Erste Szene

[677] Ebnen zwischen Dartford und Blackheath.


Des Königs Lager an der einen Seite, von der andern kommt York mit seinem Heer von Irländern, mit Trommeln und Fahnen.


YORK.

So kommt von Irland York, sein Recht zu fodern,

Von Heinrichs schwachem Haupt die Kron' zu reißen.

Schallt, Glocken, laut! Brennt, Freudenfeuer, hell!

Um Englands echten König zu empfangen.

Ah, sancta majestas! Wer kaufte dich nicht teuer?

Gehorchen mag, wer nicht zu herrschen weiß;

Die Hand hier ist gemacht, nur Gold zu führen.

Ich kann nicht meinen Worten Nachdruck geben,

Wenn sie ein Schwert nicht oder Szepter wägt;

Wenn eine Seel' mir ward, wird ihr ein Szepter,

Worauf ich Frankreichs Lilien schleudern will.


Buckingham tritt auf.


Wer kommt uns da? Buckingham, mich zu stören?

Der König sandt' ihn sicher, ich muß heucheln.

BUCKINGHAM.

York, wenn du's wohl meinst, sei mir wohl gegrüßt!

YORK.

Humphrey von Buckingham, den Gruß empfang' ich.

Bist du ein Bote, oder kommst aus Wahl?

BUCKINGHAM.

Ein Bote Heinrichs, unsers hohen Herrn,

Zu fragen, was der Feldzug soll im Frieden?

Weswegen du, ein Untertan wie ich,

Dem Eid und der Vasallentreu' zuwider,

Solch großes Heer versammelst ohn' Erlaubnis

Und es so nah dem Hof zu führen wagst?[677]

YORK beiseit.

Kaum kann ich sprechen vor zu großem Zorn,

Oh, Felsen könnt' ich spalten, Kiesel schlagen,

So grimmig machen mich die schnöden Worte.

Und jetzt, wie Ajax Telamonius, könnt' ich

Die Wut an Schafen und an Ochsen kühlen!

Ich bin weit hochgeborner als der König,

Mehr einem König gleich, und königlicher:

Doch muß ich eine Weil' schön Wetter machen,

Bis Heinrich schwächer ist und stärker ich. –

O Buckingham, ich bitte dich, verzeih',

Daß ich die ganze Zeit nicht Antwort gab:

Von tiefer Schwermut war mein Geist verstört.

Der Grund, warum ich hergebracht dies Heer,

Ist, Somerset, den stolzen, zu entfernen

Vom König, dem er wie dem Staat sich auflehnt.

BUCKINGHAM.

Das ist zu große Anmaßung von dir:

Doch, hat dein Kriegszug keinen andern Zweck,

So gab der König deiner Fodrung nach:

Der Herzog Somerset ist schon im Turm.

YORK.

Auf Ehre sage mir: ist er gefangen?

BUCKINGHAM.

Ich sag' auf Ehre dir: er ist gefangen.

YORK.

Dann, Buckingham, entlass' ich meine Macht. –

Habt Dank, Soldaten, und zerstreut euch nur;

Trefft morgen mich auf Sankt Georgen-Feld,

Ich geb' euch Sold und alles, was ihr wünscht. –

Und meinen Herrn, den tugendsamen Heinrich,

Laßt meinen ältsten Sohn, ja alle Söhne

Als Pfänder meiner Lieb' und Treu' begehren:

So willig, als ich lebe, send' ich sie.

Land, Güter, Pferde, Waffen, was ich habe,

Ist ihm zu Dienst, wenn Somerset nur stirbt.

BUCKINGHAM.

Die sanfte Unterwerfung lob' ich, York,

Und gehn wir zwei in Seiner Hoheit Zelt.

König Heinrich tritt auf mit Gefolge.


KÖNIG HEINRICH.

Buckingham, sinnt York kein Arges wider mich,

Daß du mit ihm einhergehst Arm in Arm?[678]

YORK.

In aller Unterwürfigkeit und Demut

Stellt York vor Euer Hoheit selbst sich dar.

KÖNIG HEINRICH.

Wozu denn diese Heersmacht, die du führst?

YORK.

Um den Verräter Somerset zu bannen

Und mit dem Erzrebellen Cade zu fechten,

Von dessen Niederlag' ich nun gehört.


Iden tritt auf mit Cades Kopf.


IDEN.

Wenn ein so schlichter Mann, so niedern Standes,

Der Gegenwart des Königs nahn sich darf,

Bring' ich Eu'r Gnaden ein Verräter-Haupt,

Des Cade Haupt, den ich im Zweikampf schlug.

KÖNIG HEINRICH.

Des Cade Haupt? Gott, wie gerecht bist du!

O laßt mich dessen Antlitz tot beschaun,

Der lebend mir so große Nöten schaffte!

Sag mir, mein Freund, warst du's, der ihn erschlug?

IDEN.

Ich war's, zu Euer Majestät Befehl.

KÖNIG HEINRICH.

