Zweyter Absatz

[289] Polyphilus / sein Glück nicht ertragen könnend / läst sich vom Agapistus bereden / an Macarien wahrer Liebe zu zweifeln. Er schreibet ihr demnach später /als er versprochen / und beklaget den Verzug[289] gar kaltsinnig: worauf sie ihme mit einem Brief und Lied antwortet. Seine Widerantwort / mit Wiederholung ihres Liedes. Sein Gespräche mit dem Agapistus / den er erbittet / nach Sofoxonien zu reisen.


Die Liebe und der Reichtum / sind niemals ohne Sorge: und solte uns gleich der Himmel Geld und Güter mit Verschwendung zuwerffen / und unsere Geliebte in die Schoß und Arme legen / so würden wir doch nicht vergnügt seyn / und uns zum wenigsten mit der Sorge plagen / wie solche herrliche Schätze zu erhalten seyen. Den Augenschein dessen sehen wir an unserm Polyphilus / der mitten in der Glückseeligkeit unseelig / und bey Uberfluß der Liebe immer nach Liebe verlangig ware. Es gieng ihm / wie einem Reisenden / der von fern eines stück Goldes gewar wird /und mit ängstiger Freude nach demselben eilet / damit ihm keiner von seinen Gefärten vorkomme; wann er aber solches erlanget / erst anhebt zu zweiffeln / ob es auch warhaftig Gold / oder nur ein vermischtes Metall sey / und dannenhero nach dem Feur lauffet / selbiges zu prüfen. Also war auch Polyphilus erstlich nur bemühet / die Liebe Macarien (deren Tugenden er bewundert) zu erlangen / ehe ein ander ihr Hertz einnehme: Nun sie ihm aber so theure Zeichen ihrer Liebe gegeben / daß er über keinen Mangel zu klagen hatte /fänget er auch an zu zweiffeln / ob er solche vor eine aufrichtige Liebe / oder für scheinbare Verstellung halten solte / und suchet ihre Gewogenheit / durch so gefährliche[290] Flammen zu prüfen / daß ich fürchte / es werden ihn derselben Funcken einst schweerlich verletzen.

Der Grund dieses Mißtrauens / und das erste Holtz zu diesem Brand / ward vom Agapistus geleget. Dann als Polyphilus / nach dem freundlichen Abschied von seiner Macarie / mit frölichen Gemüte wieder zu seinen Schäfern gekommen / und dem Agapistus in geheim / die glückseelige Findung seiner geliebten Macarie / und deren freundliche Bezeigungen / eröffnet /konte sich dieser / eine so schnelle Veränderung in Macarien Gemüte nicht warhaftig einbilden / und sagte demnach zum Polyphilus: Ich freue mich zwar sehr / mein Freund / daß ihr endlich den Zweck ereichet / nach welchem ihr so mühsam gestrebet / und der Gunst eurer Macarien nun gäntzlich versichert seyt. Weil aber ihre eigene Worte gegen mir / zusamt ihren Briefen gegen euch / so gar das Wiederspiel zeigen / werdet ihr mir zu gut halten / wann ich noch einigen Zweiffel von ihrer beständigen Gewogenheit hege. Ein ungeläutertes Silber / und eine ungeprüfte Liebe / bleiben allezeit verdächtig. Viele lieben im Glück / die im Unglück hassen. Vielleicht wird sie /durch eure Liebe / zur Gegenliebe genötiget / nur daß sie die Undanckbarkeit fliehe? Und vielleicht würde sie / bey eurem Widerwillen / wann er auch nur gering schiene / alle Liebe fallen lassen?

Polyphilus / ob er wohl viel höhere Gedanken von seiner Macarie führte / ließe sich doch durch diesen Einwurff zu einer kleinen Probe verleiten: nicht so sehr / seine Gewißheit zu stärcken / als dem Agapistus seiner Liebsten Beständigkeit zu zeigen.[291] Demnach verzoge er das Brieflein / welches er Macarien versprochen / wohl vierzehen Tage / und ergetzeten sich indessen mit den neuen Hirtenspielen: bis sein eigen Gewissen ihm seine Schuldigkeit vorhielte / und er / von Liebe überwunden / folgendes Brieflein /durch des Gärtners Jungen / an sie abfertigte.


