Eilfter Absatz

[257] Atychintide vermisset den Polyphilus: welcher gewarnet / sich wieder einstellet / als wann er nur ausgespaziret wäre.[257] Sein Gespräche mit Melopharmis; wie auch über der Tafel mit der Atychintide / von seinem Schäfer-Gelübde: welches diese widerspricht / er aber stark verteidiget / und das von ihr belobte Hof-Leben dargegen ausfilzet. Cosmarite und Chlierarcha / stimmen ihme bey /und Atychintide wi d folgends durch Melopharmis überredet / daß sie darein williget. Abschied der neuen Schäfere von Hof / und Liebes-Gespräche der Königin mit dem Polyphilus. Beschluß dieses Zweyten Buchs.


Eben hatte Polyphilus dieses Echo-Gespräche geendet / und wolte nun voll Hoffnung / nach Sophoxenien eilen: als er den Servetus / neben einem Lakeyen vom Hof / ihm entgegen kommen sahe. Dieser berichtete ihn / wie daß Melopharmis in grossen ängsten stünde / weil die Königin / ungeacht ihres Abwehrens /ihn besuchen wollen / und über seiner Abwesenheit allerhand Argwahn geschöpffet. Agapistus hätte sie glauben gemacht / wie daß er / frische Lufft zu holen /etwas ins Feld gespaziret: womit sie sich zwar gestillet / aber / solches gewisser zu erfahren / stäts am Fenster lige / und seiner Widerkunft erwarte. Um des willen hätte ihm Melopharmis befohlen / ihm entgegen zu lauffen / und ihn zu bitten / daß er / Haß und[258] Ungnade zu verhüten / sein Pferd mit dem Servetus etwas zu rück lassen / und zu Fuß nach dem Schloß gehen solte: damit Agapistus nicht eines Betrugs überwiesen / die Königin aber in ihrem Argwahn gestärket werden möchte.

Diesem nachzukommen / überreichte Polyphilus /so bald er das Schloß von fern ersehen / sein Pferd dem Diener / und gienge gar langsam fort / gleich /als wann er schwach und matt wäre. Er wurde so bald von der Königin ersehen / und weil er ihr zimlich matt (dann er kunte sich trefflich wohl in den Betrug schicken) vorkam / sendete sie ihm die Melopharmis entgegen / und hieß fragen / wie es mit ihm stünde? Diese aber fragte ihn an stat dessen / was er bey Macarie ausgerichtet? mit Erzehlung des Kummers / in welchen sie seine Abwesenheit / und der Königin Begierde / ihn wieder zu sehen / gestürtzet. Polyphilus sagte: Es wäre ihm leid / daß sie seinetwegen einige Widerwertigkeit empfunden / welches dankbarlich zu erwiedern / er Gelegenheit suchen wolte.

Hierauf nahme er sie mit sich in sein Zimmer /alwo er ihr und dem Agapistus (der ihn freundlich willkomm hieße) alles erzehlte / was sich zwischen ihme und Macarie verlossen / wie er sie anfangs gar verwirrt und ungünstig gefunden / doch lezlich wieder freundlich verlassen / auch so weit gebracht / daß sie in sein Schäfer-Gelübd verwilliget. Weil dann nun nichts mehr fehlet / (beschloße er) als der Königin Erlaubnus / so bitte ich euch inständig / wehrte Melopharmis! daß ihr mir / diese zu erlangen / behülflich seyn wollet: weil ich mir solches / aus erheblichen Ursachen / unwiderrufflich[259] vorgenommen / auch kein bessers Mittel wüste / von diesem Hof und der Königin ärgerlichen Anmutungen abzukommen / auch mit meiner Macarie in erwünschte Vereinigung zu treten. Agapistus stimmete ihm bey / und sagte: Wie daß sie / ohne Gefahr und Furcht der Strafe / keinen andern Vorsatz fassen dürfften / weil sie im Gefängnus sich hierzu verlobet; auch die Gütigkeit des Himmels / alsbald nach solchem Gelübde / ihre Erlösung verfügt hätte. Melopharmis höchst erfreuet / daß Polyphilus bey Macarie nichts von ihrer verhassten Botschafft vernommen / erbote sich / alles / was sie verlangten / nach Müglichkeit zu befördern: massen sie nicht allein ihren Vorsatz billigte / sondern auch ihren Sohn ihnen mitzugeben / sich erklärte. Ach ja / meine Mutter! (sagte Tycheno) Ich bin auch vorhin mit in dem Gelübde / und könte ohne Sünde nicht dahinten bleiben.

