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[207] Die Reisende reiten mit frühem Tag wieder fort / und erfahren vom Servetus / der ihnen begegnet / neue Zeitung von Macarie. Diese wird von der Adalgis besucht / und vor des Polyphilus[207] Liebe gewarnet: worauf sie sich und ihn entschuldigt. Ihre Klage / und Entschließung vor den Polyphilus. Die Königin lässt ihr / durch die Phormena / dessen Wieder befreyung ankünden: und wird sie / von dieser / in der Liebe zum Polyphilus / gestärket.


Kaum waren unsre Reisende eine Stunde / und zwar /theils wegen des kurtzen Schlaffs / theils wegen verliebter Gedanken / in der stille geritten / da sahen sie den Servetus ihnen entgegen kommen; da dann Polyphilus sobald auf ihn zu eilte / und fragte / wie es zu Sophoxenien stehe? Allgut! (gabe Servetus zur Antwort) die Königin und Melopharmis / sind über ihrer Erledigung sehr erfreuet / und erwarten mit Verlangen ihrer Widerkunfft. Was hat man dann vor Zeitung von Macarie: (fragte Polyphilus ferner) ist nichts Neues vorhanden? Nichts! (versetzte Servetns) auser daß die Königin / aus Raht der Melopharmis / heute die Phormenam zu ihr abgesendet. Das ist neues genug! (sagte Polyphilus) aber was wird ihre Verrichtung seyn? Das hab ich nicht erfahren können / (sagte Servetus) wie sehr ich mich auch darüm bemühet. Was meinet aber ihr / (sagte Polyphilus zum Agapistus) daß in dieser Sache zu thun sey? Das beste ist / (begegnete ihm Agapistus) wir senden den Servetus zur Phormena nach Soletten / und lassen sie wissen / daß wir / auf dem Wege nach Sophoxenien /[208] ihrer warten wollen: damit sie sich daselbst nicht aufhalte / und wir also /noch vor unsrer Ankunfft / die Ursache ihrer Reise erfahren.

Der Raht ist gut! (sagte Polyphilus) eilet ihr nur /Servetus! solchem nachzukommen / vielleicht kommet auch Macarie / in Begleitung der Phormena / uns entgegen. Freylich (erwiederte Agapistus) wird Polyphilus noch heute die Macarie sehen: reitet nur zu /Servetus! ehe ihr den Markt versäumet; wir haben doch auch heut / um ihret willen / das Bette verlassen müssen. Sie verdienet wol ein mehrers! (war des Polyphilus Widerrede) verrichtet ihr / was euch befohlen /Servetus! ich will mit dem Agapistus wohl zu recht kommen. Also nahm Servetus Abschied / und eilte nach Soletten. Sie aber folgten allmählich nach / und zwar Polyphilus / in so verirrten Gedanken / daß er so wohl bey der Mittags-Malzeit / als auf dem Weg /mehr dichtete / als redte: welches Agapistus warnehmend / ihn nicht verstören wolte. Auch wir wollen ihn in seinen Gedanken dahin reiten / und dieselben ungeantet lassen / weil sie ohne das / wegen der Menge /nicht wohl zu beschreiben sind: und unterdessen sehen / was zu Soletten vorlauffet.

Daselbst enthielte sich / eine betagte und vernünfftige Matron / welche / wegen ihrer Jahre und willfährigen Freundlichkeit / von Macarie jederzeit vor eine Mutter geehret worden. Diese hatte so viel ungleiches von Polyphilus Leben und Gefängnus (dessen Ruf nun auch dahin gekommen war) vernommen / daß sie / aus Freundschafft / nicht unterlassen kunte / die Macarie vor ihrem[209] hereinbrechenden Unglück zu warnen. Demnach verfügte sie sich / mit dem Vorwand einer Besuchung / zur Macarie: welche / seit dem sie den lezten Brief an den Polyphilus geschrieben / in stätem Kummer / wegen seiner Gefängnus / lebte /und alle Sunden einer frölichen Zeitung erwartete. Nach höflichem Empfang / führeten sie allerhand Gespräche / biß Adalgis (also hieße die Matron) anfragte: ob dann Macarie nun bald der Insul Soletten sich entziehen / und eine andere Art zu leben erwehlen würde? Da weiß ich nichts von! (gab Macarie zur Antwort) Ich bin nunmehr der Einsamkeit gewohnt /und gedenke sie / ohn wichtige Ursache / nit zu andern.

