[603] Wotan, kriegerisch gewaffnet, mit dem Speer; vor ihm Brünnhilde, als Walküre, ebenfalls in voller Waffenrüstung.
WOTAN.
Nun zäume dein Roß,
reisige Maid:
bald entbrennt
brünstiger Streit!
Brünnhilde stürme zum Kampf:
dem Wälsung kiese sie Sieg!
Hunding wähle sich,
wem er gehört:
nach Walhall taugt er mir nicht.
Drum rüstig und rasch
reite zur Wal!
BRÜNNHILDE jauchzend von Fels zu Fels die Höhe rechts hinauf springend.
Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha! Heiaha!
Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha! Heiaha!
Hojotoho! Hojotoho!
Hojotoho! Hojotoho!
Hojotoho! Hojotoho!
Heiahaja! Hojotoho!
[604] Sie hält auf einer hohen Felsspitze an, blickt in die hintere Schlucht hinab und ruft zu Wotan zurück.
Dir rat ich, Vater,
rüste dich selbst;
harten Sturm
sollst du bestehn.
Fricka naht, deine Frau,
im Wagen mit dem Widdergespann.
Hei, wie die gold'ne
Geißel sie schwingt!
Die armen Tiere
ächzen vor Angst;
wild rasseln die Räder;
zornig fährt sie zum Zank.
In solchem Strauße
streit ich nicht gern,
lieb ich auch mutiger
Männer Schlacht;
drum sieh, wie den Sturm du bestehst:
ich Lustige laß dich im Stich!
Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha! Heiaha!
Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha! Heiaha!
Hojotoho! Hojotoho!
Hojotoho! Hojotoho!
Heiajaha!
Brünnhilde verschwindet hinter der Gebirgshöhe zur Seite. – In einem mit zwei Widdern bespannten Wagen langt Fricka aus der Schlucht auf dem Felsjoche an: dort hält sie rasch an und steigt aus. Sie schreitet heftig in den Vordergrund auf Wotan zu.
WOTAN.
Der alte Sturm,
die alte Müh!
Doch Stand muß ich hier halten!
FRICKA je näher sie kommt, mäßigt sie den Schritt und stellt sich mit Würde vor Wotan hin.
Wo in Bergen du dich birgst,
der Gattin Blick zu entgehn,
einsam hier
such ich dich auf,
daß Hilfe du mir verhießest.
[605] WOTAN.
Was Fricka kümmert,
künde sie frei.
FRICKA.
Ich vernahm Hundings Not,
um Rache rief er mich an:
der Ehe Hüterin
hörte ihn,
verhieß streng
zu strafen die Tat
des frech frevelnden Paars,
das kühn den Gatten gekränkt.
WOTAN.
Was so Schlimmes
schuf das Paar,
das liebend einte der Lenz?
Der Minne Zauber
entzückte sie:
wer büßt mir der Minne Macht?
FRICKA.
Wie törig und taub du dich stellst,
als wüßtest fürwahr du nicht,
daß um der Ehe
heiligen Eid,
den hart verletzten, ich klage!
WOTAN.
Unheilig
acht ich den Eid,
der Unliebende eint;
und mir wahrlich
mute nicht zu,
daß mit Zwang ich halte,
was dir nicht haftet:
denn wo kühn Kräfte sich regen,
da rat ich offen zum Krieg.
FRICKA.
Achtest du rühmlich
der Ehe Bruch,
so prahle nun weiter
und preis es heilig,
daß Blutschande entblüht
dem Bund eines Zwillingspaars!
Mir schaudert das Herz,
es schwindelt mein Hirn: –
bräutlich umfing
die Schwester den Bruder!
[606] Wann ward es erlebt,
daß leiblich Geschwister sich liebten?
WOTAN.
Heut hast du's erlebt!
Erfahre so,
was von selbst sich fügt,
sei zuvor auch noch nie es geschehn.
Daß jene sich lieben,
leuchtet dir hell;
drum höre redlichen Rat:
soll süße Lust
deinen Segen dir lohnen,
so segne, lachend der Liebe,
Siegmunds und Sieglindes Bund.
FRICKA in höchste Entrüstung ausbrechend.
So ist es denn aus
mit den ewigen Göttern,
seit du die wilden
Wälsungen zeugtest?
Heraus sagt ich's;
traf ich den Sinn?
Nichts gilt dir der Hehren
heilige Sippe!
Hin wirfst du Alles,
was einst du geachtet,
zerreißest die Bande,
die selbst du gebunden,
lösest lachend
des Himmels Haft!
Daß nach Lust und Laune nur walte
dies frevelnde Zwillingspaar,
deiner Untreue zuchtlose Frucht.
O was klag ich
um Ehe und Eid,
da zuerst du selbst sie versehrt.
Die treue Gattin
trogest du stets;
wo eine Tiefe,
wo eine Höhe,
dahin lugte
lüstern dein Blick,
wie des Wechsels Lust du gewännest,
und höhnend kränktest mein Herz.
Trauernden Sinnes
[607] mußt ich's ertragen,
zogst du zur Schlacht
mit den schlimmen Mädchen,
die wilder Minne
Bund dir gebar:
denn dein Weib noch scheutest du so,
daß der Walküren Schar,
und Brünnhilde selbst,
deines Wunsches Braut,
in Gehorsam der Herrin du gabst.
Doch jetzt, da dir neue
Namen gefielen,
als »Wälse« wölfisch
im Walde du schweiftest;
jetzt, da zu niedrigster
Schmach du dich neigtest,
gemeiner Menschen
ein Paar zu erzeugen:
jetzt dem Wurfe der Wölfin
wirfst du zu Füßen dein Weib! –
So führ es denn aus!
Fülle das Maß!