Wie nennt man dich, und welches ist dein Rang?

IDEN.

Alexander Iden ist mein Name;

Ein armer Squire von Kent, dem König treu.

BUCKINGHAM.

Wenn's Euch beliebt, mein Fürst, es wär' nicht unrecht,

Für seinen Dienst zum Ritter ihn zu schlagen.

KÖNIG HEINRICH.

Iden, knie nieder!


Er kniet.


Steh als Ritter auf!

Wir geben tausend Mark dir zur Belohnung

Und wollen, daß du künftig uns begleitest.

IDEN.

Mög' Iden solche Gunst dereinst verdienen,

Und leb' er nie, als seinem Fürsten treu!

KÖNIG HEINRICH.

Sieh, Buckingham! Somerset und mein Gemahl:

Geh, heiße sie vor York ihn schleunig bergen.


Königin Margareta und Somerset.


KÖNIGIN.

Vor tausend Yorks soll er sein Haupt nicht bergen,

Nein, kühnlich stehn und ins Gesicht ihm schaun.

YORK.

Was soll dies sein? Ist Somerset in Freiheit?

Dann, York, entfeßle die Gedanken endlich

Und laß die Zung' es gleich tun deinem Herzen![679]

Soll ich den Anblick Somersets ertragen?

Was brachst du, falscher König, mir dein Wort,

Da du doch weißt, wie schwer ich Kränkung dulde?

Ich nannte König dich? Du bist kein König,

Nicht fähig, eine Menge zu beherrschen,

Der nicht Verräter zähmen kann noch darf.

Dies Haupt da steht zu einer Krone nicht;

Den Pilgerstab mag fassen deine Hand,

Und nicht ein würdig Fürstenszepter schmücken.

Dies Gold muß diese meine Brau'n umgürten,

Des Dräun und Lächeln, wie Achilles' Speer,

Durch seinen Wechsel töten kann und heilen.

Die Hand hier kann empor den Szepter tragen

Und bindendes Gesetz damit vollstrecken.

Gib Raum! Bei Gott, du sollst nicht mehr beherrschen

Den, so der Himmel dir zum Herrscher schuf.

SOMERSET.

O Erzverräter! – Ich verhafte dich

Um Hochverrates wider Kron' und König.

Gehorch', verwegner Frevler! Knie' um Gnade!

YORK.

Knien soll ich? Laß mich diese fragen erst,

Ob sie es dulden, daß ich wem mich beuge. –

Ihr da, ruft meine Söhne her als Bürgen;


einer vom Gefolge ab


Ich weiß, eh' sie zur Haft mich lassen gehn,

Verpfänden sie ihr Schwert für meine Lösung.

KÖNIGIN.

Ruft Clifford her, heißt alsobald ihn kommen


Buckingham ab.


Zu sagen, ob die Bastard-Buben Yorks

Des falschen Vaters Bürgschaft sollen sein.

YORK.

O blutbefleckte Neapolitanerin!

Auswurf von Napel! Englands blut'ge Geißel!

Yorks Söhne, höher von Geburt als du,

Sind die Gewähr des Vaters; wehe denen,

Die meiner Buben Bürgschaft weigern wollen!


Von der einen Seite kommen Eduard und Richard Plantagenet mit Truppen; von der andern, gleichfalls mit Truppen, der alte Clifford und sein Sohn.[680]


Da sind sie: seht! Ich steh' euch ein, sie tun's.

KÖNIGIN.

Und hier kommt Clifford, die Gewähr zu weigern.

CLIFFORD kniet.

Heil sei und Glück dem König, meinem Herrn!

YORK.

Ich dank' dir, Clifford! Sag, was bringst du Neues?

Nein, schreck' uns nicht mit einem zorn'gen Blick,

Wir sind dein Lehnsherr, Clifford, kniee wieder:

Dir sei verziehn, daß du dich so geirrt.

CLIFFORD.

Dies ist mein König, York, ich irre nicht;

Du irrst dich sehr in mir, daß du es denkst. –

Nach Bedlam mit ihm! Ward der Mensch verrückt?

KÖNIG HEINRICH.

Ja, Clifford, eine toll ehrsücht'ge Laune

Macht, daß er wider seinen Herrn sich setzt.

CLIFFORD.

Ein Hochverräter! Schafft ihn in den Turm

Und haut herunter den rebell'schen Kopf!

KÖNIGIN.

Er ist verhaftet, doch will nicht gehorchen;

Die Söhne, spricht er, sagen gut für ihn.

YORK.

Wollt ihr nicht, Söhne?

EDUARD.

Wenn unser Wort was gilt: gern, edler Vater.

RICHARD.

Und gilt es nicht, so sollen's unsre Waffen.

CLIFFORD.

Ei, welche Brut Verräter gibt es hier!

YORK.

