Fünffter Absatz

[40] Beschreibet das Unglück Philomathi / dessen Traum und Tod: Lehret / zu Seiten Polyphili / wie gemeiniglich / bey grossem Glück / gleiches Unglück erwachse; Zu Seiten Philomathi / wie heimliche Mißhandlung / von dem Himmel / öffentlich gestraffet werde.


Dieser ist / wie wir oben gehört / seinem Versprechen gehorsam / zu bestellter Zeit / und am besagten Ort erschienen / wol versehen und bereit / mit Polyphilo von allerhand denck- und redwürdigen Dingen sich zu besprechen / wann nicht das feindseelige Glück ihre Kugel gedrehet / und eine Hertz-drückende Traurigkeit / zu dessen Verhinderung / gesetzt hätte. Er erwartete des Polyphili inständig / und solches um desto mehr / weil ihm die Ursach seiner Abwesenheit nicht bekandt war. So mochte er auch nicht erfinden / was ihn von dannen weggeführet / oder wohin er sich gewendet. Bald hebte er seine scharff-stralende Augen gen Auf- bald gen Niedergang dieses Flusses / kondte aber sein Warten nicht[40] erwarten. Dieses zwar kunte er leicht schliessen / daß / wie er vernommen / Polyphilus sey ein Jüngling / der viel zu sehen und zu erfahren verlange / als werd er sich dem Wasser vertrauet /und / um ein und anders zu erforschen / weiters geschiffet seyn: Doch / gedacht er im Gegentheil / weiß ich auch / daß er so verständig / ja! so höflich und bescheiden / daß er mich / der ich / wie er weiß / sein bestes müglichsten Fleisses suche / nicht ohne gnugsame Ursach / wird verlassen / oder vergeblich heraus beschieden haben / wann er nicht gewiß wäre entschlossen gewest / gestriges beyden Theilen wolgefälliges Gespräch / anheut / mit gutem Willen und bessern Nutzen / fort zu setzen. Deßwegen er dann noch immer in dem festen Vertrauen ruhete / er werde sich bald einstellen. In dem sich aber Philomathus mit vergeblicher Hoffnung tröstet / auch solche fester zu gründen / sich an den Ort / der sie den vorigen Tag beyde in den Schoß gehalten / mit langweiligen Gedancken nidersetzet / überfällt ihn der süsse Zwang der Ruhe / welche er auch / als einen mächtigen Sorgen-Zwinger / und lebhaffte Cur / für traurhaffte Sinnen / mit fröligem Empfahen / aufnimmt. Aber / O Unglück! nicht so bald hatte der geschwinde Schlaf /seine Augen-Lieder mit verstolener Hand zugeschlossen: das nicht allbereit der viel-deutende Morpheus das liechte Sternen-Thor / dem von Sorgen wachenden Hertzen eröffnete / und ihm viel hundert Traum-und Schatten-Bilder vorstellete. Anderer zugeschweigen / deren keines doch / so viel wir Menschen von ungewissen Sachen urtheilen können / einen Lust- Weg führete / war dieses das allerschröcklichste / daß er Polyphilum ihm zu wider: sich aber selber dem Polyphilo alles böses würckend / erkennte /[41] und das auf solche Art / als wann er / Philomathus / dem Polyphilo / seinem hertzlich geliebten Freund / mit einem Schermesser das Leben zu nehmen; Polyphilus aber /sich davon zu erretten / mit einem scharff-schneidigen Dolchen auf ihn loß / und in den Wanst zu schneiden eilete: Welcher Schnitt dann so gefährlich / daß er das Hertz getroffen / und ihn / Philomathum / Seelen-loß zu seinen Füssen / auf den Boden nidergelegt. Durch welches Schatten-Werck Philomathus / so voller Schrecken / erwachet / als wanns in der Warheit geschehen wäre; auch ihm so fest eingebildet / daß er nicht gesäumet / nach der Wunden zu greiffen / (welches fast lächerlich zu sagen und zu glauben) und ob ihm der Lügen-Mahler / auch Warheit vorgebildet hätte / zu forschen.