Mein Hertz!


Wann ich / die Saumseeligkeit dieses Grusses / dem Versprechen / das ich bey unsern Abschied gethan /entgegen halte / solt ich wohl selber meinen Fehler mehr anklagen / als entschuldigen. Habe ich denn ihrer so lang vergessen / und die Bitterkeit meines Abwesens / die sich sonderlich der Zeit am meisten häuffet / wann wir unser Verlangen verlassen müssen / unbeklagt verschweigen können? Oder hat mich / die schuldige Pflicht / meiner Zusage nicht erinnert / der Jenigen zu gehorsames / die mir / die angenehme Verstrickung meiner Freyheit / mit widerwertiger Bitterkeit lösen könte? Wie hab ich doch meiner vergessen / indem ich die jenige eine so geraume Zeit nicht begrüsset / ohne deren Erinnerung mein Hertz nichts ersinnen oder denken kan? Sind die äusserliche Zeichen eine Ursach der Verhinderung / und der Beweiß einer innerlichen Vergessenheit: so wird mich in Warheit diß langsame Brieflein mehr verdammen / als entschuldigen. Aber ungerechter Brief! warum hast du auf meinen Verlaub so lang gewartet? du hättest ohne meinen Befehl abreisen[292] / und meiner Liebsten / den heimlichen Gruß meiner sie stets-verehrenden Seele / wider mein Wissen / entdecken sollen: gläube mir / sie würde dein neues Zeugnüs erfreuter angenommen / als die billiche Verdammung zugelassen haben. Nun soll ich selber mit dir kämpffen. Und gewißlich / weil die Richterin weiß / wie ich ihrer nie vergessen könne / wird sie / aller Gewonheit zuwider / das Urtheil mehr gegen den Verklagten / als gegen mich den Anklager fällen / und durch deine Unbilligkeit mich rechtfertigen. Es folget doch nicht /weil ich sie so lang nicht begrüsset / daß ich auch in der Zeit nicht an sie gedacht habe. Ach! wie wäre diß müglich? Ihre Gedächtnüß / so mir das zarte Bild ihrer Lieb-flammenden Augen / ohne Entscheidung vorstellet / ist so tieff in mir verstecket / daß / ob es gleich in gedoppelter Zeit nicht Frucht trüge / dennoch der Zuckersafft die Wurtzel dermassen durchsüsset / daß die Bitterkeit des Verlangens bißweilen der vergnügten Ruhe geniesset / und sie nicht suchen /sondern behalten heisset. Wird sie demnach / allerliebstes Kind! die Ursach meines Stillschweigens mit der Menge meiner Verhindernüssen abmessen / und kein Mißtrauen wegen Andenkens in ihrem Sinn herrschen lassen / vielweniger mich mit gleicher Straffe belegen / welches ich wol vor die Gröste erkennen würde / die mir ihre erzürnte Hand auflegen könte /sondern mich / bey dieser Post / mit einem ihrer schönen Gedichte erfreuen / auch[293] durch eine angenehme Antwort mich versichern / das sie noch beständig liebe /

Ihren ewig getreuen

Polyphilus.


