[585] SIEGMUND.
Wes Herd dies auch sei,
hier muß ich rasten!
Er sinkt zurück und bleibt regungslos ausgestreckt. – Sieglinde tritt aus der Türe des inneren Gemaches. Sie glaubte ihren Mann heimgekehrt; ihre ernste Miene zeigt sich dann [586] verwundert, als sie einen Fremden am Herde ausgestreckt sieht.
SIEGLINDE noch im Hintergrunde.
Ein fremder Mann?
Ihn muß ich fragen.
Sie tritt näher.
Wer kam ins Haus,
und liegt dort am Herd?
Da Siegmund sich nicht regt, tritt sie noch etwas näher und betrachtet ihn.
Müde liegt er
von Weges Müh'n.
Schwanden die Sinne ihm?
wäre er siech?
Sie neigt sich zu ihm hinab und lauscht.
Noch schwillt ihm der Atem;
das Auge nur schloß er.
Mutig dünkt mich der Mann,
sank er müd auch hin.
SIEGMUND fährt jäh mit dem Haupt in die Höhe.
Ein Quell!
Ein Quell!
SIEGLINDE.
Erquickung schaff ich.
Sie nimmt schnell ein Trinkhorn, geht damit aus dem Hause, kommt zurück und reicht das gefüllte Trinkhorn Siegmund.
Labung biet ich
dem lechzenden Gaumen:
Wasser, wie du gewollt!
Siegmund trinkt und reicht ihr das Horn zurück. Als er ihr mit dem Haupte Dank zuwinkt, haftet sein Blick mit steigender Teilnahme an ihren Mienen.
SIEGMUND.
Kühlende Labung
gab mir der Quell,
des Müden Last
machte er leicht:
erfrischt ist der Mut,
das Aug erfreut
des Sehens selige Lust.
Wer ist's, der so mir es labt?
SIEGLINDE.
Dies Haus und dies Weib
sind Hundings Eigen;
gastlich gönn er dir Rast:
harre bis heim er kehrt!
SIEGMUND.
Waffenlos bin ich:
[587] dem wunden Gast
wird dein Gatte nicht wehren.
SIEGLINDE mit besorgter Hast.
Die Wunden weise mir schnell!
SIEGMUND schüttelt sich und springt lebhaft vom Lager zum Sitz auf.
Gering sind sie,
der Rede nicht wert;
noch fügen des Leibes
Glieder sich fest.
Hätten halb so stark wie mein Arm
Schild und Speer mir gehalten,
nimmer floh ich dem Feind;
doch zerschellten mir Speer und Schild.
Der Feinde Meute
hetzte mich müd,
Gewitterbrunst
brach meinen Leib:
doch schneller als ich der Meute
schwand die Müdigkeit mir;
sank auf die Lider mir Nacht,
die Sonne lacht mir nun neu!
SIEGLINDE geht nach dem Speicher, füllt ein Horn mit Met und reicht es Siegmund mit freundlicher Bewegtheit.
Des seimigen Metes
süßen Trank
mögst du mir nicht verschmähn.
SIEGMUND.
Schmecktest du mir ihn zu?
Sieglinde nippt am Horne und reicht es ihm wieder. Siegmund tut einen langen Zug, indem er den Blick
mit wachsender Wärme auf sie heftet. Er setzt so das Horn ab und läßt es langsam sinken, während der Ausdruck seiner Miene in starke Ergriffenheit übergeht. Er seufzt tief auf, und senkt den Blick düster zu Boden.
SIEGMUND mit bebender Stimme.
Einen Unseligen labtest du: –
Unheil wende
der Wunsch von dir!
Er bricht auf.
Gerastet hab ich
und süß geruht:
weiter wend ich den Schritt.
Er geht nach hinten.
SIEGLINDE lebhaft sich umwendend.
Wer verfolgt dich, daß du schon fliehst?
[588] SIEGMUND hat angehalten.
Mißwende folgt mir,
wohin ich fliehe;
Mißwende naht mir,
wo ich mich neige: –
dir Frau doch bleibe sie fern!
Fort wend ich Fuß und Blick!
Er schreitet schnell bis zur Tür und hebt den Riegel.
SIEGLINDE in heftigem Selbstvergessen ihm nachrufend.
So bleibe hier!
Nicht bringst du Unheil dahin,
wo Unheil im Hause wohnt!
Siegmund bleibt tief erschüttert stehen: er forscht in Sieglindes Mienen; diese schlägt verschämt und traurig die Augen nieder.
SIEGMUND kehrt zurück.
Wehwalt hieß ich mich selbst:
Hunding will ich erwarten.
Er lehnt sich an den Herd; sein Blick haftet mit ruhiger und entschlossener Teilnahme an Sieglinde: diese hebt langsam das Auge wieder zu ihm auf. Beide blicken sich in tiefem Schweigen mit dem Ausdruck großer Ergriffenheit in die Augen.