Warum stellet sie sich so unwissend? sagte Adalgis. Wäre diese Sache so ungewiß / als sie vorgibt /so dürffte ich mich noch erkühnen / einen Stein der Warnung ihr in den Weg zu werffen. Weil sie sich aber der Liebe schon allerdings ergeben / als werden vielleicht meine Worte / nicht allein vor tanben Ohren erschallen / sondern auch / wo nicht Zorn und Widerwillen / doch Reu und Furcht erwecken: Daher ich lieber schweigen / und zu solcher Freundschafft Glück wünschen will. Macarie! welche diese Worte mit Schrecken angehöret / ließe sich doch nichts merken /sondern sagte hinwiederum: Meine geehrte Frau Mutter! (daß ich mich dieses Namens / wegen ihrer Freundlichkeit und Wolmeinung gebrauche) ihre Rede kommet mir sehr entsetzlich vor / weil ich nicht weiß / wohin sie damit zielet. Der Himmel wolle mir ja nimmermehr eine solche Torheit gestatten / daß ich eine unbesonnene Liebe erwählen / und mich weder vernünfftigen Raht / noch wolgemeinte Warnung /davon solte[210] abwenden lassen: welches ja der nächste Weg zum Verderben seyn würde. Meine geehrte Frau versichere sich / daß ich viel lieber in der Einsamkeit sterben / als wider Vernunfft und Raht lieben will. Man wolle doch mehr meinem aufrichtigen Bekäntnus / als der müsigen Leute Reden / gläuben. Sie beraube mich auch nicht ihres verständigen Einredens: ich werde demselben / in schuldigem Gehorsam /Folge leisten.

Weil ich diese Rede / (antwortete Adalgis) vor rechte Warheit halte / kluge Macarie! als gebe ich ihr hierauf zu wissen / wie daß Polyphilus / der sie liebet / und ihre Gegen-Liebe verlanget / von dem Gerüchte aller Orten / sehr verhasst herum getragen wird: weil er nicht allein / den Mord Phylomathi noch nicht von sich abgeleinet / und / an statt gerichtlicher Verantwortung / gantz verzweiffelt (welches nicht ein geringes Merkmahl ist eines verzagten und überzeugten Gemütes) sich in den Fluß gestürtzet / sondern auch / aufs neue / wegen einer Mordthat gefangen liget. Uber das / ist sein Geschlecht und geführter Wandel ganz unbekant / und wird / die Erlösung von Sophoxenien / bey allen Verständigen / nicht in geringem Argwahn der Zauberey gehalten. Ist dannenhero sehr gefährlich / sich mit ihm in Freundschafft einzulassen. Ob ich nun wohl weiß / daß sie selbsten viel vernünfftiger und vorsichtiger ist / als daß sie wissend- und vorsetzlich / sich einem so verrufften Menschen vertrauen solte: Jedoch / weil der Dampff der Liebe gemeiniglich das Liecht des Verstandes vernebelt / auch nicht jederman so kühn ist / eine so verdrießliche Zeitung vor ihre Ohren zu bringen: als habe ich / in[211] der Zuversicht ihrer Vertraulichkeit / solches wagen / und mit dieser Erinnerung einkommen wollen.

