Zweite Szene

[588] Sieglinde fährt plötzlich auf, lauscht und hört Hunding, der sein Roß außen zum Stall führt. Sie geht hastig zur Tür und öffnet. – Hunding, gewaffnet mit Schild und Speer, tritt ein und hält unter der Tür, als er Siegmund gewahrt. – Hunding wendet sich mit einem ernst fragenden Blick an Sieglinde.


SIEGLINDE dem Blicke Hundings entgegnend.

Müd am Herd

fand ich den Mann:

Not führt ihn ins Haus.

HUNDING.

Du labtest ihn?

SIEGLINDE.

Den Gaumen letzt ich ihm;

gastlich sorgt ich sein!

SIEGMUND der ruhig und fest Hunding beobachtet.

Dach und Trank

dank ich ihr:

willst du dein Weib drum schelten?

HUNDING.

Heilig ist mein Herd:

heilig sei dir mein Haus.


[589] Er legt seine Waffen ab und übergibt sie Sieglinde. Zu Sieglinde.


Rüst uns Männern das Mahl!


Sieglinde hängt die Waffen an Ästen des Eschenstammes auf, dann holt sie Speise und Trank aus dem Speicher und rüstet auf dem Tische das Nachtmahl. – Unwillkürlich heftet sie wieder den Blick auf Siegmund.


HUNDING mißt scharf und verwundert Siegmunds Züge, die er mit denen seiner Frau vergleicht; für sich.

Wie gleicht er dem Weibe!

Der gleißende Wurm

glänzt auch ihm aus dem Auge. –


Er birgt sein Befremden und wendet sich wie unbefangen zu Siegmund.


Weit her, traun!

kamst du des Wegs;

ein Roß nicht ritt,

der Rast hier fand:

welch schlimme Pfade

schufen dir Pein?

SIEGMUND.

Durch Wald und Wiese,

Heide und Hain,

jagte mich Sturm

und starke Not:

nicht kenn ich den Weg, den ich kam;

wohin ich irrte,

weiß ich noch minder:

Kunde gewänn ich des gern.

HUNDING am Tische und Siegmund den Sitz bietend.

Des Dach dich deckt,

des Haus dich hegt,

Hunding heißt der Wirt.

Wendest von hier du

nach West den Schritt,

in Höfen reich

hausen dort Sippen,

die Hundings Ehre behüten:

gönnt mir Ehre mein Gast,

wird sein Name nun mir genannt.


Siegmund blickt nachdenklich vor sich hin. Sieglinde, die sich neben Hunding, Siegmund gegenüber, gesetzt, heftet ihr Auge mit auffallender Teilnahme und Spannung auf diesen.


Trägst du Sorge

[590] mir zu vertraun,

der Frau hier gib doch Kunde:

sieh, wie gierig sie dich frägt!

SIEGLINDE unbefangen und teilnahmsvoll.

Gast, wer du bist, wüßt ich gern.

SIEGMUND blickt auf, sieht ihr in das Auge und beginnt ernst.

Friedmund darf ich nicht heißen;

Frohwalt möcht ich wohl sein:

doch Wehwalt – muß ich mich nennen.

Wolfe, der war mein Vater;

zu zwei kam ich zur Welt,

eine Zwillingsschwester und ich.

Früh schwanden mir

Mutter und Maid;

die mich gebar,

und die mit mir sie barg,

kaum hab ich je sie gekannt. –

Wehrlich und stark war Wolfe:

der Feinde wuchsen ihm viel.

Zum Jagen zog

mit dem Jungen der Alte:

von Hetze und Harst

einst kehrten wir heim: –

da lag das Wolfsnest leer.

Zu Schutt gebrannt

der prangende Saal,

zum Stumpf der Eiche

blühender Stamm;

erschlagen der Mutter

mutiger Leib,

verschwunden in Gluten

der Schwester Spur.

Uns schuf die herbe Not

der Neidinge harte Schar.

Geächtet floh

der Alte mit mir;

lange Jahre

lebte der Junge

mit Wolfe im wilden Wald:

manche Jagd

ward auf sie gemacht;

doch mutig wehrte

das Wolfspaar sich.


[591] Zu Hunding gewendet.


Ein Wölfing kündet dir das,

den als »Wölfing« mancher wohl kennt.

HUNDING.

Wunder und wilde Märe

kündest du, kühner Gast.

Wehwalt, der Wölfing!

Mich dünkt, von dem wehrlichen Paar

vernahm ich dunkle Sage,

kannt ich auch Wolfe

und Wölfing nicht.

SIEGLINDE.

Doch weiter künde, Fremder:

wo weilt dein Vater jetzt?

SIEGMUND.

Ein starkes Jagen auf uns

stellten die Neidinge an:

der Jäger viele

fielen den Wölfen,

in Flucht durch den Wald

trieb sie das Wild:

wie Spreu zerstob uns der Feind.

Doch ward ich vom Vater versprengt;

seine Spur verlor ich,

je länger ich forschte:

eines Wolfes Fell nur

traf ich im Forst;

leer lag das vor mir,

den Vater fand ich nicht.