Sieh in den Spiegel, nenne so dein Bild:

Ich bin dein König, du bist ein Verräter. –

Ruft her zum Pfahl mein wackres Bärenpaar,

Daß sie, durch bloßes Schütteln ihrer Ketten,

Die laurenden erbosten Hunde schrecken;

Heißt Salisbury und Warwick zu mir kommen.


Trommeln. Salisbury und Warwick kommen mit Truppen.


CLIFFORD.

Sind dies da deine Bären? Gut, wir hetzen

Zu Tode sie, der Bärenwärter soll

In ihren Ketten dann gefesselt werden,

Wenn du sie in die Schranken bringen darfst.

RICHARD.

Oft sah ich einen hitz'gen, kecken Hund,

Weil man ihn hielt, zurück sich drehn und beißen,

Der, ließ man nun ihn an des Bären Tatze,

Den Schwanz nahm zwischen seine Bein' und schrie:[681]

Dergleichen Dienste werdet Ihr verrichten,

Wenn Ihr Euch mit Lord Warwick messen wollt.

CLIFFORD.

Fort, Last des Zornes! Unbeholfner Klump,

Der krumm von Sitten ist wie von Gestalt!

YORK.

Schon gut, wir heizen gleich Euch tüchtig ein.

CLIFFORD.

Daß Eure Hitz' Euch nur nicht selbst verbrennt!

KÖNIG HEINRICH.

Wie, Warwick? Hat dein Knie verlernt sich beugen?

Scham deinen Silberhaaren, Salisbury,

Der toll den hirnverbrannten Sohn mißleitet!

Willst du den Wildfang auf dem Todbett spielen

Und Herzeleid mit deiner Brille suchen? –

Oh, wo ist Treu'? Wo ist Ergebenheit?

Wenn sie verbannt ist von dem frost'gen Haupt,

Wo findet sie Herberge noch auf Erden? –

Gräbst du ein Grab auf, um nach Krieg zu spähn,

Und willst mit Blut dem ehrlich Alter schänden?

Was bist du alt, wenn dir Erfahrung mangelt?

Wenn du sie hast, warum mißbrauchst du sie?

O schäm' dich! Beuge pflichtgemäß dein Knie,

Das sich zum Grabe krümmt vor hohen Jahren.

SALISBURY.

Mein Fürst, erwogen hab' ich bei mir selbst

Den Anspruch dieses hochberühmten Herzogs,

Und im Gewissen acht' ich Seine Gnaden

Für echten Erben dieses Königsthrons.

KÖNIG HEINRICH.

Hast du nicht mir Ergebenheit geschworen?

SALISBURY.

Das hab' ich.

KÖNIG HEINRICH.

Kannst du vor Gott dich solchem Schwur entziehn?

SALISBURY.

Der Sünde schwören, ist schon große Sünde;

Doch größre noch, den sünd'gen Eid zu halten.

Wen bände wohl ein feierlicher Schwur

Zu einer Mordtat, jemand zu berauben,

Der reinen Jungfrau Keuschheit zu bewält'gen,

An sich zu reißen eines Waisen Erb',

Gewohntes Recht der Witwe abzuprassen;

Und zu dem Unrecht hätt' er keinen Grund,

Als daß ein feierlicher Schwur ihn binde?

KÖNIGIN.

Verräterlist bedarf Sophisten nicht.[682]

KÖNIG HEINRICH.

Ruft Buckingham und heißt ihn sich bewaffnen.

YORK.

Ruf Buckingham und alle deine Freunde:

Ich bin auf Hoheit oder Tod entschlossen.

CLIFFORD.

Das erste bürg' ich dir, wenn Träume gelten.

WARWICK.

Ihr mögt zu Bett nur gehn und wieder träumen,

Um Euch zu schirmen vor dem Sturm der Schlacht.

CLIFFORD.

Ich bin auf einen größern Sturm gefaßt,

Als den du heut herauf beschwören kannst;

Und schreiben will ich das auf deinen Helm,

Kenn' ich dich nur am Zeichen deines Hauses.

WARWICK.

Bei meines alten Vater Nevil Zeichen!

Den steh'nden Bär, am knot'gen Pfahl gekettet,

Ich trag' ihn heut auf meinem Helme hoch,

Der Zeder gleich auf eines Berges Gipfel,

Die jedem Sturm zum Trotz ihr Laub bewahrt,

Um dich zu schrecken durch den Anblick schon.

CLIFFORD.

Und dir vom Helme reiß' ich deinen Bär

Und tret' ihn in den Staub mit allem Hohn,

Zum Trotz dem Bärenwärter, der ihn schützt.

CLIFFORD SOHN.

Und zu den Waffen so, sieghafter Vater!

Zu der Rebellen Sturz und ihrer Rotte!

RICHARD.

Pfui! Glimpflich! Wollt Euch nicht so hart erweisen!

Ihr müßt zu Nacht mit dem Herrn Christus speisen.

CLIFFORD SOHN.

Das ist mehr, schnödes Brandmal, als du weißt!

RICHARD.

Wo nicht im Himmel, in der Hölle speist!


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 677-683.
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