil' ich zu dem Parlament:

Man soll zurück mich geben meinem Blut,

Sonst mach' ich bald mein Übel mir zum Gut.


Ab.[531]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 527-532.
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