Wohl / mein Kind! (versetzte Melopharmis) ich will es nicht hintern; und wer weiß / ob ich nicht / in meinem Alter / noch selbst eine Schäferin mit abgebe? Dann ich sihe / daß die Hof-Gunst sehr ungewiß /und viel leichter zu erwerben / als zu erhalten sey. Ich habe die Königliche Gnade bißher mit so vielen gefärlichen und sträflichen Handlungen unterstützet /daß ich fürchte / es möchte ein so geflicktes Gebäu /dereinst unversehens in einen Hauffen fallen / und meine Glückseeligkeit zu grund richten; oder das hohe Alter möchte mich endlich zu Diensten untüchtig machen / sonderlich / wann eine jüngere und geschicktere mir die Schuhe austreten solte. Dann ob gleich Atychintide der Königlichen Hoheit / in äuserlichen Bezeugungen[260] / sich äusert / so träget sie doch in ihrem Gemüt eine warhafte Königin / und kan deme / der sie erzürnet / ihre hohe Gewalt mit durchdringenden Worten zu vernehmen geben. Ist also dieses verborgene Feur eben so sehr / als eine offenbare Flamme / zu fürchten / und der freye Hirtenstand solcher Gefärlichkeit weit vorzuziehen. Ich will aber mit diesem Vorsatz inhalten / biß ich sehe / wie die Königin gegen eure Entschließung sich anstellet. Polyphilus bedankte sich gegen ihr / für diese freundliche Einwilligung / mit Versicherung / daß sie solches Vorhaben nicht gereuen solte.

Als er noch redte / wurden sie sämtlich zur Tafel beruffen. Melopharmis erschracke / da sie hörte / daß es schon Zeit zu speisen wäre / und fürchtete / Atychintide würde wegen ihres Verweilens erzürnet seyn. Derowegen gienge sie geschwind voran / und berichtete die Königin / wie daß Polyphilus sich etwas besser befinde / und wieder zur Tafel kommen wolte. Uber dieser frölichen Zeitung vergaße Atychintide des langes Ausenbleibens / und wurde gantz lustig. Als aber Polyphilus sich eingefunden / und sie merkte /daß er über der Tafel etwas still war (den er dichtete albereit / wie er sein Begehren anbringen wolte) finge sie selber an zu reden / und sagte: Wie gehts / Polyphilus: Warum habt ihr euch ins Feld gewaget? Wisset ihr nicht / daß die Lufft den Kranken schädlich ist? Ich hoffe nicht / Durchleuchtigste Königin! (gab Polyphilus zur Antwort) daß meine Krankheit so gefärlich / daß ihr die Lufft schaden solte / und habe ich vielmehr dadurch Linderung gefunden / die ich gesuchet. Das ist gut! (versetzte die Königin)[261] und mag es vielleicht ein Uberrest von der verdrießlichen Gefängnus gewesen seyn. Ich weiß nicht / gnädigste Königin! (erwiederte Polyphilus) ob ich dieser die Schuld geben soll / oder ob der Himmel mich hierdurch meines Gelübdes im Gefängnus erinnern wollen. Was ist das vor ein Gelübde? fragte Atychintide: Daß ich (antwortete Polyphilus) den Hirtenstand / welchen ich in meinem Vatterlande gefüret / wieder ergreiffen wolle. Hierüber lächelte die Königin und sagte: Schertzet ihr / Polyphilus? Ihr werdet kaum wieder ein Schäfer werden. Ich schertze nicht / gnädigste Königin! (begegnete ihr Polyphilus) sondern ich habe mich hierzu so fest verlobet / daß ich / ohn sträfliche Sünde / nicht davon weichen kan: hoffe auch / es werde E. Maj. solches Vorhaben / welches ich nicht so wohl aus Vorwitz / als aus Göttlichem Zwang gefasset / weder schelten noch verhintern.