Ehe Macarie diß Schreiben erhielte / war sie mit tausend Gedanken umgeben / und wuste nicht / wem sie die Verhinterung des Gruß-Briefleins / welches ihr Polyphilus so eiffrig versprochen / zuschreiben solte. Bey den Gärtner hatte sie alles wohl bestellet. So kunde sie auch an dem Willen ihres Liebsten / dem sie allezeit so willfährig befunden / nicht zweiffeln. Demnach quälete sie sich / mit Besorgung einer Kranckheit / oder eines noch grösseren Unglücks / so dem Polyphilus möchte zugestossen seyn / dadurch er an seinem Versprechen gehindert würde. Aber allzu sichere Macarie! es ist keines von beyden: sondern Polyphilus will / bey Gesundheit / nicht an dich schreiben / und im Glücke deiner nicht achten. Bißher hat er / die Sorge üm Gegenliebe / allein empfunden: Aber nun will er dich auch zur Qual-genossin haben. Hat er eine Zeitlang um deiner Liebe willen gelitten /so fürchte ich / du werdest solches Leiden nun eben so häfftig fühlen müssen. Dann dieses ist nur der Anfang deines künfftigen Unglücks / und auf dißmahl werden nur die Seiten gestimmet / welche dir nachmals einen traurigen Thon vorspielen sollen. Darum ist es kein Wunder / daß du dich verwunderst / weil es wider deine Gedanken lauffet. Derowegen du auch so bald gläubest / wann sich Polyphilus entschuldiget /und nicht merken wilt / daß dergleichen Proben noch mehr gesponnen werden[294] / biß du mit solchem Garn ganz verstricket seyest.

Dißmahl wurde die Furcht durch die Freude verjaget / so bald sie des Polyphilus Brief von dem Jungen empfangen: Wiewohl dessen Inhalt / und die mehr höffliche / als gültige Entschuldigung seines Stillschweigens / ihr etwas Nachdenken verursachte / und sie eine freundliche Straffe / durch nachfolgendes Brieflein / an ihm absenden machte.


Ruhm-würdigster Schäfer.


Sein langes und gantz befremdliches Stillschweigen /hat / wie leicht zu vermuthen / meinen Sedanken allerhand Sachen / und endlich die vergebliche Hoffnung vorgestellet / es würde meine / so oft wiederholte /wohlmeinende Erinnerung / dißmahl ihren erwünschten Zweck erreichet / und sein Gemüte / durch Befreyung von einer ungegründeten Liebe / glückseelig gemacht haben. Aber sein Brieflein bemühet sich / das Gegentheil zu erweisen / und mit vielerley Verrichtungen seine Vergessenheit zu entschuldigen: welche er doch weit sicherer / mit meiner Unwürdigkeit hätte vertheidigen können Dann wie wäre es müglich / daß einiges Nachsinnen / die Gedanken so gar fassen könte / daß sie nicht zuweilen ausschreiten / und sich ihres freywilligen Versprechens erinnern solten? Oder / wie könten der Geschäffte so viel seyn / daß sie zu Ausfertigung eines kleinen Briefleins / innerhalb vierzehen Tage / nicht ein einiges halbes Stündlein übrig lassen? In Warheit /[295] mein Polyphilus! seine eigne Vernunfft muß gestehen / daß diese Entschuldigung unkräftig / und gestehet es auch gern / wie sein Brieflein bezeuget: Welches sich gleichfals heftig beklaget / daß er ihm gewaltsamer und unbilliger Weise die Schuld auf zu bürden gedenket / sonder Betrachtung / wie oft es ihm Feder und Papier vorgeleget /und also ihn stillschweigend zum schreiben angemahnet / aber gar schläffriges Gehör erhalten / und gern eher abgelauffen wäre wann er es eher verfertiget hätte. Also scheinet die Entschuldigung / grössere Straffe / als das Verbrechen selber / verdienet zu haben. Und weil er mir das Richter-Amt aufgetragen /so könte ihm von mir keine gerechtere Straffe zuerkennet werden / als die jenige / zu welcher er sich selbst verdammet / nemlich diese / daß ich die Antwort eben so lang zurück hielte / als er die Begrüssung aufgezogen. Aber wie solte diese Versäumnüs /darinnen eine kleine Nachlässigkeit die gröste Sünde ist / meine Feder zurück halten / ihm seine Bitte zu versagen? Es würde mir weit leichter seyn / ihm alle Beleidigung zu vergeben / als eine einige zu rächen. Die Verse aber / oder vielmehr die Reimen / (weil unter Poeten und Reimenmachern ein großer Unterscheid ist) wird er von meiner Unvermögenheit nicht fordern / sondern mit kommende Entschuldigung für gültig aufnehmen / als ein Zeugnüs / das sich jederzeit gehorsam erweiset /

Seine ergebene

Macarie.[296]

1.

