Achte Szene

[411] Die Wüste.

Jeremias, der aus dem Fenster des Felsens sieht.


JEREMIAS. Mein Herr Polykomikus führt ein sehr beschwerliches und langweiliges Amt, das kann ich nun wohl aus Erfahrung sagen; da kommt Volk von allen Altern und Ständen, um sich bei mir über tausend Nichtswürdigkeiten Rat zu holen, und da muß man ihnen moralische Antworten geben und vernünftig sprechen und dabei so unaussprechlich dumm sein, daß ein ehrlicher Mensch darüber in Verzweiflung fallen möchte.


Es versammeln sich nach und nach mehrere Leute.


JEREMIAS. Wollt ihr schon wieder Rat haben.

DIE LEUTE. Ja, denn dessen kann man niemals genug bekommen.

JEREMIAS. Ihr seid aber ennuyant.

DIE LEUTE. Dazu sind wir geschaffen.

JEREMIAS. Aber warum könnt ihr euch nicht selber raten?

DIE LEUTE. Das wäre ganz was Neues!

JEREMIAS. Die Nützlichkeit, zu der ich jetzt genutzt werde, geht mir etwas zu weit. – Mein Herr ist nicht zu Hause, der ist noch vom Hofe nicht zurückgekommen, wohin man ihn verschrieben hatte.

DIE LEUTE. Das ist einerlei, wir müssen unsern gehörigen Rat haben.

JEREMIAS. Wißt ihr was, meine Freunde? Damit sich keiner von uns zu beschweren habe, wollen wir das Nützliche ein wenig mit dem Angenehmen verbinden.

DIE LEUTE. Das kann uns gleich sein.

JEREMIAS. Nun, da werden wir bald gute Freunde werden. Hört, meine Besten, ich denke wir errichten hier in dem Felsen so ganz für uns ein kleines moralisches und menschheitsschwächenverbesserndes Theater!

DIE LEUTE. In Gottes Namen, macht's aber lieber gleich zum Nationaltheater.

JEREMIAS. Warum?

[412] DIE LEUTE. Warum? Das wissen wir auch nicht, aber es scheint besser zu sein.

JEREMIAS. Nun, wie ihr es wollt. Also, damit wir unser Nationaltheater einrichten, werd' ich hier den großen Besen nehmen, die Bühne sauber abfegen und dabei will ich bei dieser feierlichen Gelegenheit einen rührenden Prologus halten, der euch gewiß allen gefallen soll.

PETER. Fangt nur an, und macht dann, daß ich durch Euer und der Kunst Hilfe ein bißchen besser werde, denn ich muß Euch sagen, ich bin ein ganz, verruchter Kerl!

JEREMIAS. Sogleich werd' ich die Ehre haben, meine gehorsamste Aufwartung mit allen Sorten von Moralien zu machen. Er nimmt den Besen und fegt das Fenster im Felsen ganz rein.

Nun, meine wertesten Herren, wohl aufgeschaut,

Damit ihr euch alle gut erbaut

Und euren ganzen Lebenswandel bessert,

Wonach euch allen der Mund doch wässert.

Hier kommt es nicht, euch zu belust'gen, an.

Weil das jedweder Harlekin kann,

Aber mit Vernunft und wehmüt'ger Rührung erlustieren,

Das ist's, was den edlen Poeten muß zieren.

Und danach wollen wir Sinnen, Trachten und Dichten

Mit allen Leibeskräften richten.


Geht ab.


PETER. Nun wird's kommen, Freund Caspar, daß wir beide ganz andre Menschen werden.

CASPAR. Es tut not.

EINIGE ANDERE. Schweigt still! Stört uns nicht, daß wir achtgeben können.


Zwei Marionetten treten auf, ein König und eine Königin.


KÖNIGIN. So steht es mit dem Reich so elend, wie man sagt?

KÖNIG.

Ach, teuerstes Gemahl, du glaubst nicht, was man wagt,

Wenn man den Bürger zwingt, dem Feind zu widerstehn,

Den sie mit dräu'nder Fahn' vor ihren Mauern sehn.

Sie sind jetzt gar nicht mehr zum Kriege zu gebrauchen,

Sie trinken ewig Bier und wollen Tabak rauchen,

Und heißt es denn einmal: Ihr Patrioten, 'raus,

Beschützt das Vaterland, ist keiner je zu Haus.

KÖNIGIN.

So sind wir ja wohl schon auf diese Art verloren?

KÖNIG.