Was hat euch dann (fragte Atychintide ferner) zu solchem Gelübde bewogen? Der Befehl des Himmels selber: gab Polyphilus zur Antwort. Dann da wir auf der Reise nach Brunsile begriffen / und schon ein paar Tage geritten waren / begegneten uns allerhand Leute / so wol Manns- als Weibs-Personen / welche von unterschiedlichen Straßen nach einem Ort eileten / und uns / auf Befragen / was sie suchten? berichteten / wie daß vor etlichen Tagen / ein heiliger Einsiedel in selbigem Walde angekommen / welcher einem Menschen all sein Glück und Unglück vorsagen könne. Wir / von der Begierde etwas neues zu hören entzündet / gaben uns in ihre Gesellschafft /und fragten den Einsiedel: Ob unsere Reise glückseelig seyn würde?[262] Worauf er sich etwas bedachte / und endlich / aus seiner elenden Hütten diese Worte zu uns redte.


Ihr fraget von der Reis. Ich will die Warheit sagen.

Der Weg ist gantz verkehrt. Es rennen alle Plagen

Und Unglück auf euch zu. Drum weichet bald zu rück /

Und höret diß mein Wort: das Göttliche Geschick /

Will euch / im Hirtenstand / mit Glück und Ruh ergetzen;

Und / wann ihr widerstrebt / mit seinem Grimm verletzen.


Diese Worte / ob sie uns wol erstlich etwas Nachdenken machten / zogen wir doch endlich in ein Gelächter / und ritten fort unsre Straßen: musren aber die Gewißheit derselben / mit unserm Schaden / erfahren /indem wir / noch selbigen Abend / von der streiffenden Rotte angehalten / und so lang im Gefängnus geplaget wurden / biß ich mich erinnerte / daß von der Zeit an / da ich den Schäfer-Orden verlassen / mich das Unglück unaufhörlich verfolget / und auch diese Verschließung durch die Schäfer erreget worden. Demnach gelobte ich / so bald ich der Gefängnus erlassen / wieder in den Hirtenstand zu tretten. Stracks auf dieses Vornehmen / erkente ich die Göttliche Rettung / die durch wunderbare Vorbitte der Schäfer selbiger Gegend / unsere Erledigung ausgewircket / und also die Weissagung des Einsiedels bekräfftiget hat.

Das ist Einbildung! (sagte die Königin) die euch der Fantastische Einsiedel (der vielleicht mehr seinen Orden zu stärken / als aus gründlicher Wissenschafft /geredet) in den Kopf gebracht. Wie schön solte es doch stehen / wann Polyphilus / dessen Ruhm albereit Städte und Länder erfüllet / und noch immer im steigen ist / den edlen Stand der Kunst- und Tugend-Lehre verlassen / und sich[263] gesellen wolte / zu der allerseltzamsten Art von Leuten: welche / wider die Natur des Menschen (der von den Gelehrten ein geselliges Thier genennet wird) die Einsamkeit erwählen /gleich den wilden Thieren in Wäldern und Feldern herum wandern / und nicht wenig von der Einfalt der Schafe / welche sie weiden / an sich haben! Bedenket doch nur / Polyphilus! ob der bäurische Hirtenstand verdiene / daß ihr um seinet willen / die liebliche Blüte der Weißheit und Tugend / welche eure Jugend so häuffig hervor bringet / verderbet / und euch damit selbst / der süßen Früchte des Glückes und der Ehre /so euch die Hoffnung zusaget / beraubet? Träge und unedle Gemüter / die mehr zu dienen / als zu herrschen geboren sind / gehören zu den Hirten / und nicht Polyphilus: dessen Verstand und Verdienst von dem Himmel selber / zu hohen und herrlichen Verrichtungen gewidmet ist. Derowegen erkennet euren Irrtum / und spielet nicht einen so armseeligen Feldman / der von aller Frölichkeit der Welt verbannet /im Felde allein leben muß / und von niemand ohne Verachtung angesehen wird; der / an statt angenehmer Gesellschafft und ihres freundlichen Gesprächs / das Blöken der thummen Schafe anhören; an statt höflicher und geschickter Aufwarter / die unflätigen Hunde um sich leiden / und an statt einer süß klingenden Musie / sich mit einem einfältigen Bauren-Liedlein ergetzen muß.

