Die Prinzessin Graziose.

[47] Es lebte einmal ein König, der eine Tochter hatte, die er sehr liebte. Seine Gemahlin starb, als die Prinzessin noch nicht völlig erwachsen war, und ward von dieser mit zahllosen Thränen beweint. Einige Monate nach ihrem Tode ritt der König auf die Jagd und kehrte, da er sehr ermüdet und erhitzt war, in einem Schlosse bei einer Herzogin, ein. Diese war sehr reich und stolz, und es fiel ihr ein, daß, wenn der König sie zur Gemahlin nähme, sie dadurch einen höhern Rang und ein größeres Ansehen bekäme. Sie bat ihn daher sogleich bei seiner Ankunft, sie in den Keller zu begleiten, um sich mit Wein zu erfrischen. Er ging mit ihr und sie schlug ein Faß auf; aber es war nicht mit Wein, sondern mit Gold gefüllt. Sie öffneten ein anderes, da waren lauter Perlen darin. Noch ein anderes – und wieder ein anderes voll Diamanten. Endlich fand sich doch eines mit dem herrlichsten Wein gefüllt. Der König war ein wenig habsüchtig, daher gefielen ihm die Schätze der Herzogin und er dachte unterwegs immer an die mit Gold und Perlen und Diamanten gefüllten Fässer.[48] Endlich faßte er den Entschluß, sich mit ihr zu vermählen, und alle ihre Kostbarkeiten zu bekommen, und es war in der That ein großer Entschluß, denn die Herzogin war unbeschreiblich häßlich. Er führte seinen Vorsatz aus und die Vermählung ward mit vieler Pracht gefeiert. Die neue Königin ward mit großem Pompe von ihrem Schloße in die Residenz geholt. Unglücklicherweise wurden unterwegs die Pferde, die sie führten, scheu, nahmen Reißaus, und warfen die Kutsche der Königin um. O weh! da kam aber ihre Häßlichkeit erst recht zum Vorschein. Sie verlor ihre blonde Perücke und ihr kahler, mit etlichen rothen Borsten gezierter Kopf, zeigte sich. Der eine Fuß war viel kürzer als der andere, und daher eine Erhöhung von einer halben Elle künstlich darunter gemacht; nun war diese fort, die falschen Zähne, zugleich ein Auge von Emaille – sie war einäugigt – fielen heraus. Die Königin war voll der entsetzlichsten Wuth, sich in diesem Zustand vor dem ganzen Hofe sehen lassen zu müssen, und schon am folgenden Tage veranstaltete sie ein großes Fest, bei dem ein Turnier gehalten werden sollte. Sie erwählte sich zwölf Ritter, die sie für die schönste Dame der Welt erklären, und diese Behauptung gegen jedermann verfechten sollten. Niemand unterstand sich gegen die Königin aufzutreten, die von Balkon[49] auf den zum Kampf bestimmten Hofplatz herabsah, und sich stolz brüstete, daß Niemand sich fand, der es bezweifelte, daß sie die Schönste sei. Die Prinzessin Graziose, ihre Stieftochter, mußte in einem schlechten Kleidchen hinter ihrem Stuhle stehn. Aber plötzlich trat ein fremder Ritter auf, warf den Handschuh (zum Zeichen, daß er fechten wolle) auf dem Kampfplatz, und rief laut: die Königin sei das häßlichste Weib unter der Sonne und seine Dame die schönste! Man denke sich die Wuth der Königin. Er überwand ihre zwölf Ritter nach der Reihe, und als er mit ihnen fertig war, noch hundert andere, die ihm die Boshafte entgegen stellte. Dann öffnete er eine brillantne Dose und zeigte ihr und dem versammelten Hofe und Volke das Bildniß der Dame, für die er gefochten, und siehe da, es war das, der Prinzessin Graziose. Sie ward feuerroth, denn sie war eben so bescheiden und sittsam, als sie schön war, und verbarg sich hinter die andern Damen; denn jedermann sahe zu ihr herauf und fand, daß der Ritter recht hatte. Die Königin aber fiel in eine Ohnmacht von einigen Stunden, so daß man alle Aerzte der Stadt zusammen holen mußte, sie wieder zu erwecken. Unterdessen ging die Prinzessin in ein Wäldchen, welches der Lieblingsaufenthalt ihrer Mutter gewesen, und weinte[50] da bitterlich über ihren Verlust und über das boshafte Weib, das der König geheirathet hatte. Plötzlich erschien eine schöne Dame vor ihr und sprach: »Weine nicht so, ich bin deine Pathe, die Fee Amaranthe und werde dir helfen und dir beistehen, nur mußt du immer gut bleiben.