Dritter Absatz

[304] Agapistus / nachdem er unterwegs zu Soletten die Macarie gesprochen / kommt nach Sophoxenien /und berichtet von ihrem neuen Schäfer-Leben. Er wird daselbst aufgehalten / und schreibt an den Polyphilus. Dieser[304] verspaziret seinen Traum / wörtelt mit dem Gegenhall / stöst auf den Taliypsidawus / und empfihlet ihm ein Schreiben an die Macarie. Als er auch den dritten Brief hernach gesendet / erfolget auf alle dreye ihre Antwort.


Agapistus ließe ihm seine Reise so angelegen seyn /daß er in etlichen Stunden nach Soletten kam / und die Macarie gantz allein fande: dann die Magd noch nicht von dem Garten-Hauß / heim gekommen war. Er grüßte sie freundlich / und als er warname / das sie sich über seiner unvermuteten Ankunft etwas entsetzte / sagte er: Ich wäre nicht so kühn / hochwehrte Macarie! ihre beliebte Einsamkeit durch meine verdrießliche Gegenwart zu zerstören / wann ich nicht gläubte / daß des Polyphilus Befehl / diese Vermessenheit entschuldigen werde. Selbiger lässet einen schönen Gruß durch mich vermelden / und lebet in der Hoffnung / die schönste Macarie werde erwünschter Glückseeligkeit geniessen / und seinen Gedächtnüs einigen Raum in ihren Hertzen gönnen. Ich bedancke mich freundlich / (gab Macarie / die sich indessen wieder erholet / zur Antwort /) daß er / Kunst-Edler Schäfer! meine Einsamkeit seiner Besuchung würdigen wollen. Und weil mich Polyphilus durch ihn begrüsset / bitte ich / er wolle ein kleins den Sitz nehmen / auch seine Freundlichkeit und meine Schuld grösser zu machen / mich berichten / wie dem Polyphilus der Schäfer-Orden gefalle / und ob er darinn sich vergnügter / als im Hof-Leben / befinde.[305]

Freylich / (saget Agapistus) lebet er in erwünschter Zufriedenheit / und klaget keinen Mangel / als die Abwesenheit seiner Macarie. So muß er fürwahr recht glückseelig seyn / (begegnete ihm Macarie) weil ihm so gar ein geringes mangelt: Ich habe zwar biß daher immer gehoffet / es werde Polyphilus einst das Unrecht / so er ihm selbst / durch meine unglückselige Liebe zufüget / erkennen und ändern: Wie ich deßwegen auch ihm / wehrtester Schäfer! bey seiner vorigen Besuchung inständig gebeten / die Erkäntnüs solches Irrtums / bey seinen vertrauten Freund / durch vernünfftiges Zusprechen / zu befördern; Dann er / als unpassionirt / hätte einem so verwirrten Gemüt wol zu Hülffe kommen können. Aber ich sehe / daß alles mein Wünschen und Bitten bißher unfruchtbar geblieben: Wiewol ich daran noch nicht verzweiffle / sondern hiemit nochmals bitte / mein Schäfer wolle ihm doch angelegen seyn lassen / seinen Weid-Genossen von solchem unnützlichen Vorhaben abzuwenden.

Ich hoffe ja nicht / (antwortete Agapistus) daß dieser harte Befehl im Hertzen einen Grund haben soll /schönste Macarie! sonsten würde ich gezwungen /solchen von mir zu schieben. Ich habe zwar ihren vorigen Befehl (wie unbillig er auch meinen Gedanken vorgekommen) gehorsamet / und dem Polyphilus von ihrer Liebe abgerathen: Er aber / der die Vollkommenheit ihrer Würde besser betrachtet / ward durch meine leichte Beredungen mehr erzürnet / als geändert / und wuste meinen baufälligen Gründen / mit so daurhaftiger Stärke zu begegnen / daß ich endlich gewonnen geben / und[306] sein Vorhaben billigen muste. Es ist ja doch schwer / wider die Billigkeit streiten; Und sind die Ströme seiner Liebe viel zu groß / als daß sie durch den geringen Damm meiner Worte solten aufgehalten werden. Man hätte aber den Damm wohl höher schütten können: versetzte Macarie mit Lächeln. Polyphilus mag dann künftig mir keine Ursach seines Unglücks zulegen / wann er ietzo meinen Warnungen nicht folget: Dann bey eignem Willen / niemanden Unrecht geschihet.

