Dritte Szene

[228] Tannhäuser, der seine Stellung nicht verlassen, befindet sich plötzlich, in ein schönes Tal versetzt. Blauer Himmel, heitere Sonnenbeleuchtung. – Rechts im Hintergrunde die Wartburg; durch die Talöffnung nach links erblickt man den Hörselberg. – Rechts führt auf der halben Höhe des Tales ein Bergweg von der Richtung der Wartburg her nach dem Vordergrunde zu, wo er dann seitwärts abbiegt; in demselben Vordergrunde ist ein Muttergottesbild, zu welchem ein niedriger Bergvorsprung hinaufführt. – Von der Höhe links vernimmt man das Geläut von Herdeglocken; auf einem hohen Vorsprunge sitzt ein junger Hirt mit der Schalmei dem Tale zugekehrt


DER HIRT spielt auf der Schalmei.

Frau Holda kam aus dem Berg hervor,

zu ziehn durch Fluren und Auen, –

gar süßen Klang vernahm da mein Ohr,

mein Auge begehrte zu schauen;

da träumt ich manchen holden Traum,

und als mein Aug erschlossen kaum,

da strahlte warm die Sonnen,

der Mai, der Mai war kommen.

Nun spiel ich lustig die Schalmei,

der Mai ist da, der liebe Mai!


Er spielt auf der Schalmei. Man hört den Gesang der älteren Pilger, welche, von der Richtung der Wartburg herkommend, auf dem Bergwege sich nähern


DIE ÄLTEREN PILGER.

Zu dir wall ich, mein Jesus Christ,

der du des Pilgers Hoffnung bist!

Gelobt sei, Jungfrau süß und rein!

Der Wallfahrt wolle günstig sein!


Der Hirt, den Gesang vernehmend, hält auf der Schalmei ein und hört andächtig zu


Ach, schwer drückt mich der Sünden Last,[228]

kann länger sie nicht mehr ertragen;

drum will ich auch nicht Ruh noch Rast,

und wähle gern mir Müh und Plagen,

Am hohen Fest der Gnad und Huld

in Demut büß ich meine Schuld,

gesegnet, wer im Glauben treu!

Er wird erlöst durch Buß und Reu.

DER HIRT als die Pilger auf der ihm gegenüberliegenden Höhe angelangt sind, ruft ihnen, die Mütze schwenkend, laut zu.

Glück auf! Glück auf nach Rom!

Betet für meine arme Seele!


Tannhäuser, der in der Mitte der Bühne wie festgewurzelt gestanden, sinkt heftig erschüttert auf die Knie


TANNHÄUSER.

Allmächt'ger, dir sei Preis!

Groß sind die Wunder deiner Gnade!


Der Zug der Pilger biegt von hier an auf dem Bergwege bei dem Muttergottesbilde links ab und verläßt so die Bühne. – Der Hirt entfernt sich ebenfalls mit der Schalmei rechts von der Höhe; man hört die Herdeglocken immer entfernter


DIE PILGER.

Zu dir wall ich, mein Jesus Christ,

der du des Pilgers Hoffnung bist!

Gelobt sei, Jungfrau süß und rein!

Der Wallfahrt wolle günstig sein!


Die Pilger haben hier bereits die Bühne verlassen


TANNHÄUSER auf den Knien, wie in brünstiges Gebet versunken.

Ach, schwer drückt mich der Sünden Last,

kann länger sie nicht mehr ertragen;

drum will ich auch nicht Ruh noch Rast,

und wähle gern mir Müh und Plagen ...


Tränen ersticken seine Stimme; er neigt das Haupt tief zur Erde und scheint heftig zu weinen. – Aus dem Hintergrunde, sehr entfernt, wie von Eisenach her, hört man Glockengeläute


DIE PILGER sehr entfernt.

Am hohen Fest der Gnad und Huld

in Demut sühn ich meine Schuld,

gesegnet, wer im Glauben treu! ...


Während sich der Klang der Hörner allmählich nähert, schweigt das entfernte Geläute


Quelle:
Richard Wagner: Die Musikdramen. Hamburg 1971, S. 228-229.
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