« Als sie das gesagt hatte, verschwand sie, und Graziose ging getröstet nach dem Schlosse zurück. Am andern Morgen ward sie zur Königin gerufen; da standen schon vier böse Weiber mit Ruthen, die sie schlagen sollten. Die arme Prinzessin weinte bitterlich und bat um Erbarmen, aber es half nichts, und die böse Königin befahl ihr den Rücken so lange mit Ruthen zu hauen, bis alle die Ruthen, die in Haufen gethürmt da lagen, zerbrochen wären. O Wunder! die Ruthen verwandelten sich aber, sobald sie die Haut Graziosens berührten in Blumen, und die Königin fiel aus Aerger darüber, wieder in Ohnmacht. Am andern Tage ließ sie die Prinzessin in einen großen, großen Wald führen, und mitten in demselben den wilden Thieren zur Speise hinwerfen. Graziose weinte wieder und zitterte vor Furcht, denn es wurde immer finsterer, und sie hörte die Löwen brüllen, und vermuthete in jedem Augenblicke, daß einer erscheinen und sie zum Abendbrod verzehren könne. Doch auf einmal erhellte sich der Wald. Herrliche[51] Lampen von Kristall wurden von unsichtbaren Händen an die Bäume befestigt, die sich von ihren Plätzen bewegten und so stellten, daß eine breite, schöne Allee sichtbar ward. Musik ertönte und ein goldner Muschelwagen, von sechs schneeweißen Hirschen gezogen, flog wie der Wind heran. Die Diener nöthigten die überraschte Prinzessin, die wohl sahe, daß Pathe Amaranthe im Spiele sei, hineinzusteigen, und im Nu war sie in einem herrlichen Pallaste, von gediegenem Golde, bei der Fee. Nun war alle Angst vergessen, und sie sollte immer hier bleiben. Doch nach einigen Tagen schon erwachte die Sehnsucht ihren Vater wieder zu sehen, so stark in ihr, daß sie die Pathe bat, sie doch zu ihm zu schicken. Amaranthe stellte ihr vor, daß es nicht ginge; aber Graziose weinte wieder. Da zeigte sie ihr einen großen Spiegel, und als sie hineinblickte, sah sie ihren Vater, der in der kummervollsten Stellung, den Kopf auf den Arm gestützt, ihr Bildniß betrachtete. Sie bat nun so lange, bis die Fee sie in den schönen Wagen heim sandte. So sehr sich der König freute, so sehr erboßte sich die furienartige Königin über ihre vermuthete Erscheinung. Am andern Tage sperrte sie Graziosen in eine Höhle, gab ihr ein ganzes Faß voll Federn von allen Vögelgattungen die es nur gab, und[52] befahl ihr, bis zum Abend die Federn alle auszusuchen, und die, welche zu einer Gattung gehörten, in einen Haufen zu thun. Das war eine Arbeit, die in einigen Monaten nicht geschehen seyn konnte. Der Abend war da, und die arme Prinzessin, die mit dem größten Eifer den ganzen Tag gearbeitet, und nur ein paar kleine Häufchen herausgebracht hatte, war trostlos. O gute Pathe, rief sie, hätte ich dir nur gefolgt! Im Augenblicke war die Fee bei ihr und berührte mit einer kleinen Ruthe das Faß. Im Nu erhoben sich die Federn, flogen aus der Oeffnung des Fasses, und vertheilten sich in kleine Häufchen. Von jeder Gattung von Vögeln war eines derselben. Kaum aber war Amaranthe wieder verschwunden, als die böse Königin erschien, und die mit unzähligen Schlössern verwahrte Thüre der Höhle öffnete, erfreut, um gewiß eine gute Ursache gefunden zu haben, die Prinzessin zu martern. Wüthend, sich wieder in