Vierter Absatz

[503] Beschreibet die Erinnerung Polyphili an die Reden seiner Macarien / und deren Bereimung / die ihre Lehr-Puncten selbsten erklären.
[503]

Der fuhlete die Versuchungen der Einsamkeit. Dann so bald er allein war / trugen ihm seine Sinnen das Bild der hertzlich-geliebten Macarien für / in deren Beschauung er sich heimlich freuete. Er rief allen denen Gedancken / die er auf Soletten geschickt / wieder zu rück die ihm die meiste Reden der verständigen Macarien wieder zu Sinn brachten. Der traurige Kummer / welcher sein Hertz schröckete / setzte ihn nieder / folgendes Gedicht / weiß nicht / soll ich sagen /zu seinem Trost / oder Vermehrung seiner Betrübnus / zu verfertigen / dieses Innhalts:


Sonst sagt man Sprichworts-Weiß: je mehr wir des geniessen /

was unser Hertz begehrt / je mehr will es verdriessen /

wenn mans entbehren soll: nicht haben / kräncket sehr /

das aber / was man hat / verlassen / noch viel mehr.

Mir trifft es eben ein; ich muß / ach Schmertz! verlassen /

das / was ich vor gehabt; ich kan nicht mehr umfassen /

die meine Liebe ist / drum bin ich so betrübt /

daß ich nicht üben kan / was ich zuvor geübt.

Es ist mir eben jetzt / als wie / wann einem träumet

von lieber guter Zeit / und alles doch versäumet /

was er wohl haben könt: so offt ich nur erwach /

ist mein beliebter Traum / ein eitles Weh und Ach.

Ich schlaff offt ohne Schlaff / dann mitten in dem Wachen

ist mir / als wenn ich schlieff; von allen denen Sachen /

die wir geredt / gethan / ist übrig nur ein Schein /

der mir bald Freud erweckt / bald wieder schwere Pein.

Jetzt denck ich an die Wort / und höfliche Geberden /

jetzt an den zarten Mund / der von mir sollte werden

mit Hertzens-Luft gehertzt; jetzt an die schöne Hand /

die ich so offt gedruckt / wie / Liebste! dir bekannt.

Jetzt fällt mir wieder bey das süsse Augen-spielen /

O meiner Augen Weid! und wie wir / Liebste! fielen

einander in das Hertz: daher das Senfftzen kam /

O offt ich deinen Strahl bey mir zu Hertzen nahm.[504]

Jetzt denck ich an die Stund / da wir / ach! mit was Freuden

und tausend-froher Luft / bevor wir konten scheiden /

einander fassten an / und druckten Mund auf Mund /

da ich / gleichwie du mir / dir einen Kuß macht kund.

Nur einen? Noch wohl zwey / und wieder zwey darüber /

wie du / Hertzliebste! weisst; was konte mir doch lieber /

und mehr erwünschter seyn? nun aber hats ein End /

weil das verführte Glück / mich hat von dir getrennt.

Und daher leid ich Noth / daher sind meine Schmertzen /

daß ich abwesend bin / und dich nicht mehr kan hertzen /

wie vor dem ist geschehn! doch tröstet mich dabey /

daß / Liebste! deine Thür mir nicht verschlossen sey.


Kaum war dieses geendet / als sich sein Hertz / der Antwort erinnerte / da sie sprach: das ist seine Höfflichkeit / ich sehe / daß er / nur zum schertzen / ist hieher kommen: darüber er folgende Wort führete:


Das ist seine Höflichkeit / spricht sie:weil er nur zu schertzen /

wie ich sehe / kommen ist. Dann wir wissen / daß nicht sey /

was er saget und bekennt / ob ers gleich ohn allen Scheu

an mir preiset und erhebt. Ich seh / daß es nicht von Hertzen /

nicht mit Warheit sey geredt Ob die falschen Ehren-Kertzen

öffters glimmen fort und fort / muß doch mancher grosse Schand /

leiden durch sein eigen Lob / wann er nicht zuvor erkannt /

was der leichte Glaube bring / und mit was begabten Schmertzen /

mancher glaubet / dem er doch leinen Glauben geben sollt /

wann er ihm auch tausend Erd / auf die Warheit schweren wollt

So spricht sie: was ich gedencke / will ich wieder nicht verhelen /

wann ich anderst reden darf: welcher unter uns hat Recht

richtestu nach deinem Sist? bin ich ein getreuer Knecht /

der nichts wünschet / der nichts will: als sich deiner Gunst befehlen /

der mit dem vergnüget ist / wann er dich nur darff erwählen /

dich zu seiner Herrscherin / und in deinen Diensten stehn /

wann er nur / und wo er kan: und auf deine Warte sehn /

in dem allen / was er thut: der dich unter die will zehlen /[505]

da noch nichts gezehlet ist: die durch ihrer Schönheit Pracht /

seine Freyheit / seine Lust / haben in das Netz gebracht.