Leichtlich war nun dieses zwar widerleget / weil die Erfahrung selbst ein Widriges zeugete; doch dennoch vermochte diß trügliche Bild so viel / daß Philomathus von stund an heim / und von dannen eilete /aus Furcht / es möchte ihm sein Traum / ehe er sichs versehe / erfüllet werden. Wie aber das Glück gemeiniglich zu spielen pflegt / daß / wer seine Tropffen fliehet / müsse gar in seiner Tieffe ersauffen / so ists auch dem guten Philomatho ergangen. Dann so bald er sich in seinen Nachen setzet / und der Insul Soletten zueilet / wird er von so viel tausend widerwertigen Gedancken / die theils durch Furcht / theils durch Mißtrauen / ernehret und gemehret wurden / dergestalt umringet / daß zehen Gifft-verderbende Dolchen /durch Polyphili Faust geführet / ihn nicht so hart und hertzlich hätten verwunden können / oder sein Leben ermorden / als ers ihm selber / durch Kummer und beängstigte Verzweifflung[42] abnagete. Die Ursach dessen werden wir jetzt vernehmen.

Damals / als Polyphilus von dem ungestümmen Meer so hefftig bedränget wurde / reisete ein fremder Ritter / Namens Pistimorus / an dem Ufer desselben vorbey / und hörete sein jämmerlich Klagen / auch /ohne Errettung / Hülff-schreyendes ächtzen / mit nicht geringer Betrübnis an: wurde auch unter andern sonderlich dieser Wort verständiget: Philomathe / Philomathe! was thust du? kan ichs dann / wegen meiner widerwilligen Abwesenheit nicht vergelten / so gebe dir der Himmel deinen Lohn. Solette / du schönste der Jusuln / verrichte an meiner statt / was ich nicht verrichten kan. Dieser / als Frembdling / wuste nicht /was das bedeuten solt / doch in Ansehung der vor Augen schwebenden Todes-Noht / kont er ihm kein andere Gedancken machen / als Philomathus habe diesem Nohtleidendem solch Bedrangnus zugerichtet /und fordere selbiger / mit diesen Worten / die Rach. Erinnert sich derowegen alsobald seiner Pflicht / die er dem ritterlichen Orden zu halten schuldig / (dann er Polyphilum auch vor einen Ritter hielt /) beschleust bey sich / auf Soletten zu zugehen / und den Tod / des nunmehr / von den Wellen / aus seinen Augen / weggerafften Ritters zu rächen / weil er ihn ja nicht von dem Untergang / ohne gleiche Lebens-Gefahr / erretten können. Was geschicht? Mord und Todschlag war die tägliche Speise seines Hertzens / und so lange /biß er gen Soletten gelangete / da er dann alsobald dem Philomatho nachfragte / und die Rach zu üben Gelegenheit suchte.

Nun erkenne ein jeder / was vor Gifft / das boßhafftige[43] Glück / denen einschencke / die ihm widerstreben / und den Tugenden nachgehen. Zu nächst an dem Hause / darinnen Philomathus / mit kümmerlicher Forcht / sein noch geringes Leben kürtzete / nam dieser Ritter seinen Einzug / nicht wissend / daß er so nahe sey bey dem / dessen unschuldiges Blut / seine verdamte Pflicht vergiessen / und seine Hände besudeln würden. Das erste / nach dem er fragte / war Philomathus / darauf er auch alsobald richtige Antwort /aber auch zugleich Gelegenheit zu grossem Unglück /erhielt. Dann / weil er so fleissig nach Philomatho fragte: wie er bißher gelebt? was man von ihm hielt? ob ihm neulichst nichts neues widerfahren? und so fort: gab der einfältige Haußwirth / Namens Amichanus / der ihm nichts Böses einbildete / alsobald / und von allem / völligen Bericht; so gar / daß er ihm auch erzehlte / wie vor wenig Tagen / der gute ehrliche (so waren des Haußwirths Wort) Philomathus / ausser der Insul / an dem Ufer / einen frembden Jüngling / Namens Polyphilum / angetroffen / selbigen dermassen viel vertrauet / daß ihm anjetzo gereue / und er sich deßwegen fast zu todt kräncke: wiewol andere sagen wolten / Er / Philomathus / hätte Noth erlitten / und habe Polyphilus gewaltige Hand an ihn geleget / daß sich Philomathus kaum mit dem kleinen Nachen salviret / ihm entrissen / und also mit solchem Schrecken herein gefahren / der ihn noch / biß auf diese Stund /kräncke / auch wol gar ins Grab legen werde. Doch /fuhr er weiter fort / sind in diesem die Sagen der Gemeine auch nicht allerdings eins: weil andere wollen /entweder Polyphilus / habe dem Philomatho Geld entführet / oder dieser habe jenen / aus erheblicher schändlicher Ursach / verjaget[44] / auch wol gar getödtet; weil er / Polyphilus / ohne einiges Wissen oder Nachrichtung von hinnen geschieden; und wenn man deßwegen den Philomathum bespreche / sey / sein nicht Wissen / die Antwort: Doch schliesse der meiste Theil aus seinem / biß daher geführten / sorglichen Leben / es müsse nicht allerdings / nach dem Recht der Liebe und Tugend ergangen seyn.

