Siebender Absatz

[420] Beschreibet die Reden Talypsidami mit Polyphilo und der Königin / auch wie[420] er Macarien gerühmet: Lehret / wie hoch die Tugend-Kunst zu erheben.


Was hätte dem Polyphilo erwünschter kommen können / dann alsobald die Königin drein willigte / nahm er Gelegenheit / Talypsidamum zur Seite zu führen /mit Vorwenden / als wolle er ihm sein Zimmer sehen lassen / allda seiner Gelegenheit zu pflegen. So bald sie hinein kamen / fragte er wieder von Macarien: was sie auf die letzten Wort / so er ihr durch seinen Mund / nach dem damals vermeinten Tod / verstandigen lassen / geantwortet / und wie sie ihr solche gefallen lassen: ob sie auch annoch in der Meynung verharre / als solte Polyphilus tod seyn. Deme allen Talypsidamus / mehr aus der Liebe der Freundschafft /als der Warheit antwortete / so gar / daß ihm Polyphilus nichts gewissers / als die Gewogenheit der schönen Macarien einbildete / welche er sonderlich daher behaupten wolte / daß sie ihr seinen Tod nicht gewiß machen könte / daher eine Hoffnung zu schliessen /die die Gegenwart Polyphili / in dem Hertzen der Macarien / verlange.

Aber es gieng Polyphilo in diesem Schluß / wie es gemeiniglich den Verliebten zu gehen pfleget / die aus einem nichtigen Wort mehr erzwingen / als das Recht und die Warheit zulässet. Es vermochte aber diese Einbildung so viel bey ihm / daß er dem Talypsidamo mit hefftigem Flehen anlag / ihn Gelegenheit zu erwerben / daß er / ohne längere Verhindernuß / sein Verlangen erfüllen und die Liebe deren / die ihm sein Hertz gantz bestricket / durch seine Gegenwart / endlich gewinnen könne. So öffentlich[421] dorffte Polyphilus reden / weil sich nun nichts mehr verbergen ließ.

Talypsidamus wurde über die Wort erfreuet / und solches um desto mehr / weil er ihm nie nichts solches eingebildet / sondern das Verlangen Polyphili allemal / mit der Tugend / der vollkommenen Macarien /abgemessen: das er aber jetzt erfuhr / wie es sich weiter / und biß auf das Hertz erstrecke. Da verstund Talypsidamus allererst / was ihn für ein Schmertz quäle / und in was Angst / sein verliebtes Hertz brenne. Darum er / ihn zu trösten / von der Stund an / auf Mittel und Wege bedacht zu seyn / ihm / durch die Treue ihrer Freundschafft / versprach / wie er / ohne längern Verzug / seinen Wunsch erfüllen möchte. In dem kam Melopharmis und nötigte sie zur Tafel: deren sie folgeten / biß in den Saal / da sie von den Anwesenden / abermal höflich und aufs schönste empfangen wurden.

Die Königin nahm mit Polyphilo ihren gewohnten Sitz: Talypsidamus aber bekleidete die Stell Agapisti / nach welchen / die übrige / in ihrer richtigen Ordnung / die Tafel beschlossen. Die erste Rede war /dem Begehren Atychintidœ nach / von Agapisto / die Talypsidamus mit solchen Worten anfieng und redete: Durchleuchtigste Königin! mein schuldiger Gehorsam erinnert mich billich / an den gnädigen Befehl / dem sie mir / vor der Tafel / ertheilet / daß ich / so viel mir wissend / vom Agapisto gründlichen Bericht geben solle: Wann demnach solches schuldiger massen zu vollbringen / dero Gnaden nicht unbeliebig / oder zu wider lauffen wird / will ich meinen Gehorsam durch die völlige Eröffnung / zu deren Gebot stellen.[422]

