Erster Auftritt

[23] Faust allein; hernach die Geister.


FAUST tritt ein. Sonderbar, die Studenten sind verschwunden und in der ganzen Stadt nicht mehr aufzutreiben. Aber gleichviel, bleibt mir doch das Buch, das sie gebracht haben. Ich bin allein: nun will ich das Studium der Magie beginnen. Er schlägt das Buch auf und liest. Also so muß ichs machen? Nichts leichter als das. Und darüber hab ich mir so lange den Kopf zerbrochen? Er löst seinen Gürtel, legt ihn auf den Boden in einen Kreiß und tritt mit einem Stab hinein. Nun will ich die Geister beschwören.


Er bewegt den Stab und murmelt unverständliche Worte. Eine Menge Geister erscheint in behaarter Affengestalt.
[23]

Da sind ihrer ja gleich genug. Aber welchen wähl ich? Ich muß den Grad ihrer Geschwindigkeit erforschen. Du da, mit den weißen Hörnern, gieb Antwort. Wie heißest du?

ERSTER GEIST. Vitzliputzli.

FAUST. Sag an, wie geschwind du bist.

VITZLIPUTZLI. Wie die Schneck im Sande.

FAUST. Ha! um so schnell zu sein, brauch ich keine Geister. Zurück, wo du hergekommen bist. Apage male spiritus. Der nächste! Wie heißest du?

ZWEITER GEIST. Polümor.

FAUST. Laß hören wie geschwind du bist.

POLÜMOR. Wie das Laub, das von den Bäumen fällt.[24]

FAUST. So geschwind wär ich zur Noth auch noch. Zurück, wo du hergekommen bist. Apage male spiritus. Der folgende! Wie heißest du?

DRITTER GEIST. Asmodeus.

FAUST. Der kann der rechte sein. Wie geschwind bist du?

ASMODEUS. Wie der Bach, der sich vom Felsen stürzt.

FAUST. So bist du nicht geschwind genug. Zurück! Apage male spiritus. Vivat sequens. Wie heißest du?

VIERTER GEIST. Astarot.

FAUST Si nomen et omen. Wie geschwind bist du?

ASTAROT. Wie der Vogel in der Luft.[25]

FAUST. Das geht wohl an, muß aber noch beßer kommen. Apage male spiritus. Die Reih ist an dir, Rothkopf. Wie heißest du?

FÜNFTER GEIST. Auerhahn.

FAUST. Wie geschwind bist du?

AUERHAHN. Wie die Kugel aus dem Rohr.

FAUST. Immer beßer, thuts aber noch nicht. Apage male spiritus. Wie heißest du denn, Blaufuß?

SECHSTER GEIST. Haribax.

FAUST. Wie geschwind bist du?

HARIBAX. Wie der Wind.

FAUST. Geschwind wie der Wind? Eine schöne Geschwindigkeit;[26] doch mir zu langsam. Apage male spiritus. Nun sind noch zwei übrig. Wie heißest du denn, Kaminfeger?

SIEBENTER GEIST. Megära.

FAUST. Wie geschwind bist du?

MEGÄRA. Wie die Pest.

FAUST. So ist die Pest geschwinder als der Wind? Aber der nächste muß ihm noch drüber sein. Apage pessime spiritus. Wie heißest du denn, Ultimus?

ACHTER GEIST. Mephistopheles.

FAUST. Und wie geschwind bist du?

MEPHISTOPHELES. Wie der Gedanke des Menschen.

FAUST. Du bist mein Mann. Wie der Gedanke des Menschen?[27] Was kann ich mehr verlangen, als daß meine Gedanken erfüllt werden sobald ich sie denke? Weiter bringt es Gott selbst nicht. Eritis sicut deus. – Willst du mir dienen?

MEPHISTOPHELES. Wenn es Pluto erlaubt.

FAUST. Wer ist Pluto?

MEPHISTOPHELES. Mein Herr.

FAUST. So frag ihn ob du mir acht und vierzig Jahr dienen darfst. Hernach will ich dir dienen. Aber kehr wieder in menschlicher Gestalt. Ich mag die Affen nicht und bin es müde hier im Kreiße zu stehen. Und sage deinem Herrn, daß ich den Genuß aller Herrlichkeiten der Welt, Schönheit, Ruhm und wahrhafte Beantwortung aller meiner Fragen verlange.

MEPHISTOPHELES. Ich bin gleich wieder hier.


Verschwindet und erscheint alsbald wieder in menschlicher Gestalt, in rothem Unterkleid, mit langem schwarzen Mantel und einem Horn an der Stirn. Zu Faust, der aus dem Kreiße tritt.
[28]

Deine Bedingungen sind dir gewährt, aber vier und zwanzig Jahr ist die längste Frist, auf die ich mich dir verdingen darf.

FAUST. Vier und zwanzig Jahr. Das ist mancher Tag und manche schöne Nacht. Gut denn, ich willige in diese Bedingung.

MEPHISTOPHELES. So gebt mir ein Briefchen – Lebens und Sterbens wegen.

FAUST. Must dus Schwarz auf Weiß haben, so schaff Dinte herbei, denn in meinem Köcher ist sie längst vertrocknet.

MEPHISTOPEHLES. Schwarz auf Weiß nicht, aber Roth auf Weiß. Es bedarf nur eurer Unterschrift, der Pact ist schon in optima forma geschrieben. Die Unterschrift bitt ich mir mit euerm Blut aus. Hier ist eine Nadel, damit ritzt euch den Finger.