Dem Ritter fielen diese Wort / wie lauter Donner- Keil / ins Hertz; bevorab / wann er das klägliche Geschrey Polyphili / neben der Rach-Begier / die er der Insul heimgestellet / bey sich behertzigte. Und obwoln Polyphili Wort so gestalt waren / daß sie viel ehe vor Klag-Wort angesehen; als zur Rach kondten ausgeleget werden: (wie sie dann auch in Warheit nichts anders waren / als hertzliche Senfftzer / die er seinem vertrauten Philomatho zuschickte / und dessen unverhoffte Abwesenheit betraurte) mochte doch der blut-durstige Argwohn und mord-gierige Eyfer / welcher das Hertz dieses frembden Ritters schon längsten besessen / ihm nicht benommen / sondern durch solche Erzehlung immer mehr und mehr gestärcket werden: biß endlich das mord-geneigte Unglück Zeit und Gelegenheit genug an die Hand gab / solche Blut-triefende Gedancken / im Werck zu vollbringen. Wie dann die folgende Nacht / als offt ernannter Ritter sich zur Ruh begeben wolte / und in eine Kammer geführet wurde / welche von deren / darinnen Philomathus seinen Schlaf genommen / durch eine löcherichte baufällige Wand unterschieden war / allerdings geschehen. Dann / da es fast zu Mitternacht war / und Philomatus mit Pistimoro / zu ihrer beyder grossen Unglück / erwachte / fieng Philomathus / seiner Gewonheit nach /mit folgenden Worten / und[45] tief-geholten Senfftzern sich hefftig an zu beklagen / sagende: Ich elender / ich kummerhaffter / ich verderbter Philomathus / was bin ich zu Verlängerung meines Elends noch übrig! warum hat mich nicht mit Polyphilo / meinem Vertrauten / der Mord-Geist weggerissen / an dessen Tod / so er todt ist / ich einig schuldig; so er aber noch übrig / und im Elend / oder der Irre gehet / ich nimmermehr ein ruhig Gewissen / oder einigen freudigen Geist behalten kan! Auf welche Grimm-erweckende Wort Pistimorus / welcher dieselbe alle deutlich vernehmen konte / so entrüstet war / daß er /gleich einer tollen Furien / die Wand einstieß / mit seinem scharff-gespitzten Dolchen auf ihn zurennete /und / ach! das unschuldige Blut / wider Verdienst und Hoffen / durch seine Händ verschüttete / und den Traum Philomathi / an Polyphili statt / erfüllete.

Wie aber auf böse That die Reu / und nach dieser der Plag-Teufel / des sich selbst verdammenden Gewissens / nicht ausbleibet; dieses aber / aus Forcht der verdienten Straf / aller Orten flüchtig gehet / und Menschen-Gesellschafft meydet: Also flohe auch Pistimorus / mit dem noch Blut-rauchenden Dolchen /so eilig er mochte / hinweg / und mit solchem Glück /daß / wann er die Strick des bösen Gewissens / mit gleichfertiger Behendigkeit / fliehen könte; als er den Menschen-Händen entgangen / er sich freylich für nicht unglücklich zu schätzen hätte: alldieweil keiner / derer Innwohner / den Thäter anders erfahren /als daß sie ihn verlohren / und nach dem nicht wieder um gesehen.

Was vor Schrecken und Entsetzen / denen Innwohnern dieser Insul / über solchen unverhofften Todes-Fall /[46] ankommen; weil es hieher nicht viel dienet /auch die Geschichts-Beschreibung / nur mit überflüssiger Unnötigkeit / vermehret; wollen wirs einem jeden zu bedencken heimstellen / und nur dieses hinzu setzen: daß der entleibte Cörper Philomathi / mit gebührender Beyklag / sey der Erden wiedergeben worden / die ihn vor ohngefehr 40. Jahren gegeben hatte. Das war die gröste Klag / daß keiner gewiß wissen konte / aus was Ursachen dieser Mord geschehen; weil sie ihnen nicht einbilden kondten / daß ein Fremder und Unbekandter solche Thaten / ohne sonderbare Erheblichkeit / vollbringen solte: sonderlich machte das ein grosses Nachdencken bey männiglich / daß der Ritter / so streng und genau / nach ihm gefraget.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 40-47.
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