So bedenke sie dann diese Sache wol / liebste Macarie! dann alles Thun dieses menschlichen Lebens /ist unbeständig und dem Wechsel unterworffen: aber der Ehestand bleibet stehen / oder stürzet uns / in seinem Untergang / auch mit zu Boder. Ist derowegen billig / daß man offt erwäge / was nur einmal kan beschlossen werden. Und wann sie ja Lust zu heuraten hat / warum erwählet sie nicht den Eusephilistus: der sie so aufrichtig liebet / und dessen gutes Geschlecht /Vermögen / und Gemüte ihr allerdings bekant ist? Ein fremder Freyer betreugt / oder wird betrogen: und ist nichts gefärlichers / als in dieser Handlung / daran unsere gantze zeitliche Wolfart hanget / dem blossen Ansehen oder Worten glauben. Sie ist ja / schöne Macarie! die Zier der Insul Soletten / und der Ruhm aller hiesigen Inwohner / wird auch von denselben / ihrem Verdienst nach / geehret und bedienet: Warum wolte sie dann ihre Ehre mit eines andern Schande beflecken / ihre so gewogne Freunde verlassen / und in einem unbekanten Lande Herberg suchen? Ich bitte nochmals / wo es seyn kan / mit dem Versprechen inn zu halten / und meiner treu-gemeinten Warnung statt zu geben.

Macarie / hatte diese Rede mit nicht geringer Bestürtzung vernommen / und gabe folgendes zur Antwort: Gewogne Frau Mutter! ich rühme billig die Aufrichtigkeit ihrer Freundschafft / die mir so unverfälscht entdecket / was mir gefährlich zu seyn scheinet. Ich verspreche auch / solchem schuldige Folge zu leisten / und mich viel eher mit dem[212] Grab / als mit einem lasterhafften Menschen zu vermählen. Gleichwol zwinget mich die Billigkeit / dieauchder Feinde Recht befördert / den Polyphilus / den ich noch zur Zeit weder zu lieben / vielweniger zu heuraten / entschlossen bin / sowohl wegen Ermordung des Philomati / als wegen dieser Gefängnus / mit gewisser Nachricht zu entschuldigen. So wird auch die Erlösung von Sophoxenien / ohne sein wissen und befördern / vor zauberisch gehalten. Die Tugend stehet fest bey der Warheit / und lässet sich weder Gunst noch Feindschafft / sie zu beschützen / abhalten. Ich habe /in der wenigen Kundschafft / die ich mit Polyphilus gehabt / wiewohl sie gar groß ausgegeben wird /keine Laster / sondern vielmehr / ein Kunst- und Tugend-begieriges Gemüte wargenommen: halte ihn demnach / der aufgebürdeten Ubelthaten / so lang unschuldig / biß ich davon ein gewissers Zengnus erhalte / oder genäuer nachzufragen Ursach bekomme. Ich kehre mich auch nicht an das gemeine Geschrey: dann meine geehrte Frau weiß selber / wie ungewiß solches sey / und wie der verstand-lose Pöfel allezeit dem Glück nachäffet / und die jenige / so von ihm erhaben / noch höher zu setzen / die aber / welche verstossen werden / vollends in das Verderben zu stürtzen suchet. Doch will ich ihn auch nicht weiter / als mir wissend / verteidigen / sondern ihn bleiben lassen /wer er ist. Inzwischen begehre ich weder ihn / noch den Eusephilistus (welchen ich keineswegs verachte /und nur mich seiner Liebe unwürdig schätze) zu lieben / sondern gedenke in der sichern Einsamkeit zu verharren. Meiner geehrten Frau Mutter aber / danke ich nochmals / vor[213] ihre getreue Vermahnung / und werde dieselbe nach Müglichkeit verschulden.

Diese Rede / wie sie von Macarie gar bescheiden vorgebracht wurde / also erweckte sie in Adalgis gantz andere Gedanken / daß sie solche billigte / und sagte: Ihre sittsame Antwort / Tugend-gezierte Macarie! ist freylich viel vernünfftiger / als die Anklage der gemeinen Menschen / die nur nach dem äuserlichen Ansehen / welches sehr betrüglich ist / urtheilen. Nun zweifle ich nicht / sie werde in diesem Beginnen /mehr der Klugheit und Tugend / als der verblendten Liebe folgen; und bitte / mir meine unnötige Vorsorge zu vergeben / mit dem Versprechen / daß ich hinwiederum ihr Vorhaben nach aller Müglichkeit befördern wolle.