Zum mind'sten, wenn nicht tot, doch immer sehr geschoren;

Wie mancher König wird in unsrer Zeit entsetzt,

Woran der Pöbel oft sich überdies ergötzt.

[413] Vom Thron zu steigen ist mir aber nicht gegeben.

Eh' opfr' ich, Vaterland, dir gerne Blut und Leben!


Ein Bote kommt.


BOTE.

Mein König, immer mehr kommt uns der Feind auf'n Leih,

Es flüchtet jedermann mit Geld und Kind und Weib,

Und kellerwärts verkriecht sich mannhaft der Soldat,

In summa, Feindesfurcht erreicht 'nen hohen Grad.

Was sollen wir bei so bewandten Sachen tun?

KÖNIG.

Solang ich König bin, könnt ihr noch sicher ruhn.

BOTE.

Allein das hat ja wohl zum längsten nun gewährt?

KÖNIG.

Schau zu, mein Sohn, so zieh' ich hier mein gutes Schwert,

Damit will ich mich schnell, wo die Feind' am dicksten stehn.

Hinstürzen und besieg'n oder sterbend untergehn!


Ab.


KÖNIGIN.

Welch edler Königsmut in dieser hohen Brust!

Ihn anzusehen nur ist wahrlich Götterlust.

Ich muß doch auch hinaus und sehen, wie es fällt

Und wie im Kriege sich mein edler Gatte hält,

Und stürzt er nieder, ach, adieu, so Thron wie Reich!

Dann sind wir alle wohl hier diesem Schlingel gleich.


Geht ab.


BOTE.

Ja, schimpft nur, weil Ihr schon in letzten Zügen liegt,

Es ist kein Zweifel mehr, daß uns der Feind besiegt,

Ich kenn' des Königs Mut, der ist nicht sehr weit her,

Auch trägt er wohl an ihm nicht sonderlichen schwer. –

Da hör' ich schon des Feind's Gejauchz' und Jubelschrein,

Sie werden von der Stadt schon richtig Meister sein,

Nun die erst hier sind, seh' ich's schon mit halbem Blick,

Wie man die Hand umkehrt, sind wir 'ne Republik.


Geht ab.


CASPAR. Herr Jeremias!

JEREMIAS mit dem Kopfe durchsehend. Rufen Sie, meine Herren?

CASPAR. O ja, das Ding da gefällt uns gar nicht.

JEREMIAS. Das tut mir unmäßig leid, – liegt's etwa an den Marionetten?

CASPAR. Nein, die meinen's ganz gut und greifen sich auch an; – aber das Ding selbst ist nicht den Teufel wert.

JEREMIAS. Ei, wieso?

CASPAR. Das ist uns allen zu unnatürlich, daß sich die Worte immer reimen und zusammenpassen, wenn einer seine Gesinnungen von sich gibt.

[414] JEREMIAS. Sie sind also für die Natürlichkeit portiert?

CASPAR. Natürlich!

JEREMIAS. Ja, wenn das ist, so müssen wir schon eine ganz andre Seile heratislu'hren.

CASPAR. Gerade dartun wollten wir bitten.

JEREMIAS. Gleich, meine Herren; wir wollen uns also fürs erste in die bürgerliche Tragödie begehen, aber ich fürchte, daß es Ihnen darin auch nicht sonderlich gefallen wird.


Zwei andre Marionetten, Mann und Frau, treten auf.


MANN. In welchem Elende befindet sich nun unsre arme, unglückliche Vaterstadt! Und in welchem Jammer wir vor allen andern Menschen!

FRAU. War es nicht deine Schuld, dein Verbrechen, das uns in diesen Jammer gestürzt hat?

MANN. O schweig!

FRAU. Nein, denn ich will reden, weil ich muß. – Du wagst es noch zu klagen? Du, der sich zuerst mit dem Feinde einließ, der zuerst den Vorschlag tat, ihm die Tore zu eröffnen? Sieh nun hier auf dem Markte die Leichen deiner Brüder, sieh diese rauchenden Häuser, die zerstörten Tempel, und dann sage dir: Alles dies ist mein Werk!

MANN. Weib! Du machst mich rasend!

FRAU. Nein, du erwachst jetzt von deiner Raserei, du erschrickst jetzt vor dem Elende, das du erregt hast, es fällt dich wie ein Sturmwind an, und Verzweiflung, Selbstmord wird alles endigen.