Wer weiß dann / Gnädigste Königin! (fiel ihr Polyphilus / der diese verächtliche Widerrede nicht länger anhören können / in die Rede) ob nicht die Schäfer in solchem Zustande viel glückseeliger[264] sind / als die jenige / von welchen sie verachtet werden. Alles was E. Maj. zu deren Verkleinerung angeführet / ist viel gültiger / diesen Stand beliebt / als verhasst zu machen. Dann die Einsamkeit / wann sie nicht eine billige Strafe der Boßhaftigen / sondern eine Tugendliche Erwählung / ist von den Vernünfftigen allezeit hoch gehalten / auch / in gewisser Maß / hohen Gesellschafften vorgezogen worden: Weil sie den Lastern wehret /zu welchen uns die Hof- und Städtische Gemeinschaft der Menschen verleitet. Der jenige ist glückseelig /der in dieser Welt verborgen lebet / und niemanden als Gott und ihm selber bekant ist. Große Gesellschafften und lange Gespräche / dienen uns mehr zur Ergernus / als zur Besserung: weil im viel-reden sich auch die Allerweiseste verstoßen / und uns selten das Schweigen / vielmals aber das Reden / gereuet. Niemand redet sicherer / als der gerne schweiget.

Zu dem / so leben die Schäfer in keiner solchen Einsamkeit / die sie von allen Menschen entfernet: sondern sie wandeln mit ihres gleichen / welches die schönste Gesellschafft und verträulichste Freundschaft gibet. Und ob sie gleich bey den Thieren wohnen / so werden sie doch deßwegen nicht zu Thieren: und solten sie ja etwas von ihrer Hcerde an sich nehmen / so ist es doch löblicher / einem unschuldigen und gedultigen Schafe / als einem grimmigen Löwen /einem blutgierigen Beeren / einem unbendigen Hirschen / einem springenten Hengst / oder einer unflätigen Meerkatzen / (mit welchen Thieren sich große Leute belustigen) gleich werden. Wiewohl auch selbige Thiere ihre Beywohner nicht so wohl[265] verwandeln und entmenschen / als die jenige / welche zwar von ausen den Menschen gleichen / in ihrem Gemüt aber die Unart besagter Thiere warhaftig fühlen / und damit ihre Gesellschafftere beflecken. Hat also jener Weiser recht gesagt: So oft ich zu den Menschen gekommen / bin ich allezeit weniger als ein Mensch wieder hinweg gegangen. So höret demnach ein Schäfer das Blöcken seiner Heerde / viel sicherer an / als die listige Stimme der verführischen Menschen; und wird von den Hunden viel getreuer / als von den höfischen Aufwartern bewachet: wie man dan kein Exempel hat / daß ein Hund (welches doch tausend ungetreue Diener gethan) seinen Herrn ermordet / aber von vielen weiß / die ihre Herren beschützet.

Es wolle auch E. Maj. bedenken / ob die jenige glückseelig seyn können / welche auf das Thun der Dienere / die hinter dem Rücken noch viel lieber aber auf den Kopf tretten / allezeit leise Ohren und ein wachsames Auge haben müssen / und dennoch befinden / daß hundert Augen zu wenig wären / allen Nachstellungen vorzubauen. Viel seeliger ist ein Schäfer / der keinen Feind / auser den Wolf / fürchtet; der keinem höhern dienet / und keiner Dienste des geringern bedarff; der Himmel / Erden und alle Elemente / daraus alles / was köstlich in der Welt / gemacht ist / täglich vor ihm sihet; der / wann er deßwegen dem Himmels-Monarchen mit einem andächtigen Liede danket / ihm viel gefälliger ist / als ein ander /der mit einem künstlichen Thon seine eigne Ehre suchet. Niemand ist dem Himmel angenehm / als der sich mit vielen Tugenden gezieret; und alle Ehre / so man auser dieser suchet / ist vielmehr eine Schande zu nennen. Also sehen nun E.M.[266] daß der glückseelige Schäfer-Orden / mehr beneidens / als verachtens würdig sey.