Macarie / bedankte sich für den freundlichen Willen / und schiede Adalgis von dannen / die Macarie in tausenderley Gedanken hinterlassend / wie doch ihre Liebe noch ablauffen würde. Was habe ich doch / (gedachte sie) endlich zu hoffen / oder zu fürchten? Soll ich den Polyphilus / wider aller Menschen Raht und Willen / lieben? das ist gefärlich. Soll ich die Insul Soletten / welche mich eine geraume Zeit glückseelig versorget / verlassen / und in einem fremden Land Herberge suchen? das ist bedenklich. Soll ich den Eusephilistus / dessen Liebe ich / mit Frolocken dieser gantzen Insul / geniessen könte / verwerffen? und den verhassten Polyphilus / zu meinem Verderben / erwählen? Wer wird dann künfftig mitleiden mit meinem Unglück haben? Adalgis hat freylich recht geredet. Dann was mangelt dem Eusephilistus: daß ich lieber mit Polyphilus im Elend / als mit ihme im Wolstand[214] solte leben wollen? ist er nicht eben so ein wohlgestalter Mensch / als jener? Liebet er mich nicht eben so beständig als jener? Ist er nicht von eben so höflichen und zierlichen Gebärden und Worten / als Polyphilus? Wer saget mir dann / ob Einfalt und Warheit / oder List und Kunst / höher zu schätzen seyen?

Ach Himmel! (rieffe sie ferner) zeige mir doch einen Weg / dieser Gefärlichkeit zu entrinnen / und das sicherste zu erwählen. Doch was mache ich? habe ich nicht einmal versprochen / den Polyphilus vor Eusephilistus zu lieben? worzu dienet dann dieses vergebliche Wehlen? Ich habe ja gelernet / das Glücke /wegen der Tugend / zu verachten: Warum wird mir dann die Ubung so schwer? und / wie darff ich mich auch erkühnen / eine Vergleichung zwischen diesen beeden anzustellen? oder in welchem stück / setze ich Eusephilisten dem Polyphilus an die seite? Nein! nein! liebster Polyphilus! Ihr allein seit würdig / des Ruhms eines vollkommenen Liebhabers. Ihr allein sollet meiner Gunst geniessen / und solte ich noch so viel deßwegen ausstehen. Darff ich nicht öffentlich lieben / so liebe ich heimlich. Wer weiß / wie es noch ablauffet? das Spiel ist noch nicht zu Ende. Das Glück küsset öffters / nach den Schlägen. So ist auch das Unglück der Unbeständigkeit unterworffen / und wird von der Gedult / ohne Waffen und Gegenwehr /überwunden.


1.

Ich liebe mit Bestand / und lasse mich kein Leiden /

Wie viel sich dessen find /

Kein Unglück oder Noth / von dir / mein liebes Kind!

Und deiner Liebe scheiden.[215]

Die Furcht ist / bey Gefahr / gar übel zwar zu meiden:

Doch ist sie viel zu schwach / die Liebe abzuschneiden.


2.

Es wird / der Funcken Glut / mit Asche zwar bedecket /

Und scheinet gantz vernicht:

Doch / komt ein kleiner Wind / so wird ihr helles Licht /

Von neuem aufgewecket.

Es wird die Liebes-Flam durch Unglück offt verdunkelt /

Die / wann sie Lufft bekomt / mit tausend Stralen funkelt.


3.

Es ist doch gar umsonst / die Sinnen abzuhalten /

Die einmal schon verliebt.

Durch Haß und Hinternus / wird zwar das Herz betrübt:

Doch kan es nicht erkalten.

Dir bleibet es allein / Polyphilus! ergeben /

Und soll die gantze Welt umsonst darwider streben.