Atychintida winckete / noch unter der Rede / und ein jeder hörete / mit aufmerckendem Fleiß / zu /darum er ohne Absatz / mit diesen Worten fortfuhr: Es war eben Zeit / daß / ehe die völlige Kälte die Flüsse verschloß / und den Schiffarten den Stillstand gebot / ich auch meine Segel / noch einst aufwarff /um etwas Vorrath auf den dürfftigen Winter einzuholen. Nun verlangte mein Weib / die viel-beschriene Gräntze / des grossen Meers / zu besehen / deßwegen sie mir öffters anlag / solches zu erlauben / und sie mit zu führen / so lang / daß ichs nicht mehr verwaigern konte. Weil aber ihre Natur / mit dem Wasser ewige Feindschafft hält / indem sie / ohne Verletzung ihrer Gesundheit / auf demselben nicht fahren oder bleiben kan: als habe ich den Weg zu Land befördert / meine Schiffe aber zu Wasser gehen lassen. Nun geschichts / da wir etwa eine halbe Tag-Reise vollbracht / daß wir im Wald unter einen Hauffen mordgieriger Rauber fallen / die uns nicht nur alles mitgeführten Geldes / sondern auch unser selber beraubten / in dem sie mich gefangen mitführeten / mein Weib aber / mit vielen Streichen / halb-tod liegen liessen. Ich zwar / widersetzte mich / so viel mir müglich / aber einem / wider so viel zu streiten / war wenig müglich. Wie nun die Hülff der allsehenden /gnädigen Götter / denen unschuldig bedrangten / niemals aussen bleibet / also muß auch ich dieselbe /noch jetzo / an dem edlen Ritter Agapisto rühmen /und erkennen. Dann eben / als ich fortgeführet wurde / und meine Liebste / in höchster Bekümmernus / an der Hecken liegen bleibet / allda mit Weinen und Klagen / ihr schmertzhafftes Leben vollend zu enden / kommt ein Ritter mit eiligem Flug und erhitztem[423] Lauf auf sie zu / dann der Weg führete ihn an der Hecken vorbey. So bald sie ihn ersiehet / fällt sie / mit Heulen und Schreyen / vor ihm nider / um die Errettung ihres Herrn bittend. Der Ritter aber entschuldiget sich / daß er nicht sein mächtig / sondern dißmal in fremden Diensten sey / deren Beförderung / die keinen Verzug leide / ihn zwinge / die Bitte zu versagen. Darüber das Weib in die Ohnmacht / aber mit diesen Worten / fällt: Ach Talypsidame! so must du sterben! und was sie etwan ferner für ein kläglich Geschrey geführet. Der Ritter / theils wegen der tödlichen Ohnmacht / theils wegen des Namens Talypsidami erschrocken / suchet alsobald / wie er der Nothleidenden wieder aufhelffe / aber vergebens. Deßwegen er sich wieder zu Pferd setzet / und mich zu suchen auf dem Wald zueilet. Es hatten mich die Mörder schon in das Schiff bracht / und waren auch sie / ausser zweyen / darinnen / welche der Ritter noch zu Land antraff. Die andere aber / so zu Schiff waren / stiessen vom Land / und verliessen diese beyde der Hand Agapisti / welcher den einen / mit seiner Lantzen / ins Wasser stürtzete / den andern / auf einem Streich / mit dem Schwerdt / danider legte. Und dieser ists / den meine Begleiter gesehen. In meiner grössesten Noht /erfreuete ich mich gleichwol der Gnade des Himmels /der mir einen solchen treuen Erretter zugeschickt. Und weil ich ihm mündlich nicht dancken konte / bezeugte ich meine Gebühr / mit Wincken der Hände und offt-geneigtem Haupt. Das wunderte mich am meisten /wie ein Fremder und Unbekandter sich meinet wegen / in solche Gefahr geben wollen: Doch gieng mein Schluß auf die gebührende ritterliche Pflicht. Dahero ich gleiches[424] theils nichts mehr bereuete / als daß ich nicht wissen solte / wer er / und von wannen er wäre. Da ich ihm aber / ohne Unterlaß / einen Danck-schuldigen Gruß zuschickete / und er mir sehnlich nachsahe / ziehet er ohngefehr einen Brief hervor / und zeiget mir denselben / wincket auch auf die Gegend Soletten / und schreyet mit lauter Stimm /und gedoppelte Wiederholung / den Namen Polyphili. In was Vielfaltigkeit / der zweiffelhafften Gedancken /ich dadurch gesetzt worden / kan ich nicht aussprechen. Dann sich dieselben mit der augenscheinlichen Todes-Furcht / je länger je mehr mehreten. Wir waren einen zimlichen Weg / gegen den Strom / aufgefahren / als ich sahe / daß Agapistus sein Pferd / zu ruck / dem Wald zu wandte / daraus ich nicht anderst schliessen konte / als daß er wieder ruckwerts reisen werde / deßwegen ich ihm tausend Glück nachbetete. Allein / da ich gedachte / jetzt wirst du ihn zum letzten mal sehen / weil er zum Wald hinein reiten wird /erfuhr ich / ach! aber mit was Schrecken! daß er ein Tuch um die Augen gebunden / und seinem Pferd die Sporen angesetzt / mit vollem Lauf auf den Fluß / und in das Wasser zu sprengen; daß also nicht der Wald /sondern die wilde Fluthen / mir seine Gegenwart geraubet: wann nicht durch sonderliche Vorsehung des günstigen Himmels / eben damals mein Weib / aus der tödlichen Ohnmacht erwachet / ihn gefolget / und in dem Zu-Ritt geschryen hätte. Meinem Beduncken nach / solte eben das Pferd den letzten Satz ins Wasser thun / als er dem Geschrey eines Weibs gehorchen muste. Ohne Zweifel wird ihn damaln / sein eigen Gewissen / der vorgesetzten Boßheit halber / bey sich selbst verklaget; oder auch mein Weib[425] gebührend bestraffet und erinnert haben / daß er auf vernünfftigere Mittel bedacht sey / die mit seinem Leben / auch das meine erhalten / und nicht so schändlich verderben. Es geschach aber / daß wir gegen den Strom / nicht ferne vom Ufer schiffeten / welches Agapistum veranlassete / daß er am Ufer hinauf ritte / mich zu begleiten / und zu vernehmen / wie es endlich mir gehen werde. Er hielt sich im Walde / daß unser keins seiner gewahr nahm: biß er ohngefehr / an dem Ufer ein leeres Schifflein angebunden ersiehet / das ihm / seiner Einbildung nach / das Glück selbsten / zu meiner Errettung bereitet. Alsbald löset er solches vom Ufer /setzet sich drein / und eilet / mit müglicher Geschwindigkeit / auf uns zu.

