Ein newes Gesang von der armut Christi in seiner Geburt/ im selbigen thon zu singen

[245] [1]

Lvst/ reichthumb/ pracht vnd eytel ehr/

Von Christo Christ/ verachten lehr.

O Gott mein Lieb/ O Gott mein Lieb/

O Armůt/ O Demůt/ O Gott mein Lieb.


[2.]

Vom H[i]mmel kam er auff die Welt/

Nichts mit sich bracht noch gůt/ noch gelt[.]

O Gott mein Lieb/ O Gott mein Lieb/

O Armůt/ O Demůt/ O Gott mein Lieb.


[3.]

Er ließ die Stadt Jerusalem/

Vnd kam zum Städtgen Bethlehem.

O Gott mein Lieb/ O Gott mein Lieb/

O Armůt/ O Demůt/ O Gott mein Lieb.


[4.]

Zu Bethlehem hat er kein Hauß/

Můst hin zum Stall/ zur Stadt hinauß.

O Gott mein Lieb/ O Gott mein Lieb/

O Armůt/ O Demůt/ O Gott mein Lieb.


[5.]

Der Stall stund auff vnn sonder thür/

War löcher vol/ kein fenster für.

O Gott mein Lieb/ O Gott mein Lieb/

O Armůt/ O Demůt/ O Gott mein Lieb.


[6.]

Der Wind vnn Schnee schlůg vberall/

Der Schnee bedeckt den gantzen Stall.

O Gott mein Lieb/ O Gott mein Lieb/

O Armůt/ O Demůt/ O Gott mein Lieb.
[246]

[7.]

Hie Gottes Sohn im Winter saß/

Kein Fewr war da/ vnd alles naß.

O Gott mein Lieb/ O Gott mein Lieb/

O Armůt/ O Demůt/ O Gott mein Lieb.


[8.]

Sein Hendger blaw/ sein Füßger steiff/

Von grosser kelt vnd hartem reiff.

O Gott mein Lieb/ O Gott mein Lieb/

O Armůt/ O Demůt/ O Gott mein Lieb.


[9.]

Auß seinen Augen fielen weiß/

Wie Perl/ sein Thrän/ gefroren eyß/

O Gott mein Lieb/ O Gott mein Lieb/

O Armůt/ O Demůt/ O Gott mein Lieb.


[10.]

Maria sucht was helffen kund/

Kein Deck/ kein Tůch/ kein Windel fund.

O Gott mein Lieb/ O Gott mein Lieb/

O Armůt/ O Demůt/ O Gott mein Lieb.


[11.]

Vom Haupt nam sie jhr eigen Weyl/

Schlug vmb daß Kind in aller eyl.

O Gott mein Lieb/ O Gott mein Lieb/

O Armůt/ O Demůt/ O Gott mein Lieb.


[12.]

O Christ thů auff daß Hertze dein/

Schließ ein/ vnd werm daß Kindelein.

O Gott mein Lieb/ O Gott mein Lieb/

O Armůt/ O Demůt/ O Gott mein Lieb.


Quelle:
Friedrich Spee: Die anonymen geistlichen Lieder vor 1623, Berlin 1979, S. 245-247.
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