Zehntes Kapitel.
Auf der Fahrt nach Norden.

[146] Als die letzten Schatten der Nacht verschwunden waren, spähten alle Blicke nach der Umgebung der Brigg hinaus. Der »James-Cook« nahm noch dieselbe Stelle wie am vorigen Tage ein, lag also noch immer, wie fest verankert, gegen drei Seemeilen östlich von der Insel Entrecasteaux. Keine Strömung machte sich bemerkbar, kein Windhauch kräuselte die Oberfläche des Meeres, die sich kaum in sanfter, langer Dünung hob und senkte, das Schiff aber nicht von der Stelle trug.[146]

Keine Pirogue war zu entdecken, nur die Trümmer von der, die das nachgesendete Geschoß zerschmettert hatte, trieben da und dort umher. Ihre Insassen waren entweder von anderen Booten aufgenommen worden oder der Abgrund hatte sich über ihnen geschlossen.

Gibson musterte mit dem Fernrohre das Ufer der Insel und besichtigte dann das Gewirr von Korallenklippen, das deren Südspitze umsäumt.

Tausende von Vögeln flatterten mit mächtigem Flügelschlag darüber hin, von einem Kanot oder einem Menschen war dagegen nichts zu sehen. Niemand zweifelte auch mehr daran, daß die Eingebornen jenseit der engen Wasserstraße nach einem Küstendorfe Neuguineas zurückgekehrt wären.

Immerhin blieb es wünschenswert, diese Gegend zu verlassen, sobald die Abfahrt sich ermöglichen ließ. Gibson erkannte schon an gewissen Vorzeichen, daß die Brise nicht mehr lange auf sich warten lassen werde.

Karl Kip war derselben Meinung, als er die Sonne durch die purpurroten Dunstmassen am Horizonte aufsteigen sah. Das Meer »fühlte schon etwas«, und gelegentlich vernahm man bereits das Anschlagen leichter Wellen.

»Es sollte mich wundern, sagte der Kapitän, wenn wir nicht binnen ein oder zwei Stunden Segelwind hätten...

– Und wenn der dann nur vier Tage anhielte, setzte Hawkins hinzu, würden wir unser Ziel erreicht haben.

– Ja freilich, antwortete Gibson, denn von hier haben wir nur noch dreihundert Seemeilen bis Neuirland.«

Vorausgesetzt, daß Gibsons Meinung sich bestätigte, die Windstille also mit dem heutigen Morgen aufhörte, war die Reise des »James-Cook« eine recht günstig verlaufene zu nennen. Er befand sich dann ja im Gebiete des Südostpassats, der vom Mai bis zum November weht und in den übrigen Monaten des Jahres von dem Monsun abgelöst wird.

Gibson hielt sich also bereit, auch die oberen Segel beisetzen zu lassen, sobald der Wind sie anspannen könnte. Es war ja nicht zu zeitig, sich aus der gefährlichen Gegend von Papuasien und der Louisiaden zu entfernen. Wurde der »James-Cook« erst unter vollen Segeln von einem günstigen Winde getrieben, so konnten ihn keine mit Pagaien bewegten Piroguen mit oder ohne Ausleger einholen, wenn die Eingebornen ja ihren Angriff erneuern wollten.

Das geschah indes nicht. Die Waffen, Gewehre und Revolver wurden deshalb wieder im Deckhause untergebracht und das kleine Geschütz von der[147] Stückpforte zurückgezogen. Die Brigg brauchte sich nicht mehr zu einer Verteidigung bereit zu halten.

Bei dieser Gelegenheit erwähnte Gibson auch die verirrte Kugel, die ihn in der Nacht fast gestreift hatte, als Karl Kip gerade den Kapitan zurückstieß und ins Meer stürzte.

»Wie? rief Hawkins erstaunt, du wärest beinahe...

– Beinahe getroffen worden, lieber Freund; noch einen halben Zoll tiefer, und ich hätte einen durchlöcherten Schädel gehabt.

– Davon wußten wir ja bis jetzt noch gar nichts, erklärte Pieter Kip. Sind Sie denn Ihrer Sache gewiß, daß es sich dabei um einen Schuß handelte? Sollte es nicht ein von den Wilden abgeschossener Pfeil oder eine Zagaie gewesen sein?