Ihr könnet den Hirten das Wort trefflich reden /(sagte Atychintide) und habt euren Vorsatz so stattlich verteidigt / daß ich bald glauben solte / die Tugend selbst habe ihren herrlichen Thron verlassen /und wolle hinfüro im Schäferstande verehret werden. Was meynet ihr / Cosmarite! welches von uns die rechte Meynung führe? Sie haben beyde recht / Gnädigste Königin! (gab Cosmarite zur Antwort) und können auch beyde wohl vereinigt werden. Es ist unzweiflich wahr / daß der Hirtenstand / ohne die Kunst- und Tugend-Lehre / verächtlich / Weißheit und Tugend aber / ohne Ruhe und Vergnügung / mühselig und gefärlich sey: Daher ein Kunst- und Tugend-liebender / ohne die vergnügte Ruhe der Schäfer / und hingegen ein Schäfer / ohne Kunst und Tugend / mangelhafft bleibet. Wann sie aber beyde vereinigt sind /kan aus solcher glückseeligen Verbündnus / ein vollkommnes Leben geboren werden.

Ihr redet die Warheit / (versetzte Chlirarcha) und ich achte einen weisen und tugendhaften Schäfer billig glückseelig / auch weit höher / als die jenige / welche über andere herrschen / und doch Knechte ihrer eignen Laster sind. Ist schon die Tugend / wie E. Maj. zu schertzen beliebet / keine Schäferin / so lässet sie sich doch öffter und licher in einem Schäfer-Kleid /als im gläntzenden Purpur / antreffen: weil sie in diesem viel mehr / weder in jenem / verfolget wird. Ihr Adel und Hoheit / wird durch solchen schlechten Habit nicht verringert / sondern vielmehr ihr herrlicher Glantz / wie ein Liecht durch[267] die Finsternus /scheinbarer gemacht. Sie sihet ihr allezeit selbst änlich / sie trage gleich einen Zepter oder Hirtenstab.

Aber doch (widerredte die Königin) pfleget das Gold / wann es in die Sonne geleget wird / weit heller zu gläntzen / und die Tugend erscheinet in einem güldenen Stück viel prächtiger / als in einem unansehlichen Schäfer-Kleide. Was unvollkommen ist / Durchlenchtigste Königin! (widerlegte Clierarcha) das bedarff einen Zusatz. Was häßlich ist / hat einer zierlichen Decke vonnöten. Die vollkommene Tugend pranget mit ihr selber / und hat nicht Ursach / ihre Herrlichkeit und Ansehen durch einen fremden Glantz zu verstärken: weil man sonst vielmehr das Kleid / als sie selbst bewundern würde. Ihre natürliche Schönheit bedarff keiner Schminke / sondern je blasser sie erscheinet / je liebwürdiger sie sich machet: Demnach halte ich einen tugendhaften Schäfer grösserer Ehre würdig / als einen lasterhaften Großen: und wann er Wissenschaft und Geschicklichkeit mit einem tugendlichen Leben vereinigt / kan seine Glückseeligkeit nicht gungsam beschrieben werden.

Wol! (sagte Polyphilus) so will ich dann diß verschwesterte Paar / der Kunst und Tugend / in den Schäfer-Orden einführen und sehen / ob / nach eurer Verheissung / auch die wahre Glückseeligkeit sich ihnen beygesellen möchte: Wofern Ihr Maj. Befehl nicht meinen Vorsatz und mein Gelübde mich brechen heisset. Wiewol nun die Königin diß Vorhaben gern gehintert hätte / so muste sie doch / weil die beyde Weisen därzu stimmeten / mit einwilligen. Demnach sagte sie zwar mit etwas[268] ungedultigen Worten: Ihr habt eure Freyheit / Polyphilus! auch von mir keine Hinternis zu fürchten. Sehet nur wohl zu / daß ihr das bäste erwählet / und nicht an statt süsser Glückseeligkeit / bittere Reue kosten müsset. Ich wills versuchen / Gnädigste Königin! (erwiederte Polyphilus) und erwarten / ob sich der Himmel alsdann geneigt erweisen will / wie der Einsiedel verheissen. Kan ich doch allezeit wieder zu rücke kehren / wann ich das jenige nicht finden solte / was meine Hoffnung so begierig suchet.