Was begehrst du meine Lieder /

Die doch ohne Klugheit sind?

Ach! du weist ja / schönes Kind!

Daß nicht lieblich singt ein jeder.

Mein Gedicht /

Kan sich nicht /

Deinem süssen Spiel vergleichen /

Das dich / von des Pöffels Schaar /

An die Wolken machet reichen.


2.

Es ist keine Kunst zu nennen /

Was die Einfalt führet mit.

Welcher wird / ein Bauren Lied /

Für der Musen Stimm erkennen?

Schlechter Thon /

Bringt nur Hon.

Und mein ungeziertes Lallen /

Welches keinen Dank verdient /

Kan auch niemand wol gefallen.


3.

Demnach / Liebster! nimmt dein Bitten

Allen Zweiffel von mir hin /

Und ermundert meinen Sinn /

Nach zu folgen deinen Schritten.

Ist gering /

Was ich bring /

So ist doch der Will zu preisen:

Der / auch in gar schlechter That /

Den Gehorsam kan erweisen.


4.

[297] Nim / an stat der schönen Reimen /

Mein getreues Lieben an /

Das dein nicht vergessen kan.

Laß auch dir stets von mir träumen.

Was der Neid

Uns verbeut /

Lindert doch das Angedenken /

Biß die Tugend / nach dem Streit /

Uns wird stete Ruhe schenken.


Diß Gedicht schlosse Macarie in vorgesetzten Brief /und schickte damit den Gärtner-Jungen an den Polyphilus. Weil sie aber auch andere Notwendigkeit in ihrem Lusthause zu bestellen hatte / gabe sie ihre Dienerin zur Gefärtin mit. Als diese beyde dahin gekommen / fanden sie den Poliphilus allbereit ihrer wartend: Dann es hatte ihm sein Gewissen / das Verbrechen seines Stillschweigens / so sträfflich vorgemahlet / daß er entweder gar keine / oder doch eine harte Antwort / von Macarien besorgte / und aus ängstiger Furcht nimmer bey den Hirten bleiben kunde / biß er von seiner Liebsten Vergebung erhalten. Darum gienge er nach ihren Handgut / in Hoffnung / eine Antwort bey dem Jungen zu fordern. Als er nun solche bekommen / ward er so vergnügt / daß er nicht wuste / ob er zu erst seinen Zweiffel verdammen / oder seiner Macarie Treu erheben solte. Er durchlase den Brief /samt dem Gedicht / mit solcher Freude / daß es schiene / ob würden seine Geister von neuen gebohren. Weil er durch ihre Dienerin Gelegenheit hatte / wieder zu antworten / als wolte er / seine Danckbarkeit sehen zu lassen / solche[298] nicht ausschlagen / sondern forderte alsbald Feder und Papier / und schriebe seiner Macarie folgende Antwort.


Allerliebste!