– Nein, entgegnete Nat Gibson. Hier ist der Hut meines Vaters; Sie sehen doch, daß er von einer Kugel durchbohrt ist«

Eine Besichtigung des Hutes ließ hierüber keinen Zweifel übrig. Bei dem Kampfe in tiefer Finsternis war es ja nichts so Auffälliges, daß ein Revolver in falscher Richtung abgefeuert worden war, und deshalb ließ man den Vorfall auf sich beruhen.

Gegen halb acht Uhr war die Brise kräftig und stetig genug geworden, daß die Brigg in der Richtung nach Nordnordwesten weiterfahren konnte. So wurden denn Bram- und Oberbramsegel, Lee- und Stagsegel, die beim Backstagsegeln recht wirksam sind, sofort wieder gehißt, und sobald alles in Ordnung war, nahm der »James-Cook« seine etwa zwanzig Stunden unterbrochene Fahrt wieder auf.

Noch vor der Mittagsstunde wurde der nördliche Landvorsprung der Insel Entrecasteaux umschifft. Weiter draußen kam dann noch einmal das große Land in Sicht mit dem zerrissenen Kamme des hohen Bergzuges, der hinter der Ostküste von Neuguinea emporragt.

So weit der Blick reichte, war das Meer völlig verlassen und jede Befürchtung wegen eines erneuten Überfalles also ausgeschlossen. Nach Osten hin dehnte sich die ungeheuere Wasserfläche bis zu der Linie aus, wo Himmel und Wasser sich berühren.

Brauchte man sich jetzt wegen der Eingebornen also keine weitere Sorge zu machen, so war dafür aber auf plötzliche starke Windstöße zu achten, die in diesem Teile des Großen Ozeans zwischen Papuasien, den Salomonsinseln[148] und den nördlich davon gelegenen Inselgruppen ziemlich häufig auftreten. Sie dauern übrigens niemals lange an und sind nur gefährlich für nachlässige und unerfahrene Kapitäne, die sich davon überraschen lassen. Man nennt sie »schwere Böen«. Ein Fahrzeug, das nicht auf seiner Hut ist, läuft dabei Gefahr, zu kentern.

Im Laufe dieses Tages und der folgenden Nacht war von einer solchen Bö nichts zu spüren und die Richtung des Windes blieb unverändert. Als der »James-Cook« die unfruchtbare und unbewohnte Insel Monyon, die sich in der Mitte eines Korallenringes, eines sogenannten Atolls, erhebt, an Backbord hinter sich gelassen hatte, kam er auf ein, weniger von madreporischen Bänken durchsetztes Meer und konnte seine mittlere Geschwindigkeit von zehn Seemeilen in der Stunde sorglos beibehalten.

Es liegt auf der Hand, daß sich die von Flig Balt, Vin Mod und den anderen herbeigewünschte Gelegenheit unter diesen Verhältnissen nicht bieten konnte. Gibson, sein Sohn, der Reeder und die Gebrüder Kip suchten für die Nacht ihre Kabinen ebensowenig auf, wie die Matrosen Hobbes, Wickley und Burnes oder der Schiffsjunge Jim das Volkslogis. Es war daher unmöglich, sich des Kapitäns durch einen herbeigeführten Unfall zu entledigen, denn dieser war niemals allein auf dem Verdecke.

Obwohl die jetzige Jahreszeit für die große Küstenfahrt in den melanesischen Meeren die günstigsten Aussichten bot. begegnete die Brigg auf ihrem Wege doch keinem einzigen Schiffe. Eine Erklärung dafür liegt darin, daß auf den Inselgruppen zwischen dem Äquator und dem nördlichen Teile Papuasiens bisher sehr wenige Kontore und Faktoreien entstanden sind und zu einem regeren Handelsverkehre, wie er sich in Zukunft jedenfalls entwickeln wird, noch keinen Anstoß gegeben haben.

Wir geben im folgenden einen gedrängten Überblick über die politische und geographische Verteilung dieser Archipele.

Seit langen Jahren schon hatte England, alter Gewohnheit gemäß, mit mehr oder weniger Berechtigung seine Schutzherrschaft über die Nachbarinseln von Neuguinea ausgedehnt, bis es 1884 zu einem Vertrag zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreiche kam.