Ich bitte aber / (fuhre sie fort /) damit wir auf andere Gespräche kommen / mich zu verständigen / durch welche Gelegenheit man heute nach Soletten kommen? Ich reise nach Sophoxenien / (sagte Agapistus) der Königin und Melopharmis unsern Zustand bewust zu machen: Aber auf des Polyphilus Bitte habe ich diesen Weg erwehlet / seinem unruhigen Verlangen /von ihren schönen Händen etwan vor ihn ein Gruß-Brieflein auszubitten / ein Genügen zu thun / worum ich dann hiemit schönst will gebeten haben. Macarie /welche noch Antwort auf das vorige erwartete / bewunderte / daß Agapistus um einen Brief ansuchte /truge aber doch Bedenken / deßwegen zu fragen / und sagte: Sie habe dißmahl nichtes zu schreiben / würde auch er sich so lang nicht aufzuhalten haben / weil noch ein ziemlicher Weg nach Sophoxenien wäre. Sie bäte demnach / er möchte dißmahl dem Polyphilus /neben einem schönen Gruß von ihr / viel gutes sagen: und wolte sie mit nächsten ein Brieflein folgen lassen. Mit dieser Antwort / muste nun Agapistus sich abfärtigen lassen: Der darauf / nach genommenem Abschied[307] / sich wieder auf den Weg begabe / und unter allerhand Gedanken von Macarie und Polyphilus / mit spätem Abend / nach Saphoxenien kame.

Sie sassen eben zur Tafel / als er seine Ankunft der Königin ansagen ließe. Diese Unseelige / hatte / seit ihres Abwesens / alle die Marter gefühlet / welche eine heimliche und verbottene Liebe kan zu empfinden geben / und wurde von ihren Lastern schmertzlich gefoltert. Von aussen zwar schiene sie eine glückseelige Königin / in ihren Gemüt aber / war sie eine gefässelte Sclavin der Wollust / und vermochte / mit allem dem Uberfluß ihrer Schätze und Reichtümer /den Mangel und die Dürfftigkeit / welche sie quälte /nicht abzuwenden. Sie dorfte niemand ihre Wunden eröffnen / weil sie wuste / daß sie von lauter Schande eiterten / auch daß ihr hoher Stand und herannahendes Alter / durch eine so sträfliche Liebe / nicht wenig befleckt würde / und daß sie kein Oel / sondern eitel scharffe Artznei / zu gewarten hätte. Also verheelte sie ihre Krankheit / und linderte ihren Schmertzen mit der betrüglichen Hoffnung / den Polyphilus wieder zu sehen. Sie ward aber letzlich in solchem warten ungedultig / da sie auch die Melopharmis / in der Sorge vor ihren Sohn / zur Gesellin bekommen wolte: daß es also Zeit war / diesem Unheil vorzukommen / und Agapistus gar gewünscht ankame.

So bald Atychintide / seine Ankunft vernommen /ließe sie ihn ungeseumt vor sich fordern / da er dann /nach abgelegter Reverentz / sie also anredete: Durchleuchtigste Königin! das gesetze der Dankbarkeit / zu welchem E. Maj. so viel erwiesene Gnaden und Wolthaten / uns verpflichtet / hat[308] mich angetrieben / unsere lustige Felderey zu verlassen / und durch diese unterthänige Aufwartung / meinen schuldigen Gehorsam / zu bezeugen. Polyphilus und Tycheno / meine beyde Weid-Genossen / lassen / durch meine Wenigkeit / E. Maj. sich unterthänig befehlen / und berichten / wie daß wir / in der Gegend Brundois / eine so wol gelegene und ergötzliche Weide gefunden / daß wir Ursach haben / den gnädigen Himmel davor zu danken / und unser Schäfer-Gelübde / bey welchem /wir so vieler Glückseeligkeit geniessen / fort zu setzen: nicht Zweifflend / es werden E. Maj. gnädig geruhen / diß Vorhaben / wie sie allbereit angefangen /zu billigen und zu befördern.