Die Mörder wurden / durch die unverhoffte Ankunfft / sehr erschröcket / ich aber mächtig erfreuet. Die schröckende Furcht schlug sie alsobald in die Flucht / daß sie sich wandten / und mit dem Fluß / in unglaublicher Geschwindigkeit / abwerts fuhren. Ich muste mitfahren / ihr Leben zu erretten / und meines zu verderben: der Ritter folgete gleich-erhitzt nach /konte sie doch nicht errennen: wiewol er mir so nahe kam / daß er mir den Gruß von Polyphilo zuschreyen konte. Aber / O Unglück! es entstund ein grausames Gewitter / welches einen Wind schickete / der das Schiff Agapisti anfassete / und mit erschröcklichem Wüten / auf den wanckenden Wellen fort führete / daß weder ich / noch die Mörder / ihn mehr sehen konten. Da nun die Winde sich legten / und ich mir nichts anders / als den gewissen Tod einbildete: siehe! da kommt mein Schiff / daß ich mir hatte folgen heissen /dessen Ankunfft mich errettet; meine Feinde aber gefangen gelegt: die ich auch noch dem Agapisto[426] aufhebe / daß er seine gerechte Rach an ihnen verübe. Die Freude meiner Sicherheit verlangte / mein Weib / aus ihrer kümmerlichen Noth zu erretten / deßwegen ich /so viel müglich / dem Ort zueilete / wo ich sie mit Agapisto vernommen / auch wieder weinend und heulend antraff / die sich aber / durch meine befreyete Gegenwart / bald tröstete; Alsbald fragte sie um Agapistum / und zeigte mir den Zügel von seines Pferdes Zaum / mit Vermelden / daß sie selbigen an einem Baum gefunden / von dem sich das Pferd gerissen /und mit vollem Wüten / den Wald eingelauffen. Unsre grösseste Sorg war / wo Agapistus seyn möchte /darum wir endlich Rath wurden / mein Weib widerum zu ruck zu senden / mit dem Befehl / daß sie Agapistum mit etzlichen Schiffen suchen lasse; ich aber meine Reise fort zusetzen / von deren ich eben jetzo wieder zu ruck komme. Nun weiß ich zwar nicht gewiß / lebe doch der gäntzlichen Hoffnung / ich werde ihn / so ich zu Hauß komme / antreffen. Dann ich vergewissert bin / daß er lebet / weil sich der Wind alsobald geleget / nachdem er von uns gerissen worden. Und so viel ist mir bewust.