ihrer Hoffnung getäuscht zu sehen, brausete sie fort, und am andern Morgen beschied sie in aller Frühe Graziosen zu sich. Hier, brummte sie dieselbe an, ist eine Schachtel, die trage mir ins Schloß im Walde, wo ich sonst wohnte, und gieb sie dort ab. Aber laß dir nicht gelüsten zu sehen, was darin ist, denn sie enthält gar wunderbare Dinge. Die arme Prinzessin[53] mußte in schlechter Bauernkleidung sich auf dem Weg begeben, und verschmachtete fast in der brennenden Sonnenhitze. Ermattet setzte sie sich unter einen Baum und betrachtete neugierig die geheimnißvolle Schachtel. Wenn ich doch nur wüßte, dachte sie, was in aller Welt in der Schachtel ist? – Nun, zusehen kann ich doch, es siehts ja Niemand. Gedacht, geschehen! – Sie öffnete nur ein wenig den Deckel. Husch! da schwärmte es heraus! Kleine, kaum Zoll lange Herrchen und Dämchen hüpften in den Wald. Die eben so kleinen Bedienten rannten mit der reichbesetzten Tafel ihnen nach. Dann folgten die Köche mit dem ganzen Küchengeräthe, den Bratspieß von gebratnen Hasen noch voll. Dann die Musikannten mit ihren Instrumenten. Graziose hätte sich gern an diesen Anblick länger geweidet, wenn nicht die Furcht vor der bösen Königin gewesen wäre. Sie eilte sie zu haschen; aber vergebens. Lief sie ihnen auf der Flur nach, so hüpften sie in den Wald, und war sie auch da, so flohen sie zurück auf die Flur. Ermattet und ermüdet fing sie an zu weinen und seufzte nach der Pathe. Schnell war das wunderbare Rüthchen da, berührte die kleine Gesellschaft, und augenblicklich führten die Herren die Damen höchst galant am Arme in die Schachtel zurück. Die Bedienten mit der Tafel,[54] die Köche mit den Bratspiesen voll Hasen und ihren Töpfen, die Musikanten, alles eilte zurück an seinen Platz. Graziose bedeckte eiligst die Schachtel mit dem Deckel und ging ins Schloß, wo sie ihren Auftrag ausrichtete und eine Bescheinigung der richtigen Ueberlieferung bekam, die sie der Königin brachte. Das boshafte Geschöpf stellte sich mit einemmale ganz freundlich gegen die Prinzessin, und ließ sie wieder bei sich erscheinen. Im Stillen ließ sie aber im Garten ein ungeheures Loch graben, wohl hundert Klafter tief. Eines Tages ging sie mit dem ganzen Hofe und der Prinzessin im Garten umher und auch zu dem Loche, welches sie mit einem großen, großen Stein hatte zudecken lassen. Ich möchte nur wissen, sprach sie, was doch unter diesem Steine seyn mag. Die dienstfertigen Hofleute sprangen sogleich herzu, ihn aufzuheben und bei Seite zu schaffen, doch kaum war er fort, als die Königin Graziose hineinwarf, daß sie in den Abgrund stürzte, und den Stein wieder auf die Oeffnung zu thun befahl. Doch die Prinzessin kam wohlbehalten, wie von unsichtbaren Händen getragen, hinab, und kaum war sie unten, als das Loch sich erweiterte; es entstand eine Thüre, die in einen herrlichen, erleuchteten Garten führte. Graziose eilte geschwinde hinein. Da erblickte sie die Pathe[55] Amaranthe und warf sich in ihre Arme. Die Fee führte sie in einer Wolke von Rosenduft herauf, und geradeswegs zum Könige. Wenn du, sprach sie, zu furchtsam bist deine Gemahlin für ihre Schandthaten zu strafen, so muß ich es thun. Darauf befahl sie die boshafte Königin in dasselbe Loch zu stürzen, in welches sie Graziosen warf. Der Stein ward darauf gethan, und ein lautes Freudengeschrei erhob sich, daß das Ungeheuer aus der Welt war. Graziose aber lebte wieder froh und glücklich.

Quelle:
Karoline Stahl: Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder. Nürnberg 21821, S. 47-56.
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