Achter Absatz

[435] Beschreibet / wie Talypsidamus sich mit Polyphilo berathen / zur Macarien zu kommen / und was jener /nach seiner Heimkunfft / mit derselben geredt / auch wie ihr Wider-Sinn sich in Liebe verwandelt: Lehret / ob die Tugend anfänglich schwer zu gewinnen / sey doch die endliche Ergebung freywillig / daher wir / mit Polyphilo / nicht ablassen sollen / dieselbe zu erringen.


Da sie nun alle drey allein versamlet / und unverhinderte Freyheit zu reden hatten / war die erste Frag Polyphili / ob Talypsidamus noch kein Mittel erdacht /wie er zu Macarien komme? legte auch zugleich einen schönen Danck ab / an statt Macarie / wegen des ertheilten Lobs / ihn versicherend / daß zu seiner Zeit /von ihm / sein Ruhm wieder soll gepriesen / diß aber /was er gethan / bey Macarien / zu seiner grossen Beförderung / rühmlich erzehlet werden. Talypsidamus erwähnte / wie ihm das Gespräch über der Tafel nicht zugelassen / daß er darauf bedacht gewesen / wie gern er auch gewolt: allein / es werde nicht viel rathens bedörffen / Polyphilus solle morgen mit ihm / alsdann er sie sehen / und seine Schmertzen verbinden könne.

Polyphilus war fertig / und glaube ich wohl / daß er noch den Abend lieber / als den andern Morgen fortgezogen wäre: allein die vorsichtige Melopharmis verwehrete ihm beydes. Dann / sprach sie /[435] so ihr nicht mit gewaltiger Hand / oder sonst heimlicher List / oder ja zum wenigsten / mit einem sichern Geleit kommet / ist zu beförchten / daß der letzte Haß greulicher und gefährlicher werde / denn der erste. Darum folget meinem Rath / und lasset euch in diesem Fall mehr die sichere Vorsichtigkeit / als gefährliche Ubereilung führen / lasset Talypsidamum ziehen / und den Weg bereiten / ihr könnet des andern Tages nachfolgen / und mit solcher Gelegenheit / daß ihr kein Ubel förchten / und keine Gefahr scheuen dörffet / trauet meinem Rath / und versichert euch meiner Hülff / ihr sollet Macarien sehen / ehe die Sonne zweymal ihr Liecht / hinter den Bergen / erhebet.

Talypsidamo gefiel der Rath nicht übel / zumaln weil er wuste / daß das Hertz der einsamen Macarien gantz anderst war / als er Polyphilo vorgesagt / deßwegen er selbsten auch der Rede Melopharmis beystimmete / und es vor rathsamer erkante / daß seine Ankunfft der Macarien vorher entdecket würde. Der Inwohner Grimm aber belangend / fuhr Talypsidamus weiter fort / ist derselbe nicht füglicher zu zäumen /als wann Polyphilus sich stellte / gleich wäre er in der Königin Befehl ausgesandt / da er nicht vor Polyphilum / sondern als ein Königlicher Gesandter wird bedienet werden. Ja / sagte Melopharmis / das wird sich noch besser schicken / wann er mit blinder Botschafft an euch selbsten / als den Herrn der Insul / abgefertiget wird / da er aller Seiten sicher / und ohne Anstoß wird aus- und eingehen können.

Der Schluß ward gemacht / und beyderseits mit dem Wunsch / einer glücklichen Ruhe bestättiget /[436] auch sonst fröligem Wohl-seyn bekräfftiget / biß die seelige Zeit heran nahe / daß sie sich wieder sprechen und sehen werden. Mit welcher Empfehlung Melopharmis ihre Ruhestatt suchete: Polyphilus aber dem Talypsidamo allerhand Bewerbung auftrug / die er bey Macarien ablegen solle: sonderlich die Erzehlung / welche er selbsten von der Königin vernommen / was er um Macarien erlitten. Das ihm Talypsidamus versprach / mit erwähnen / wie er den folgenden Tag nach seiner Abreise ihn gewiß erwarten wolle. Darüber entschlieffen sie beyde.