Infolge dieses Vertrages wurden alle Inseln im Nordosten von Papuasien bis zum hunderteinundvierzigsten Grade der Länge östlich von Greenwich als deutsche Besitzungen erklärt.[149]

Damit erhielt das Kolonialgebiet des Deutschen Reiches, das es sich bald sehr angelegen sein ließ, Einwanderer hierher zu ziehen, einen Bevölkerungszuwachs von rund hunderttausend Seelen.

Wir möchten die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Hauptgruppe in dieser Inselwelt hinlenken, in der sich unsere Erzählung abspielt.

Die beiden bedeutendsten Inseln der Gruppe sind Tombara oder Neuirland, und Biara oder Neubritannien. Beide haben die Gestalt eines engen Bogens. Die erste ist von Neuguinea durch die Dampierstraße getrennt. Der St. Georgkanal verläuft mitten durch zahlreiche Korallenriffe von der Süd- nach der Nordostspitze der zweiten.

Auf den Karten findet man ferner die wesentlich kleineren Inseln Hannover und York, nebst einigen anderen bewohnten oder unbewohnten Eilanden – das Ganze mit einer Oberfläche von fünfzehnhundertachtzig Quadratkilometern.

Natürlich wurden nach dem Teilungsvertrag der beiden Mächte die früher melanesischen oder englischen Namen der Inseln durch deutsche ersetzt; so ist Tombara oder Neuirland zu Neumecklenburg geworden, Birara oder Neubritannien wurde zu Neupommern, und York zu Neulimburg umgetauft. Nur Neuhannover hat seinen ja an sich schon germanischen Namen behalten.

Nun galt es noch, der Gesamtheit der Inseln, die in diesem Teile des Großen Ozeans eine ziemlich bedeutende Besitzung bilden, einen gemeinschaftlichen Namen zu geben, und heute findet man sie auf den Karten als »Bismarck-Archipel« bezeichnet.

Pieter Kip fragte Hawkins, unter welchen Umständen und Bedingungen er mit diesem Archipel besonders mit Neuirland, in Handelsverbindung stände.

»Ich war in früherer Zeit, antwortete der Reeder, Korrespondent einer Firma in Wellington auf Neuseeland, die mit Tombara in Geschäftsverbindung stand.

– Also schon vor dem Teilungsabkommen, Herr Hawkins?

– Schon zehn Jahre vorher, Herr Kip. Als dann dieses Haus liquidierte, übernahm ich das Geschäft auf eigene Rechnung. Nach dem 1884 zwischen Deutschland und England abgeschlossenen Vertrage trat ich dann mit den von den deutschen Ansiedlern gegründeten Kontoren in Verbindung. Unser »James-Cook« wurde ausschließlich für diese Reisen ausersehen, die einen steigenden Nutzen abzuwerfen versprachen.

– Hat der Handel seit jenem Vertrage schon an Umfang zugenommen?[150]

– Ganz unleugbar, Herr Kip, und ich glaube, er wird sich auch noch weiter entwickeln. Die teutonische Rasse ist leicht zum Auswandern bereit, wenn das einen reellen Nutzen erwarten läßt.

– Worin besteht die Hauptausfuhr der Inselgruppe?

– In Perlmutter, wovon es hier Überfluß gibt, und da auf diesen Inseln ferner die schönsten Kokosbäume der Welt in großer Menge vorkommen, wie Sie sich selbst bald überzeugen werden, liefern sie reiche Frachten von Koprah1, wovon ich in Port-Praslin dreihundert Tonnen einzunehmen denke.

– Und wie hat sich Deutschland seine Oberhoheit über die Inselgruppe gesichert? fragte Karl Kip.

– In sehr einfacher Weise, erklärte Hawkins. Das Reich hat die Inseln an eine Handelsgesellschaft verpachtet, der auch die Rechte einer politischen Behörde zuerteilt sind. Seine eigentliche Herrschaft hat indes tatsächlich keine große Ausdehnung und sein Einfluß auf die Eingebornen ist gegenwärtig noch ziemlich gering. Es begnügte sich bisher, für die Sicherheit der Eingewanderten und für die der Handelsinteressen einzustehen.