Die Verwunderung / zusammt der anklebenden Furcht / erhebte sich damals dergestalt / in aller anwesenden Hertzen / daß die Freude nicht anderst / als unter dem Wachsthum der Dornen aufgehen / und auf dem Acker der Sorgen-vollen Besaamung wachsen konte. Aller Seiten verursachete der Trost Talypsidami Freude; die Erzehlung / Schrecken; die Ungewißheit / Forcht. Polyphilus aber / der seine Gedancken /mit der Versprechung / Macarien zu grüssen / nehrete / mochte leicht überredt seyn / daß er glaubete /was er gern glauben wolte / darum er alle[427] Sorgen niederlegte / und sein Glück der Zeit vertraute / die ihn /durch den Anblick seiner hertzlichverlangten Macarien / erfreuen werde.

Atychintida / wie sie gewohnt war / männiglich die Wolthat zu erklären / welche die Danckbarkeit / so ihre Erlösung dem Polyphilo schuldig / gebührend rühmen muste / fieng hinwider zum Talypsidamo an: Edler Herr! eure Erzehlung / die uns nicht weniger Mitleiden in der Noth / als Erfreuung nach derselben erwecket / zwinget mich / daß ich gleiches an unserm hochgelobten Polyphilo bekennen muß / welchen /wie ihr selber gesehen / die Fluthen ersäuffet haben /und die Wellen bedecket / aber meines Erachtens darum / daß die leblosen Creaturen dessen Ehre retten / und Leben verlängerten / welchen die beseelte Menschen / ohne Schuld / in Schande setzen / und den Tod / unbillicher Weise auflegen wolten. Denn / so sind die gerechte Gericht der gerechten Götter. Wunderns ist das alles werth / und um desto mehr / weil /durch solche seine Errettung / auch unsere sich genahet / die wir / was wir sind / diesem Polyphilo / unserm Eretter / alles zu dancken haben / und auch ewig dancken wollen. Deßwegen will ich auch noch jetzo eben das / und allen / die zu uns kommen werden /solches erzehlen und rühmen / dafern ich weiß / daß es euch nicht mißfället anzuhören: und nach dem fieng sie an / alles / was wir bißher gehöret / und in solcher Ordnung / wie sichs mit Polyphilo begeben /zu erzehlen / und zwar mit so belobten Worten / daß die Schamhafftigkeit offtmals dem Polyphilo die Röthe austrieb. Zu letzt aber hieng sie an / was doch Talypsidamus / der nun beyderseits die Begebenheit /so wohl Polyphili / als Agapisti verstanden /[428] daß alles / was sie erlitten / um Macarien zu sehen / erlitten sey; was er doch schliesse / ob Macarie würdig sey / daß solche edle Jüngling / ihrentwegen den Tod nicht scheueten / und alles Unglück nicht verachteten.