Die Betrog'ne laß auch zertreten!
WOTAN ruhig.
Nichts lerntest du,
wollt ich dich lehren,
was nie du erkennen kannst,
eh nicht ertagte die Tat.
Stets Gewohntes
nur magst du verstehn:
doch was noch nie sich traf,
danach trachtet mein Sinn.
Eines höre:
Not tut ein Held,
der, ledig göttlichen Schutzes,
sich löse vom Göttergesetz.
So nur taugt er
zu wirken die Tat,
die, wie not sie den Göttern,
dem Gott doch zu wirken verwehrt.
FRICKA.
Mit tiefem Sinne
willst du mich täuschen:
was Hehres sollten
Helden je wirken,
[608] das ihren Göttern wäre verwehrt,
deren Gunst in ihnen nur wirkt?
WOTAN.
Ihres eig'nen Mutes
achtest du nicht?
FRICKA.
Wer hauchte den Menschen ihn ein?
Wer hellte den Blöden den Blick?
In deinem Schutz
scheinen sie stark;
durch deinen Stachel
streben sie auf:
du reizest sie einzig,
die so mir Ew'gen du rühmst.
Mit neuer List
willst du mich belügen,
durch neue Ränke
mir jetzt entrinnen;
doch diesen Wälsung
gewinnst du dir nicht,
in ihm treff ich nur dich,
denn durch dich trotzt er allein.
WOTAN.
In wildem Leiden
erwuchs er sich selbst:
Ergriffen.
mein Schutz schirmte ihn nie.
FRICKA.
So schütz auch heut ihn nicht!
Nimm ihm das Schwert,
das du ihm geschenkt.
WOTAN.
Das Schwert?
FRICKA.
Ja, das Schwert – das zauberstark
zuckende Schwert,
das du Gott dem Sohne gabst!
WOTAN heftig.
Siegmund gewann es sich
Mit unterdrücktem Beben.
selbst in der Not.
Wotan drückt in seiner ganzen Haltung von hier an einen immer wachsenden unheimlichen tiefen Unmut aus.
FRICKA heftig fortfahrend.
Du schufst ihm die Not,
wie das neidliche Schwert.
Willst du mich täuschen,
die Tag und Nacht
auf den Fersen dir folgt?
Für ihn stießest du
das Schwert in den Stamm;
[609] du verhießest ihm
die hehre Wehr:
willst du es leugnen,
daß nur deine List
ihn lockte, wo er es fänd?
Wotan fährt mit einer grimmigen Gebärde auf. – Fricka immer sicherer, da sie den Eindruck gewahrt, den sie auf Wotan hervorgebracht hat.
Mit Unfreien
streitet kein Edler;
den Frevler straft nur der Freie.
Wider deine Kraft
führt ich wohl Krieg:
doch Siegmund verfiel mir als Knecht.
Neue heftige Gebärde Wotans, dann Versinken in das Gefühl seiner Ohnmacht.
Der dir als Herren
hörig und eigen,
gehorchen soll ihm
dein ewig Gemahl?
Soll mich in Schmach
der Niedrigste schmähen,
dem Frechen zum Sporn,
dem Freien zum Spott?
Das kann mein Gatte nicht wollen,
die Göttin entweiht er nicht so.
WOTAN finster.
Was verlangst du?
FRICKA.
Laß von dem Wälsung!
WOTAN mit gedämpfter Stimme.
Er geh seines Wegs.
FRICKA.
Doch du schütze ihn nicht,
wenn zur Schlacht ihn der Rächer ruft!
WOTAN.
Ich schütze ihn nicht.
FRICKA.
Sieh mir ins Auge;
sinne nicht Trug:
die Walküre wend auch von ihm!
WOTAN.
Die Walküre walte frei.
FRICKA.
Nicht doch! Deinen Willen
vollbringt sie allein:
verbiete ihr Siegmunds Sieg!
WOTAN in heftigen inneren Kampf ausbrechend.
Ich kann ihn nicht fällen,
er fand mein Schwert.
[610] FRICKA.
Entzieh dem den Zauber,
zerknick es dem Knecht!
Schutzlos schau ihn der Feind!
BRÜNNHILDE noch unsichtbar von der Höhe her.
Heiaha! Heiaha! Hojotoho!
FRICKA.
Dort kommt deine kühne Maid;
jauchzend jagt sie daher.
BRÜNNHILDE wie oben.
Heiaha! Heiaha!
Heiohotojo! Hotojoha!
WOTAN dumpf für sich.
Ich rief sie für Siegmund zu Roß!
Brünnhilde erscheint mit ihrem Roß auf dem Felsenpfade rechts. Als sie Fricka gewahrt, bricht sie schnell ab und geleitet ihr Roß still und langsam während des Folgenden den Felsweg herab: dort birgt sie es dann in einer Höhle.
FRICKA.
Deiner ew'gen Gattin
heilige Ehre
beschirme heut ihr Schild!
Von Menschen verlacht,
verlustig der Macht –
gingen wir Götter zugrund:
würde heut nicht hehr
und herrlich mein Recht
gerächt von der mutigen Maid.
Der Wälsung fällt meiner Ehre.
Empfah ich von Wotan den Eid?
WOTAN in furchtbarem Unmut auf einen Felsensitz sich werfend.
Nimm den Eid!
Fricka schreitet dem Hintergrunde zu: dort begegnet sie Brünnhilde und hält einen Augenblick vor ihr an.
FRICKA.
Heervater harret dein:
laß ihn dir künden,
wie das Los er gekiest.
Sie fährt schnell davon. Brünnhilde tritt mit besorgter Miene verwundert vor Wotan, der, auf dem Felssitz zurückgelehnt, in finsteres Brüten versunken ist.