– Übrigens, setzte Nat Gibson hinzu, deutet, wie Herr Hawkins schon sagte, alles darauf hin, daß die gedeihliche Entwicklung des Archipels weiter zunehmen wird. Schon jetzt zeigen sich darin große Fortschritte, vorzüglich auf Tombara, das 16!6 von dem Holländer Shouten entdeckt worden war. Ja, Herr Kip, einer Ihrer Landsleute war es, der sich zuerst auf diese gefährlichen Meere wagte.

– Ich weiß es, Herr Nat, antwortete Karl Kip. Übrigens hat Holland im melanesischen Gebiete überall seine noch ungetilgten Spuren hinterlassen, und seine Seeleute sind hier wiederholt mit Auszeichnung aufgetreten.

– Ganz richtig, bemerkte Gibson.

– Holland hat sich nur nicht alle seine Entdeckungen zu erhalten vermocht, äußerte Hawkins.

– Nein, das leider nicht. Da es aber die Molukken behauptete, ist ihm davon ein großer Teil verblieben, und es überläßt an Deutschland gern dessen jetzigen Bismarck-Archipel.«[151]

In der Tat war es der Seefahrer Shouten gewesen, der zu Anfang des 17. Jahrhunderts die Ostküste Neuirlands entdeckt hatte. Die ersten Beziehungen zu den Eingebornen gestalteten sich freilich sehr ungünstig: es kam zu Angriffen durch Piroguen, von denen aus Steine geschleudert wurden und die mit Musketenfeuer abgewiesen werden mußten, so daß die erste Berührung mit den Wilden diesen wohl ein Dutzend Tote kostete.

Nach Shouten war es wieder ein Holländer, Tasman, derselbe, nach dem Tasmanien benannt wurde, das auch den Namen Van Diemensland führt, wiederum nach einem Holländer, nach Van Diemen, der dessen Küste 1643 in Sicht bekam.

Nach ihnen kamen die Engländer, darunter Dampier, dessen Namen auf die Wasserstraße zwischen Neuguinea und Birara übertragen wurde. Dampier nahm die Küste von Norden nach Süden segelnd auf, landete an verschiedenen Stellen davon und mußte auch einmal einen Angriff von Insulanern in einer Bucht abschlagen, die er deshalb die Bucht der Schleuderer nannte.

Im Jahre 1667 besuchte Carteret, wiederum ein englischer Seefahrer, die Südwestküste der Insel, verweilte hier eine Zeitlang im jetzigen Port-Praslin, und später in dem seinen Namen führenden Hafen in der sogenannten Bucht der Engländer.

Bei Gelegenheit seiner Reise um die Erde ankerte auch Bougainville in Port-Praslin, und benannte dieses so zur Ehre des französischen Marineministers, des geistigen Urhebers der ersten Reise um die Erde, die von Franzosen ausgeführt wurde.

Später, 1792, begab sich Entrecasteaux nach der bis dahin unbekannten Westküste der Insel, bestimmte deren Umrisse und blieb eine Woche im Carterethafen liegen.

Endlich führte im Jahre 1823 Duperrey sein Schiff nach dem Praslinhafen, der unter seiner Aufsicht hydrographisch aufgenommen wurde. Er trat auch vielfach mit Eingebornen in Verbindung, die auf Piroguen von dem Dorfe Like-Like herkamen, das an der Ostseite von Neuirland liegt.

Am Vormittage des 18. mußte die Fahrtrichtung der Brigg einige Stunden lang etwas geändert werden. Der Wind, der bis jetzt mit der den Passaten eigenen Stetigkeit geweht hatte, legte sich plötzlich ziemlich vollständig. Die Segel flatterten an den Raaen hin und her und schlugen an die Maste, der »James-Cook« aber steuerte fast gar nicht mehr.


»Ja, wir werden eine schwere Bö bekommen,« sagte Gibson. (S. 155.)
»Ja, wir werden eine schwere Bö bekommen,« sagte Gibson. (S. 155.)

Jeder aufmerksame Kapitän mußte einer solchen Erscheinung Rechnung tragen, und Gibson war vorsichtig genug, sich nicht unvorbereitet überraschen zu lassen.