Richtest du nach deinem Sinn? nennest du das Höflichkeiten?

was mir ist ein gantzer Ernst / und die Warheit selber weist /

die nit anderst kan und will / als daß sie dich schöne heist?

hast du warlich weit gefehlt: soltest du mich nit verleiten /

wüst ich nit / wohin ich solt: wem ich meine Traurigkeiten

klagen dörffte; wen ich könt / mir zu helffen / ruffen an /

wann ich / Liebste! dich nicht hätt? Ach! es wär um mich gethan.

Ach! es wär / Ach! aus mit mir! wer doch könte mir bereiten

das / was du mir geben kanst? drum / mein Liebgen! glaube nicht /

daß es nur sey Höflichkeit / wann die Warheit: Schönste! spricht.


Der Schluß dieses vorigen machte dem folgenden den Anfang / weil ihm auch die Wort beyfielen / daß sie gesagt: Er müste mich dauren / wann er sich so verstecken solt: welches er mit solchen Worten widerlegte:


Sie ist unrecht daran / in dem sie mich bedauret /

da ich mich mehr erfreu / wann sie nur selber nicht /

durch ihren Wider-Sinn in mir die Freude bricht.

So ist es je umsonst / daß sie mich jetzt betrauret.

Dann was ich haben will / das kan sie / Reiche! geben /

und gibt sies? fehlt mir nichts: ich habe alles dann /

wann ich sie selber nur / Hertzliebste! haben kan /

weil sie mir alles ist; was mich kan bald erheben /

und wieder fällen bald: bald freudiglich ergötzen /

bald wieder machen bang: bald reich / bald wieder arm:

bald frölig / bald betrübt: drum sie sich nur erbarm /

Hertzliebste! über mich / so bin ich reich zu schätzen.

Und will sie dann was mehr / und will sie was bedauren?

So bitt ich / sie bedaur nur meine heisse Pein /

und daß sie nicht / wie ich / will gleich-gesinnet seyn;

Dann das ist daurens werth: das helffe sie betrauren.

Sie spricht: es sey mein Schad: ich aber möchte wissen /[506]

warum? Sie schweiget still: die Ursach ist bekannt /

weil sie nicht lieben mag; weil sie das theure Pfand /

mit gleich-verliebter Treu / zu halten nicht beflissen.


Kaum war auch dieses verfertiget / als er sich erinnerte / daß sie ihn um ein Leich-Oden ersuchet / wenn sie sterben werde: welche Bitte er folgender Gestalt verehrete:


Die Liebste sprach mich an / ein traurig Sterb-Gedichte /

durch meine schlechte Reim / ihr dann zu setzen auf /

wann sie der bittre Tod / aus diesem Lebens-Lauf /

versetzet in das Grab. Warum? die treue Pflichte /

so ich ihr schuldig bin / und was ich sonst verrichte /

soll ich vielleicht auch dann / mit gleich getreuer Hand

erweisen ihr zu letzt? wie ich sie offt genannt

die Allerliebste mein: also auch nicht vernichte

des Todes grimme Macht / was ich zur Antwort gab:

ihr Leben meine Lust / ihr Sterben sey mein Grab.

Nicht unrecht ist es zwar: doch aber / Schatz! gedencke /

wie seltzam das geredt? solt ich dann übrig seyn /

mein Tod! nach deinem Tod? Ich sprach ein ewig Nein.

So dencke nun bey dir / wie sich mein Hertze kräncke /

wann du / mein einger Trost! dergleichen glatte Räncke /

zu meinem Tod / erdenckst? du zweiffelst ja an mir /

ob ich / biß in den Tod / getreu verbleibe dir?

Ob ich nicht umgewandt / mein Hertze wieder lencke

zu einer andern hin; und dein vergesse dann /

wann ich an deine Statt was bessers haben kan?