Die Königin / so noch immer in der Hoffnung gewesen / Polyphilus solte einen Eckel über dem Hirten-Orden bekommen / und wider nach Hofe verlangen /wurde durch diese Nachricht in solchen Schrecken gesetzt / daß sie fast nicht zu antworten wuste. Doch suchte sie solches zu verbergen / und sprach: Wir hören gern / Ruhm-würdiger Schäffer! daß ihr euch /mit euren Gesellschafftern / in erwünschtem Zustande befindet / und uns solches / durch eure Besuchung /habt eröffnen wollen: Aber wie kommt es / daß sie euch allein abgesendet? Ist dem Polyphilus das Haus seiner Errettung so verdrießlich / daß er es nicht mehr sehen und besuchen mag? Agapistus hatte sich schon auf diese Frage gefast gemacht / und gab zur Antwort: Ach nein! Durchleuchtigste Königin! die Ursach seines Ausbleibens / ist die Hoffnung der Besuchung Melopharmis / die sie bey unserer Abreise uns gemacht hat / welche er / durch diese Reise / und wann[309] er ihren Sohn mit gebracht / würde aufgehoben haben.

Wolan dann! (versetzte Atychintide / die hiedurch wieder eine Zuversicht bekommen) so last uns diese Besuchung befördern! rüstet euch / Melopharmis! und reiset mit Agapistus zu eurem Sohn: wir wollen euch Phormena zur Gefärtin geben. Dafern es E. Maj. befehlen / (sagte Melopharmis /) habe ich Ursach zu gehorsamen / und vor die gnädige Erlaubnüs zu danken. Wir sehen es gar gern / (begegnete ihr die Königin) wann nur Phormena bald zurücke käme. Doch / es wird Agapistus nicht von uns eilen. Ich habe zwar (gab dieser zur Antwort) dem Polyphilus versprochen / morgen wieder bey ihm zu seyn / fürchte auch /es möchte ihm / mein Verzug / sorgliche Gedanken eines zugestandenen Unglücks vorstellen. Doch will E. Maj. gnädigen Befehl / ich mich keines Wegs entzihen. Was ihr / (sagte Atychintide) wegen des Polyphilus befürchtet / kan durch ein Brieflein abgewendet werden: ich will indessen die Phormena durch einen Lackeyen abholen lassen. Mit diesem Vorschlag war Agapistus zu frieden / und weil man eben frische Speisen auftrug / setzte er sich / auf der Königin Befehl / zur Tafel / und hatte unter Essens / mit ihr / und den beyden Weissen / allerhand Gespräche. Er muste auch alles / was sich auf ihrer Reise begeben / und wie sie von den Schäfern aufgenommen worden / erzehlen: Biß die Zeit den Schlaff ankündete / und sie sich zu Ruhe begaben.

Am Morgen schriebe Agapistus an den Polyphilus /und befahle dem Servetus / nachdem er[310] ihm die Gegend ihrer Weide / und den Weg / dahin zu gelangen /beschrieben / ihm solchen Brief einzuhändigen. Dieser verrichtete solchen Befehl schleunig / und kame noch selbigen Abend / zu den Schäfern. Polyphilus /welchen sehr nach Agapistus verlangte / erkante den Servetus von fern / eilete ihm entgegen / zu vernehmen / was er brächte / und empfinge von ihm den Brief / welcher also lautete.


Treugeliebter Freund!

Weil ich / auf Befehl der Königin / etliche Tage hier verziehen muß / und leicht mutmasse / daß mein Aussenbleiben euch allerhand Nachdenken machen wird / als habe ich solchem mit diesem Brieflein begegnen / und zugleich berichten wollen / daß ich von Macarie zwar einen schönen Gruß / aber keinen Brief (wie eiffrig ich mich auch darum bemühet) erlanget. Die Ursach ist mir unwissend / und wird sie es vielleicht euch entdecken. Sie hat sonsten viel von euch geredt / und gefraget / welches ich bey unserer Zusammenkunfft eröffnen werde. Wohin ich auch meine hiesige Verrichtung spare / indessen aber bitte / gewogen zu bleiben / Eurem

getreuen Diener und Weid-Genossen

Agapistus.


Polyphilus ward über diesen Bericht etwas traurig /behielte den Servetus selbige Nacht bey sich / und suchte durch dessen Geschwätze seinen Kummer zu lindern. Dann er muste ihm alles / was sich nach seiner Abreise im Schloß zugetragen /[311] eröffnen: Das dann theils Nachdenken / theils Lachen verursachte /und sie also die Zeit mehr mit Reden / als Schlaffen zubrachten.

