Zweiundfünfzigstes Capitel

[558] Seit der Nacht der Barricaden ist die Sonne zweimal aufgegangen. Ein wunderlieblicher Frühlingstag blaut über der ungeheuren Stadt. Von dem lichten Himmel heben sich scharf die prächtigen Paläste ab, deren gewaltige Säulen und reichgeschmückte Friese in der goldenen Morgensonne gebadet sind. Und in der goldenen Morgensonne baden sich auch Tausende und aber Tausende glücklicher Menschen, die in unabsehbaren festlichen Schaaren die Stadt durchwallen.

Armes Volk! sprach Oldenburg bei sich, während er hinabschaute auf die wogenden Menschen; armes, wundersüchtiges Volk! Als ob alle Heiligen des Kalenders die helfen könnten, wenn du dir nicht selbst hilfst! Als ob die Sünden eines Menschenalters in einer Nacht gesühnt, als ob ein todtkranker Staat an einem Tage gesunden könnte! Du willst schon vergeben und vergessen, Denen, die dir noch niemals, niemals etwas vergeben und was du, nach ihrem Sinn, an ihnen gesündigt, niemals vergessen haben; niemals vergessen werden; noch tragen deine Häuser die Spuren des brudermörderischen Kampfes, noch sind die Dächer, deren Steine du in deiner Verzweiflung auf die[558] Köpfe deiner Feinde hinabschleudertest, abgedeckt; noch ist das Pflaster nicht wieder eingefügt, das du aufrissest, dir einen Wall zu schaffen gegen frechen Uebermuth; noch sind die Todten nicht begraben, die ihr Blut für dich vergossen, – noch harren auf ihrem Schmerzenslager zum Tode Verwundete der Stunde der Erlösung!

Das Hotel beherbergte zwei dieser Opfer.

Unten, ein paar Fuß von der Straße, auf welcher die fröhlichen Menschen vorüber wimmelten über die Stelle, wo vorgestern Nacht die Barricade ragte, lag in einem Sarge ein bleicher Mann, von dessen Wangen ein grauer Bart weit auf die breite Brust herabfloß über eine tiefe Wunde, der vorgestern Nacht das Blut des edelsten Herzens entströmt war.

Und hier in diesem selben Zimmer lag auf seinem Leidenslager hingestreckt ein junger Mann, der an der Seite des grauen Schwärmers tödtlich verwundet wurde, und dessen üppige Jugendkraft bis zu dieser Stunde unter unsäglichen Qualen mit dem unbarmherzigen Tode gekämpft hatte.

Nach dem Sturm, bei welchem Berger fiel und Oswald die Todeswunde empfing, hatte das Militair keinen neuen Angriff gemacht. Sei es, daß man die Position wirklich für uneinnehmbar hielt, sei es, daß die schwankenden Gemüther, bei denen die Entscheidung war, hemmend in die Operationen eingriffen, sei es, daß der Tod des Fürsten Waldernberg, der mit einer an Raserei grenzenden Kühnheit den letzten Angriff geleitet hatte und bei dem Sturm gefallen war, eine Bestürzung in den Reihen der Soldaten verbreitete, die ihre Führer die Erfolglosigkeit eines abermaligen Versuchs voraussehen ließ – man hatte sich begnügt, von Zeit zu Zeit durch eine Kartätschenladung die Barricadenmänner aufzuschrecken; endlich war gegen fünf Uhr Morgens der letzte Schuß gefallen.

Oldenburg hatte auf seinem Posten ausgehalten, bis er sich überzeugte, daß in der That kein abermaliger Angriff zu befürchten stehe und das Militair Befehl zum Rückzug erhalten habe. Dann erst hatte er Schmenckel, der als sein treuer Knappe kaum von seiner Seite gewichen war, zu sich gerufen[559] und sie hatten zusammen die schon halb abgeräumte Barricade, als die letzten Aller, verlassen.

Schmenckel hatte noch in der Nacht Oldenburg mit Thränen in den Wimpern erzählt, daß der Officier, der vor ihren Augen gefallen, sein Sohn gewesen sei. Oldenburg hatte den sehr verworrenen Bericht von des ehrlichen Caspars sehr verworrenem Leben mit nicht geringem Erstaunen angehört, besonders die Geschichte der letzten Tage – die Intriguen des unseligen Albert Timm, dessen Leichnam in das Hospital getragen war, des schlauen Jeremias Gutherz, der den Ueberfall in dem »Dusteren Keller« geleitet und der der Erste gewesen war, der sich aus dem Staube machte; die Conferenzen mit dem Grafen Malikowsky und der Fürstin Letbus; und daß Timm ihm auch gesagt habe, auf welche Weise er aus Oswald Stein alle Tage, die er wolle, einen Baron Grenwitz machen könne.

Oldenburg kannte die Welt und besonders die vornehmen Regionen, in welche Schmenckels Geschichten hineinspielten, zu genau, als daß er an der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit solcher Vorkommnisse hätte zweifeln sollen.

