An meinen Bruder

1779.


Tönet Dir, tönt Dir ohne Täuschung, lieblich

Wie der Nachtigall Lied, des Todes Name,

Und wird Dir sein rauschender naher Fittig

Schwanenflug tönen?


Blumen umkränzen, wie sie Dir nur blühen,

Deine wallenden Locken, und den Becher,

Den mit Götterwein die Natur Dir immer

Schäumender anfüllt:


Blumen des Bachs, der Wiese pflückt die Freundschaft

Dir, den stolzeren Lorbeer Dir die Muse,

Bald auch wird (schon röthelt ihr Rosenknöspchen!)

Liebe Dich kränzen.
[241]

Aber, o wähnst Du, daß der Liebe Rose,

Selbst der süßesten Liebe, wenn nun endlich,

Athemlos, mit schmachtendem, feuchten Auge,

Bebenden Lippen,


Die sich zu matten, halbgeküßten Küssen

Kaum zu schließen vermögen, ach! an Deinem

Trunknen Busen, sie, die Du liebest, die Dich

Liebet, dahin sinkt;


Wähnst Du, sie dufte, diese Rose, stärker

Als das Rankengewebe, das, mit tausend

Armen, uns, und kräuselnden Sprossen, fester

Stets uns umschlinget?


Aufgang der Sonne flammet Dir des Todes

Fackel? Sie, die der Ranken keiner schonen

Und austrocknen würde die Borne meines

Lechzenden Lebens?


Daß, den Du wünschest, ich nicht fürchte, weißt Du!

Kanntest lange den Durst in meinem Herzen,

Heldentod einst in der gerechten Feldschlacht

Blutig zu sterben!
[242]

Siehe, schon schwebt er! – Ha! ich kenne deines

Fittigs Todesgesang! Mich schreckt nicht, Droher,

Deine Rechte! Trennung von meinen Lieben,

Droher, die schreckt mich!


Leben, o leben will ich! schwebt gleich manches

Trübe Wölkchen heran, ihr Schwestern, Freunde,

Leben! Mein braunlockiges Weib, mein Bruder,

Leben, o leben!


Aber wenn – doch der Menschheit Loos verbeut es!

Wenn zugleich dem vertrauten Häuflein winkte

Er, der Ruhegeber; ich säh' ihn, lächelnd:

»Bruder, er schreckt nicht!«

Quelle:
Gesammelte Werke der Brüder Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg, Band 1, Hamburg 1820, S. 224-225,241-243.
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