MANN. Voran sollst du sterben, dann ich, dir will ich heulend in die Unterwelt hinabfolgen, zu der du mir den Weg zeigen sollst. – Er schwingt seinen Dolch, die Frau entflieht, er verfolgt sie. – Mehrere Zuschauer drängen sich in der Wüste hinzu, unter diesen auch Satan.

JEREMIAS hervorguckend. Nicht wahr, das ist auch nichts Rechts?

MICHEL. Nicht sonderlich.

SATAN. Liebe Leute, es ist nicht rührend genug, ihr versteht den Henker von dramatischer Kunst, und darum wißt ihr auch nicht, wo dieser Darstellung der Schuh drückt.

DIE LEUTE. Das ist auch wahr. Ihr seid gewiß ein Kenner. – Wir wollen's rührender haben!

JEREMIAS. Gut, ich hab's gleich gedacht, darum wollen wir noch eine Note niedriger angeben.

SATAN. Die Sache, Herr Schauspieldirektor, ist, daß Sie ein bißchen mehr ins Natürliche verfallen müssen.

[415] JEREMIAS. Sogleich!


Zwei andre Marionetten treten auf, ein Vater mit seinem Sohne.


VATER. Und Er ist wieder erst gegen Morgen nach Hause gekommen?


Sohn geht schweigend auf und ab.


VATER. Antwort will ich haben. – Nun? Ob Er bald reden will?

SOHN. Herr Vater –

VATER. Ich bin sein Vater nicht, am wenigsten sein Herr Vater! Er untersteht sich, Bösewicht, ein fühlendes väterliches Herz, das Sorgen und Gram die ganze Nacht hindurch zernagt haben, mit Herr Vater anzureden?

SOHN. Es war ja so böse nicht gemeint.

VATER. Oh, wenn ich auch davon überzeugt sein müßte, so hätten sich jetzt unsre vier Augen zum letzten Male gesehn! Ich würde Ihn kalten, herzlosen, nichtswürdigen, undeutschen Schuft zum Hause hinauswerfen!

SOHN. Ereifern Sie sich doch nicht so.

VATER. Ich will mich ereifern! Sieht Er, ich will mich durchaus ereifern! Ich bin voller Eifer! Feuer und Flamme.

SOHN. Aber schonen Sie doch, mir zuliebe, Ihre Gesundheit, Ihre teure Gesundheit. Ist es nicht genug, daß ich so früh schon meine Mutter habe verlieren müssen, wollen Sie mir auch noch den Vater rauben?


Vater umarmt ihn gerührt.


Nein, mein lieber Sohn, er soll dir nicht geraubt werden. – Ach, du traute, verewigte Catharine! – O mein Sohn, bei ihrem Andenken beschwöre ich dich, gib deine törichte Liebe, deine unnützen vornehmen Freundschaften auf, und mache deinem Vater in seinem Alter freudige Stunden. Wenn du mich gerne hier bei dir siehst, so beweise es mir durch deine Veränderung. Sieh, die jetzige Not deines Vaterlandes, die Feinde, die in die Stadt eingedrungen sind, schreiben so starke Kontributionen aus, achten göttliche und menschliche Rechte so wenig, daß wir bald durchaus verarmt sein werden. – O bedenke deine eigne Wohlfahrt, mein Sohn, denn von der meinigen kann bei diesen grauen Haaren nicht mehr die Rede sein. Geht weinend ab.

SOHN. Mein Vater ist ein edler Mann, ganz nach der alten biedern deutschen Sitte, rauh und auffahrend, aber innerlich im Kerne ganz vortrefflich. – Ach, und dennoch kann ich seinem guten Rate keine Folge leisten! – Liebe, du allmächtige [416] Liebe List es, die die festesten Bande der Natur zertrennt.


Viele Zuschauer weinen, der Sohn will abgehn. Jeremias fängt ihn mit den Händen auf, indem er wieder hervorguckt.


JEREMIAS. Meine Herren, Sie sind ebenfalls gerührt, und dieser harte hölzerne Bösewicht will doch nicht in sich gehn, sollen wir das dulden?

SOHN. Das Schicksal, das unerbittliche Schicksal hat mich gewaltig ergriffen. – O gütiges Geschick, laß mich doch wenigstens meine Rolle zu Ende spielen, so wirst du sehn, wie ich im fünften Akte ein ganz andrer Mensch werde.

JEREMIAS. So? Im fünften Akt? Ei charmant! Das gäbe für alle armen Sünder ein treffliches Beispiel! Alle verlassen sich auf den fünften Akt, und nichts in der Welt verdirbt deshalb die Menschen so sehr wie eben dieser fünfte Akt, weswegen man ihn lieber gar als einen Sittenstörer gänzlich abschaffen sollte.