So bald der Tag wieder angebrochen / machte sich Servetus auf / zur Rückreise. Polyphilus kunde ihm /wegen verwirrter Gedancken / keinen Brief mit geben / sondern befohle / Agapisten zu grüssen / auch ihme getreu zu seyn / und was er von ihm oder Macarien widriges hören würde / ihm kund zu machen. Nach seiner Abreise / bliebe er in kummerhafften Gedanken / welche zu vertreiben / er einen Spazirgang wehlte. In solchem fragte er bey sich nach der Ursache / so Macarien von seiner Begrüssung abgehalten /und könte doch keine ersinnen. Dann daß sie seinen Brief nicht erhalten haben solte / wuste er nicht zu mutmassen. In diesen Gedanken / gelangte er in einen Wald / und suchte / nach seiner Gewonheit / bey den Gegenhall / die Endung seines Zweiffels / mit dieser Ansprache:


Verliebte Nymf! begegne meinen Klagen /

Und gieb Bericht / wovon ich dich will fragen /

E. ich will sagen.

Was ist die Schuld / das man vergangne Nacht /

Von Macaris / kein Schreiben mir gebracht?

E. ihr Verdacht.

Was vor verdacht kan meine Freud betrüben?

Zeigt nicht mein Brief / und mein Gedichte / Lieben?

E. nicht geschrieben.

Ist diß der Zwist / der mir raubt ihre Huld?

Und gibest du nur mir allein die Schuld?

E. dein die Schuld.

Ist dir dann noch der Zweiffel nicht benommen?

Und kan mein Brief der Liebes-List nicht frommen?

E. ist nicht kommen.

Wie! schertzest du? eröffne / was ich such.

Dein' Antwort fehlt / und zeiget fast Betrug.

E. hast genug.
[312]

Aus dieser lezten Antwort kunde Polyphilus leicht schliessen / daß er nicht weiter fragen dürfte. Also gieng er verwirrter / aber nicht klüger / wieder zurück / und wendete sich auf den Weg nach Soletten: zum wenigsten des Luftes zu geniessen / von welchem die jenige lebte / welche sein Leben unterhielte. Ach! wie willig wäre ich / (gedachte er bey sich selbst) diesen Weg fort zu setzen / wann es in meiner Macht stünde! ich wolte nicht müd werden / biß ich die Ruhe / an der Seiten meiner Macarie / erlangt hätte. Aber nun ists mir verbotten / und ich würde ein unangenehmer Gast seyn.

In solchen Gedanken / kehrte er voll Traurigkeit wider zurücke / und sahe indem jemanden gegen sich kommen: welchen er bald vor den Talypsidamus erkante. Die unverhoffte Freude über dieser Begegnung seines Freundes / durch welche das Gewölke seiner Traurigkeit / wie die Nacht von der Morgenröte / verjaget wurde / erfüllte ihn dermassen / daß er mit grosser Begierde auf ihn zu lieffe / ihm um den Hals fiele /und mit lauter Stimme rieffe: O ich Glückseeliger mitten in der Widerwertigkeit / nun ich denjenigen vor mir sehe / der den ersten Stein / zu dem Bau meines Glückes gelegt / auch nicht aufhören wird / zu arbeiten / biß er / allen Neidern zu Trutz / die Spitze gesetzet. Talypsidamus / über dieser befremdlichen Bezeigung gantz erstaunet / sagte: Ich weiß nicht / Leutseliger Schäfer! womit ein Unbekanter diese Freundlichkeit um euch verdienet. Wie? unbekant? (fiele ihm Polyphilus in die Rede) kennet Talypsidamus seinen Polyphilus nimmer? Ist der arme Schäfer den Augen seines Freundes so vergessen worden?[313]

So bald Talypsidamus den Namen Polyphilus nennen hörte / ward sein Hertz von Freuden also überhäuffet / daß er eine gute Zeit nit reden kunde / und sich nur mit Umhalsen / Küssen / und Trähnen zu antworten bemühete / biß er endlich sagte: Ach! wie hoch bin ich dem Himmel verbunden / der mich den hat finden lassen / welchen ich so lang vergeblich gesuchet / Polyphilus! getreuster Polyphilus! wie führet uns das Glück hier so unverhofft zusammen? Ach vergebet mir / liebster Freund! den Irrtum / welchen die ungewohnte Kleidung bey mir verursachet / und erzehlet doch / ob hier die glückselige Weide meines Freundes sey? Nein! (versetzte Polyphilus) sie liget etwas weiter hintan / und haben meine Gedanken mich auf diesen Weg geführet / welche sich allezeit nach Soletten wenden. Hierauf erzehlte er / was sich biß daher begeben / und daß er durch Agapisten keine Antwort von Macarien erhalten können: bate folgends / daß er die Ursach erforschen / und um ein Brieflein anhalten wolte / weil er sich / auf ihren Befehl / der Insul äussern muste. Das ist wohl nötig /(sagte Talypsidamus) wegen der ergrimmten Innwohner. Die Werbung aber bey Macarie / welche ich so willig / als schuldig auf mich nehme / würde meines Erachtens mehr Nachdruck haben / wann ich ein Brieflein von euch mit brächte.