Wußte Oswald von seiner Abstammung? – doch das war ja am Ende so gleichgiltig! Es war nicht anzunehmen, daß der Tod zwischen dem Sohne des Barons Harald oder des Sprachlehrers Stein einen besonderen Unterschied machen würde, und Oswald gehörte dem Tode.

Eine Stunde nach seiner Verwundung war es entschieden. Um diese Zeit kam die erste ärztliche Hülfe, deren sich die Barricade zu erfreuen hatte, in der Person des Doctor Braun, der in Begleitung Melitta's anlangte. Melitta war noch bei Sophie gewesen, als der alte Baumann die Nachricht vom Ausbruch des Kampfes brachte, und daß Oldenburg in der Langen Straße die Barricade commandire. Melitta war sogleich entschlossen gewesen, zu Oldenburg zu eilen, und Sophie sah nur zu wohl, daß es Franz in einer Stunde, wo Tausende ihr Leben auf's Spiel setzten, nicht zu Hause litt, und trug es deshalb still, als er er klärte, Melitta begleiten zu wollen.[560] Der alte Baumann und Bemperlein, der ebenfalls anwesend war, sollten bei Sophie bleiben und sich ihrer und der Kinder annehmen.

Melitta und Franz hatten einen mühseligen Weg, bis sie endlich nach mehrstündiger Wanderung auf den größten Umwegen und oft mit Gefahr des Lebens ihr Ziel erreichten.

Das Wiedersehen mit der Geliebten entschädigte Oldenburg tausendmal für Alles, was er ihrethalben gelitten hatte. Melitta umarmte und küßte ihn unter Thränen in Brauns Gegenwart, sie hing sich an seinen Arm, sie konnte sich nicht trennen von dem, dem sie nicht mehr am Leben zu finden gefürchtet hatte, und den sie jetzt, von Pulver geschwärzt, in der ganzen Glorie seiner stolzen Mannheit wiedersah, bis er ihr in's Ohr flüsterte, daß im Akazien-Hotel Oswald auf den Tod verwundet liege. Da hatte Melitta ihren Arm aus seinem Arm gezogen und hatte – ernst und bleich, aber nicht bestürzt – gesagt, daß sie den Kranken pflegen wolle, wie es ihre Pflicht sei.

Seitdem war ein Tag und eine Nacht vergangen – eine Ewigkeit für Die, welche am Lager des von Höllenqualen Gefolterten wachten, der sich jetzt in seiner Raserei im Bette aufbäumte, so daß es Schmenckels ganzer Kraft bedurfte, ihn zu halten, und ein anderes Mal in sich überstürzender Hast die Bilder schilderte, die sich in wahnsinniger Fülle durch sein überreiztes Gehirn drängten. So hatte er, der sonst so Verschwiegene, das Geheimniß seiner Geburt enthüllt und damit Niemand so sehr überrascht, als die gute Frau Hauptmann, die sich lange nach ihrer Marie gesehnt und nun den Sohn Mariens endlich gefunden hatte, nur, um ihn sterben zu sehen. Die alte Dame schwebte wie ein guter Geist lautlos durch das Zimmer, und wenn sie gerade im Augenblicke nicht beschäftigt war, sah man, wie sie die Hände faltete und betete, daß ihr der Sohn der geliebten Tochter erhalten bleiben möge.

Aber dazu war schon seit dem ersten Augenblick keine Hoffnung mehr gewesen. Franz hatte sofort erklärt, daß Oswald sterben müsse, daß er einen, höchstens zwei Tage noch leben[561] könne. Es sei nicht wahrscheinlich, daß er vor dem Tode noch einmal zum Bewußtsein erwache.

Melitta sah diesem Augenblick, wenn er ja eintreten sollte, mit Wehmuth entgegen. Sie wußte jetzt, daß sie Oswald nur noch als einen unglücklichen Bruder liebe. Oswald hatte in seinen Phantasien ihren Namen nicht einmal über die Lippen gebracht; er hatte immer nur von einer lieben, schönen Frau gesprochen, gegen die er arg gesündigt habe, und die ihm, was er an ihr gefrevelt, nicht verzeihen könne. Die Erinnerung daran hatte dem Unglücklichen Thränen ausgepreßt; und Melitta hatte ihm die Thränen von den Wagen gewischt und nur immer gewünscht, sie könnte ihm sagen, daß sie ihm längst verziehen habe.

Da seufzte der Verwundete so tief, daß Oldenburg sich schnell im Fenster umwandte und an das Bett trat, an welchem Melitta saß. Aber das Seufzen war kein Schmerzenslaut gewesen, nur der letzte tiefe Athemzug einer Brust, von der die Last des Lebens für immer genommen ist.

Quelle:
Friedrich Spielhagen: Sämtliche Werke. Band 2, Leipzig 1874, S. 558-562.
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