SOHN. Aber wie niedlich ich nachher werde, soll dir, o erhabnes Schicksal, selber Freude machen.

JEREMIAS. Nein, gleich hier auf der Stelle ändre dich um, oder du bist augenblicklich des Todes.

SOHN. Wie soll ich mich denn so schnell ändern? Habt Ihr, Schicksal, denn gar keine Kritik studiert? Das wäre ja anstößig, unnatürlich, und wenn ich also in der Moral was gutmachte, so schösse ich dafür in der sogenannten Ästhetik einen desto ärgern Bock.

JEREMIAS. Der Kerl hat List und Überredungsgabe, aber wir wollen uns dadurch nicht hintergehn lassen. – Hinunter mit dir vom Theater! Du unmoralischer Flegel!


Er schmeißt ihn vom Felsen in die Wüste hinunter, die Zuschauer lachen.


SOHN. O Menschheit, lachst du, wenn du siehst, wie ein grausam unerbittliches Schicksal mit einem Mitbruder spielt?

CASPAR. Ja, wir müssen über den Purzelbaum lachen, den Sie da von oben gemacht haben.

SOHN. Lachen? Es ist fürchterlich, dies Geständnis hören zu müssen! O Menschheit, so will ich dich denn also verlassen, wenn du keine Tränen mehr für einen Unglücklichen hast, in eine Wüste will ich ziehn –

PETER während alle lachen. Sie stehn ja schon mitten in einer Wüste.

SOHN. Nun, so will ich aus Verzweiflung nach der Stadt gehn, auf den ersten Feuerherd springen, den ich antreffe, mich [417] selbst in das Feuer setzen und zu Asche verbrennen! Geht wütend ab.

JEREMIAS. Im Grunde ist es doch gut, daß wir ihn los sind, denn er kam mir ebenfalls langweilig vor.

CASPAR. Es ging noch so mit.

SATAN. Wobei er alle Schuld auf den fünften Akt schob.

JEREMIAS. Er war doch immer ein undankbarer Sohn, wenn wir ihn beim Lichte besehn, und darum ist es gut, daß wir ihn fortgeschafft haben. – Aber was fangen wir nun an? Er ist in der Desperation in die weite Welt hineingegangen, und wir müssen an einen neuen Zeitvertreib denken. – Nunmehr soll etwas recht Wunderbares kommen, aber damit es mir nicht so sauer wird mit den Fäden, nehmt ihr's wohl nicht übel, wenn ihr manchmal meine Fäuste ein bißchen gewahr werdet?

DIE LEUTE. Nein, gar nicht.

JEREMIAS. Es läuft ja überdies ganz auf eins hinaus.


Musik, es zeigt sich eine brennende Stadt, König und Königin als Gefangene im Triumph aufgeführt, Bramarbas als Sieger voran auf einem schwarzen Pferde.


CHOR.

Es ist uns gelungen.

Mit Schicksals Geschick:

Der Mächt'ge liegt bezwungen,

Drum wird besungen

Des Feldherrn Glück.

BRAMARBAS. Bringt die Gefangenen in die Gefängnisse, dann wollen wir sehn, was mit ihnen anzufangen ist. – Aber wo ist Artemisius, der uns diese Stadt zuerst verriet?

EIN SOLDAT. Man sagt, daß er in voller Verzweiflung durch die Gassen rennt.

BRAMARBAS. So scheint ihn also seine Tat zu reuen? Wenn man ihn antrifft, schleppe man ihn ebenfalls ins Gefängnis.

SOLDAT. Ganz wohl, Ihro Majestät. Geht ab. Theon tritt auf.

THEON. Oh, wo finde ich meinen Sohn? Meinen Sohn, dem ich noch heute so gute Lehren gab? Er ist auf und davon!

BRAMARBAS. Tröstet Euch, unglückseliger Vater.

THEON. Ich will nichts von Trost hören.


Drei Genien erscheinen.


DIE GENIEN.

Jetzt zittre, Bösewicht,

Es naht der große Mann,

Der alles kann,

Du kennst ihn nicht:

Bei diesem Licht!

[418] Fängt er zu zaubern an,

So ist's um dich getan!

BRAMARBAS. Nun, Kinder, was meint ihr denn?