Das wolte ich auch gern abgeben / (antwortete Polyphilus /) aber wo nehme ich hier / was zum Schreiben gehöret. Und ich zweiffele / ob er etwasaufzuhalten sey. Hier habe ich Feder und Dinte / (sagte Talypsidamus) hättet ihr nur Pappier[314] / so könde ich einen Brief erwarten. Ohne Papier / (gab Polyphilus zur antwort /) pflege ich nicht zu gehen. Es findet sich auch hier ein Stein / und schicket sich also alles zu meinen Vorhaben. Setzet euch nur etwas nieder / biß ich etliche Zeilen verfertiget. Also schriebe er an Macarie /folgendes Brieflein / so gut es die Eile verstattete.


Allerliebstes Hertz!


Wie kan ich doch einige Gelegenheit vorbey lassen /die mich / mein Verlangen durch dero süssestes Andenken zu befriedigen / beglücket. Zwar solte meine Vermessenheit billig scheu tragen / ihre Gedult und gewohnte Ruhe mit solcher Unhöflichkeit zu verherben: Allein das Verbrechen meiner jüngstes Saumseligkeit / will die Verbesserung ihrer Schuld damit desto kräfftiger erweisen / daß es nicht nur gedoppelte Bezahlung bringet / sondern auch sich gleiches Rechts zu bedienen suchet / dessen sich ihre Anklage vordessen gegen meiner Vergessenheit gebrauchet /da man mir die wenige Verweilung des gebührenden Grusses so verbrechbar ausgeleget. Ich zwar / der ich ihrer lobwürdigsten Güte müglichst zu folgen mich bemühe / bin zu frieden / weil ich weiß / daß dennoch meine Macarie von mir reden / und an mich denken wollen Aber Agapistus / der getreue Botschafter des Polyphilus / befindet sich / durch solche Verweigerung / seines Amts entsetzet / als welches / nicht mündlich / sondern schrifftlich[315] seiner Macarie Gedanken / dem Polyphili öffnen soll. Deßwegen ich ihm vor dißmal die Anklag / mir aber die Vergebung zueigne / und mich befriediget bekenne / wann ich nach diesen / der Anklag Agapisti zu begegnen / einige Antwort erhalte. Mein Hertz vergebe mir diesen Schertz! weil ich anietzo dem Papier nichts anders oder wichtigers zu vertrauen habe. Ich erkenne aber dabey den Zwang meiner Liebe / die mich ohne Rede reden heisset; und beschliesse auch den lautern Ernst /der ihr ein kleines Verbrechen nicht so wohl aufbürdet / als zu bedenken gibet. Sie verbessere nach dessen Erkentnüß / was ich hiermit zu befördern wünsche / bittende / meine Wenigkeit mit einem Gegengruß zu bewürden / den ich mit so vielen Freuden /als Liebe empfangen / und zum Zeugen beybebalten werde / daß meine Macarie mir hinwiederum sey / wie ich gegen derselben zu beharren mich verschreibe /nemlich

der ewig-getreue

Polyphilus.


Als Talypsidamus diesen Brief erhalten / nam er Abschied vom Polyphilus / weil er noch selbigen Tag zu Soletten seyn muste / und versprache / allen Fleiß anzuwenden / um die Inwohner zu begütigen / und Macarien zu den Schäfern zu bringen. Polyphilus bedankte sich höchlich wegen solches anerbietens /wünschte ihm Glück zur Reise und Verrichtung / und kam hierauf mit etwas frölichern Gemüte wieder zu ben Hirten: sehnlich wartende /[316] so wol einen Brief von Macarien / als auch die Wiederkunft des Agapistus. Als aber beyde verzogen / begunte sich seine Hoffnung in eine Ungedult zu verwandeln / welche ihn dermassen quälte / daß er nicht länger bey den Schäfern bleiben kunte / sondern sich / einige Nachricht zu erlangen / auf das Luft-Haus der Macarie verfügte. Als er auch daselbst nichts vernommen / triebe ihn der Eifer seiner Liebe / auch den dritten Brief zu senden / welchen er dieses innhalts verfassete.