Eben hatte sie diese Zeilen zu Papier gesetzet / als ihre Dienerin ihr ankündigte / wie Phormena sie zu besuchen angekommen: worüber sie in Hoffnung / einige Nachricht von ihrem Polyphilus zu erhalten /nicht wenig erfreuet wurde. Sie stunde behend auf /legte das Papier / damit es Phormena nicht warnehmen möchte / auf eine seite / und wolte ihr entgegen gehen: die aber eben in das Zimmer eintrate / und einen gnädigen Gruß von der Königin ablegte. Macarie name solches mit tieffem Dank an / und fragte: durch welche Gelegenheit / sie dißmal mit ihrer Gegenwart beglückt würde? oder aus was Ursach sie in dieser einsamen Insul angekommen? Sie zu besuchen / (versetzte Phormena) auch auf Befehl der Königin und Melopharmis / ihr zu verkünden / daß nunmehr Polyphilus / seiner unschuldigen Gefängnus befreyet / und auf der Heimreise begriffen / auch seine eheste Ankunfft / durch einen Boten / allbereit wissen[216] lassen. Macarie wurde zwar / über dieser Nachricht /mit unglaublicher Freude umgeben / wolte aber doch selbige gegen Phormena / aus Mißtrauen / nicht entdecken / sondern gab diese kalte Antwort: Ob ich wol von dieser Botschaft keinen Vortheil habe / so höre ich sie doch gern / wegen der Billigkeit / die auch über anderer Wolfart mich Freude schöpfen heisset. Aber / ist sie bloß deßwegen herüber gekommen? Nein! (begegnete ihr Phormena) sondern es lässet auch Melopharmis fleissig bitten / daß sie / kluge Macarie! von dem verletzlichen Bericht / welchen sie /wegen des Polyphilus / auf unwarhaffte Zeitungen /und aus übereilter Mütterlicher Liebe gegen ihren Sohn / jüngsthin durch mich anbringen lassen / gegen dem Polyphilus / wann er sie zu besuchen kommet /nichts gedenken wolle. Sie erbietet sich hingegen vor diese Willfarung / so wohl dem Polyphilus / als auch ihr selbsten / schönste Macarie! zu ihrer beyder bästem / nach allen Kräfften zu dienen.

Diese Bitte (gab Macarie zur Antwort) kommet ganz unnötig / weil ich vielleicht den Polyphilus nimmer wieder sehen werde / auch wegen der Gefahr und Unruhe / darein mich seine Freundschafft gestürtzet /nach seiner Besuchung gantz kein Verlangen trage. Uber dieser verächtlichen Rede zereifferte sich Phormena dergestalt / daß sie mit zimlicher Bewegung antwortete: Ich weiß nicht / soll ich diese Antwort /einem Haß gegen dem Polyphilus / oder einem Argwahn gegen mir / zuschreiben? Ist es meinetwegen /so lebe sie versichert / daß ich dem Polyphilus mit gebürlicher und aufrichtiger[217] Freundschafft zugethan bin / und seine Liebe gegen ihr nicht allein billige /sondern auch / so viel an mir ist / befördern will. Und ob ich schon neulich etwas fremd von ihm geredet / so ist doch solches / vielmehr aus Gehorsam gegen der Königin / und aus Fürwitz / Macarien Liebe gegen ihm zu prüfen / als aus Feindschaft und Widerwillen /hergeflossen / wie ich ihm auch selbsten erzehlen will. Hat sie also an meiner Treue nicht zu zweiffeln /oder deßwegen gegen mir behutsam zu reden.

Solten aber ihre Worte / geehrte Macarie! (sagte sie ferner) aus Verachtung gegen dem Polyphilus herrühren / so ist sie gewißlich eine Tyrannin / so wohl gegen ihme / als gegen ihr selber / weil sie ihn vorsetzlich in Verzweiflung stürtzet / und sich selbsten damit des allerwürdigsten Liebhabers beraubet. Sie bedenke doch / Macarie! wie hoch er sie ehret / wie getren er sie liebet / wie viel er ihrentwegen leidet /und wie wenig sie seines gleichen findet. Kan sie seine Schönheit und Höflichkeit / seine Geschicklichkeit und Tugend / seine Liebe und Beständigkeit / und die Gedult / mit welcher er alle ihre Grausamkeit und Verachtung / eine so lange Zeit / vertragen / nicht zur Gegen-Liebe und Mitleiden bewegen / so ist sie warhaftig wilder dann ein Tyger / und unbeweglicher als ein Felse / wird auch solche Unbarmhertzigkeit mit spater Reue büssen. Sie vergebe mir / schönste Macarie! die Hefftigkeit dieser Worte / und erwäge mehr die Gerechtigkeit / welche sie führen / als die Künheit / die sie begleitet. Sie lasse nit / unter den vielen Tugenden / so in ihrem Gemüte wohnen / die schändliche Undankbarkeit nicht einschleichen; sondern gebe vielmehr[218] / der Gewogenheit gegen dem Polyphilus / denselben Platz ein / und erfreue mich mit einem freundlichen Gruß an ihn / damit ich eine angeneme Botschaft bringen könne.