Ich wünsche Glück dazu! sagte Atychintide / und stunde damit von der Tafel auf / eher als sonst ihre Gewonheit war: daß also Polyphilus ihren Widerwillen wol erkennen kunte. Und ob er wohl bemühet war / sie wieder zu versöhnen / damit durch ein böses Ende sein guter Anfang nicht verderbet würde: so entzoge sie ihm doch dißmal alle Gelegenheit / und nötigte ihn gleichsam / ihre Beywohnung zu verlassen. Derowegen winkte er der Melopharmis / seine Stelle zu vertretten / er aber verfügte sich mit Agapistus /nach seinem Zimmer: woselbst sie beyde / der Königin törichten Unwillen und unbesonnenes Lieben / bewunderten und beklagten. So bald sich hingegen Atychintide mit Melopharmis allein sahe / sagte sie: Was dünket euch / Melopharmis! von des Polyphilus Entschließung? hat solche eine warhaftige / oder eine angemaßte Ursach? ist ihm etwan mein Hof / oder etwas darinn verdrießlich? Freylich (gedachte Melopharmis) ist ihm etwas darinn verdrießlich! aber sie verheelte es / und gabe zur Antwort: Ich glaube nicht / Gnädigste Königin! daß einiger[269] Verdruß feines Vorsatzes Ursach sey / sondern halte gäntzlich dafür / daß bloß die Weissagung des Einsiedels / und sein daher entsprungenes Gelübde ihn zu den Schäfern führe: Dann er scheinet ein zartes Gewissen zu haben. Wol wäre das bäste / daß man sein Vorhaben beförderte: weiler sonst alles widerwertige / so ihme begegnet / der Ungnade des Himmels und der Brechung seines Gelübdes zuschreiben wird. Vielleicht mag er dieses Lebens bald müde werden / und ehe wir es vermeinen / wiederkehren.

Will er dann (fragte die Königin) gantz allein zu Feld wandern? Nein! (versetzte Melopharmis) Agapistus ist auch mit im Gelübde / und / dasern es E. Maj. erlauben / will ich meinen Sohn ihrer Gesellschafft nicht entziehen: weil er den Polyphilus sehr liebet /und ungern wird dahinten bleiben. Ich vermeine auch / es könne ihm nicht schaden / ob er gleich eine zeitlang unter den Hirten lebet / und ihre Gedichte mit anhöret. Dieses Schäfer-Leben wird ihm weniger schaden / als dem Polyphilus / welcher ohne Zweifel hierdurch die Gunst seiner Macarie verlieren wird: weil ich nimmermehr glauben kan / daß sie einen Schäfer lieben / vielweniger selbst eine Schäferin abgeben werde. Nichts hätte die listige Melopharmis vorbringen können / das die Königin mehr bewegt hätte / als diese scheinbare Hoffnung der Trennung Polyphilus von Macarien: weil ihr solches noch einige Vergnügung ihrer heimlichen Liebe zusagte. Sie wurde in einem Augenblick gantz anderst gesinnet /und sagte mit gar feeundlichen Worten: Weil ihr dann ja vermeinet / daß man diß Beginnen[270] nicht hintern solle / so mags drum seyn! Schaffet nur / daß die neuen Schäfer zierlich bekleidet werden / damit ich sehe / wie ihnen der Schäfer-Habit anstehe / und eilet ihre Reise zu befördern.

Ich gehe hin / zu verrichten / was E. Maj. befehlen: antwortete Melopharmis / und gienge damit von der Königin in des Polyphilus Zimmer; dem sie ihre glückliche Verrichtung erzählte. Er ward hierüber /mit Agapisto / höchst erfreuet / dankete der Melopharmis hertzlich und bate / sein Glück ferner zu suchen / und wo müglich / bald nachzufolgen / weil es ja dißmal nicht seyn könte. Sie versprache ihnen solches / eilete hierauf / ihre Kleider bestellen zu helffen / damit sie Abschied nehmen kunten / ehe es die Königin wieder gereuen möchte. Sie aber rüsteten sich zum Abzug / und fragte Polyphilus den Agapistus / ob er an Macarie schreiben solte? welcher vermeinte / daß es bässer wäre / wann sie zuvor einen gewissen Ort fünden / und davon zugleich berichten könten: zumal sie sonst auf des Boten Wiederkehr warten müsten / und dadurch an ihrer Reise gehintert werden möchten / der Macarie aber eine schlechte Nachricht ertheilen könten. Also ließe Polyphilus das Schreiben anstehen / und bestellte / was sonst vonnöten war.