Allerliebste!


Ob wol / die straffbare Verweigerung ihrer so oft begehrten Brieflein / zu gleichmässigem Verbrechen mich verführen könte: so widerstrebet doch allemal der getreue Dienst / womit ich seithero einer aufrichtigen Liebe mich ergeben / dem unbilligen Vornehmen / und ermahnet mich / ihre Vergessenheit vielmehr mit meiner oftmahligen Begrüssung zu verbessern / als in ihren Verbrechen zu stärcken. Ich sehe doch wol / daß ich den Vorgang in diesem Spiel zum Gewinn übrig behalte / möchte also wünschen / daß die folge demselben allerdings gleichte / und ich nicht Ursach bekäme / den erwehlten Dienst mit Widerwillen aufzugeben / in dem ich erfahre / das keine Bemühung so unangenehm / als die / so ohn Entgelt verachtet wird. Will sie nun / liebes Hertz! ihre verzuckerte Worte / von dem Gifft der Heucheley befreyen / so wird sie nicht nur das gewisse Versprechen erfüllen /sondern auch die mündliche Erklärung ihrer[317] Gewogenheit / mit einer angenehmen Begrüssung aufs erste bezeugen / und mir künftig nicht mehr die gerechte Klage auf dringen / daß sie den höchsten Grad ihrer Liebe mit dem Anfang meiner Anwerbung vergleiche / als welche mir noch immer die drey Brieflein vorleget / darinn mehr die Thränen als Buchstaben /über die damahlige schimpfliche Verachtung Klage führen / daß sie dem Polyphilo unbeantwortet keine Ruhe beybringen können. Was werden nun diese thun / unter denen sich dieser den dritten benennen wird: Ich hoffe zwar / dafern sie schlaffen / es werde dieses Ungestüm sie wol aufwecken; dder / da sie verdrossen worden / werde er sie schrecken / daß sie ohne Arbeit hinfort keine Speise haben sollen: weil ja die Liebe also bewant ist / daß sie nicht gibet / wo sie nicht wieder nehmen kan. Mein Kind vergebe dieser verliebten Ungedult / und straffe nicht diese kühne Erinnerung / sondern lasse mit einer freundlichen Antwort / durch diesen Boten ergetzet werden /

Ihren ewig-getreuen

Polyphilus.


Mit diesem Schreiben / sendete Polyphilus des Gärtners Jungen an die Macarie. Selbige hatte / nach des Agapistus Abreise / mit sorglichen Gedanken / warum ihr doch Polyphilus einen Gruß und keine Antwort auf ihren Brief gesendet / sich gequälet. Dieser Qual aber wurde sie selbigen Abend / durch ihrer Dienerin Ankunft / die[318] das Schreiben von Polyphilo mit brachte / befreyet. Weil sie aber / aus solchem Brief / einen Vorwurf ihrer Gelindigkeit / und eine allzugrosse Vermessenheit auf ihre Liebe / schlosse: als nahm sie ihr vor / mit der Antwort etwas zurück zu halten /damit nicht Polyphilus durch den Uberfluß ihrer Gunst / welche gemeiniglich einen Eckel zu verursachen pfleget / zu fernern verbrechen verleitet würde. In diesem Vorsatz verharrte sie / biß ihr Talypsidamus den andern Brief einhändigte / und dabey inständig um Antwort anhielte. Diesen liefe sie / mit einer freundlichen Antwort und Antwort-Versprechung /wider von sich / verharrete aber nichts desto weniger in ihrem Vornehmen / und verübte also eine kleine Rache / an der vorigen Langsamkeit des Polyphilus Als aber der Junge das dritte Schreiben brachte / sahe sie durch sein ungedultiges Bitten / und kühnes Anfordern sich genötigt / solcher gestalt zu antworten.


Ehren-geneigter Schäfer!