FAUST. Wo ist der Pact? Erst will ich ihn lesen.[29]

MEPHISTOPHELES. Mercurius erscheine!


Ein Rabe bringt den Pact in seinem Schnabel getragen.


FAUST nimmt und liest. Ich schwöre Gott und dem christlichen Glauben ab.

Nach vier und zwanzig Jahren, das Jahr zu dreihundert fünf und sechzig Tagen gerechnet, will ich dein sein mit Leib und Seele.

Ich gelobe mich in all der Zeit nicht zu waschen noch zu kämmen, auch Haar und Nägel nicht zu verschneiden.

Ich will den Ehestand meiden.

Sonderbar! die letzten Bedingungen kommen mir am härtesten vor, und doch sind die ersten ohne Zweifel viel schlimmer. Doch was hilft das Grübeln? Ich nehme sie alle miteinander an.

MEPHISTOPHELES. So unterschreibe. Hier ist die Feder. Reicht ihm die Hahnenfeder von seinem Hute.

FAUST für sich.

Soll ich mit meinem Blut die Seele dir verschreiben,

Dieß ist wohl ein Moment das Blut hervorzutreiben.

Da quillt es schon heraus und überströmt die Hand.

Buchstaben bildets zwei, gleich hab ich es erkannt,[30]

Ein großes H, ein F: die sollen mich wohl warnen?

Homo Fuge! flieh Mensch! und laß dich nicht umgarnen.

Doch F kann Faustus sein, H Herrlichkeit versprechen.

Vielleicht ists Zufall nur: wozu den Kopf zerbrechen?

Und schon ist es zu spät, geschrieben steht es klar –

Doch halt ich es noch fest: mir wird so sonderbar.

Ein ängstliches Gefühl durchrieselt mir die Glieder,

Ich weiß nicht von mir selbst, ohnmächtig sink ich nieder.


Von unwiderstehlichem Schlaf befallen sinkt Faust in seinen Seßel. Sein Schutzgeist in kindlicher Engelsgestalt erscheint an seiner Seite, den Palmzweig in der Hand. Mephistopheles verschwindet.


SCHUTZGEIST.

Bethörtes Menschenkind, einst rein und sonder Fehle,

Verloren ewiglich ist deine arme Seele.

Geschaffen Gott zu schaun und aller Himmel Lust

Sinkst du dem Abgrund zu: ich traure dem Verlust.


Faust erwacht, der Schutzgeist verschwindet.


FAUST.

Wie find ich mich allein? Hab ich wohl gar geschlafen?

Nun fühl ich mich gestärkt und scheue keine Strafen.

Wo bist du, mein Gesell? Warum verläßt du mich?

Ist das dein treuer Dienst?[31]

MEPHISTOPHELES erscheint wieder.

Du schliefst, da ließ ich dich.

Sobald du an mich denkst, bin ich auch wieder da,

Wie dein Gedanke schnell. Du wähltest drum mich ja.

FAUST.

So nimm hier diese Schrift.

MEPHISTOPHELES.

Die soll auf schnellen Schwingen

Mercurius der Geist alsbald zu Pluto bringen.


Der Rabe nimmt die Verschreibung in den Schnabel und fliegt damit hinweg unter dem Hohngelächter der Hölle.


FAUST.

Mephistopheles! Heißest du nicht so?

MEPHISTOPHELES.

Auf Erden nennt man mich so.

FAUST. So höre, Mephistopheles. Du bist mir nun in menschlicher Gestalt erschienen; aber das rothe Unterkleid unter dem Mantel kleidet dich schlecht und verräth den Unterthanen unheimlicher Mächte. Mit dem langen Horn an der Stirne siehst du gar wie ein Hahnrei aus. In solcher Gestalt kann ich dich unter Menschen nicht producieren.[32]

MEPHISTOPHELES. Darum sorgt nicht. Nur für euch erschein ich in dieser Gestalt; in den Augen aller andern Menschen seh ich immer so aus, wie ihr es gerade wünscht. So sollt auch ihr in aller Menschen Augen der schönste Mann sein, wenn ihr euch gleich, wie ihr versprochen habt, weder kämmt noch wäscht.

FAUST. Schon gut. Aber wohin nun? Hier in Mainz halt ichs nicht aus. Und wenn ich Salomons Weisheit hätte, so glaubte mir doch Niemand, weil ich Professor bin.

MEPHISTOPHELES. Mein Luftmantel soll uns alsbald an den Hof des Herzogs von Parma tragen, der eben Hochzeit hält. Da mögt ihr in allen Freuden schwelgen und mit Zauberkünsten Ruhm und Ehre gewinnen. An Liebesabenteuern soll es auch nicht fehlen. Nehmen wir auch euer Gesinde mit?

FAUST. Den Wagner laßt daheim: der ist langweilig.

MEPHISTOPHELES. Aber Casperle?

FAUST. Den bringt nach, aber auf einem andern Gefähr. Ich hab[33] euch unterwegs noch dieß und das zu fragen, wovon er nichts zu wißen braucht.

MEPHISTOPHELES. So laßt uns fort. In wenig Minuten sind wir in Parma.

Beide ab.


Quelle:
Simrock, Karl: Doctor Johannes Faust. Frankfurt am Main 1846, S. 23-34.
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