Eben wies ihn nämlich Karl Kip, der die Blicke über den Horizont schweifen ließ, auf eine im Westen aufsteigende Wolke hin, eine Art Ballon von Dunstmassen mit abgerundeten Seiten, der – das sah man an seinem Größerwerden – offenbar sehr schnell heraufstieg.

»Ja, wir werden eine schwere Bö bekommen, sagte Gibson.

– Die aber nicht lange anhalten dürfte, antwortete Karl Kip.

– Nein, das zwar nicht, sie droht aber sehr heftig zu werden,« meinte der Kapitän.

Auf seinen Befehl ging die Mannschaft sofort an die Arbeit. Bram- und Oberbramsegel, Lee- und Stagsegel wurden binnen einer Minute geborgen, auch das Fock- und das Großsegel sowie die Brigantine wurden aufgegeit. Der »James-Cook« trug nur noch die gerefften Marssegel und das zweite Klüversegel.

Es war die höchste Zeit gewesen. Kaum hatte man die Segelfläche in der angegebenen Weise verkleinert, als die Bö schon mit außerordentlichem Ungestüm losbrach.

Die Matrosen hielten sich an ihrem Posten, der Kapitän stand vor dem Deckhause, und Hawkins, Nat Gibson und Pieter Kip hatten sich nach dem Hinterdeck begeben, während Karl Kip am Ruder stand, und unter seiner Hand wurde der »James-Cook« gewiß mit größter Geschicklichkeit gesteuert.

Als die Bö mit voller Kraft das Fahrzeug packte, wurde dieses natürlich umhergeschleudert, als ob es kentern sollte. Es neigte sich zuweilen so weit nach Steuerbord, daß seine Großraa in das weißschäumende Meer eintauchte. Eine Wendung des Steuers richtete das Schiff wieder auf und hielt es auch in besserer Lage. Statt sich dem Sturmwinde gerade entgegen zu stellen, zog es Gibson vor, mit diesem zu fliehen, da er aus Erfahrung wußte, daß solche Böen wie Meteore vorübergehen und niemals lange anhalten.

Dabei entstand nur die Frage, ob die Brigg nicht etwa bis zu den Salomonsinseln verschlagen oder wenigstens bis in Sicht der Insel Bougainville getrieben würde, bis zur ersten der Gruppe, die sich im Nordosten der Louisiaden erhebt. Diese lag von der jetzigen Brigg nur gegen dreißig Seemeilen entfernt.[155]

Jedenfalls konnte diese Insel wenigstens für kurze Zeit in Sicht kommen. Sie steigt als hohe Bergmasse im Nordosten auf, und wenn man sie sah, bewies das, daß der »James-Cook« aus seinem Kurse bis zum hundertdreiundfünfzigsten Grade östlicher Länge abgetrieben worden war.

Flig Balt und Vin Mod sahen es wahrscheinlich nicht ungern, sich in dieser Weise vom bisher verfolgten Wege verschlagen zu sehen, da das mindestens eine Verspätung der Ankunft in Neuirland verursachen mußte. Die Gruppe der Salomonsinseln ist einem Handstreiche überhaupt günstig. Hier tummeln sich Abenteurer in Menge umher, und diese Gegend ist schon oft der Schauplatz verbrecherischer Unternehmungen gewesen. Der Bootsmann konnte auf der Insel Rossel oder einer der anderen recht leicht alte Bekannte finden, die sich nicht weigern würden, seine Pläne zu unterstützen. Und Vin Mod, der ja seinen Schiffssack schon überall auf dem Großen Ozean umhergeschleppt hatte, begegnete erst recht vielleicht alten Kameraden, die zu allem fähig waren.

Am ärgerlichsten war es für den Bootsmann aber, daß Len Cannon und dessen Genossen ihm unablässig zusetzten. Unter den jetzigen Verhältnissen, erklärten sie wiederholt, wollten sie auf keinen Fall noch weiter mitfahren.

»Ist die Sache nicht vor dem Eintreffen in Port-Praslin abgetan, so kommen wir dort nicht wieder an Bord... das steht fest!

– Und was sollte in Neuirland aus euch werden? bemerkte Vin Mod.

