Vierte Szene

[162] Roussillon.


Es treten auf die Gräfin und der Haushofmeister.


GRÄFIN.

Ach! Wie nur nahmst du diesen Brief von ihr?

Dacht'st du nicht, daß sie täte, was sie tat,

Weil sie den Brief mir schickte? Lies noch einmal!

HAUSHOFMEISTER liest.

»Sankt Jakobs Pilgrim beut Euch heil'gen Gruß!

Weil Lieb' und Ehrgeiz wild mein Herz zerrissen,

Wandr' ich auf hartem Grund mit nacktem Fuß,

Ein fromm Gelübd' erleichtre mein Gewissen.[162]

Schreibt Eurem Sohn, schreibt meinem liebsten Herrn,

Daß er aus blut'ger Schlacht zur Heimat kehre;

Ihn segne Frieden hier, indes ich fern

Mit heißer Andacht seinen Namen ehre.

Er mag verzeihn die Müh'n, die ich ihm schuf;

Ich, seine strenge Juno, sandt' ihn aus

Von Lust und Scherzen hin zum Kriegsberuf,

Wo auf den Tapfern lauert Todesgraus;

Er ist zu schön für mich, zu schön zu sterben:

Dies sei mein Los; er mag die Freiheit erben!«

GRÄFIN.

Wie scharfe Stacheln in so mildem Wort!

Reinhold, so unbedachtsam konnt'st du sein,

Daß du sie reisen ließest: sprach ich sie,

Ich hätte wohl sie anders noch gelenkt;

Nun kam sie uns zuvor.

HAUSHOFMEISTER.

Verzeiht, Gebiet'rin!

Gab ich den Brief Euch noch die Nacht, vielleicht

War sie noch einzuholen; schreibt sie gleich,

Nachspüren sei vergeblich.

GRÄFIN.

Welch ein Engel

Wird den unwürd'gen Gatten schützen? Keiner,

Wenn ihr Gebet, das gern der Himmel hört

Und gern gewährt, ihn nicht vom Zorn erlöst

Des höchsten Richters. Schreib', o schreib', mein Reinhold,

An diesen Mann, der solcher Frau nicht würdig;

Gib ihrem Wert Gewicht durch jedes Wort,

Denn viel zu leicht erwog er ihn; mein Leid,

Des Größ' er nicht empfindet, schärf ihm ein!

Send' ihm den sichersten, bewährt'sten Boten:

Vielleicht, wenn er vernimmt, sie sei entflohn,

Kommt er zurück; und wenn sie solches hört,

Dann, hoff' ich, lenkt auch sie den Fuß zur Heimkehr,

Geführt von reiner Liebe. Wer von beiden

Mir jetzt der Liebste sei, vermag ich kaum

Zu unterscheiden. Sorge für den Boten:

Mich beugen Gram und meines Alters Schwächen;

Mein Schmerz will Tränen, Kummer heißt mich sprechen.


Sie gehn ab.[163]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 162-164.
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