Die Grotte im Walde

[63] Meinem unvergesslichen Freunde Menken, vormaligen geheimen Cabinetts-Secretair bei Friedrich dem Grossen


Hier weih' ich ein Oertchen zum Heiligthum mir,

Da herrschet die heimlichste Stille,

Und nirgend bespricht sich die Seele wie hier,

Da fesselt das Hohe der Wille!


Da schweben herauf aus dem Dämmer-Gefild

Die Geister der fröhlichen Jugend,

Da stralet, o Menken! noch heute dein Bild

Verkläret vom Glanze der Tugend.


Ich schiffe noch einmal mit dir, o mein Freund!

Auf silbernen Wogen zum Garten,

Wo Kunst und Natur sich mit Anmuth vereint,

Und Freunde uns fröhlich erwarten1;


Wir eilen auf fliehenden Gondeln zurück,

Und lauschen den Sängern der Elbe;

Die ruhigen Wellen umfassen den Blick

Des Mondes am Sternen-Gewölbe.
[64]

Ich stehe noch heute, von Wolken verhüllt,

Mit dir auf den schwindelnden Höhen,

Die Seele, mit hohem Entzücken erfüllt,

Erlieget den Wonnen und Wehen;


Da schienen die Räume der Erde so klein

Den geistigen trunkenen Blicken,

Da wehten die Lüfte des Himmels so rein,

Uns hob ein ätherisch Entzücken.


Am lauten hochwogigten heiligen Meer2

Ergriffen uns gleiche Gefühle,

Da schwebten die Geister der Grösse umher,

Und scheuchten die irrdischen Spiele.


Schon längstens entflohen im Strome der Zeit

Die Tage, wo wir uns einst fanden;

Dies Kränzchen sey heute noch ihnen geweiht,

Das Freundschaft und Wehmuth dir wanden!


Hier schlang ich's, wo Opfer vom heil'gen Altar

Erfüllen ätherische Räume,

Hier wehen die Lüfte so lieblich und klar,

Wie rosige selige Träume.


Hier küsset die silberne Blüthe die Luft,

Hier wölben sich heilige Hallen;

Da wandeln Gestalten im glänzenden Duft

Vertraulich, wie Selige wallen.
[65]

Entbunden vom kleinlichen irrdischen Sinn

Vermählt sich das Schöne dem Grossen;

Hier winket der göttlichsten Freude Gewinn,

Hier prangen die lieblichsten Rosen.


Da wandeln so selig im dämmernden Thal

Vergöttert die himmlischen Musen,

Allmächtig belebet ihr blitzender Stral

Den glimmenden Funken im Busen!


Wie spricht da die Luft mit der Quelle so traut,

Beweht von der rosigen Blüthe;

Da regt sich so mancher harmonische Laut

Im selig bewegten Gemüthe.


Es wandelt im ewigen Kreislauf dahin

Die schäumende rieselnde Quelle;

So gleichen die Spiele des Lebens dem Sinn

Der wandelnden wechselnden Welle.


Es krachen die Donner, der Blitzstral versengt

Die durstigen Halme und Blätter;

Wie rieselt gleichtönig, von Kränzen umdrängt,

Die Quelle im tobenden Wetter!


So wallt unter Stürmen der Weise dahin,

Mit ruhigem gleichem Gemüthe;

Kein Wechsel erschüttert den männlichen Sinn,

Veredelt von Tugend und Güte!
[66]

Auf leisen Erinnerungs-Wogen zurück

Schifft sinnend der ernste Gedanke;

Da blitzt' durch die Zweige des Morgenroths Blick,

Vergoldet umarmt es die Ranke.


Die Hoffnung entreisst mir den neblichen Flor,

Sie führt mich an rosigen Banden,

Ich blicke zum friedlichen Hafen empor,

Wo fröhlich die Seligen landen! –

Fußnoten

1 Es war dies in dem gastfreien Lübeck, wo ich mit meinem Onkel Brandenburg und meinem Freunde Menken mehrere Wochen weilte, und öftere Exkursionen in der dasigen Gegend machte. Der hier genannte Garten liegt auf einer Insel unweit Lübeck in der Trawe. Seinem gütigen Besitzer, von dem wir mehrmals dorthin eingeladen waren, verdanke ich manche schöne dort verlebte Stunde.


2 Zu Dobberan bei Rostock.


Quelle:
Elise Sommer: Gedichte, Frankfurt a.M. 1813, S. 63-67.
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