– O, dort nimmt man uns als Kolonisten auf, antwortete Len Cannon. Die Deutschen brauchen kräftige Arme... Dann warten wir eine gute Gelegenheit ab, die sich in Tasmanien doch niemals böte... nach Hobart-Town gehen wir aber niemals.«

Dieser Entschluß brachte Flig Balt und seinen Genossen natürlich nicht wenig in Wut. Fehlten ihnen die vier Burschen, so mußten sie auf ihre Pläne überhaupt verzichten. Sollte ihnen also auch diese Fahrt des »James-Cook« nicht den Nutzen bringen, den sie davon erhofft hatten?

Wenn Len Cannon, Kyle, Sexton und Bryce in Port-Praslin desertierten, würde es dem Kapitän freilich sehr erschwert sein, von da wieder auszulaufen. An die Anmusterung neuer Matrosen war auf der Insel Tombara ja kaum zu denken. Port-Praslin war weder Dunedin, noch Wellington oder Auckland, wo es für gewöhnlich viele Seeleute gibt, die nur darauf warten, sich einzuschiffen.[156]

Hier gab es nur auf eigene Rechnung arbeitende Kolonisten oder Angestellte in den verschiedenen Handelshäusern; es bot sich also gewiß keine Gelegenheit, etwaige Lücken in einer Mannschaft auszufüllen.

Gibson wußte aber nicht, was ihm drohte, und hatte überhaupt keine Ahnung von dem gegen ihn und sein Schiff angezettelten Komplotte. Die zuletzt angeworbenen Matrosen hatten bisher zu keiner Klage Anlaß gegeben. Auch der immer unterwürfige und willfährige Flig Balt konnte keinerlei Verdacht bei seinem Kapitän aufkommen lassen. Hatte er Hawkins ebenso zu täuschen verstanden, so behielten ihn die Gebrüder Kip, denen er nun einmal kein Vertrauen einflößte, immer scharf im Auge, was ihm übrigens nicht entgangen war. Wahrlich, das reine Unglück, die Schiffbrüchigen von der Insel Norfolk gerettet zu haben! Und wenn der »James-Cook« diese wenigstens in Port-Praslin abgesetzt hätte! Doch nein, er sollte sie ja auch bis Hobart-Town mit zurückbringen.

Was Len Canon und seine Genossen anging, war die Hoffnung, die sie daran geknüpft hatten, nach dem Salomonsarchipel verschlagen zu werden, nur von kurzer Dauer. Nach drei Stunden – so lange wütete die Bö mit voller Gewalt – nahm der Sturm plötzlich ein Ende und der Wimpel am Großmast flatterte nicht mehr ausgestreckt in der Luft. Unter der Führung Karl Kips hatte sich das Schiff vortrefflich gehalten und nicht einmal eine der so gefährlichen Sturzseen übergenommen, denen man sonst beim Segeln vor dem Winde so selten entgeht. Dann steuert ein Fahrzeug entweder gar nicht oder doch nur sehr schlecht, und es wird stets schwierig, dessen Schwanken von einer Seite zur anderen zu vermeiden. Karl Kip hatte hier Gelegenheit gehabt, seine Geschicklichkeit und Kaltblütigkeit glänzend zu erweisen. Kein Mann aus der Besatzung hätte während der Sturmbö das Ruder besser regieren können, als er.

Wenn sich der Wind auch urplötzlich legte, blieb das Meer doch noch länger furchtbar aufgewühlt. Die Wogen wälzten sich durcheinander, so als ob die Brigg inmitten einer schweren Brandung oder madreporischer Bänke segelte. Mindestens herrschte jetzt aber wieder Ruhe in der Atmosphäre, und nach einem tüchtigen Platzregen, der die Bö begleitet und die von Westen herangezogenen Wolken entleert hatte, sprang der Passatwind in seiner gewöhnlichen Richtung wieder auf.

Gibson ließ jetzt die Reffe der Marssegel wieder lösen und das Focksegel nebst Brigantine, sowie Bram- und Oberbramsegel beisetzen; nur die Leesegel wurden weggelassen, um die Maste nicht zu überlasten. Mit Steuerbordhalfen[157] machte die Brigg so gute Fahrt, daß sie sich am nächsten Tage, am 19., nachdem sie von der Insel Bougainville aus hundertfünfzig Seemeilen zurückgelegt hatte, schon gegenüber dem St. Georgskanal befand, der zwischen den Bergküsten von Neuirland und Neuguinea verläuft.