Aus dem Wald trieb es mich fort;

mich drängt es zu Männern und Frauen. –

Wie viel ich traf,

wo ich sie fand,

ob ich um Freund,

um Frauen warb,

immer doch war ich geächtet:

Unheil lag auf mir.

Was Rechtes je ich riet,

andern dünkte es arg;

was schlimm immer mir schien,

andre gaben ihm Gunst.

In Fehde fiel ich, wo ich mich fand,

Zorn traf mich,

wohin ich zog;

gehrt ich nach Wonne,

weckt ich nur Weh: –

[592] drum mußt ich mich Wehwalt nennen,

des Wehes waltet ich nur.


Er sieht zu Sieglinde auf und gewahrt ihren teilnehmenden Blick.


HUNDING.

Die so leidig Los dir beschied,

nicht liebte dich die Norn:

froh nicht grüßt dich der Mann,

dem fremd als Gast du nahst.

SIEGLINDE.

Feige nur fürchten den,

der waffenlos einsam fährt! –

Künde noch, Gast,

wie du im Kampf

zuletzt die Waffe verlorst?

SIEGMUND immer lebhafter.

Ein trauriges Kind

rief mich zum Trutz:

vermählen wollte

der Magen Sippe

dem Mann ohne Minne die Maid.

Wider den Zwang

zog ich zum Schutz;

der Dränger Troß

traf ich im Kampf:

dem Sieger sank der Feind.

Erschlagen lagen die Brüder:

die Leichen umschlang da die Maid,

den Grimm verjagt ihr der Gram.

Mit wilder Tränen Flut

betroff sie weinend die Wal;

um des Mordes der eignen Brüder

klagte die unsel'ge Braut. –

Der Erschlagnen Sippen

stürmten daher;

übermächtig

ächzten nach Rache sie:

rings um die Stätte

ragten mir Feinde. –

Doch von der Wal

wich nicht die Maid;

mit Schild und Speer

schirmt ich sie lang,

bis Speer und Schild

im Harst mir zerhau'n.

Wund und waffenlos stand ich –

[593] sterben sah ich die Maid:

mich hetzte das wütende Heer –

auf den Leichen lag sie tot.


Mit einem Blicke voll schmerzlichen Feuers auf Sieglinde.


Nun weißt du, fragende Frau,

warum ich Friedmund – nicht heiße!


Er steht auf und schreitet auf den Herd zu. Sieglinde blickt erbleichend und tief erschüttert zu Boden.


HUNDING erhebt sich, mäßig und verhalten.

Ich weiß ein wildes Geschlecht,

nicht heilig ist ihm,

was andren hehr:

verhaßt ist es Allen und mir.

Zur Rache ward ich gerufen,

Sühne zu nehmen

für Sippenblut:

zu spät kam ich,

und kehre nun heim,

des flücht'gen Frevlers Spur

im eig'nen Haus zu erspähn. –


Er geht herab.


Mein Haus hütet,

Wölfing, dich heut:

für die Nacht nahm ich dich auf.

Mit starker Waffe

doch wehre dich morgen;

zum Kampfe kies ich den Tag:

für Tote zahlst du mir Zoll.


Sieglinde schreitet mit besorgter Gebärde zwischen die beiden Männer vor.


Fort aus dem Saal!

Säume hier nicht!

Den Nachttrunk rüste mir drin

und harre mein zur Ruh.


Sieglinde steht eine Weile unentschieden und sinnend. Sie wendet sich langsam und zögernden Schrittes nach dem Speicher. Dort hält sie wieder an und bleibt, in Sinnen verloren, mit halb abgewandtem Gesicht stehen. Mit ruhigem Entschluß öffnet sie den Schrein, füllt ein Trinkhorn und schüttet aus einer Büchse Würze hinein. Dann wendet sie das Auge auf Siegmund, um seinem Blicke zu begegnen, den dieser fortwährend auf sie heftet. Sie gewahrt Hundings Spähen und wendet sich sogleich zum Schlafgemach. Auf den Stufen[594] kehrt sie sich noch einmal um, heftet das Auge sehnsuchtsvoll auf Siegmund und deutet mit dem Blicke andauernd und mit sprechender Bestimmtheit auf eine Stelle am Eschenstamme. Hunding fährt auf

und treibt sie mit einer heftigen Gebärde zum Fortgehen an. Mit einem letzten Blick auf Siegmund geht sie in das Schlafgemach und schließt hinter sich die Tür. Hunding nimmt seine Waffen vom Stamme herab


Mit Waffen wehrt sich der Mann. –


Im Abgehen sich zu Siegmund wendend.


Dich Wölfing treffe ich morgen:

mein Wort hörtest du –

hüte dich wohl!


Er geht in das Gemach; man hört ihn von innen den Riegel schließen.


Quelle:
Richard Wagner: Die Musikdramen. Hamburg 1971, S. 588-594.
Lizenz:
Kategorien:
Tipp: Zeno.org bei Google Maps
Bookmarks
delicious wong linkarena google
Sponsoren