[793] BRÜNNHILDE in starrem Nachsinnen befangen.
Welches Unholds List
liegt hier verhohlen?
Welches Zaubers Rat
regte dies auf? –
Wo ist nun mein Wissen
gegen dies Wirrsal?
Wo sind meine Runen
gegen dies Rätsel? –
Ach, Jammer! Jammer!
Weh, ach Wehe!
All mein Wissen
wies ich ihm zu! –
Immer gesteigert.
In seiner Macht
hält er die Magd, –
in seinen Banden
hält er die Beute,
die, jammernd ob ihrer Schmach,
jauchzend der Reiche verschenkt!
Wer bietet mir nun das Schwert,
mit dem ich die Bande zerschnitt'?
HAGEN dicht an Brünnhilde herantretend.
Vertraue mir, betrog'ne Frau!
Wer dich verriet,
das räche ich. –
BRÜNNHILDE matt sich umblickend.
An wem?
HAGEN.
An Siegfried, der dich betrog.
BRÜNNHILDE.
An Siegfried? ... du?
Bitter lächelnd.
Ein einz'ger Blick
seines blitzenden Auges, –
das selbst durch die Lügengestalt
leuchtend strahlte zu mir, –
deinen besten Mut
machte er bangen.
[794] HAGEN.
Doch meinem Speere
spart ihn sein Meineid?
BRÜNNHILDE.
Eid – und Meineid –,
müßige Acht!
Nach Stärk'rem späh,
deinen Speer zu waffnen,
willst du den Stärksten bestehn!
HAGEN.
Wohl kenn ich Siegfrieds
siegende Kraft,
wie schwer im Kampf er zu fällen;
drum raune nun du
mir guten Rat,
wie doch der Recke mir wich?
BRÜNNHILDE.
O, Undank! Schändlichster Lohn!
Nicht eine Kunst
war mir bekannt,
die zum Heil nicht half seinem Leib:
unwissend zähmt ihn
mein Zauberspiel, –
das ihn vor Wunden nun gewahrt.
HAGEN.
So kann keine Wehr ihm schaden?
BRÜNNHILDE.
Im Kampfe nicht! Doch –
träfst du im Rücken ihn. –
Niemals – das wußt ich –
wich er dem Feind,
nie reicht er fliehend ihm den Rücken:
an ihm drum spart ich den Segen.
HAGEN.
Und dort trifft ihn mein Speer! –
Er wendet sich rasch von Brünnhilde ab zu Gunther.
Auf, Gunther!
Edler Gibichung!
Hier steht dein starkes Weib:
was hängst du dort in Harm?
GUNTHER leidenschaftlich auffahrend.
O Schmach!
O Schande!
Wehe mir,
dem jammervollsten Manne!
HAGEN.
In Schande liegst du,
leugn' ich das?
BRÜNNHILDE zu Gunther.
O feiger Mann!
Falscher Genoss'!
Hinter dem Helden
hehltest du dich,
[795] daß Preise des Ruhmes
er dir erränge!
Tief wohl sank
das teure Geschlecht,
das solche Zagen gezeugt.
GUNTHER außer sich.
Betrüger ich – und betrogen!
Verräter ich – und verraten!
Zermalmt mir das Mark!
Zerbrecht mir die Brust! –
Hilf, Hagen!
Hilf meiner Ehre!
Hilf deiner Mutter,
die mich auch ja gebar!
HAGEN.
Dir hilft kein Hirn,
dir hilft keine Hand;
dir hilft nur – Siegfrieds Tod!
GUNTHER von Grausen erfaßt.
Siegfrieds Tod! ...
HAGEN.
Nur der sühnt deine Schmach!
GUNTHER vor sich hinstarrend.
Blutbrüderschaft
schwuren wir uns!
HAGEN.
Des Bundes Bruch
sühne nun Blut!
GUNTHER.
Brach er den Bund?
HAGEN.
Da er dich verriet.
GUNTHER.
Verriet er mich?
BRÜNNHILDE heftig.
Dich verriet er,
und mich verrietet ihr Alle!
Wär ich gerecht,
alles Blut der Welt
büßte mir nicht eure Schuld!
Doch des Einen Tod
taugt mir für Alle: –
Siegfried falle
zur Sühne für sich und euch!
HAGEN zu Gunther gewendet.
Er falle
Heimlich.
dir zum Heil!
Ungeheure Macht wird dir,
gewinnst von ihm du den Ring,
den der Tod ihm wohl nur entreißt.
GUNTHER leise.
Brünnhildes Ring?
HAGEN.
Des Nibelungen Reif!
GUNTHER schwer seufzend.
So wär es Siegfrieds Ende!
[796] HAGEN.
Uns Allen frommt sein Tod.
GUNTHER.
Doch – Gutrune, ach! –
der ich ihn gönnte!
Straften den Gatten wir so,
wie bestünden wir vor ihr?
BRÜNNHILDE wütend auffahrend.
Was riet mir mein Wissen?
Was wiesen mich Runen?
Im hilflosen Elend
achtet mir's hell:
Gutrune heißt der Zauber,
der den Gatten mir entzückt!
Angst treffe sie!
HAGEN zu Gunther.
Muß sein Tod sie betrüben,
verhehlt sei ihr die Tat.
Auf muntres Jagen
ziehen wir morgen;
der Edle braust uns voran: –
ein Eber bracht ihn da um.
GUNTHER UND BRÜNNHILDE.
So soll es sein!
Siegfried falle!
Sühn er die Schmach,
die er mir schuf!
Des Eides Treue
hat er getrogen:
mit seinem Blut
büß er die Schuld!
Allrauner,
rächender Gott!
Schwurwissender
Eideshort!
Wotan!
Wende dich her!
Weise die schrecklich
heilige Schar,
hieher zu horchen
dem Racheschwur!
HAGEN.
Sterb er dahin,
der strahlende Held!
Mein ist der Hort,
mir muß er gehören.
Drum sei der Reif
ihm entrissen!
[797] Albenvater,
gefallner Fürst!
Nachthüter!
Niblungenherr!
Alberich!
Achte auf mich!
Weise von neuem
der Niblungen Schar,
dir zu gehorchen,
des Reifes Herrn!
Als Gunther mit Brünnhilde heftig der Halle sich zuwendet, tritt ihnen der von dort herausschreitende Brautzug entgegen. Knaben und Mädchen,
Blumenstäbe schwingend, springen lustig voraus. Siegfried wird auf einem Schilde, Gutrune auf einem Sessel von den Männern getragen. – Auf der Anhöhe des Hintergrundes führen Knechte und Mägde, auf verschiedenen Bergpfaden, Opfergeräte und Opfertiere zu den Weihsteinen herbei und schmücken diese mit Blumen. Siegfried und die Männer blasen auf ihren Hörnern den Hochzeitsruf. Die Frauen fordern Brünnhilde auf, an Gutrunes Seite sie zu geleiten. – Brünnhilde blickt starr zu Gutrune auf, welche ihr mit freundlichem Lächeln zuwinkt. Als Brünnhilde heftig zurücktreten will, tritt Hagen rasch dazwischen und drängt sie an Gunther, der jetzt von Neuem ihre Hand erfaßt, worauf er selbst von den Männern sich auf einen Schild erheben läßt. Während der Zug, kaum unterbrochen, schnell der Höhe zu sich wieder in Bewegung setzt, fällt der Vorhang.