O ungerechte Klag! wie kanst du / Seele! leben /

wann deine Seele stirbt? wann sie ist weggerafft /

wie magst du bleiben hier? vertrocknet deine Krafft /

wann du betrübet bist? wie werd ich dann erheben

mein mattes Hertz und Haupt? wie werd ich können streben

auch einer bessern nach? da keine besser ist /

weil du / mein schönster Schatz! die allerbeste bist /

und bleibest noch darzu? Sag nur / wie könt ich geben /

das / was mir selber fehlt / dann einer andern hin /

wann ich / durch deinen Tod / mit dir gestorben bin?

Ich schwere dir ein Eyd (was ist vergeblich schweren[507]

für Gott und auch für dir!) merck auf / ich rede frey /

biß hin in deinen Tod verbleib ich dir getreu /

wie du hinwieder mir: dein Weinen meine Zähren;

dein Lachen / meine Lust: dein Wünschen / mein Begehren;

dein Trauren / meine Pein: dein Krancken / meine Noth /

dein Leben / meine Seel: dein Sterben ist mein Tod.

Und glaube mir / mein Kind! ich will dir auch gewähren /

nach deines Lebens Tod / die unverruckte Treu /

dabey du mercken solt / daß ich der Deine sey.

Doch gleichwol daß ich dir erfülle deinen Willen;

und daß du lebend noch die letzte Treue sehst;

soll einig dieser Verß / wann du zu Grabe gehst /

begleiten dich und mich: er soll die Schmertzen stillen /

und mich in deinen Tod / in meinen dich verhüllen /

daß unser keiner leb / es dencke denn daran /

was er dem Todten hier vor ein Gelübd gethan;

zum Zeugnus soll diß Wort des Grabes-Stein erfüllen:

Mein Tod ertödtet den / der sonst mein Leben war:

drum er lebendig todt / weil ich gestorben gar.


Es verführete aber endlich sein Gemüth / von den Todes-Gedancken / der Vorsatz ihrer Einsamkeit /welchen sie so offtmals wiederholet / daß Polyphilus auch die Wort behalten / damit sie denselben bewähret / welche er ihm in folgende Reim-Schlüsse zu versetzen gefallen ließ / beneben dem / dabey folgenden /Gegen-Satz. Und weil sich die Reim Art / zu einem Gesang / nicht übel gleichete / ließ er / nachmals /vorgesetzte Sing-Weise / darzu verfertigen. So lautet aber beydes:


Einsam sprach sie / ist mein Leben /

einsam soll es bleiben auch /

weil ich keinen Mann nicht brauch /

der mir müsse Kurtzweil geben /

dann die fromme Einsamkeit /

bringet frohe Seeligkeit.


2. Einsam bleiben meine Sinne /[508]

einsam meine Wort und Werck /

einsam / was ich denck und merck /

einsam / was ich sonst beginne:

dann der Frommen Einsamkeit

bringet frohe Seeligkeit.


3. Einsamkeit der Wittwen Freude;

einsam will ich immer seyn:

einsam biß ans Ende mein;

Biß ich gar von hinnen scheide:

dann der Frommen Einsamkeit /

bringet frohe Seeligkeit.


4. So sprach sie: ich aber dachte /

leicht geredt / gehalten schwer;

wer weiß / ob nicht ohngefehr /

sie sich wende / und verachte

die betrübte Einsamkeit /

weil sie bauet Hertzenleid?


5. Einsam seyn / ist wildes Leben /

das dem Menschen nicht gebührt /

der den Schatz der Rede führt.

Drum kan ich mich nicht ergeben

der betrübten Einsamkeit /

weil sie bauet Hertzenleid.


6. Einsam seyn / ist täglich sterben:

einsam leben / ist der Tod /

einsam bleiben / grosse Noth /

und ein stündliches Verderben:

der betrübten Einsamkeit

bauet lauter Hertzenleid.


7. Einsamkeit ist Ungelücke /

und der Weg zu mancher Sünd /

der den Menschen wie geschwind

führet in die Laster-Stricke:[509]

der betrübten Einsamkeit

bauet lauter Hertzenleid.


8. Ey so wird sie sich bedencken /

meine Schöne! weiß ich noch /

und aus diesem Trauer-Joch

wieder sich zur Freude lencken:

weil in trüber Einsamkeit

sie nur bauet Hertzenleid.


Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 503-510.
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