Dieser Kanal hat nur einige Seemeilen Breite. Die Fahrt darauf ist nicht leicht, denn in seiner ganzen Länge erheben sich zahlreiche Klippen, er verkürzt aber die Fahrstrecke reichlich um die Hälfte. Für Schiffe, die die Westseite von Tombara unmittelbar umsegeln, statt sich an der Südküste von Birara zu halten und die Dampierstraße aufzusuchen, bedarf es gar sehr der Hand eines erfahrenen, ortskundigen Kapitäns, wie Harry Gibsons.

Im vorliegenden Falle kam das aber nicht in Frage, weil Port-Praslin an der Südseite Neuirlands, an der nach dem Großen Ozean gewendeten Küste und nahe am Kap Saint-Georges liegt, das fast am Eingange der Wasserstraße emporragt.

Da der »James-Cook« bei seiner Annäherung an das Land noch einmal von einer fast vollständigen Windstille überrascht wurde, hatten Hawkins, Nat Gibson und die Gebrüder Kip die beste Gelegenheit, diesen Teil der Küste eingehend zu besichtigen.

Das Gerippe der Insel wird von einer doppelten Bergkette gebildet, die im Mittel sechstausend Fuß hoch ist und von dem vorliegenden Punkte der Küste ausgeht. Beide Bergzüge sind bis zum Gipfel mit Wäldern bedeckt. Undurchdringlich für jeden Sonnenstrahl, strömt daraus fortwährend eine feuchte Luft herab, wodurch die Temperatur eine erträglichere bleibt als in anderen, dem Äquator benachbarten Gegenden. Jener Umstand vermindert also recht glücklich die starke Wärme, die im Bismarck-Archipel gewöhnlich herrscht, und es kommt nur selten vor, daß der Thermometer über achtundachtzig Grad Fahrenheit (30° C.) aufweist.

An diesem Tage kam die Brigg nur an wenigen Piroguen ohne Ausleger vorüber, die viereckige, fast quadratische Segel führten. Übrigens ist von den Eingebornen Neuirlands, oder – seit die schwarzweißrote Flagge darüber weht – Neumecklenburgs nichts mehr zu befürchten.

Keinerlei Zwischenfall störte die Ruhe der Nacht. Als die Brise nach vierundzwanzig Stunden wieder aufsprang, konnte man zwischen den zahlreichen madreporischen Bänken und Korallenriffen vor dem Eingange nach Port-Praslin nur eine verminderte Segelfläche führen. Jedes Schiff muß hier vorsichtig sein[158] und alle Havarien zu verhüten suchen, da solche hier nicht leicht ausgebessert werden könnten. Die ganze Mannschaft mußte deshalb auf dem Verdeck bleiben, um für die oft plötzlich nötig werdenden Segelmanöver zur Hand zu sein. Selbstverständlich entbehren diese Küsten in der Nacht bisher noch der Leuchtfeuer, und die sonstigen Merkpunkte sind in der Dunkelheit natürlich nutzlos. Gibson war mit dem Fahrwasser in der Nähe von Port-Praslin jedoch hinlänglich bekannt.

Mit Tagesanbruch meldete die Wache den Eingang zu der mit hohen Bergen eingerahmten Reede. Der »James-Cook« fuhr bei Hochwasser durch die am besten schiffbaren Zugänge ein, und gegen neun Uhr Morgens legte er sich inmitten des Hafens mit zwei Ankern fest.

Fußnoten

1 Die Koprah ist die Mandel, der Kern der Kokosnuß, nachdem diese, zerstückelt und auf dem Sande in den Strahlen der Sonne gedörrt, soweit zubereitet ist, daß sie in die dafür bestimmten Mühlen geschafft werden kann, wo man daraus das zur Seifenfabrikation dienende Kokosnußöl gewinnt.


Quelle:
Jules Verne: Die Gebrüder Kip. Bekannte und unbekannte Welten. Abenteuerliche Reisen von Julius Verne, Band LXXXI–LXXXII, Wien, Pest, Leipzig 1903, S. 159.
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