Was hätte Polyphilo angenehmer können gefraget werden / als welcher wuste / daß Talypsidamus / ein verständiger und beredter Mann / die Ehre der noch nie gnug gepriesenen Macarien / dergestalt ausbreiten werde / daß er sich heimlich darüber freuen würde: deßwegen auch eben das Begehren / durch Polyphili Beystimmung / an Talypsidamo wiederholet wurde. Dieser / wiewol er nichts liebers und angenehmers ihm zu verrichten / wünschen können / scheuete sich dennoch / aus beytragender Forcht / es möchten seine / ob schon sonst wol-geübte / Reden / an dem Himmel-würdigen Ruhm / der mehr Göttlichen / als Menschlichen Macarien / und deren hoch-geschätzten Zierde / versiegen / und ihre Krafft verlieren / weil er wol wuste / daß / dafern er sie menschlich gelobt /kaum der Anfang ihrer Würde werde berühret seyn: himmlische Gaben aber / mit menschlichen Worten gleichen / eben so unmüglich / als göttliche Herrlichkeit / mit jrrdischer Nichtigkeit abmessen. Gleichwol muste er dem Gebot Atychintidœ folgen / welches er auch dißfalls seine gefasste Forcht gar gerne beherrschen ließ / und folgender Gestalt anfieng:

Durchleuchtigste Königin! dafern ich nicht versichert wäre / daß E. M. Gnade sich würde befriedigen lassen mit dem / was meine Müglichkeit vermag / und mehr die Himmel-steigende Würde der unschätzbaren / ja! unvergleichlichen Macarien / aus[429] dem vernehmen / daß ich meine Schwachheit / in der Unmüglichkeit / ihr Lob auszusprechen / oder / wie sie ist /völlig zu beschreiben / freywillig bekenne: würde mich / in Warheit! die Gefährlichkeit meines Beginnens / von dem zu ruck halten / das mir mein Gehorsam / gegen E. M. durch den gnädigen Befehl / ohne Abschlag / zu vollbringen / aufleget. Zwar solte mich auch das nicht wenig abhalten / daßlich / in Erhebung dieser unaussprechlichen Hoheit / mich keiner gründlicher und besserer Wort gebrauchen kan / als daß ich sie / unter allen / in der Welt lebenden Damen / die schönste / die höflichste / die verständigste nenne; damit ich / ohne Zweifel / bey vielen mehr Haß / als Gunst / verdienen werde: doch stärcket mich die Warheit in dem allen / die mir den Grund / mit dem Lob-und Lieb-würdigen Namen / der allerschönsten / alleredlesten Macarien / zeiget / darauf ich meine Wort setzen / und meine Entschuldigung gründen könne. Wo soll ich aber Wort genug finden / ihre Tugend zu beschreiben / ihre Schönheit vorzustellen / ihren Verstand zu bilden? Werde ich nicht die güldene Sonne /mit schwartzen Kohlen / und den silber-hellen Mond /mit bleicher Dinten mahlen / wann meine unwürdige Reden / ihre vollkommene Würde nach befindlicher Beschaffenheit preisen / und nach Würde erheben wollen / die viel sicherer mit Verwunderung und Stillschweigen zu verehren ist. Werde ich auch den geringesten Schatten derselben erweisen können? Ach nein! ich bekenne / daß meine Vernunfft / vor Verwunderung / stumpff / und meine Zung / ohne derselben Regierung / zu schwach wird. Ich möchte mir wol wünschen / daß ich könte / was ich wolte; und darff ich die Warheit bekennen / möcht ich Polyphilum[430] /als welcher den Augenschein / mit der Erfahrenheit /eingenommen / zum helffenden Zeugen haben; ich weiß / er würde bekennen / daß / wer die Glückseligkeit erlanget / die Schönheit der allerschönsten Macarien gegenwärtig zu verwundern / ihre verständige Reden anzuhören / und ihre holdselige Tugenden zu erkundigen / nichts mehr verlange / ja so gar / aus dem Zwang der mächtigen Versüfsung / verlangen müsse / als mit den gütigen Strahlen ihrer Gewogenheit beleuchtet; mit dem Glantz ihrer Schönheit beehret / und mit dem Ruhm ihrer Tugend beseeliget zu werden / so mächtig erhebet der Pracht ihrer Trefflichkeit die verwunderende Hertzen / daß sie sich gleich gefangen bekennen müssen. Daher ich die Frag E. M. mit diesem Gegen-Satz beantworten muß: Macarie ist würdig / daß sie alle Welt ehre / alle Welt liebe / alle Welt lobe; und hat Polyphilus / samt Agapisto /wegen der / ihrentwegen / überstandenen Todes-Gefahr / sich mehr seelig / als unseelig zu schätzen / die gewürdiget sind / durch diese Tugend-Beherrscherin /unter die gezehlet zu werden / welche / ihr Leben um Tugend zu verlieren / rühmlicher erachtet / als ohne Tugend tödlich zu erhalten.

