Sechsundzwanzigster Auftritt.

[114] Die Vorigen. Krautmann.

Krautmann tritt dem Kommissär zur Linken.

Claudia tritt zu Rosalie und Leonore.

Leonore tritt an Rosalie vorüber auf Claudia zu.

Gotthold zuerst und dann Sichel nähern sich Krautmann.


KRAUTMANN.

Was ist das für ein Lärmen?

GOTTHOLD UND SICHEL.

Man will mich / uns arretieren!

LEONORE UND ROSALIE.

Man will sie arretieren!

KRAUTMANN zu Gotthold.

Wer will dich arretieren?

STURMWALD UND STÖßEL.

Ich laß ihn arretieren!

[114]

Ich laß ihn arretieren!

KRAUTMANN wie vorher.

Wer will dich arretieren?

GOTTHOLD UND SICHEL.

Man will uns arretieren!

CLAUDIA, LEONORE UND ROSALIE.

Er läßt ihn arretieren!

KRAUTMANN.

Da werd' ich protestieren!

STURMWALD, STÖßEL UND KOMMISSÄR.

Da hilft kein Protestieren!

CLAUDIA, LEONORE UND ROSALIE.

Er läßt ihn arretieren!

KRAUTMANN.

Da werd' ich protestieren!

STURMWALD UND STÖßEL.

Ich laß ihn arretieren!

KRAUTMANN.

Da werd' ich protestieren!

GOTTHOLD UND SICHEL.

Man will uns arretieren!

CLAUDIA, LEONORE UND ROSALIE.

Er läßt ihn arretieren!

STURMWALD, STÖßEL UND KOMMISSÄR zu Gotthold und Sichel.

Nur fort einmal, fort, fort, fort, fort!

KRAUTMANN winkt dem Kommissär und tritt mit ihm weiter vor.

Herr Kommissär – ein Wort! –

Sie werden mich doch kennen?

KOMMISSÄR.

O ja, ich kenn' Sie schon!

KRAUTMANN.

Nun wohl, nun wohl,

Ich stelle Kaution.

Das nehmen Sie doch an?

KOMMISSÄR.

Das nehm' ich an!

Sturmwald und Stößel nehmen den Kommissär in ihre Mitte und verhandeln mit ihm.

Krautmann tritt wieder zurück.


STURMWALD UND STÖßEL.

Das geht nicht an!

GOTTHOLD, SICHEL, CLAUDIA, LEONORE UND ROSALIE.

Er nimmt es an! Er nimmt es an!

Er nimmt es an! Er nimmt es an!

STURMWALD UND STÖßEL.

Das geht nicht an! Das geht nicht an!

KOMMISSÄR.

Das nehm' ich an! Das nehm' ich an!

STURMWALD UND STÖßEL zum Kommissär.

Man setz' ihn gleich gefangen!

Ich hab' ihn attrappiert,

Wie er sein / mein Kind entführt!

KRAUTMANN zu Stößel.

Hat sich mein Sohn vergangen,[115]

So denken Sie daran,

Daß ich Sie stürzen kann!


Er tritt an Stößel vorüber zum Kommissär.


Sturmwald und Stößel wenden sich wieder nach rechts hinten und verhandeln unter sich.

Claudia tritt an Sichel und Gotthold vorüber zu Krautmann.

Kommissär wendet sich ärgerlich nach rechts hinten und kommt dann wieder auf die rechte Ecke vor.


STURMWALD UND STÖßEL zum Kommissär.

Man setz' ihn gleich gefangen!

Ich hab' ihn attrappiert,

Wie er sein / mein Kind entführt!

KRAUTMANN zu Stößel.

Hat sich mein Sohn vergangen,

So denken Sie daran,

Daß ich Sie stürzen kann!

CLAUDIA zu Gotthold.

Er hat sich zwar vergangen,

Doch stimm' ich jetzt selbst bei,

Daß Er mein Eidam sei.

GOTTHOLD zu Stößel.

Hab' ich mich auch vergangen,

So denken Sie daran,

Was nicht die Liebe kann.

SICHEL, LEONORE UND ROSALIE zu Stößel.

Hat er sich auch vergangen,

So denken Sie daran,

Was nicht die Liebe kann!