Wie die Gewalt ihres beredsamen Mundes meine ungelehrte Feder allemahl weit übersteiget / also gehet auch der Reichtum ihrer Tugenden meiner Unvollkommenheit so weit vor / daß ich in dero heimlichen Bekriegungen meine Vermessenheit besiegt erkennen / und bey gerechter Entschuldigung mich gleichwol selber eines Verbrechens beschuldigen muß. Was will sie aber / liebes Kind! vor eine Bekentnüs annehmen? Als Richterin beschliest sie die Befreyung von einer ungegründeten Liebe / deren ich aber die geschlossene Fessel / mit welchen mein Hertz / als der Sitz solcher Freyheit / bestricket ist / entgegen halte. Soll ich nun / mein Verbrechen mit einer Unwürdigkeit vertheidigen / so befihlt mir ihre Höfligkeit ein anders: Deren zu gehorsamen / ich mich aber viel zu unwürdig schätze / nemlich in die Hände der Würde selber mich einzuschliessen / da mich die schreckende Furcht in ein Still-seyn verleitet. Wird aber der Schluß ihre Schönheit und Tugend betreffen / will ich viel sicherer meine Saumseligkeit / und mit derselben mein Verbrechen / auch die Vermessenheit / so mich /ihrem Beschuldigung nach / zu einer ungültigen Entschuldigung bereden dürffen / ihrem beliebenden Urtheil zu bestraffen darstellen. Ich sehe[299] aber / daß sie ihr Richter-Amt also gegen mir verwaltet / daß ich mehr von gnädiger Vergebung sagen / als über zorniges Recht klagen muß. Wird mir aber nicht / die Verweigerung der Straffe / zu fernern Verbrechen Anlaß geben: Doch nein / schönes Rind! der rühmliche Vorgang in einer aufrichtigen Liebe / wird mir vielmehr eine gleich-rühmliche folge auflegen: Sonderlich da diese der Widerwertigkeit mehr befreyet / und vor jener beglücket ist. Freylich beglücket / mein Hertz! Dann in jener hab ich nie den herrlichen Namen ihres Liebsten erhalten können / der mir in den Anfang dieser folge / durch ihr schönes Gedicht / einen gantzen Himmel voll Süssigkeit erwecket. Was will ich nun mehr begehren / oder verlangen? ich kan mich ja durch diesen Namen versichern / daß ihre Beständigkeit mit solchen Ketten an meine Treue gebunden sey / die kein anderer / solte er auch noch so viel Gehülffen haben / zerreissen kan: Bevor wann auch mein unausgesetzter Fleiß / dieselbe mit bessern Glück forthin bewahren / auch durch mehrere Brieflein / als bißher geschehen / erweisen wird / daß ich lebe und sterbe / Ihr

Ewig beständiger

Polyphilus.


Das Gedicht hatte er folgender massen verkehret /welches er dem Brief mit eingeleget.[300]

1.

Liebste! wären meine Lieder

Auch so klug / wie deine sind:

Wüst ich / zartes schönes Kind!

Daß auch deinen Preiß hinwider /

Mein Gedicht /

Meine Pflicht /

An die Wolcken solte heben;

Daß nicht meiner Verse Spiel

An der Erden bliebe kleben.


2.

Wär es eine Kunst zu nennen /

Was die Einfalt führet mit:

Wolt ich meinem Bauren Lied

Auch noch einen Thon vergönnen /

Dir zur Ehr /

Mir zur Lehr.

Aber weil mein Einfalt-Lallen

Niemals keinen Dank verdient /

Darff mir diß auch nicht gefallen.


3.

Gleichwol / weil die schöne Sitten

Liebste! deiner Gütigkeit /

Herrlich gläntzen allezeit /

Werd' ich dannoch sein gelitten /

Wann ich mich

Lediglich

Mühe / deinen Ruhm zu preisen

Auf der Erden / biß mein Geist

Dich den Sternen gleich kan weisen.


4.

[301] Dieses nimm / an stat der Reimen /

Treues Hertz! hinwider an /

Und weil ich nicht besser kan /

Als von dir mir lassen träumen:

Will ich dich /

Wie du mich /

Stets in meinen Sinnen führen;

Biß wir / von der Neider Mord

Eingeschlaffen / ruhe spüren.


