Im Namen meiner Tochter, Karoline Duncker, an ihren kleinen Willy

[245] Wallet sanft, wie Rosenhauch, ihr Winde!

Streuet süsse Blüthen meinem Kinde

Um die seidnen Löckchen, die so schön,

Aufgehaucht von euerm Kusse, weh'n!


Frühlings – Aether schlürfen seine Lippen,

Wie aus Blumenkelchen Bienen nippen.

Sehet, wie sein dunkles Auge lacht,

Und der Wangen Grübchen sichtbar macht!


Schlummern sollst Du hier auf Veilchenbetten,

In den Armen holder Amoretten,

Kleiner Amor! wie so still und süss,

Wallt um Dich ein Friedens – Paradies!


Wo die Genien der Unschuld feiern!

Himmelsfeste unter Blüthenschleiern;

Prangend in der Lilien weissem Kranz,

Sanft geröthet von Aurorens Glanz.
[246]

Wonnethränen weihen jede Blume,

Wo mein Willy schläft, zum Heiligthume,

Zum Altar der Mutter-Zärtlichkeit

Hat der Rührung Opfer sie geweiht.


Auf! erwache nun zu neuen Scherzen,

Wiege selig Dich an meinem Herzen;

Mutterliebe schliesset ewig warm

Dich mit Hochgefühl in ihren Arm;


Weihet Dich entzückt an ihrem Busen

Den Unsterblichen, den holden Musen,

Und der grossen göttlichen Natur;

Walle stets auf ihrer reinen Spur!


Ihr entströmt der Urborn alles Schönen,

Süsse Himmels – Harmonieen tönen,

Wo sie lebt; ihr glühe Deine Brust,

Nimmer störe Reue Deine Lust!


Edle Grösse müsse Dich erheben,

Für die Wahrheit wage gern Dein Leben,

Huld'ge dieser Gottheit immer warm,

Und der Unschuld leihe froh den Arm!


Wo die Bosheit, mit dem Neid verschwistert,

Hämisch über bess're Menschen flüstert,

Röthe mit der Wahrheit Sonnenlicht

Des Verläumders blasses Angesicht!
[247]

Wo der Heuchler prangt in falscher Grösse,

Zeige jedem muthig seine Blösse!

Ach! vor dieser Viper gift'gem Schmerz

Warne jedes argwohnleere Herz!


Auf der Tugend heil'gen Stufenleiter

Klimme muthig immer, immer weiter,

Jede Lust ist ein Taranteltanz,

Der die Holde weigert ihren Kranz.


Dann umarme Dich die reinste Freude

In der Morgenröthe lichtem Kleide;

Mit der Tugend schwesterlich verwandt,

Wallt mit ihr sie immer Hand in Hand.


Sie nur müsse himmlisch Dich beglücken!

Süsse Hoffnung hebet mein Entzücken,

Und schon seh' ich mich um Blüthen – Höhn

An dem Arm' des edlen Sohnes geh'n!


Weinst Du einst an meinem Sarkophage,

Feierst ihn, den letzten meiner Tage;

Dann, mein Willy, blick' zu jenen Höh'n,

Wo die Liebenden sich wiedersehn!

Quelle:
Elise Sommer: Gedichte, Frankfurt a.M. 1813, S. 245-248.
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