Die Königin / wegen des gar zu grossen Lobs fast unwillig / versetzte; ist sie denn kein Mensch / daß sie auch Gebrechen habe? Darauf Talypsidamus antwortete: Dem Leibe nach / ist sie freylich unter die Sterbliche zu zehlen / aber die Beschaffenheit desselben ist etwas sonderliches vor andern / und die Seele ist gantz himmlisch / weil sie nichts als himmlische Tugend wählet / und Göttlichen Verstand gewinnet. Ja! es zeigen sich eben diese etzlicher massen durch[431] die Schönheit des ausgezierten Leibes / welcher an Macarien / dem sonst-gewohnten Sprichwort nach / aber ohne Sprichwort / und mit Warheit / ein Für-Fechter der Blühte der Tugend / und eine Herberg einer viel-grössern Schönheit / kan genennet werden. Dann diese ist nicht / wie bey andern / eine Bezauberung der Gemüther / Verführung der Jugend / und Beraubung der Freyheit. Nein / sondern was die Hertzen bindet / durch den äusserlichen Schein / das würcket die innerliche Tugend; und was die Gemüther verführet / durch heimliche Macht / das gebiehret die offenbahre Kunst; die Freyheit aber verlieret sich in den angenehmen Banden ihrer Verständigkeit / davon wir billich rühmen können / daß ihr Gott und der Himmel nichts versaget. Je mehr ich ihr nachsinne / je mehr finde ich / daß ich verwundere / so gar hat die bereichte Natur / oder viel mehr der wunderthätige Himmel / selbst auch die äusserliche Glieder / an ihrem zarten Leib / der innerlichen Schönheit gantz gleich gebildet. Die hoch-erhabne Stirn / zeuget die Aufrichtigkeit des Gemüths. Die bräunlichte Farbe / behauptet die Beständigkeit ihrer Sinne. Die lieb-winckende Augen / zeugen von der Demut ihres Hertzens. Die eingezogene Lefftzen / erweisen den Schatz ihrer Treue. Die röthlichte Wangen / bewähren den Ruhm der Schamhafftigkeit. Und die sondere Gestalt des gantzen lieb-würdigen Gesichts / mahlet die Keuschheit / mit lebendigen Farben / auf die zarte Haut / so das durchseelte Fleisch bedecket. Solt ich meine Betrachtung ferner auf die andere lob-fähige Leibes-Glieder richten / würde der schlancke Halß / eine behertzte Geschwindigkeit / nicht weniger auch die Großmütigkeit ihrer[432] Tugend-werbenden Gedancken fürtragen; ihre gewölbete Brüste / die mit eingezogener Zucht / nach Gelegenheit der vorfallenden Reden /bald steigen / bald fallen / in dem sie durch Höflichkeit erfreuet / durch Laster-Reden aber betrübet werden / deuten die Liebe der innerlichen Begierde / so sich allen Lastern widersetzet. Und endlich können die gar zu schöne Hände / die sich keinem trauen werden / der ihrer nicht würdig / keinem hingegen versaget / der ihrer bedürfftig ist / die fleissige Verwaltung der Gerechtigkeit / zusamt dem gütigen Willen / erweisen; und mit einem Wort / wer sie seldsten siehet /die verständige Reden ihres Mundes anhöret / die Zucht-strahlende Augen ihrer Freundlichkeit beschauet / das Kleid ihres Hertzens / und die Decke der Seelen / verstehe die zarte Haut / betrachtet / auch die Wollen-weiche Hände zu küssen / und zu drucken beglücket wird / der wird allererst gestehen / daß die drey Zierde / Tugend / Verstand / und Schönheit / die hoch-gezierte Macarien / so innen / so aussen / gleich als mit einer dreyfachen Cron gezieret / mit dreyfachen Farben gemahlet / und mit dreyerley Gaben verehret haben / daß sie nun und immer fort / in dreysacher Vollkommenheit / bey Göttern und Menschen die Kunst- und Tugend-beschönte Macarie soll und muß genennet werden: die würdig ist / daß ihrentwegen nicht nur Polyphilus den Tod nicht fliehe; nicht nur Agapistus alles Unglück ausstehe: sondern die gantze Welt sich seelig / und von den Göttern für sonderlich beglückt zu schätzen hat / wann sie / um ihrent Willen zu leiden / gewürdiget wird.

