Abendfeier

[16] Luthers Manen geweiht


Sey mir gegrüsst, des Abends traute Stille!

Umdämmert schon von deiner Schattenhülle,

Versinkt vor meinem Blick die Aussenwelt;

Der freie Geist beginnt zum höhern Leben,

Auf Seraphs Flügeln muthig aufzuschweben,

Von heil'ger Wahrheit Sonnenlicht erhellt!


Sie rieseln schon, der höchsten Freuden Quellen,

Der Ideale hohe Wonnen schwellen

Die frohe Brust, der Blick steigt himmelan,

Der Schleier fällt. Dem hehren Lichtgefilde

Entweichen alle irdischen Gebilde;

Hinauf die Stufen zu der Sternenbahn!


Welch wonniges, welch nie gefühltes Ahnen

Durchschauert mich! Wie, sind dies Luthers Manen?

Des Glaubenshelden, der einst hier gelebt?

O seyd gesegnet mir, ihr holden Räume!

Wie schwinden sie, des Erdballs eitle Träume,

Wenn mich sein hoher Genius umschwebt!
[17]

Wer brach, vom Joch die Sterblichen zu retten,

So kühn wie er, des Despotismus Ketten?

Die Nacht verschwand- der Tag stieg golden auf –

Mit Riesenkraft schwang höher sich und höher

Zum Thron der Gottheit der erhabne Seher;

Der Sonne gleich, begann er seinen Lauf!


Indem er Thaten gross auf Thaten häufte,

Sein hoher Blick bis an die Sterne streifte,

Entflammte doch für jede fromme Pflicht

Der Hörer Herz auch seiner Rede Feuer –

So weicht des Herbstes dichter Nebelschleier,

Wenn ihn der Morgensonne Glanz durchbricht!


Wenn grosser Helden Name die Gerüchte

Von Pol zu Pole tragen, die Geschichte

Sie in des Ruhmes Tempel niederlegt –

Sie sterben – bald verdrängt von grössern Helden,

Indes Unsterblichkeit zu fernen Welten

Durch alle Himmel Luthers Namen trägt!


Die Wahrheit nur kämpft mit so mächt'gen Waffen;

Bedarf es, solchen Riesengeist zu schaffen,

Jahrhunderte? Heil dir, Teutonia!

Dass dich der Mann voll Muth und Kraft und Feuer

(Wie war der Deutschen Freiheit ihm so theuer)

Noch gross und stark in voller Würde sah!
[18]

Kein Mausoleum spricht zu seinem Ruhme,

Hoch glänzt er in dem höhern Heiligthume,

Ihm wird noch stolz die Nachwelt Ehrfurcht weihn!

Was er einst lehrte, lasst uns freudig üben,

Die Wahrheit ewig über alles lieben,

Und seines edlen Namens würdig seyn!


Mich aber heb' in diesen heil'gen Räumen1

Ein jeder Blick empor zu frohen Träumen,

Hier wo vielleicht einst Luther betend lag!

Wenn trübe Bilder meinen Geist umdüstern,

Dann hör' ich tröstend oft den Seinen flüstern:

Der bangsten Nacht entschwebt der schönste Tag!

Fußnoten

1 Man hatte der Dichterin gesagt, dass sie die Zimmer in Marburg bewohne, welche einst Luther im Jahr 1529. bewohnt habe.


Quelle:
Elise Sommer: Gedichte, Frankfurt a.M. 1813, S. 16-19.
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