Als nun die Kleider verfärtigt waren / und die dreye solche angezogen hatten / giengen sie erstlich zu den beyden Weisen auf ihre Zimmer / gesegneten dieselben / und empfiengen von ihnen viel gute Lehren /zum Reiß-Geschenke. Hierauf kamen sie / auch von der Königin Abschied zu nehmen: welche eben mit Melopharmis im Garten sich befande / und[271] dem Gärtner zusahe / wie er das aufgetaute Feld / zu Hervorbringung der schonen Blumen / zubereitete / als diese wolgestalte Schäfere / zu ihr hinein traten. Ihre weisse Kleidung / mit rohten Bändern aufs zierlichste besetzet / neben den gleichfallsbebänderten Hirtenstäben /dienten nicht wenig / ihre Schönheit zu vermehren: und erschiene sonderlich Polyphilus in diesem Kleide so prächtig / daß ihr die Königin einbildete / sie sehe einen Apollo gegen ihr kommen. Sie stunde ein zeitlang ganz erstaunet / und häfftete ihre Augen unverwandt an ihn: daher sie kaum vername / was er vorbrachte.

Durchleuchtigste Königin! (sagte er / nach einer tiefen Reverenz /) Ich nehme hiemit von E. Maj. meinen unterthänigen Abschied / und sage demütigen Dank / nicht allein vor so vielfältige bohe Gnad-Wolthaten / sondern auch vor die gnädige Einwilligung /daß wir unser Hirten-Gelübde vollziehen dörfen: mit der Versicherung / daß wir allezeit dero Vortrefflichkeit bewundern / auch dero preiß-würdigste Tugenden durch unsre Schäfer-Gedichte schuldigst verehren /und der Ewigkeit einverleiben wollen: den Himmel bittend / daß er ferner E. Maj. segnen / Sie und dero Hofsitz vor Gefahr und Unglück mächtig schützen /auch E. Maj. in höchstem Wolstande unaussetzlich erhalten wolle. Habt dank / ihr schönen Schäfere! (gab die Königin zur Antwort) so wol vor eure Zusage / als vor den Glück-Wunsch. Ich wünsche euch hinwiederum / zu eurem Vorhaben / einen gesegneten Fortgang. Leistet / was ihr versprochen / und gedenket unser in euren Hirten-Liedern: Wir wollen gleichfalls eur Gedächtnus hier behalten / dem Himmel[272] vor eure Wolfart opfern / und euch jederzeit gnädig gewogen verbleiben. Vielleicht wird künftig ein anderer Vorsatz diesen überwinden / und uns eure Gegenwart von neuem gönnen. Hierauf gab sie ihrer jedem die Hand / und befahle sonderlich dem Tycheno / daß er dem Polyphilus gehorchen solte.

Inzwischen aber die Melopharmis ihren Sohn auch mit vielen Vermahnungen gesegnete / führte die Königin den Polyphilus in die nächste Garten-Hütte / ihme den Tycheno mit mehrern zu befehlen: wiewol sie vielmehr ihre verliebte Begierden noch etwas zu erquicken suchte. Mein Polyphilus! (sagte sie / ihm die Hand druckend) ich befehle euch meinen Sohn / weil er eure Gesellschafft nicht verlassen will: ihr werdet ihn zur Tugend anhalten / und in der Wissenschaft ferner unterrichten. Die Belvhnung / vor solche Bemühung / habt ihr von mir zu forden. Was vor Belohnung / Gnädigste Königin! (gab er zur Antwort) kan der jenige fordern / welcher vorhin alles / was er vermag / und sich selber schuldig ist. Mein höchstes Glück ist / E. Maj. gnädigsten Befehl unterthänigst zu vollziehen / und dadurch einen Ruhm des Gehorsams / keineswegs aber einen Lohn der Arbeit / zu suchen.