Talypsidamus wolte weiter fort fahren / allein die gute Königin plagte der Mißgunst ein wenig / die[433] viel lieber sich selber hätte loben hören / als / in ihrer Gegenwart / fremdes Lob so hoch erheben lassen: doch wuste sie die Reden Talypsidami / mit solcher List /abzukürtzen / daß das Laster ihres Eyfers wohl verborgen bliebe / in dem sie mit lachendem Mund anfieng: Ihr / edler Herr! soltet bald machen / daß ich selber diese Tugend-Docke zu sehen / verlangete. Und damit erhuben sie sich von der Tafel: wiewohl Atychintida noch anhängte / wann er wieder abreisen würde / und zu der belobten Macarien gelange / soll er den gebührenden Danck / vor ihre Mit-Hülfe /deren sie / in der Erlösung / genossen / neben einem schönen Gruß / in ihrem und der gantzen Hof-Gesellschafft Namen ablegen: Mit diesem Versprechen nahm Talypsidamus Abschied / und versetzte / daß er künfftigen Morgen / mit frühem Tage / ziehen müsse /wegen etzlicher nothwendiger Geschäffte / die ihm zu verrichten obliegen. Bedanckte sich auch der hohen Gnad / und versprach dieselbe / mit fleissiger Nachforschung / wo Agapistus seyn möge / zu erwiedern /auch mit ehistem zu berichten / so bald er einige gewisse Nachricht erhalten.

Polyphilus / dem sein Hertz vor Freuden im Leibe hupffete / wegen des herrlichen Lobs / das Talypsidamus seiner allerwürdigsten Macarien gegeben: weil er zuvor merckte / daß die Königin eine kleine Eyfersucht getroffen: führete denselben mit sich in sein Zimmer / daß er die nächtliche Ruhe bey ihm nehme /wiewol er ihn mehr der Unterredung halber / als des Schlafs wegen begehrte. Deßgleichen giengen auch die übrige ein jeder zu seiner Ruhe / ohne daß Melopharmis Polyphilum / und seinen Geferten begleitete.[434]

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 420-435.
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