Wann ich / in seiner jüngsten Versaumnüe / mein Richter-Amt / durch heuchlerisches Ubersehen / ungerecht verwaltet / und mit einer unbilligen Gelindigkeit ihm die Thür zu fernern Verbrechen geöffnet / wie er mir vernünftig zu erkennen gegeben: Was wäre es wunder / wann ich mit dem Verzug dieses Briefleins /selbigen Fehler zu verbessern gesuchet / und die Straffe / welche ihm damals zuerkennt worden / dißmahl vollzogen hätte: Aber weil von einen passionirten Gemüte kein unparteyisches Urtheil zu hoffen / als will[319] ich lieber mit vielem Vergeben / als mit scharffen Straffen / an der Gerechtigkeit sündigen. Zwar hat es das Ansehen / daß ich diesen Ruhm der Gelindigkeit /mehr mit Worten / als mit Werken / verdiene / indem ich nicht allein Agapisten / sondern auch dem Talypsidamus / eine schrifftliche Antwort geweigert / und also die Straffe wirklich vollzogen. Allein ich bleibe gleichwol unschuldig / weil bey Ankunft des Agapistus / sein Brieflein mir noch nicht eingelieffert gewesen / welches ich erst selbigen Abend erhalten / und also nicht beantworten können / was ich noch nit gelesen hatte. Wird er also seinen Freund mit dieser Entschuldigung besänftigen / und um fernere rühmliche Verwaltung seines Amtes bittlich ersuchen. Dem Talypsidamus aber / habe ich / weil er nicht wieder zurücke gereist / keinen Brief ertheilen können. Unterdessen bedanke ich mich freundlich / daß er / wehrter Schäfer! nicht allein meine Wenigkeit seiner Gedächtnüs würdigen / sondern auch / durch seine unmüssige Feder mir solches eröffnen wollen: bittende in solcher Gunst zu verharren / und mit seinen angenehmen Briefen öffters meine Einsamkeit zu ergätzen; Ich werde hingegen meine Schuldigkeit in deren Beantwortung eiferig erscheinen lassen. Meinen einfältigen Gedichten aber / welche ihn viel kühner als die ungebundne Worte besprechen / ist deßwegen ein Arrest angekündet worden / damit sie nicht ferner /durch unvorsichtige Eröffnung meiner Gedanken / den[320] Lauf seiner Liebe verwirren / und ihn aus einen Vorgeher zum Nachfolger machen. Dafern er aber mir solchen Vorzug gönnen will / habe ich zwar Ursach vor solche Ehre zu danken: daneben aber zu bitten /daß er in seiner Nachfolge meiner Tritte wohl warnehmen / und wann er sehen wird / daß ich die Liebe besiegen / und mein Gemüt aus ihren tyrannischen Fesseln reissen werde / alsdann auch behertzt wider sie streiten / und / durch überwindung einer so listigen Feindin / seiner Freyheit den Sieg erhalten wolle; dann sonsten würde seine Nachfolge nur in den Banden der Dienstbarkeit bleiben / und die herrliche Freyheit / wider alle Vernunft / mit Gewalt von sich jagen. So erwehle er nun / nach seinem Belieben / den Vorgang / oder die Nachfolge / und lasse mich seinen Schluß wissen / damit ich Gelegenheit habe / auch meine Pflicht zu beobachten. Er lebe aber indessen frölich / und gedenke an seine

Macarie.


Was wird nun Polyphilus gedenken / wann er diesen Brief liset? wird er sich erfreuen / oder betrüben? wird er klagen / oder danken? Es ist ja mehr Höflichkeit /als Liebe / mehr Kunst / als Gunst / darinn zu finden. Aber / diß ist die Gewonheit Macarien: sie zeiget Liebe / nimmet sie aber wider zu sich. Sie bekennet sich passionirt / will sich aber doch bemühen / wieder frey zu werden. Also spielet sie mit ihrem Polyphilus /damit er zwischen Furcht und Hoffnung unterhalten /und[321] weder in Vermessenheit / noch in Verzweiflung gerathen möge. Doch ist er zu frieden / wann er nur die Hand sihet / die sein Leben und seinen Tod in ihrer gewalt hat. Und ob gleich das Ende ihres Briefes / eine fremde Vermahnung fasset / so hält er doch solche vor einen höflichen Schertz / und ist vergnüget / daß sie ein verliebtes Gemüt bekennet / welches seine Briefe begierig fordert / und selbige willig zu beantworten verspricht. In solchen gedanken gienge er von dem Lust-Hanse Macarien / daselbst er den Gärtners-Jungen mit den Brief erwartet / nach den Schäfereyen.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 2, Nürnberg 1673, S. 304-322.
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