Polyphilus war die gantze Nacht bey seiner Macarien / und wäre zu wünschen gewesen / daß er mit wachendem Auge die Freude genossen / so ihm das betrügliche Nacht-Bild vorgemahlet. So bald sich nun die Morgenröthe zeigete / war Talypsidamus früh auf / und eilete mit grossem Verlangen auf Soletten zu / nach dem er vom Polyphilo / neben dem gebührenden Abschied / nochmalige Unterrichtung erhalten / wie er bey Macarien reden solle. Es war aber der gantze Inhalt dessen / bloß auf dem Verlangen der Kunst und Tugend gegründet / dann von Liebe dorffte Polyphilus so viel sagen / als wenig er wuste / daß sie verlange.

Talypsidamus reitet indessen auf Soletten zu / dann ihm die Königin eins von den besten Pferden gegeben / das ihn unverzüglich fort trage. Polyphilus erstieg / nach seiner Gewonheit / die Zinne des Schlosses / und sahe ihm sehnlich nach / begleitete auch seinen Ritt mit dem hertzlichen Wunsch / daß ihm der gnädige Himmel geneigter seyn wolle / als dem unglückhafften Agapisto / damit er endlich / nach so lang-erdulteter Unglücks-Bestürmung / seinen[437] Wunsch erfüllet / und sein Verlangen gesättiget wisse. Vor dißmal hatte auch Polyphilus gnädige Götter / die ihm seiner Bitt gewähreten.

So bald Talypsidamus zu Hauß kam / war sein erstes Begehren / der Macarien zu verkünden / was diß daher wunderbahres sich begeben: deßwegen er /durch einen seiner Diener / um den Zuspruch / bey ihr anhalten ließ / welchen er auch mit leichter Müh erhielt. Als er nun dieselbe mündlich grüssete / und seinen unhöflichen Zutritt höflich entschuldigte / fieng er nach der Länge an alles / was biß daher mit Polyphilo geschehen / und auf solche Art an zu erzehlen / daß sie leicht mercken konte / Polyphili Hertz und Augen zielen einig und allein auf ihre Gewogenheit / sonderlich / wann sie der Erzehlung Talypsidami / so er aus der Königin Mund / den beyden Tafeln in dem Liebes-Tempel wiederholete / die Schrifft entgegen hielt /welche / ihrer Meynung nach / die Wunder-würckende Hand / der allmächtigen Götter / ihre damalige Betrübnus zu lindern / auf den Tisch gemahlet.

Die erlittene Noht Polyphili / die ohne fremden Beweiß / sein getreues Hertz entdeckete; dann die bewegliche Erzehlung der traurigen Begebenheiten / so um ihrentwillen auch der gantz fremde Agapistus ausgestanden / vermochte das Hertz der vor widersinnigen Macarien dermassen zu ändern / daß sie nicht nur leicht gestattete / sondern auch schmertzlich verlangte / den treuen Liebhaber hinwieder zu sehen. Es war die Begierde so groß / daß sie sich nicht bergen ließ /besondern ehe Talypsidamus von der Ankunfft Polyphili etwas meldete / mit diesen Worten ausbrach: So ist Polyphilus noch vorhanden?[438] wird er nicht zu uns kommen? Er wird kommen / sagte Talypsidamus /und so uns der Himmel gnädig ist, wird er morgen bey uns seyn. Auf welche Wort Macarie mit fast fröligern Geberden spielte / als vorhin / so gar / daß Talypsidamus nicht wenig mit erfreuet wurde / da er ihr Verlangen und geneigtes Hertz / gegen dem Polyphilo / erkennete.

