Um Klopstocks Urne!

[19] Dem Königlich Dänischen Herrn Staatsminister Grafen v. Bernstorf geweiht


Trauernde Zypressen will ich streuen

Auf des heil'gen Sängers stilles Grab;

Haltet an die Flügel, Abendwinde!

Thränen, thauet wehmuthsvoll herab!


Ehrfurchtsvoller, ernster Schauer leite

Mich zu seinem theuern Aschenkrug;

Hin zu ihm, den stolz sein guter Engel

In den höhern Lebensäther trug!


Dessen Blick die Glorie der Himmel

Schon umstralte in dem Prüfungsthal,

Wenn er ruhend in der Gottheit Arme

Hymnen sang im Abendsonnenstral;


Wenn er Töne aus Walhallens Chören

Hochentzückt auf seiner Harfe schlug,

Wenn in der Begeist'rung hoher Wonne

Ihn erhob des Seraphs Sonnenflug;


Wenn er malte Paradieses-Lauben,

Der Verdammten fürchterliche Quaal,

Tauchend seinen Pinsel bald in Flammen,

Bald in sanfter Morgenröthe Stral;
[20]

Wenn er laut im Hochgefühl der Freude

Dich, Teutonia, so stolz besang;

Wenn sein Genius kühn über Sonnen

Und Kometen zu der Gottheit drang;


Wenn er da im Ahnen ew'ger Wonnen

Tief empfand der Sel'gen hohes Glück, –

Da sank vor dem Lichtglanz der Verklärung

Alles Irdische in Nacht zurück!


Da enthüllte sich dem heil'gen Sänger

Klar die Herrlichkeit auf Tabors Höhn;

Der Geweihte jener höhern Wonnen

Fühlte hier schon Himmels-Lüfte wehn!


Mit der Palme in der Stralen-Rechte,

Wallt er nun im bessern Vaterland;

Geht mit seinem Cramer, Ebert, Herder

Und mit Plato traulich Hand in Hand;


Trinkt mit durst'gen Zügen aus der Quelle,

Der der Wahrheit klarer Strom entfliesst,

Und durchschaut der Gottheit dunkle Wege,

Deren Arm das Weltsystem umschliesst;


Sinkt in Edens Amaranthen-Lauben,

Nach durchkämpftem bangem Trennungsschmerz,

Seiner holden Cidli in die Arme,

Sinkt entzückt an seiner Fanny Herz!
[21]

Heil mir, edler Sänger! ich auch werde

Einst mich dir voll hoher Ehrfurcht nahn;

O, des Wiedersehens süsse Wonne

Ist nicht Täuschung, ist nicht eitler Wahn!


Wo der Elbe Silberfluthen strömen,

Dort, in Hamburgs Paradieses-Flur,

Sah ich dich in meinen Blüthen-Tagen

Kindlich-froh, ein Zögling der Natur!


Dort sah ich dich einst an Bernstorss Seite,

In dem Kreise edler Männer stehn;

Ihn, den Grossen, den beglückte Völker

Dankbar segnen, traulich mit dir gehn.


Freundlich hat dein Auge mir gelächelt,

Wie vor Ihm und dir ich schüchtern stand,

Jetzt noch seh' ich seinen Blick voll Güte,

Fühle noch den Druck von deiner Hand. –

Quelle:
Elise Sommer: Gedichte, Frankfurt a.M. 1813, S. 19-22.
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