Sichel tritt an Leonore vorüber zu Rosalie.


CLAUDIA zwischen den beiden Paaren die Mitte nehmend.

Kommt, gebt euch nur die Hände,

So wird's einmal ein Ende!

STÖßEL kommt zwischen Krautmann und Gotthold vor.

Was machst du, Claudia?

STURMWALD.

Was machen Sie denn da?

Kommissär tritt nach hinten, Sturmwald zur Rechten und verhandelt mit ihm.


DIE PAARE küssen Claudia die Hand.

Wie danken wir, Mama!

[116] STÖßEL zu Claudia.

Du bist doch gar verwegen,

Was soll ich denn nun da?

KRAUTMANN zu Claudia.

Das find' ich sehr verwegen,

Bin ich nicht auch noch da?

CLAUDIA zu Stößel.

Du wirst dich gar nicht regen!

Sie tritt an Leonore und Gotthold vorbei, zwischen Krautmann und Stößel; halblaut zu Krautmann.


Sie müssen überlegen,

Ihr Sohn wird arretiert,

Wohl gar kompromittiert;

Denn wenn Prozeß wir führen,

So müssen Sie verlieren.

Wir klagen ihn sodann

Als Mädchenräuber an.


Sie treten nach hinten und verhandeln.


SICHEL tritt Stößel zur Linken vor, halblaut zu ihm.

Sie müssen überlegen,

Sie sind kompromittiert,

Wenn er die Klage führt,

Daß Sie geheim kurieren,

Arcana applizieren,

Und daß Sie heute Nacht

Den Grafen umgebracht.


Er tritt zu Rosalie zurück.


Claudia nimmt die Mitte zwischen den beiden Paaren.

Krautmann überlegt bei sich.


ALLE ohne den Kommissär.

Was wird wohl nun geschehn?

KRAUTMANN UND STÖßEL zusammentretend, halblaut zu einander.

Wenn Sie mich nicht kompromittieren –

KRAUTMANN.

Meinen Sohn nicht arretieren –

STÖßEL.

Mich nicht zur Fakultät citieren –

KRAUTMANN.

Es nicht mehr wagen zu kurieren –

STÖßEL.

Und Klage gegen mich dort führen –

KRAUTMANN UND STÖßEL.

So geb' ich meinen Willen drein!


Sie reichen sich die Hände.


Wohlan! Wohlan! so schlagen Sie denn ein!

Stößel tritt zwischen Leonore und Claudia.

[117] Krautmann ebenso, Gotthold zur Rechten.


KOMMISSÄR UND KRAUTMANN zu Gotthold.

Nun werden Sie / Nun wirst du doch zufrieden sein!

GOTTHOLD UND LEONORE.

Nun können wir zufrieden sein!

STÖßEL, CLAUDIA, SICHEL UND ROSALIE.

Nun werd't ihr doch zufrieden sein!

STURMWALD losbrechend.

Ha! Potz Bomben und Granaten!

So verfährt man mit Soldaten?


Er stürmt, ergrimmt den Degen ziehend, nach der Mitte, zwischen Leonore und Stößel.


Ich will Satisfaktion,

An dem Alten und am Sohn!

Gotthold und der herzu eilende Sichel halten ihn fest.


LEONORE UND ROSALIE fliehen erschreckt nach der hintern linken Ecke.

O weh!

KRAUTMANN zu Sturmwald.

Was giebt's?

GOTTHOLD UND SICHEL ebenso.

Gemach!

STÖßEL UND CLAUDIA ebenso.

Nur still!

KOMMISSÄR ebenso.

Stille! –

Das ist keine Art!

Herr, in meiner Gegenwart

Unternimmt man so was nicht!

KOMMISSÄR, GOTTHOLD, SICHEL UND STÖßEL zu Sturmwald.

Wollen Sie die Ruhe stören?

Lassen Sie sich doch belehren!

Sehen Sie, Herr / Freund, Sie sind schon alt,

Jedes Mädchen bleibt da kalt.

CLAUDIA.

Alter, wart', ich will dich lehren,

Auf die Mutter nicht zu hören!

Sieh, das hast du nun davon,

Statt des Mädchens Schimpf und Hohn.