Als nun Polyphilus / der Magd den Brief eingehändigt / mit Bitte / solchen Macarien / neben einem gehorsamen Gruß / von ihme zu überliefern / verfügte er sich / mit frölichem Gemüte / wider zu seinen Schäfern. Agapistus gieng ihm entgegen / und sagte: willkomm / Polyphilus! Ihr habt gewiß gute Antwort bekommen: mich dünckt / ich soll es an eurer Stirn lesen. Freylich / mein Freund! (gab Polyphilus zur Antwort /) ich weiß nicht / ob ich euren Argwahn verklagen / oder meine Leichtgläubigkeit verdammen soll / wann ich meiner Macarie Beständigkeit betrachte. Hier leset / Agapistus! was ihr nicht gläuben kundet / und zweiffelt hinfüro nicht mehr / an deren Tugend / die keine ihres gleichen findet. Damit übergab er ihm den Brief Macarie / welchen Agapistus durchlase / und dem Polyphilus wieder zustellte / sprachend: Warumb wollet ihr meinen Zweiffel / und die daraus entsprungene Liebes-Probe / verdammen / da sie euch doch / die süsse Versicherung von eurer Macarie Treu / zurück gebracht? Wollet ihr eine schöne Blume deßwegen verachten / weil sie aus einer schwartzen Zwiffel hervor[302] gewachsen? Ich verachte nicht die Blum / (versetzte Polyphilus) sondern verdamme die Unbilligkeit / mit welcher ich ihr / aus einem unnötigen Verdacht / die schuldige Begrüssung entzogen. Doch ist es wohl abgelauffen / und nun nichts mehr zu wünschen übrig / als unsre völlige Vereinigung. Diese nun zu befördern / werden wir die Reise nach Ruthuben ehist anzustellen haben.

Dieses kan bald geschehen! (sagte Agapistus) allein es wird nötig seyn / daß wir zuvor die Melopharmis unsern Zustand wissen lassen: damit nicht die Mütterliche Liebe gegen ihren Sohn / uns in Ungnade bey der Königin / und in andere Ungelegenheit stürtze. Das ist wohl erinnert! (sagte Polyphilus) Aber wie bringen wir einen Brief dahin / weil niemand unter den Hirten den Weg weiß? Mit Briefen (er wieder Agapistus) ists bedenklich / wegen allerhand Ursachen. Wir wollen selber eine Reise zu ihnen thun. Polyphilus zukte die Achsel / und sagte: Nach Sophoxenien komme ich nicht. Ihr wisset / was ich daselbst vor Feinde hab: Soll ich wider neu Holtz zu den verdrießlichen Feuer legen / welches in meiner Abwesenheit fast wird erloschen seyn? So will ich allein dahin / (sagte Agapistus) und ihnen von unserm Leben Nachricht ertheilen: Wann ihr so gutwillig seyn wollet / (versetzte Polyphilus) hätte ich große Ursache zu danken. Ich thue es gar gern: (antwortete Agapistus) morgen mit dem frühsten will ich mich aufmachen.

Unter diesem Gespräche kamen sie wieder zu den Schäfern: Und weil sie sahen / daß das Auge der Welt begunte schläfferig zu werden / trieben sie die[303] Herden nach den Ställen / und begaben sich / nach gehaltener Abendmalzeit / sämtlich zu Bette. Am folgenden Morgen / machte sich Agapistus auf den Weg / nahm Abschied vom Cumenus / Tycheno / und den andern /und wendete vor / wie daß er eine kleine Verrichtung in der Nachbarschaft hätte / und bald wider bey ihnen seyn wolte. Polyphilus und Tycheno gaben ihm / unter einem guten Gespräche / das Geleite. Und weil Tycheno nicht Lust hatte / mit nach Sophoxenien zu gehen / sondern nur einen Gruß mit gabe / als bate Polyphilus den Agapistus / er möchte doch seinen Weg durch Soletten nehmen / und bey der Macarie einen schönen Gruß ablegen: Welche ihn vielleicht eine Antwort auf den Brief / den er ihrer Dienerin mit gegeben / hinwiederum zustellen würde. Ihr sollet nicht bitten / (sagte Agpaistus) sondern befehlen. Ich will diese Verrichtung gern auf mich nehmen: Der Himmel gebe nur / daß ich ein glükseeligerer Bote /als jenes mal / seyn möge! Das will ich ja hoffen! versetzte Polyphilus / und nahme damit / nach Anwünschung einer glücklichen Reise / von ihm Abschied /worauf er mit Tycheno nach den Trifften zurücke gienge.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 2, Nürnberg 1673, S. 289-304.
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