Wisset / mein Polyphilus! (fuhr die Königin fort) daß ich euch liebe / und zwar viel höher / als ihr gläubet / oder ich erzählen darff. Derowegen könnet ihr kühnlich fordern / von der jenigen / die euch nichts versagen kan. Was E. Maj. beliebet Liebe zu nennen /(versetzte Polyphilus) ist eine unverdiente Gnade / die ich dem Glück / und nicht[273] meiner Würdigkeit / zu danken habe: Demnach würde ich / durch eine vermessene Anforderung / selbige boßhaftig mißbrauchen / und in einen billigen Haß verwandeln. Meine Untüchtigkeit ist so groß / daß sie sich so hoher Liebe nicht rühmen darf: deren Feuer nur die Fern-stehende zu wärmen / die zu nahegehende aber zu brennen pfleget. Die Königin lächelte hierüber / und sagte: Diesen Brand fliehen allein die Furchtsamen! Ihr wisset selber / daß die Liebe alle Ungleichheit aufhebet / und auch die Entferntesten zu vereinigen / die Herren zu Knechten und die Slaven zu Fürsten / die Großen leichtsinnig und die Geringen kühn zu machen pfleget; Keinem aber ihre Gnade versaget / als denen / die sie mutwillig von sich stoßen.

Was solte nun Polyphilus machen? Wolte er nicht alle Gnade verlieren / und vor unhöflich oder verzagt gehalten werden / so muste er sich verliebt stellen /seiner Macarie etwas von ihren Gütern entwenden /und sich damit aus diesem Gefängnus loß kauffen. Demnach ihre Hand ergreifend / näherte er sich ihrem Munde / gabe ihr etliche Küße / und sagte: Weil E. Maj. den Gewalt der Liebe selbst vertheidigen / als hoffe ich / es werde auch diese kühne Bezeigung /welche ich als ein Pfand meines unterthänigen Gehorsams am Abzug hinterlasse / gnädige Vergebung erlangen / und Sie glauben machen / daß ich ihr getreuster Diener sterbe / auch nicht mehr wünsche / als die Gelegenheit / meinen schuldigen Gehorsam dero gnädigsten Befehlen zu widmen.

Kein hungriger Wolf / kan so begierig den Raub ergreiffen / als die unsinnig-verliebte Atychintide[274] diese des Polyphilus Freundlichkeit annahme / als durch welche sie eine kleine Abkühlung in ihren unruhigen Begierden empfande: wiewohl die Furcht / so jederzeit die Laster zu begleiten pfleget / solche Süssigkeit nicht wenig verbitterte / und ihre Augen /durch eine billige Schamhafftigkeit / streng an die Erden häfftete / also daß sie den Polyphilus nicht mehr ansehen dorfte / und kaum noch diese Worte /wiewol ganz verzagt / hervor bringen konte: Lebet wol / Polyphilus! und deutet nicht übel / was wohl gemeint ist / sondern entschuldigt die Macht der Liebe. Versichert euch aber / daß meine Gnade gegen euch unveränderlich dauren werde.

Dieses sagend / gienge sie mit ihm aus der Hütten /und befahle der Melopharmis / diese Abreisende noch etwas zu begleiten. Sie aber bliebe zurücke / und belustigte sich mit Erinnerung des Verbrechens / welches sie billiger bereuen sollen: biß Melopharmis wieder zu rücke kam / und ihre verliebte Einbildung /durch des Polyphilus Ruhm / mächtig verstärkte / also daß sie nicht unterlassen konte / stäts von ihm zu reden / und dadurch dem ganzen Hof / sonderlich aber den beyden Weisen / zu argwähnischen Gedanken Ursach gabe. Sie gienge auch mit diesen täglich in den Tempel des Glückes / und opferte dem Himmel / vor den Wolstand dieser Schäfer: heimlich aber / besuchte sie öffters den Tempel der Liebe / mit höchster Andacht bittend / daß Polyphilus von Macarie abgewendet / und in der Liebe gegen sie gestärket werden möchte. In welcher vergeblichen Arbeit wir sie eine zeitlang lassen / und damit dieses Buch enden / hernach aber den reisenden Schäfern nach eilen wollen.[275]

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 2, Nürnberg 1673, S. 257-276.
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