LEONORE UND ROSALIE auf die linke Ecke vortretend.

Ja, du mußt dich schon bequemen,

Deinen Korb nach Haus zu nehmen;[118]

Laß dir dies zur Warnung sein,

Liebe flößt du nicht mehr ein.

STURMWALD lacht.

Ha, ha, ha! Nun, meinetwegen,

Ich hab' nicht so viel dagegen!


Er lacht.


Ha, ha, ha! Das dacht' ich gleich,

Denn es war ein Narrenstreich!

ALLE lachen.

Hahahahahahahahahaha!

STURMWALD.

Ich wünsche Glück, Viktoria!

Alle außer Sichel, bedanken sich bei Sturmwald; Händeschütteln etc.

Sturmwald tritt zwischen den Kommissär und Krautmann.

Gotthold ebenso zwischen Claudia und Leonore.


ALLE außer Sichel.

Viktoria! Viktoria! – Viktoria! Viktoria!

STURMWALD, CLAUDIA, GOTTHOLD, LEONORE UND ROSALIE.

Nunmehr ist unser Spiel gewonnen,

Ist unser Spiel gewonnen!

ALLE außer Sichel.

Viktoria! Viktoria!

SICHEL dazwischen.

Geduld! Geduld! ich bin ja auch noch da!

STURMWALD, KRAUTMANN, STÖßEL UND CLAUDIA zu Sichel.

Was soll es sein? Was will denn Er? –

SICHEL.

Nun ja, nun ja, soll ich denn etwa leer

Bei diesem Fest ausgehen?

STURMWALD, KRAUTMANN, STÖßEL UND CLAUDIA.

Was soll denn noch geschehen?

SICHEL.

Sie wissen, daß ich gut studiere

Und als Chirurgus praktiziere,

Man wird mich also graduieren,

Wenn ich die Kosten kann prästieren,

Mithin bin ich ein Mann im Staat,

Der Ansehn und zu leben hat.

STURMWALD, KRAUTMANN, STÖßEL UND CLAUDIA.

Nur weiter, nur weiter, wenn ich bitten darf!

SICHEL zu Stößel.

Nun fehlet mir zum Praktizieren

Und baldigem Examinieren

Ein Weib, so kann ich mehr studieren

Und sie indes die Wirtschaft führen.


[119] Auf Rosalie zeigend.


Dort steht so ein Subjektulum,


Zu Claudia.


Ist's Ihnen feil, so bitt' ich drum!

STÖßEL leise zu Sichel.

Versteht Er was vom Laborieren?

SICHEL.

Ich lasse mich darin probieren.

STÖßEL.

Nun denn, was sagst du, Claudia?

CLAUDIA.

Ich sage herzlich gerne ja!

Sichel eilt zu Rosalie.


GOTTHOLD UND SICHEL zu Claudia.

Sie machen uns sich nun ganz eigen –

LEONORE UND ROSALIE.

O könnten wir doch nur bezeigen –

GOTTHOLD, LEONORE, SICHEL UND ROSALIE.

Wie sehr wir Ihnen dankbar sind! –

KOMMISSÄR.

Nun giebt's nichts mehr zu arretieren,

Ich will mich also retirieren,

Und gratuliere allen sehr.

ALLE.

Wir danken schön, Herr Kommissär!

Kommissär geht ab nach links.


ALLE.

Viktoria! Viktoria! – Viktoria! Viktoria!

CLAUDIA, GOTTHOLD, LEONORE, SICHEL UND ROSALIE.

Nunmehr ist euer / unser Spiel gewonnen!

Sie / Wir haben nicht umsonst gesonnen,

Sie / Wir sind nun ihrem / unserm unserm Glücke nah!

ALLE.

Viktoria! Viktoria! –

Was hilft den Alten alles paaren,

Sie müssen endlich doch erfahren,

Daß Jugend nicht das Alter freit,

Und keins sich zu verlieben scheut!

Viktoria! Viktoria! – Viktoria! Viktoria!

Ende.


Quelle:
Karl Ditters von Dittersdorf: Doktor und Apotheker. Dichtung von Stephanie dem Jüngeren, Leipzig [o. J.], S. 114-120.
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