Polykomikus tritt auf mit einem großen Gefolge von Marionetten, die ihm die Schleppe tragen; indem erscheinen in der Wüste Polykomikus, Lysippus und Simonides.


POLYKOMIKUS. Nein, in der Tat, meine wertgeschätzten Herren, nun keinen Schritt weiter –

LYSIPPUS. Wir bitten untertänigst –

POLYKOMIKUS. Ganz gehorsamster! Allein, ich kann meine geringe Wohnung allbereits mit den Augen erreichen, inkommodieren Sie sich also nicht mehr. – Aber was werde ich denn da gewahr?

POLYKOMIKUS Marionette.

Ich bin der große Zauberer, genannt

Herr Polykomikus im ganzen Land,

Ich kann, wenn's mir gefällt, den Teufel selbst zitieren,

Die schwarze Kunst an der Sonnenscheibe probieren,

Weshalb auch mancher vor mir zittert,

Weil ich gar manchem das Leben schon verbittert.

LYSIPPUS. Herr Prophet, was soll diese Vorstellung bedeuten?

POLYKOMIKUS. Hochverrat, ohne Zweifel.

CASPAR. Das gefällt uns, die Art von Schauspielen gefällt uns.

POLYKOMIKUS. Gefällt euch, ihr unkritischen Esel? Eine persönliche Satire auf angesehene Leute, von meinem undankbaren Bedienten euch vor die Augen geführt! O du höchst verblendeter Pöbel!

POLYKOMIKUS Marionette.

An wem saht ihr so schöne lange Ohren?

Es scheint, das Schicksal hat mich auserkoren,

In großen Taten die Welt in Erstaunen zu setzen

Oder mindestens sie durch Lachen zu ergötzen.


Alle Leute in der Wüste lachen, Polykomikus tritt entrüstet hervor.


POLYKOMIKUS. Jeremias!

JEREMIAS den Kopf vorstoßend. Herr Prophet?

POLYKOMIKUS. Was treibst du für unverschämte Gaukelpossen?

JEREMIAS. Ich bilde die Menschheit nach allen meinen Kräften

POLYKOMIKUS. Du die Menschheit bilden? O du Blindschleiche! Da gehören mehr Künste zu.

DIE LEUTE. Er bildet uns aber in der Tat; wir müssen doch wohl fühlen, da es über unsre eigne Haut hergeht.

POLYKOMIKUS. Ich sage euch, er kann euch nicht bilden, denn er ist selber ungebildet.


[419] Jeremias wirft ihm Marionetten und Musik an den Kopf und erscheint mit einem Besen.


POLYKOMIKUS. Wie? Du wagst es, mir so unter die Augen zu treten?

SATAN. Und was hat er daran zu wagen?

POLYKOMIKUS. Und du, unsauberer Geselle, unterstehst dich noch, mit einem einzigen Fuße diese Wüste zu betreten?

DIE LEUTE. Er ist der wahre Kenner, und jener ist der Dichter.,

POLYKOMIKUS. Ihr irrt! Ich bin der Kenner!

SATAN. Ich bin es!

JEREMIAS. Er ist es, und ich bin der Dichter! Und außerdem verstehe ich auch das Ratgeben am besten!

POLYKOMIKUS. Himmel und Erde! Schlägt nach ihm mit seinem Stabe.

SATAN. Ei, du verstockter Bösewicht! Mußt du dich dergleichen unterstehn?

JEREMIAS. Labt nur, Gevatter, hab' ich doch hier gottlob den Besen! Er fegt ihn mit aller Gewalt.

POLYKOMIKUS.

Ach, unaussprechlich schweres, schweres Leiden,

Daß ich nach allen meinen schönen Freuden

Das grausame Fegen selber muß erleiden!


Alle Zuschauer, auch Lysippus und Simonides lachen.


CHOR. Ihm geschieht schon recht.

POLYKOMIKUS. Halt endlich doch mit deinem Fegen inne, Der Besen geht mir ja durch alle Sinne!

JEREMIAS. Nun ist es genug. – Da habt Ihr Euren Besen, und zugleich kündige ich Euch meine Dienste auf. – Kommt, Herr Satan! Geht mit Satan ab.

CHOR. Ihm ist recht geschehn. Auch die Zuschauer zerstreuen sich.

POLYKOMIKUS. So etwas ist mir bis dahin noch niemals begegnet. Nimmt den Besen und geht gedankenvoll in die Höhle. Der Vorhang fällt.


Quelle:
Ludwig Tieck: Werke in einem Band. Hamburg 1967, S. 411-419.
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