Nun aber sehe ein jeder / was lieb-wanckende Gemüther sich auch in denen vermeinten weiblichen Vollkommenheiten / befinden. In Warheit! wer die Gedancken der einsamen Macarien / mit denen jetzt-verliebten Begierden überlegen wird / muß willig gestehen / daß sie / in diesem Fall / sich von der Zahl der weiblichen Unbeständigkeit nicht ausschliessen könne / welche mit dem beweglichen Schilff / das sich bald vor dem Ost- bald vor dem West- bald vor dem Sud- bald hinwieder vor dem Nord-Wind beuget und neiget / getreue Gesellschafft hält. Jetzt könte man recht und mit Warheit sagen / es sey / durch eine mächtige Zauberey / das Hertz / der sonst-beständigen Macarien / so weit verführet / daß die Erblickung des Gegenwärtigen / ja auch nur die Hoffnung des Zukünfftigen / eine flüchtige Vergessenheit alles dessen / was sie vor dem / in ihrem Sinn / hart und fest beschlossen / derselben wider Verhoffen geschencket. Wolte doch Macarie einsam bleiben: wolte sie doch nicht mehr an Polyphilum gedencken: wolte sie doch keinen mehr lieben: wie ist sie dann so leicht verkehrt? Oder / hat sie ihrer selber vergessen? Jetzt solte Atychintida zugegen seyn / würde sie gewißlich dem hochgeführten Lob dieser Tugend-Damen / das Laster der wanckenden Unbeständigkeit / vielleicht mit kräfftigern Beweiß / entgegensetzen[439] / als damals Talypsidamus die Warheit behaupten konte. Dann ich lasse den Himmel selbst bekennen / so gleich alle Tugenden in einer Damen blühen / und die Beständigkeit entwurtzelt / ob nicht alle Tugend-Blumen ihres edlen Geruchs entsetzet sind:

Aber / weg mit der Beschuldigung! die immerblühende Tugend / der beständigen Macarien / hat ihren Safft noch nicht verlohren / viel weniger ist sie ihres Geruchs entsetzet / so lang sie unentwurtzelt bleibt. Wird nicht auch ein tief-gewurtzelter Baum von dem Gewalt der Winde beweget; fällt nicht ingleichen auch offt eine safftige Blum / auf der Wiesen? Warum solte dann die mächtige Liebe Polyphili das Tugend-beständige Hertz der Macarien nicht bewegen; warum solte das seufftzende Verlangen / und die bittende Bemühung / nicht auch diese Tugend-Blum fallend /oder ja sinckend machen? Doch / was sag ich? Macarie / die Tugend-Herrschende / ist so ferne von der Unbeständigkeit / als diese von der Tugend. Solte das den Namen eines unbeständigen Gemüths verschulden / wann ich durch mächtigere / nützlichere / und mehr erhebliche Ursachen gezwungen / ein anders /oder wol gar ein wideriges / ausser dem erwähle / daß ich vor dem / ob wol auch mit reiffem Verstand / und gebührender Ersinnung / dennoch aber mit nicht so gnüglichem / vollkommenem und begeistertem Nachdencken / mir vorgenommen? Nein: es sind ja die letzte und folgende Gedancken vernünfftiger / dann die ersten: Wie offt gereuet uns morgen / was wir heut beschlossen? So muß man dem folgenden Tage seinen gebührenden Kuhm geben / daß er den Verstand[440] erweitere: weil wir morgen klüger sind / und wann alle Verwechßlungen / mit dem Laster der Unbeständigkeit / solten beschuldet werden / wolt ich leicht schliessen / daß die Götter selbsten offt wider ihren Schluß handelten / und dem Himmel offtmals gereue /was er beschlossen. Wie viel mehr sind wir Menschen zu beschönen / die nicht wissen / was künfftig ist /und uns daher / offt in dem Gegenwärtigen / verführen lassen / das uns gereue. Sehen wir nun den Zwang der Liebe an / darinnen Macarie gefangen lieget / werden wir finden / daß Kunst und Tugend / deren Würckung an sich selbst rühmlich / den ersten Grund derselben geleget / daher alles das / in gleicher Beständigkeit /mit der Tugend stehet / was Macarie / in ihrem Sinn /verbannet oder erwählet. Ja selbsten die Beständigkeit heisset sie nach Polyphilo verlangen / weil sie weiß /daß durch seine Liebe fest stehen werde das Verbündnus / welches die Gegenwart Polyphili aufrichten wird.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 435-441.
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