Wer ist nun übler daran / als Macarie? die in einem Tag auf so ungleiche Art / gestraffet wird / und sonsten mehr des Ruhms / als der Strafe gewohnt gewesen. Es ist doch wahr / daß ein verliebtes Gemüte jedermans Spott oder Verachtung seyn / und offt so ungleichen Raht anhören muß / daß es mehr in Verwirrung / als in Sicherheit geleitet wird. Wäre es auch Wunder gewesen / wann sie sich über diese unbestellte Hofmeisterin erzürnet / und ihr eine schimpfliche Antwort ertheilet hätte? Aber Macarie ist viel zu gedultig / die Phormena zu beleidigen; und viel zu verliebt / sich an der Beschützerin ihres Polyphilus zu rächen: deren Straffe ihr so angenehm war / daß sie auch einen Trost darinn fande. Geehrte Phormena! (gabe sie ihr zur Antwort) Ihre behertzte Rede / ist ein beglaubter Zeuge / daß sie dem Polyphilus sehr geneigt sey. Und ob ich wohl viel dagegen sagen könte /so wäre ich doch willig / ihr zu folgen / wann nur andere nicht so stark dagegen redten. Sie zwar heisset mich den Polyphilus lieben / und meinet / daß ich im Gegentheil unbillig und tyrannisch handle. Aber /noch heute / ist eine verständige Matron bey mir gewesen / und hat durch allerhand Ursachen mich bereden wollen / daß ich mit solcher Liebe unvernünftig /gefärlich / und schädlich verfahren würde. Welchen Weg werde ich dann nun / ohne Laster / betretten? Bleibe ich nicht viel sicherer in der Einsamkeit stehen / als daß[219] ich eine so gefärliche Strasse wandele /und diese zweiffelhaffte Liebe erwähle.

Wann nicht die jenige / (gab Phormena hinwiederum zur Antwort) welche ihr die Liebe des Polyphilus gefärlich und schädlich vormahlen / mehr aus Feindschaft / und unwahrem Geschrey / als aus Aufrichtigkeit und Wolwissen redeten / so würde sie billig in Zweiffel gesetzet. Allein sie weiß / geehrte Macarie! wie der unschuldige Polyphilus / von den Inwohnern dieser Insul / jederzeit wider Verdienst / gehasset und verfolget worden. Sie hat auch sein tugendhaftes Gemüt aus so vielen Umständen erlernet / und wird leichtlich schließen / was warhaftig / oder aus Affecten geredt sey. Aber was führen sie dann vor Ursachen ihrer Verwarnung? Und aus welchem Grunde schätzen sie die Freundschaft des Polyphilus so gefärlich? Sie geben vor / (sagte Macarie) daß er ein fremder / dessen Geschlecht und Leben unbekant / der auch schon zum andern mahl / wegen eines Mords /gefangen lige / und durch die Erlösung des Schlosses Sophoxenien / viel mehr verdächtig / als berühmt worden. Daher ich viel sicherer / den Eusephilistus in einem bekanten Lande / als diesen auf ein Unbekantes / erwählen solte. Ich dachte wohl / (versetzte Phormena) diß würde das Ziel seyn / darauf die vorhergehende Pfeile gerichtet waren / nämlich die Verstossung des Polyphilus / und die Erwählung des Eusephilistus. Die andere Beschuldigungen / haben keiner Widerlegung vonnöten / weil sie / kluge Macarie! selbsten weiß / daß Polyphilus aller solcher Auflagen unschuldig. Demnach wird sie dergleichen partheiliche[220] Rathgeber verwerffen / und mehr nach ihrer eignen Wissenschaft / als nach diesen falschen Anklagen verfahren.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 2, Nürnberg 1673, S. 207-221.
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