Fünfte Szene

[153] Ebendaselbst.


Lafeu und Bertram treten auf.


LAFEU. Ich hoffe doch, Euer Gnaden hält ihn nicht für einen Soldaten?

BERTRAM. Ja, edler Herr, und von sehr bewährter Tapferkeit.

LAFEU. Ihr habt's aus seiner eignen Überlieferung?

BERTRAM. Und von manchen andern verbürgten Zeugen.

LAFEU. So geht meine Sonnenuhr nicht richtig; ich hielt diese Lerche für einen Spatz.

BERTRAM. Ich versichre Euch, gnädiger Herr, er ist von tiefer Einsicht und eben so vieler Tapferkeit.[153]

LAFEU. So habe ich denn gegen seine Erfahrung gesündigt und mich gegen seine Tapferkeit vergangen, und mein Zustand erscheint um so gefährlicher, als ich noch zu keiner Reue in meinem Herzen gelangen kann. Hier kommt er: ich bitte Euch, versöhnt uns wieder, ich will diese Freundschaft kultivieren.


Parolles tritt auf.


PAROLLES. Alles soll besorgt werden, Herr.

LAFEU. Ich bitt' Euch, Herr, wer ist sein Schneider?

PAROLLES. Herr? –

LAFEU. Oh, ich kenne ihn schon; ja, Herr, er ist ein guter Nadelführer, ein sehr guter Schneider.

BERTRAM beiseit. Ist sie zum König gegangen?

PAROLLES. Soeben.

BERTRAM. Will sie heut abend fort?

PAROLLES. Wie Ihr's verlangt habt.

BERTRAM.

Die Briefe sind bereit, mein Geld verpackt,

Bestellt die Pferde, – und in dieser Nacht,

Anstatt Besitz zu nehmen von der Braut,

Und eh' ich noch begann –

LAFEU. Ein verständiger Reisender gilt etwas gegen das Ende der Mahlzeit; aber einen, der drei Dritteile lügt und eine bekannte Wahrheit als Paß für tausend Windbeuteleien braucht, sollte man einmal anhören und dreimal abprügeln. Gott behüte Euch, Hauptmann!

BERTRAM. Gibt es irgendeine Mißhelligkeit zwischen diesem edlen Herrn und Euch, Monsieur?

PAROLLES. Ich weiß nicht, wie ich's verdient habe, in Seiner Gnade Ungnade zu fallen.

LAFEU. Ihr seid Hals über Kopf mit Stiefeln und Sporen hinein gerannt, wie der Bursch, der in die Mehlpastete sprang, und Ihr werdet wohl eher wie der herauslaufen, als Rede stehn, warum Ihr drin verweilt.

BERTRAM. Ihr habt ihn wohl nicht recht gewürdigt, edler Herr.

LAFEU. Das wird auch nie geschehn, selbst wenn ich ihn beim Hochwürdigsten träfe. Lebt wohl, Herr Graf, und glaubt mir, in dieser tauben Nuß kann kein Kern stecken; die Seele dieses Menschen sitzt in seinen Kleidern. Traut ihm nicht[154] in wichtigen Angelegenheiten; ich habe solches Volk zahm gemacht und kenne seine Art. Gott befohlen, Monsieur! Ich habe besser von Euch gesprochen, als Ihr's um mich verdient habt oder verdienen werdet: aber man soll Böses mit Gutem vergelten. Ab.

PAROLLES. Ein sehr müßiger Schwätzer, auf Ehre! –

BERTRAM. Das scheint so.

PAROLLES. Wie, Ihr kennt ihn nicht?

BERTRAM.

O ja, ich kenn' ihn wohl, und allgemein

Steht er in gutem Ruf. – Da kommt mein Kreuz! –


Helena tritt auf.


HELENA.

Ich habe, Herr, wie Ihr mir's anbefahlt,

Den König schon gesehn, und seinen Urlaub

Erhalten, gleich zu reisen. Nur verlangt er

Ein Wort mit Euch allein.

BERTRAM.

Ich folge dem Gebot.

Nicht wundr' Euch dies Betragen, Helena,

Das nicht die Farbe trägt der Zeit, noch leistet,

Was mir nach Pflichtgefühl und Schuldigkeit

Zunächst obliegt. Ich war nicht vorbereitet

Auf diesen Fall; drum bin ich überrascht

Durch solch Verhältnis; deshalb bitt' ich Euch,

Daß Ihr alsbald nach Haus Euch hinbegebt

Und lieber sinnt als fragt, warum ich's fodre.

Was mich bestimmt, ist besser, als es scheint,

Und mein Geschäft drängt mich mit ernsterm Zwang,

Als Euch beim ersten Blick bedünken mag,

Da Ihr's nicht überseht. – Dies meiner Mutter.


Gibt ihr einen Brief.


Zwei Tage noch, dann treff' ich Euch – und so

Lass' ich Euch Eurer Klugheit.

HELENA.

Ich kann nichts sagen, Herr,

Als daß ich Eure treuergebne Magd –

BERTRAM.

O laßt! Nichts mehr davon!

HELENA.

Und stets bemüht

Mit treuer Sorglichkeit Euch zu ersetzen,[155]

Was mir ein niedriges Gestirn versagt,

Um wert zu sein so großen Glücks.

BERTRAM.

Genug!

Denn meine Hast ist groß. Lebt wohl, und eilt!

HELENA.

O lieber Herr! Verzeiht. ...

BERTRAM.

Nun sagt, was meint Ihr?

HELENA.

Ich bin nicht wert des Reichtums, der mir ward,

Noch darf ich mein ihn nennen, und doch ist er's;

Doch wie ein scheuer Dieb möcht' ich mir stehlen,

Was mir nach Recht gehört.

BERTRAM.

Was wünscht Ihr noch?

HELENA.

Etwas – und kaum so viel – im Grunde nichts –


Ungern nenn' ich den Wunsch: doch ja! So wißt,

Nur Fremd' und Feinde scheiden ungeküßt.

BERTRAM.

Ich bitt' Euch, säumt nicht, setzt Euch rasch zu Pferd!

HELENA.

Ich füge dem Befehl mich, teurer Herr.

Helena ab.


BERTRAM.

Sind meine Leute da? – Leb wohl! Geh du

Nach Haus, wohin ich nimmermehr will kehren,

Solang' ich fechten kann und Trommeln hören.

Nun fort, auf unsre Flucht!

PAROLLES.

Bravo! Corraggio!


Sie gehn ab.[156]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 153-157.
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